Norwich John Julius: Band I Seite 211-221,231,233,256,274,286
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Nach dem Tode Zenons († 9.4.491) fiel die Wahl auf Anastasios, ehemals Silentiar. Dies war vor allem Ariadnes Einfluß zu verdanken, die ihn rund sechs Wochen später heiratete. Er stammte aus Dyrrhachion und war Anfang Sechzig - und dass er ein blaues und ein schwarzes Auge hatte, tat offenbar weder seinem überaus ansprechenden Äußeren noch seinem Ruf, rechtschaffen und integer zu sein, den geringsten Abbruch.
"Herrsche, Anastasios!" brüllte die Menge, als er am 11. April zum ersten Mal im kaiserlichen Prupur vor sie trat. "Herrsche, wie du gelebt hast!" Dies tat er dann auch, und wenn seine Untertanen das Leben unter ihrem neuen Kaiser in den ersten Jahren verdrießlich fanden, als sie erwartet hatten, waren sie selbst schuld daran. Er war intelligent und sehr kultiviert, und er litt weder unter plötzlichen Anwandlungen von Grausamkeiten noch unter Anfällen unkontrollierbarer Wut, wie sie so viele seiner Vorgänger gekennzeichnet hatten. Sein größter Fehler war sein fast krankhafter Geiz - eine Schwäche, die in Verbindung mit seiner ausgeprägten puritanischen Ader, Konstantinopel zu einem langweiligen Ort machte, als dies dessen Bevölkerung jemals erlebt hatte. Wettkämpfe mit wilden Tieren waren im gesamten Reich verboten, und die öffentliche Moral wurde so rigide, dass keine nächtlichen Feste mehr abgehalten werden durften, mit der Begründung, diese arteten ja doch in hemmungslose Zügellosigkeit aus, was zugegebenermaßen oft der Fall war. Schließlich eröffnete der Kaiser eine Kampagne gegen unnütze öffentliche Ausgaben, mit dem Resultat, dass die kaiserliche Kasse am Ende seiner 27-jährigen Herrschaft um 320.000 Pfund Gold reicher war als bei seinem Regierungsantritt - eine um so bemerkenswertere Leistung, als man auch weiß, dass er das sogenannte Chrysargyron abschaffte, eine Art Gewerbesteuer, die besonders schwer auf den Armen lastete und zu den unbeliebtesten kaiserlichen Abgaben zählte.
Mit der Kirchenpolitik war Anastasios weniger Erfolg beschieden. Er war selbst nach den Maßstäben der damaligen Zeit ein Mann von ergebener christlicher Frömmigkeit, hatte unter seinem Vorgänger regelmäßig theologische Seminare in der Hagia Sophia abgehalten und in Kirchen der ganzen Stadt gepredigt, obwohl ihm dies als Laie eigentlich gar nicht zustand; er war sogar einer von drei Kandidaten für die freigewordene Diözese von Antiochia gewesen. Später hatte er sich jedoch mehr und mehr dem Monophysitismus angenähert, und schließlich sah sich der Patriarch Euphemios gezwungen, ihn von den kanzeln zu verbannen. Auch verweigerte er ihm nach der Machtübernahme die Krönung, bis er eine schriftliche Erklärung zugunsten der orthodoxen Lehre unterzeichnet hatte.
Anastasios unterschrieb, ohne zu zögern. Er war garantiert kein Zyniker, und es scheint auch sicher, dass er damals - zu recht oder zu Unrecht - glaubte, fest im chalkedonischen Lager verankert zu sein. Es gab jedoch andere, die nicht restlos davon überzeugt waren und seine Handlungsweise eigennützigen Absichten zuschrieben, der Bereitschaft nämlich, seine Prinzipien dem politischen Vorteil zu opfern. Ihnen hätten schon die geringsten Ansätze monophysitischer Neigungen von seiner Seite genügt, um sich darauf zu stürzen, sie zu übertreiben und als perfekte Waffe gegen ihn zu verwenden. Sie verkörperten im wesentlichen die isaurische Faktion und wurden von Zenons aufgebrachten Bruder Longinos angeführt, der Anastasios nie verziehen hatte, dass er auf einem Thron saß, der seiner Meinung nach rechtmäßig ihm hätte zukommen sollen. Es dauerte nicht lange, bis Longinos eine Gruppe anrüchiger Unruhestifter und Randalierer um sich geschart hatte, hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich Isaurier. Die darauf ausbrechenden Straßenkämpfe führten zu Bränden, bei denen mehrere der schönsten Bauwerke der Stadt, darunter auch ein großer Teil des Hippodroms, beschädigt oder völlig zerstört wurden.
