Zu guter Letzt schob sich noch ein dritter Kandidat im
Kampf um einen Anteil an der Macht in Vordergrund. Es war Flavius Aetius.
Geboren um 390 in Durostorum (Silistra) an der unteren Donau. Schon
vor 405 besaß Aetius eine militärische Position als Tribun
am Kaiserhof. Für drei Jahre von 405 bis 408 hatte ihn Stilicho
als Geisel zum Westgoten-König Alarich
gesandt. Danach zurückgekehrt, wurde er erneut vergeiselt, diesmal
zu den Hunnen. Es ist nicht bekannt, wann er von den Hunnen nach Westrom
zurückkehrte. Jedenfalls war er lange genug dort, um eine große
Anzahl von Freunden unter den Hunnen zu gewinnen. Als der Usupator Johannes
sich zum Kaiser machte, war Aetius für die Erhaltung und Versorgung
der kaiserlichen Residenz in Ravenna verantwortlich.
Aber als Aetius mit seinen hunnischen Hilfstruppen
in Italien ankam, war Johannes bereits
drei Tage tot. Es kam zu einigen Scharmützeln zwischen den Truppen
Aspars,
des oströmischen Heermeisters, und den Hunnen des Aetius.
Was sollte man mit den ungebetenen "Helfern" tun? Ehe es zu schweren Auseinandersetzungen
kommen konnte, zahlte Galla Placidia
die hunnischen Kontingente aus. Aetius erhielt von der Kaiserin
den Generalsrang (comes) und den Posten des Heermeisters
in Gallien. Dort entsetzte er Arles, das von den Westgoten belagert
wurde.
Die drei fähigsten Heerführer Westroms in jenen
Jahren kämpften mit unterschiedlichen Ergebnissen. Im Jahr 427 gewann
Flavius
Felix Pannonien wieder für Westrom zurück, das von Hunnen
besetzt gehalten wurde. In Gallien mußten sich die Westgoten wieder
in das von ihnen 418 zugestandene Föderatengebiet zurückziehen.
Im Jahr 428 zwang Aetius die mittelrheinischen Franken, von ihnen
eroberte linksrheinische Territorien wieder aufzugeben. Weniger Erfolg
und Glück hatte Bonifatius in Nord-Afrika im Kampf gegen die
maurischen Stämme. Alle drei aber beargwöhnten sich, hielten
sich durch Spitzel auf dem laufenden und verdächtigten sich gegenseitig,
einen Umsturz zu planen und andere umbringen zu wollen. Zimperlich trat
dabei keiner gegenüber dem anderen auf.
In der Zwischenzeit hatte sich das Verhältnis zwischen
Felix
und Aetius zugespitzt. 428 hatte Galla
Placidia Felix zum Konsul bestimmt, 429 ernannte sie
ihn zum Patrizius. Aetius stand als Heermeister Galliens
rangmäßig unter Felix. Für Felix war Aetius
eine gefährlicherer Rivale im Kampf um die Macht als Bonifatius
in Afrika, der mit den Vandalen beschäftigt war. Seine Intrigen gegen
Bonifatius
waren inzwischen bekannt geworden, und Aetius vermutete, daß
Felix sich nun vor allem gegen ihn wenden würde. Doch Aetius
handelte schneller. Seine Beauftragten schürten Unzufriedenheit unter
den Truppen des Felix in Ravenna, dieser tat das Gleiche gegen Aetius.
Im Mai 430 kam es zu einem Aufruhr unter den Truppen in Ravenna;
die Anhänger des Aetius behielten die Oberhand, und Felix und
seine Frau Padusia wurden auf den Stufen der Kathedrale von Ravenna
erschlagen.
Jetzt hatte sich die Situation des Kaiserin gründlich
geändert. Ihr Günstling Bonifatius war in Afrika unabkömmlich.
Galla Placidia mußte dem Verlangen des Aetius nachgeben
und ihn zum obersten Heerführer Westroms ernennen. Vorläufig
konnnte sie nichts gegen Aetius unternehmen und nominierte ihn für
das Jahr 432 zum Konnsul.
431 vertrieb Aetius die Juthungen aus Rätien
und aus der Provinz Noricum und drängte die mittelrheinischen Franken,
die in kurzer Zeit Trier zum vierten Mal geplündert hatten, wieder
zurück.
Um 430 starb der Hunnen-König Octar,
ein Freund des Aetius. Die Kaiserin schlußfolgerte daraus,
daß damit die engen Beziehungen des Aetius zu den Hunnen ein
Ende finden würden. Im Jahr 432 ernannte sie ihren Günstling
Bonifatius
zum obersten Heerführer und rief ihn nach Italien. Die Ernennung
des Bonifatius nahm Aetius nicht ohne weiteres hin. Eine
militärische Entscheidung, wer das höchste militärische
Amt in Westrom und damit den größten Einfluß auf die Kaiserin
ausüben sollte, stand bevor.
