Nach dem Tode Zenons (†
9.4.491) fiel die Wahl auf Anastasios,
ehemals Silentiar. Dies war vor allem Ariadnes
Einfluß
zu verdanken, die ihn rund sechs Wochen später heiratete. Er stammte
aus Dyrrhachion und war Anfang Sechzig - und dass er ein blaues und ein
schwarzes Auge hatte, tat offenbar weder seinem überaus ansprechenden
Äußeren noch seinem Ruf, rechtschaffen und integer zu sein,
den geringsten Abbruch.
"Herrsche, Anastasios!"
brüllte die Menge, als er am 11. April zum ersten Mal im kaiserlichen
Prupur vor sie trat. "Herrsche, wie du gelebt hast!" Dies tat er dann auch,
und wenn seine Untertanen das Leben unter ihrem neuen Kaiser in
den ersten Jahren verdrießlich fanden, als sie erwartet hatten, waren
sie selbst schuld daran. Er war intelligent und sehr kultiviert,
und er litt weder unter plötzlichen Anwandlungen von Grausamkeiten
noch unter Anfällen unkontrollierbarer Wut, wie sie so viele seiner
Vorgänger gekennzeichnet hatten. Sein größter Fehler war
sein fast krankhafter Geiz - eine Schwäche, die in Verbindung
mit seiner ausgeprägten puritanischen Ader, Konstantinopel zu einem
langweiligen Ort machte, als dies dessen Bevölkerung jemals erlebt
hatte. Wettkämpfe mit wilden Tieren waren im gesamten Reich verboten,
und die öffentliche Moral wurde so rigide, dass keine nächtlichen
Feste mehr abgehalten werden durften, mit der Begründung, diese arteten
ja doch in hemmungslose Zügellosigkeit aus, was zugegebenermaßen
oft der Fall war. Schließlich eröffnete der Kaiser eine Kampagne
gegen unnütze öffentliche Ausgaben, mit dem Resultat, dass die
kaiserliche Kasse am Ende seiner 27-jährigen Herrschaft um 320.000
Pfund Gold reicher war als bei seinem Regierungsantritt - eine um so bemerkenswertere
Leistung, als man auch weiß, dass er das sogenannte Chrysargyron
abschaffte, eine Art Gewerbesteuer, die besonders schwer auf den Armen
lastete und zu den unbeliebtesten kaiserlichen Abgaben zählte.
Mit der Kirchenpolitik war Anastasios
weniger Erfolg beschieden. Er war selbst nach den Maßstäben
der damaligen Zeit ein Mann von ergebener christlicher Frömmigkeit,
hatte unter seinem Vorgänger regelmäßig theologische Seminare
in der Hagia Sophia abgehalten und in Kirchen der ganzen Stadt gepredigt,
obwohl ihm dies als Laie eigentlich gar nicht zustand; er war sogar einer
von drei Kandidaten für die freigewordene Diözese von Antiochia
gewesen. Später hatte er sich jedoch mehr und mehr dem Monophysitismus
angenähert, und schließlich sah sich der Patriarch Euphemios
gezwungen, ihn von den kanzeln zu verbannen. Auch verweigerte er ihm nach
der Machtübernahme die Krönung, bis er eine schriftliche Erklärung
zugunsten der orthodoxen Lehre unterzeichnet hatte.
Anastasios unterschrieb,
ohne zu zögern. Er war garantiert kein Zyniker, und es scheint auch
sicher, dass er damals - zu recht oder zu Unrecht - glaubte, fest im chalkedonischen
Lager verankert zu sein. Es gab jedoch andere, die nicht restlos davon
überzeugt waren und seine Handlungsweise eigennützigen Absichten
zuschrieben, der Bereitschaft nämlich, seine Prinzipien dem politischen
Vorteil zu opfern. Ihnen hätten schon die geringsten Ansätze
monophysitischer Neigungen von seiner Seite genügt, um sich darauf
zu stürzen, sie zu übertreiben und als perfekte Waffe gegen ihn
zu verwenden. Sie verkörperten im wesentlichen die isaurische Faktion
und wurden von Zenons aufgebrachten
Bruder Longinos angeführt, der Anastasios
nie
verziehen hatte, dass er auf einem Thron saß, der seiner Meinung
nach rechtmäßig ihm hätte zukommen sollen. Es dauerte nicht
lange, bis Longinos eine Gruppe anrüchiger Unruhestifter und
Randalierer um sich geschart hatte, hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich
Isaurier. Die darauf ausbrechenden Straßenkämpfe führten
zu Bränden, bei denen mehrere der schönsten Bauwerke der Stadt,
darunter auch ein großer Teil des Hippodroms, beschädigt oder
völlig zerstört wurden.
