Das Jahr 832.
Im Jahre der Geburt des Herrn 832, am Vorabend der unschuldigen
Kindlein, um die erste Stunde der Nacht, entfloh
Pippin, erzürnt über die schlechte Aufnahme, welche
er beim Vater gefunden hatte, mit einigen von seinen Getreuen und kehrte
in größter Eile nach Aquitanien zurück. Der Herr Kaiser
war hierüber sehr aufgebracht, denn er hatte in keiner Weise vermuthet,
daß ihm etwas derartiges von seinem Sohne widerfahren könnte,
wie daß dieser dem Zusammensein mit dem Vater sich durch die Flucht
entziehen würde. Er berief daher von überall her seine Rathgeber
und hielt mit ihnen Rath, was hierbei zu thun sei. Und es wurde beschlossen,
daß sein allgemeiner Reichstag nach der Stadt Aurelianis berufen
werde sollte und dahin sollte Hlothar
sich unmittelbar aus Italien begeben, Hludowich
aber erst nach Aachen kommen und von da mit dem Vater zugleich zum Reichstag
gehen. Nachdem dies alles festgestellt und schon in alle Theile des
Reichs Boten geschickt waren, um davon Kenntniß zu geben, erhielt
der fromme Kaiser ganz unerwartet die Nachricht, daß Hludowich
mit allen Baiern, Freien wie Unfreien, sowie mit den Sclaven, welche er
hatte an sich ziehen können, in Begriff stehe, in Alamannien, welches
schon vor längerer Zeit dem Bruder Karl vom
Vater geschenkt worden war, einzufallen; wenn er das Land geplündert
und verwüstet, gedenke er es seinem Reiche einzuverleiben und
alle Bewohner desselben zum Eid der Treue zu zwingen; weiterhin, lautete
die Nachricht, sei es dann seine Absicht, mit dem Heere nach Francien zu
ziehen und von dem väterlichen Reiche, soviel er vermöge,
an sich zu reißen und unter seine Herrschaft zu bringen. Sobald der
Herr Kaiser dies erfahren hatte, sagte er jene Reichsversammlung ab und
befahl allen östlichen und westlichen Franken, sowie auch den Sachsen
zum 18. April in Mainz sich zu versammeln und ihn hier zu erwarten. Und
kaum hatte das Volk diesen Befehl vernommen, so eilte es, sich eifrig um
den Herrn Kaiser zu schaaren, bereit ihm für alle Gefahr Hülfe
zu leisten. Um dieselbe Zeit, am 19. April, nach Sonnenuntergang war eine
Mondfinsterniß. Nachdem der Herr Kaiser in Mainz angekommen war,
wo zur gebotenen Versammlung alles Volk sich eingefunden hatte, ging er
am folgenden Tage mit einer starken Macht von Franken und Sachsen über
den Rhein und Main und schlug sein Lager bei dem königlichen Hofgut
Tribur auf. Hludowich aber, sein Sohn,
stand mit seinem Heere in der Nähe von Worms bei einem Hofgut, Namens
Langbardheim, auf leere Zusagen sich verlassend, daß alle östlichen
Franken und Sachsen sich ihm anschließen und ihn unterstützen
würden, da ihm die Seinigen hierüber die bestimmtesten Zusicherungen
gemacht hatten, welche auch von andern Grafen und Vasallen des Herrn Kaisers
und Karls, die bei Hludowich
waren, bekräftigt worden waren. Und dies hatte besonders
Mathfrid hinterlistigausgesonnen und betrieben, dem der Kaiser erst im
Jahre vorher, nachdem er zum Tode verurtheilt worden war, in Gnaden Lebens-
und Leibesstrafe erlassen und ihm auch sein erbliches Besitzthum wieder
verliehen hatte. Als nun aber Hludowich hörte,
daß sein Vater mit einer so großen Anzahl von Getreuen den
Rhein überschritten hatte, sank ihm der Muth und entschwand ihm die
Hoffnung auf die ungerechte Herrschaft, nach der er gestrebt; und ohne
Verzug zog er eiligst mit seinen Leuten auf demselben Wege, auf welchem
er gekommen war, wieder nach Baiern; ein großer Theil aber von denen,
welche bei ihm gewesen waren, ging zu dem kaiserlichen Heere zurück.
Von dem plötzlichen Heimzug seines Sohnes benachrichtigt, begab sich
der Herr Kaiser zuvörderst nach dem Ort, wo sein Sohn zuletzt gestanden
hatte und fand daselbst alles verwüstet. Alle diese traurigen Dinge
ertrug er nach seiner Gewohnheit mit großer Geduld; und ohne den
Sohn zu verfolgen, zog er langsam mit seinem ganzen Heere nach Alamannien,
bis Augustburg am Lech. Hierhin beschied er seinen Sohn, der soweit sich
hatte verführen lassen, und verzieh ihm in seiner gewöhnlichen
Barmherzigkeit alles, was er gegen den Vater verbrochen hatte. Hludowich
aber versprach eidlich, daß er nie wieder dergleichen begehen oder
anderen dazu seine Zustimmung geben wolle. Nachdem nun der Reichstag abgehalten
war, gestattete der Herr Kaiser seinem Sohne in Frieden nach Baiern zurückzukehren,
entließ das Heer und begab sich selbst durch Austrien nach Salz,
wo ihm seine Gemahlin entgegenkam. Gemeinsam fuhren sie darauf zu Schiff
nach Mainz, wo auch Hlothar sich einfand.
Von hier aus wurde wiederum ein Reichstag auf den ersten September nach
Aurelianis berufen, und verkündet, daß jeder freie Mann sich
kriegsmäßig ausgerüstet einzufinden habe. In Aurelianis
angekommen, nahm der Kaiser die gewöhnlichen Jahresgeschenke entgegen
und begab sich dann alsbald nach Lemodicä. Hierhin beschied er seinen
Sohn Pippin und ließ ihn besonders
deswegen hart an, daß er ohne Erlaubniß sich vom Vater entfernt
hatte. Und in väterlicher Liebe auf des Sohnes Besserung bedacht,
befahl ihm der Vater, sich nach Francien zu begeben und an dem ihm angewiesenen
Orte so lange zu bleiben, bis er durch seine Besserung des Vaters Liebe
sich wieder gewonnen haben würde. Pippin
stellte sich bereit, dem Befehl nachzukommen; als aber der Vater durch
andere Theile Aquitaniens sich auf den Rückweg nach Francien begeben
hatte, setzte Pippin die angetretene
Reise nicht weiter fort, sondern kehrte, des väterlichen Befehls nicht
achtend, wieder um nach Aquitanien. In Folge dieser Nachricht konnte der
Herr Kaiser nicht so schnell nach Francien zurückkehren, wie er beschlossen
hatte, sondern traf, einige Zeit dadurch in jenen Gegenden zurückgehalten,
erst zu Weihnachten 833 in Cinomannis ein.