Das Zähringische Erbe
 

"DIE ZÄHRINGER" Band I
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Schmid Karl: Seite 216
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"Zähringergeschichte und Zähringertradition"

Eine andere, für die Beurteilung der ZÄHRINGER grundlegende Frage ist die nach ihrem Ende. Die Aussage von Heinrich Büttner: Mit Bertold V. sei "der letzte männliche Sprosse des zähringischen Herzogsgechlechtes ...ins Grab gesunken", unterstellt augenscheinlich, die Tecker hätten nicht als Sprossen des zähringischen Herzogsgeschlechtes zu gelten. Immerhin aber war der Oheim oder der Großoheim der Tecker Brüder Konrad und Bertold von Vaterseite der ZÄHRINGER Bertold IV. Auch gehörten sie zu den ZÄHRINGER-Erben.
Man kennt die Ratlosigkeit der Forschung, die das zähringische Herzogtum zwar als Reichsfürstentum erkennen möchte und doch nicht erklären kann, weshalb dieses 1218 als Reichsglied keinen Bestand hatte. Alle Versuche einer Erklärung dieses Sachverhalts haben bisher zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Den Fall der ZÄHRINGER-Erbschaft aus dem Verlauf der ZÄHRINGER-Geschichte verstehen zu wollen, setzt indessen Überlegungen über die bipolare Struktur des zähringischen Herrschaftszentrums voraus. Als Bertold V. im Februar 1218 gestorben und offenbar im Chor des Freiburger Münsters, nicht in St. Peter, bestattet worden war, entbrannte jener Streit um das Erbe des Zähringer-Herzogs, der mehrfach beigelegt schien und doch immer wieder von neuem aufflammte. Dass Bertolds V. Neffe, Graf Egino von Urach, und der Herrscher selbst, der STAUFER FRIEDRICH II., die Hauptkontrahenten waren, ist deshalb bezeichnend, weil es bei diesen beiden im Unterschied zu den übrigen ZÄHRINGER-Erben wohl nicht um irgendwelche Besitztitel, sondern um den Kern des ZÄHRINGER-Erbes ging.
Wenige Tage nach dem Tod Bertolds V. erschien der König persönlich im zähringischen Herrschaftsbereich: auf der Burg Mahlberg, an einem wichtigen, vormals zähringischen Platz. Aus zwei in Hagenau ausgestellten Königsurkunden des folgenden Jahres 1219 ist wenigstens in Umrissen zu erfahren, was sich zugetragen hatte und wie folgenreich das Auftauchen des Königs im ehedem zähringischen Herrschaftsbereich gewesen sein muß. Wurden zunächst dem Kloster Tennenbach vom König Abgaben erlassen, die dieses früher demZähringer-Herzoghatte leisten müssen, so ist auch zu erfahren, dass während der in der Zwischenzeit ausgebrochenen kriegerischen Fehde nicht wenige Dienstleute und Bürger, insbesondere aus der Stadt Freiburg, in königlichen Städten und an anderen Königsorten Aufnahme gefunden hatten. Laut königlichem Befehl an seine Städte sollten diese Flüchtlinge nun zurückgeschickt werden. Außerdem wird der Vergleich des Königs mit dem wieder in Gnade aufgenommenen Grafen festgehalten. FRIEDRICH übergibt Egino alle Besitzungen aus dem ZÄHRINGER-Erbe, die er von den Herzögen von Teck käuflich erworben hatte, und belehnt den Grafen mit dem Tecker ZÄHRINGER-Erbteil, das er nicht schenken konnte. Im übrigen wird vereinbart, dass FRIEDRICH und Egino alles behalten sollten, was sie auf Grund der Ulmer Vereinbarung schon hatten.