Der Kaiser schlug zurück. 492 wurde Longinos
verhaftet
und nach Alexandria verbannt, wo man ihn zwang, Priester zu werden. Die
Kämpfe in der Stadt hielten jedoch an und eskalierten bald zu einem
eigentlichen Bürgerkrieg. Im folgenden Jahr kam es zu noch gravierenderen
Unruhen, Herrscherstatuen wurden umgestürzt und durch die Straßen
geschleift. Nur unter großen Schwierigkeiten ließ sich die
Ordnung wiederherstellen. Daraufhin wurde ein Edikt erlassen, das sämtliche
Isaurier aus der Hauptstadt verbannte. Unter ihnen befanden sich auch Lali,
Zenons
alte Mutter, sowie seine übrigen Familienmitglieder;
ihr gesamter Besitz - selbst Zenons
Amtsroben
- wurden beschlagnahmt und verkauft. Nun wurde es, zumindest in der Hauptstadt
endlich ruhig. In Anatolien hielt der Krieg jedoch noch drei weitere Jahre
an. Erst im Jahre 496 kehrte auch dort schließlich Frieden ein. Ein
wesentlicher Grund für die Unruhen in Konstantinopel lag auch in der
Spaltung der Bevölkerung in zwei rivalisierende Gruppen, nämlich
in die Blauen und Grünen. Im Verlauf seiner Herrschaft nahm die Feindschaft
zwischen den Demen stetig zu. Wie sich zeigen sollte, stellten die Unruhen
von 493 nur den Anfang einer neuen Welle von internen Kämpfen in der
Hauptstadt dar. Am schlimmsten waren jedoch die Unruhen von 511, die
Anastasios in erster Linie sich selbst zuzuschreiben hatte und
die seinen Thron gefährlich ins Wanken brachten. Mit fortschreitendem
Alter - er war nun über 80 - waren seine monophysitischen Sympathien
ausgeprägter geworden und nun für alle offensichtlich.
Der Kaiser war noch einmal knapp davongekommen, und er
hätte die Sache als das nehmen sollen, was sie war: eine heilsame
Lehre. Doch er war zu alt, um sich noch zu ändern. Patriarch Makedonios
- dem er wahrscheinlich sein Leben verdankte - wurde wie sein Vorgänger
im stillen in die Verbannung geschickt, und am 4. November 512 hallten
die unheilvollen Worte "der für uns gekreuzigt wurde" erneut durch
die große Basilika. Diesmal waren die Ausschreitungen um einiges
heftiger; als wieder Ordnung herrschte, war der Boden rot vom Blut der
Toten und Verwundeten. Ein ähnlicher Vorfall am folgenden Tag in der
Theodorkirche forderte weitere Opfer. Am 6. November waren die Orthodoxen
zum Gegenschlag bereit. Die Kämpfe hielten noch zwei volle Tage an;
erst dann schritt Anastasios endlich
zur Tat. Bedächtig nahm er vor rund 20.000 wutentbrannten Untertanen
im Zirkus das Diadem vom Kopf und legte den kaiserlichen Purpurmantel ab.
Er sei bereit, verkündete er, auf der Stelle die Bürde des Reiches
niederzulegen; sie müßten ihm einzig einen Nachfolger nennen.
Andernfalls, so sie dies vorziehen sollten, werde er sein Amt mit dem Versprechen
weiterführen, ihnen nie mehr Grund zur Unzufriedenheit zu geben. Die
hochgewachsene, weißhaarige Gestalt sah immer noch sehr gut aus,
die Stimme klang fest und überzeugend. Allmählich verstummte
der Lärm; die Situation war einmal mehr gerettet.
Es gab noch viele andere Bedrohungen für den Frieden
während Anastasios' langer Herrschaft.
Ein dreijähriger Krieg mit Persien führte zum Verlust mehrerer
wichtiger Festungen an der Ostgrenze. Wiederholte bulgarische Einfälle
in Thrakien zwangen ihn, über die gut 50 Kilometer von Selymbria am
Marmarameer eine Verteidigungsmauer hinüber zum Schwarzen Meer zu
errichten. Am gefährlichsten aber war der Aufstand, den ein militärischer
Abenteurer gotischer Abstammung namens Vitalian anführte.
Dieser genoß beim Volk breite Unterstützung, weil er sich zum
Verteidiger der Orthodoxie gegen einen monophysitischen Kaiser hochstilisierte.
Dreimal drang er mit seinem Heer bis zu den Mauern Konstantinopels vor.
Doch keine dieser Bedrohungen hatte längerfristige Auswirkungen.
Gegen Ende seiner Herrschaft verzehrte sich der alte
Anastasios vor Neugier, herauszufinden, welcher von seinen drei
Neffen nach seinem Tod seine Nachfolge antreten würde. Abergläubisch
wie immer lud er alle drei zum Abendessen in den Palast und ließ
drei Liegen bereitstellen, auf denen sie nach dem Essen ruhen konnten.
Unter eines der Kopfkissen hatte er ein Stück Pergament mit dem Wort
REGNUM gesteckt. Jener Neffe, der diese Liege wählte, würde -
so glaubte er - zu gegebener Zeit den Thron besteigen. Doch eine traurige
Überraschung erwartete ihn: Zwei der jungen Männer, deren gegenseitige
Zuneigung das familiäre zu übersteigen schien, teilten sich eine
Liege, und diejenige, die Anastasios
heimlich gekennzeichnet hatte, blieb unberührt. Von diesem Moment
an zweifelte er nicht mehr daran, dass der nächste Kaiser nicht seiner
Abstammungslinie angehören würde. Aber er hätte noch immer
zu gern gewußt, wer es war. Nachdem er inbrünstig um ein Zeichen
gefleht hatte, wurde ihm offenbart, sein Nachfolger werde ein Mann sein,
der am folgenden Tag als erster sein Schlafzimmer betrete. In der Regel
war dies sein persönlicher Haushofmeister, aber der Zufall wollte
es, dass just an jenem Morgen Justin,
der Comes Excubitorum, eintrat, gekommen, um die Ausführung
gewisser kaiserlicher Befehle zu melden. Anastasios
neigte den Kopf, wußte er doch, es war der Wille Gottes.
Anastasios starb
in der Nacht des 9. Juli 518 im Alter von 87 Jahren.