Bonifatius kam mit einem starken Heer im Frühjahr
432 nach Italien, begleitet von seinem Schwiegersohn Sebastianus.
Galla
Placidia ernannte Bonifatius zum Patrizius. Auch
Aetius zog mit einem Heer aus Galllien nach Italien. Zur Schlacht
kam es in der Nähe von Ariminum (Rimini). Sieger in dieser Auseinandersetzung
wurde Bonifatius, allerdings so schhwer verwundet, daß er
drei Monate später verstarb.
Aber auch jetzt war Galla Placidia
nicht bereit, Aetius an die Stelle des Bonifatius zu setzen.
Sie ernannte seinen Schwiegersohn Sebastianus zum Generalissimus
des weströmischen Heeres. Aetius hatte sich nach seiner
Niederlage zuerst auf seinen befestigten Landsitz in Italien zurückgezogen,
doch Sebastianus verfolgte ihn. Aetius floh nach Rom, von
dort weiter nach Dalmatien und zu den Hunnen in Pannonien. Es gelang ihm,
seinne freundschaftlichen Verbindungen zu ihnen zu erneuern. Hunnen-König
Rua
lieh ihm ein Heer hunnischer Krieger, und mit diesem bedrohte er im Jahr
433 Ravenna. Die Kaiserin sandte einen Hilferuf zu den Westgoten, doch
diese waren über die Niederlage, die sie von Aetius einstecken
mußten, verärgert und kamen nicht. Damit hatte Galla
Placidia das Spiel verloren; sie mußte Sebastianus
aus seinem Amt entlassen und Aetius zum obersten Heermeister
ernennen. Sebastianus floh im Herbst 433 nach Konnstantinopel.
Von 433 bis zu seiner Ermordung durch Kaiser Valentinian
III. im Jahr 454 stand Aetius an der Spitze der
weströmischen Streitkräfte; 435 wurde er Patrizius.
Aber er dachte nicht daran, die Kaiserin zur Eheschließung
mit ihm zu veranlassen. Wie es damals öfters vorkam, wurde die Witwe
des besiegten Gegners neue Gattin des Siegers. Etwa 433 oder 434 heiratete
Aetius
die Witwe des Bonifatius, Pelagia. Damit übernahm
er nicht nur dessen Frau, sondern auch das reiche Vermögen des Toten
und - das war nicht unwichtig - die Leibgarde des Bonifatius.
Aetius sandte ein hunnisches Hilfsheer gegen die
Burgunder, und im Jahr 436 wurden sie entscheidend und vernichtend geschlagen.
20.000 Burgunder sollen dabei umgekommen sein. Aetius bewahrte die
Burgunder vor vollständiger Vernichtung und siedelte im Jahr 433 den
übrig gebliebenen Rest in der Landschaft Sapaudia an.
437 mußte Galla Placidia
Aetius mit dem zweiten Konsulat ehren.
Von einer Wiederherstellung der Reichseinheit konnte
aber keine Rede sein. Dynastische Verbindungen überbrückten nicht
die bestehenden Gegensätze zwischen Ost und West. Die beiden höchsten
Heermeister, der aus alanisch-gotischer Familie stammende Aspar
im Osten und Aetius im Westen, belauerten sich gegenseitig uund
waren nicht bereit, dem anderen auch nur ein Quentchen Macht abzutreten.
Um 440 etwa ging Aetius seine dritte Ehe ein und
heiratete eine Tochter des Westgoten-Königs Theoderich
I.
Aetius glaubte, die zeitweilige außenpolitische
Stabilität des Reiches nutzen zu können, seine eigene Position
im Innern zu festigen. Im Jahr 454 verlobte er seinen Sohn Gaudentius,
den ihm seine zweite Gattin Pelagia, die Witwe des Bonifatius,
geboren hatte, mit Placidia, der
jüngeren Kaiser-Tochter. Kaiser Valentinian
III. stimmte nur widerwillig zu. Zu tief saß der ihm von
seiner Mutter eingepflanzte Grimm gegen den Oberbefehlshaber. Die ebenfalls
gegen Aetius eingenommene Hofkamarilla gewann beim Kaiser die Oberhand.
Zu ihren führenden Köpfen gehörte der Eunuch Heraclius und
der Sprecher des römischen Senats Petronius
Maximus. Während einer Audienz auf dem Palatin in Rom wurde
Aetius am 21. September 454 vom Kaiser selbst erschlagen.