Der Kaiser schlug zurück. 492 wurde Longinos verhaftet und nach Alexandria verbannt, wo man ihn zwang, Priester zu werden. Die Kämpfe in der Stadt hielten jedoch an und eskalierten bald zu einem eigentlichen Bürgerkrieg. Im folgenden Jahr kam es zu noch gravierenderen Unruhen, Herrscherstatuen wurden umgestürzt und durch die Straßen geschleift. Nur unter großen Schwierigkeiten ließ sich die Ordnung wiederherstellen. Daraufhin wurde ein Edikt erlassen, das sämtliche Isaurier aus der Hauptstadt verbannte. Unter ihnen befanden sich auch Lali, Zenons alte Mutter, sowie seine übrigen Familienmitglieder; ihr gesamter Besitz - selbst Zenons Amtsroben - wurden beschlagnahmt und verkauft. Nun wurde es, zumindest in der Hauptstadt endlich ruhig. In Anatolien hielt der Krieg jedoch noch drei weitere Jahre an. Erst im Jahre 496 kehrte auch dort schließlich Frieden ein. Ein wesentlicher Grund für die Unruhen in Konstantinopel lag auch in der Spaltung der Bevölkerung in zwei rivalisierende Gruppen, nämlich in die Blauen und Grünen. Im Verlauf seiner Herrschaft nahm die Feindschaft zwischen den Demen stetig zu. Wie sich zeigen sollte, stellten die Unruhen von 493 nur den Anfang einer neuen Welle von internen Kämpfen in der Hauptstadt dar. Am schlimmsten waren jedoch die Unruhen von 511, die Anastasios in erster Linie sich selbst zuzuschreiben hatte und die seinen Thron gefährlich ins Wanken brachten. Mit fortschreitendem Alter - er war nun über 80 - waren seine monophysitischen Sympathien ausgeprägter geworden und nun für alle offensichtlich.
Der Kaiser war noch einmal knapp davongekommen, und er hätte die Sache als das nehmen sollen, was sie war: eine heilsame Lehre. Doch er war zu alt, um sich noch zu ändern. Patriarch Makedonios - dem er wahrscheinlich sein Leben verdankte - wurde wie sein Vorgänger im stillen in die Verbannung geschickt, und am 4. November 512 hallten die unheilvollen Worte "der für uns gekreuzigt wurde" erneut durch die große Basilika. Diesmal waren die Ausschreitungen um einiges heftiger; als wieder Ordnung herrschte, war der Boden rot vom Blut der Toten und Verwundeten. Ein ähnlicher Vorfall am folgenden Tag in der Theodorkirche forderte weitere Opfer. Am 6. November waren die Orthodoxen zum Gegenschlag bereit. Die Kämpfe hielten noch zwei volle Tage an; erst dann schritt Anastasios endlich zur Tat. Bedächtig nahm er vor rund 20.000 wutentbrannten Untertanen im Zirkus das Diadem vom Kopf und legte den kaiserlichen Purpurmantel ab. Er sei bereit, verkündete er, auf der Stelle die Bürde des Reiches niederzulegen; sie müßten ihm einzig einen Nachfolger nennen. Andernfalls, so sie dies vorziehen sollten, werde er sein Amt mit dem Versprechen weiterführen, ihnen nie mehr Grund zur Unzufriedenheit zu geben. Die hochgewachsene, weißhaarige Gestalt sah immer noch sehr gut aus, die Stimme klang fest und überzeugend. Allmählich verstummte der Lärm; die Situation war einmal mehr gerettet.
Es gab noch viele andere Bedrohungen für den Frieden während Anastasios' langer Herrschaft. Ein dreijähriger Krieg mit Persien führte zum Verlust mehrerer wichtiger Festungen an der Ostgrenze. Wiederholte bulgarische Einfälle in Thrakien zwangen ihn, über die gut 50 Kilometer von Selymbria am Marmarameer eine Verteidigungsmauer hinüber zum Schwarzen Meer zu errichten. Am gefährlichsten aber war der Aufstand, den ein militärischer Abenteurer gotischer Abstammung namens Vitalian anführte. Dieser genoß beim Volk breite Unterstützung, weil er sich zum Verteidiger der Orthodoxie gegen einen monophysitischen Kaiser hochstilisierte. Dreimal drang er mit seinem Heer bis zu den Mauern Konstantinopels vor. Doch keine dieser Bedrohungen hatte längerfristige Auswirkungen.
Gegen Ende seiner Herrschaft verzehrte sich der alte Anastasios vor Neugier, herauszufinden, welcher von seinen drei Neffen nach seinem Tod seine Nachfolge antreten würde. Abergläubisch wie immer lud er alle drei zum Abendessen in den Palast und ließ drei Liegen bereitstellen, auf denen sie nach dem Essen ruhen konnten. Unter eines der Kopfkissen hatte er ein Stück Pergament mit dem Wort REGNUM gesteckt. Jener Neffe, der diese Liege wählte, würde - so glaubte er - zu gegebener Zeit den Thron besteigen. Doch eine traurige Überraschung erwartete ihn: Zwei der jungen Männer, deren gegenseitige Zuneigung das familiäre zu übersteigen schien, teilten sich eine Liege, und diejenige, die Anastasios heimlich gekennzeichnet hatte, blieb unberührt. Von diesem Moment an zweifelte er nicht mehr daran, dass der nächste Kaiser nicht seiner Abstammungslinie angehören würde. Aber er hätte noch immer zu gern gewußt, wer es war. Nachdem er inbrünstig um ein Zeichen gefleht hatte, wurde ihm offenbart, sein Nachfolger werde ein Mann sein, der am folgenden Tag als erster sein Schlafzimmer betrete. In der Regel war dies sein persönlicher Haushofmeister, aber der Zufall wollte es, dass just an jenem Morgen Justin, der Comes Excubitorum, eintrat, gekommen, um die Ausführung gewisser kaiserlicher Befehle zu melden. Anastasios neigte den Kopf, wußte er doch, es war der Wille Gottes.
Anastasios starb in der Nacht des 9. Juli 518 im Alter von 87 Jahren.