Offenbar war der Uracher Graf der Überzeugung, der Zugriff des Königs auf das ZÄHRINGER-Erbe sei nicht rechtens erfolgt, weshalb er zum legitimen Rechtsmittel der Fehde gegen den König griff, sich aber auch mehrfach dem Hofgericht stellte. Der Schachzug des Königs bestand offenbar darin, dass er nicht nur die Reichslehen der ZÄHRINGER zurücknahm, sondern sogar einen eigenen Anspruch auf Teile der ZÄHRINGER-Erbschaft dadurch zu begründen verstand, dass er das Erbteil der Tecker erwarb und auf diese Weise einen starken Druck auf Egino von Urach ausübte. Dabei ging es offenbar auch um Besitztitel, die sich im Verlauf des Streites als ursprünglich königliche herausstellten. Und es ging, wie die Überläufer zum König aus Freiburg und anderen Orten der ehedem zähringischen Herrschaft zeigen, augenscheinlich um den Kern des zähringischen Besitztums, an dem, wie es scheint, weder die Tecker noch die Kiburger, um so mehr aber die Uracher interessiert waren.
Der König seinerseits suchte wohl mit allen Mitteln zu verhindern, dass einer der Erben in die zähringische Herzogsherrschaft eintrat. Dass die Kiburger in der Hauptsache wohl südlich des Hochrheins mit Ansprüchen auf das Erbe der ZÄHRINGER auftraten, kam dem König insofern entgegen, als er infolgedessen keine einheitliche Front gegen sich hatte. Denn die Uracher Grafen, die sich in der Umgebung des STAUFER-Königs von Jahr zu Jahr häufiger bemerkbar gemacht hatten, meinten offenbar, nun sei ihre Stunde gekommen. Hatten sie doch in dem Abt Bertold von Tennenbach und dem Abt Konrad von Clairvaux, dem Kardinalbischof von Porto, einflußreiche Angehörige, welche die Hoffnung auf eine Rangerhöhung der Familie anläßlich des ZÄHRINGER-Erbfalls gewiß nährten. Gleichwohl dürfte für den Fall, dass die ZÄHRINGER-Herrschaft als Reichsfürstentum betrachtet und behandelt worden wäre, wohl einer der jungen Tecker Herzöge die größten Aussichten gehabt haben, mit ihm belehnt zu werden. Denn die Tecker Linie führte ja bereits den Herzogstitel. Doch scheinen die Tecker im Gegensatz zu den Urachern nicht eine Übernahme der ZÄHRINGER Herzogsherrschaft angestrebt zu haben. Die zu befürchtenden Erbstreitigkeiten mögen der Grund dafür gewesen sein. Außerdem hatten die Tecker den Ansprüchen der Uracher auf Freiburg wohl wenig entgegenzusetzen, was dem König zustatten kam. Dieser aber konnte mit dem Kauf des Tecker Erbteils der möglichen Gefahr einer von den Fürsten möglicherweise geforderten Anerkennung der ZÄHRINGER-Herrschaft als Reichsfürstentum durch die eigene Einmischung wirksam entgegentreten. Und als der fehdefreudige, verbissene Egino von Urach sich nicht zufriedengeben wollte, konnte der König bei einem neuerlichen Vergleich das von den Teckern erworbene ZÄHRINGER-Erbteil dem Grafen, seinem Widersacher, in den Rachen werfen, den er gewiß nicht zufällig bei dieser Gelegenheit als seinen dilectus consanguineus, seinen lieben Verwandten, angesprochen hat. Am Einsatz des Königs aber wird ersichtlich, wie groß die Gefahr eines Fortbestandes der ZÄHRINGER-Herrschaft zumindest dem Anspruch nach wohl gewesen ist. Doch der STAUFER war offenbar entschlossen, dies zu verhindern. Er verstand es, die Gelegenheit geschickt zu nutzen, nämlich das seit 120 Jahren bestehende zähringische Herzogtum, das gewiß den staufischen Herzögen von Schwaben seit eh und je ein Dorn im Auge gewesen war und das vor allem dem im Aufbau befindlichen königlichen Territorien überaus hinderlich im Wege stand, ein Ende zu setzen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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