Thietmar von Merseburg: Seite 116,118,298,302,318,378,408
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"Chronik."

Buch IV

Kapitel 2

 
Von Magadaburg begab sich Heinrich nach Quidilingeburg, wo er die demnächst eintretende Osterfeier beging. Dort versammelten sich in großer Anzahl die Fürsten des Reiches; einige aber, die daselbst nicht erscheinen wollten, schickten Abgeordnete, um auf alles sorgfältig Acht geben zu lassen. Während dieses Festes ward Heinrich von den Seinen als König begrüßt und mit  kirchlichen Lobgesängen geehrt. Dorthin kamen die Herzoge Miseco [von Polen], Mistui [der Obotriten] und Bolizlav [von Böhmen] mit unzähligen anderen, und sicherten ihm, indem sie ihm als ihrem Könige und Herrn huldigten, jeglichen Beistand zu. Viele der anwesenden Fürsten jedoch, die aus Furcht vor Gottes Zorn nicht wagten, ihre Treue zu brechen, entfernten sich allmählich und eilten nach Hesleburg, wo ihre Genossen zusammenkamen, die nun schon eine offene Verbindung gegen den Herzog eingingen. Die Namen der Verbündeten waren folgende. Aus dem östlichen Theile des Landes traten mit Herzog Bernhard [von Sachsen] und Markgraf Thiedrich [zu Thüringen] zusammen die Grafen Ekkihard [von Thüringen], Bijo [von Merseburg], Esich [von Merseburg], Graf Bernward, ein Geistlicher, ferner Sigfrith und dessen Sohn [Grafen von Northeim], nebst den Gebrüdern Fritherich [Graf von Eilenburg] und Ciazo. Von den dortigen Stammgenossen [den Sachsen] aber erhoben sich mit gegen Herzog Heinrich die Gebrüder Thiedrich und Sibert, nebst den Brüdern Hoico, Ekkihard und Bezeco, und Brunig und die Seinen, und auf  Antrieb des Erzbischofs Willigis [von Mainz] die Ritter des heiligen Martin, denen die im Westen des Landes zum größten Theile anhingen. Als das der Herzog erfuhr, entließ er seine Anhänger reich beschenkt in Gnaden; er selbst aber eilte mit einer starken Schaar nach Werlu [bei Goslar], um jene Verbindung mit  Gewalt zu sprengen, oder sie auf friedlichem Wege zu beseitigen, und schickte den Bischof Poppo hin, welcher versuchen sollte, diese seine Gegner zu trennen oder zu versöhnen. Dieser erlangte, indem er von dem einmal betretenen Wege nicht abließ, mit Mühe von den verbündeten Gegnern, welche schon bereit waren, gegen den Herzog vorzurücken, das Versprechen, an einem nach Uebereinkunft bestimmten Tage an einem Orte, Namens Seusun [Seesen], wegen des Friedens unterhandeln zu wollen. Während aber der Herzog zu dieser Uebereinkunft, da er sofort nach Baiern aufbrach, nicht kommen wollte, oder wegen Herzog Heinrichs, der vom verstorbenen Kaiser mit Baiern und Kärnthen belehnt war, nicht konnte, so belagerte ein sehr großer feindlicher Heerhaufe eine Burg des Grafen Ekbert, Namens Ala, und indem sie nach Zerstörung der Ringmauer in dieselbe einzogen, führten sie die Tochter Otto's II., Ethelheid, welche daselbst erzogen ward, nebst vielem dort aufbewahrten Gelde hinweg, und kehrten erfreut heim.
 

Kapitel 3

 
Der Herzog aber begab sich, nachdem alle Bischöfe und einige Grafen in Baiern sich ihm zugewandt hatten, auf diese seine Bundesgenossen vertrauend, ins fränkische Gebiet und lagerte auf der zu Bisinstidi [Birstadt bei Worms] gehörigen Ebene, um sich mit den Fürsten jener Gegend zu besprechen. Dorthin kam Erzbischof Willigis von Mainz, nebst dem Herzoge Konrad und den übrigen
Großen. Als aber Herzog Heinrich, der diese auf alle ihm nur irgend mögliche Weise zu gewinnen suchte, von ihnen einstimmig zur Antwort erhielt, sie würden von der ihrem Könige geschworenen
Treue zeitlebens nicht weichen, so sah er sich aus Besorgniß vor dem drohenden Kampfe gezwungen, eidlich zu versichern, daß er am 29. Juni nach Rara kommen und das königliche Kind ihnen und der Mutter überliefern wolle. Darauf begaben sich alle wieder heim, in verschiedener Stimmung, die einen erfreut, die andern niedergeschlagen.
 

Kapitel 4

 
Darauf besuchte Heinrich mit seinem Anhange Bolizlav, den Herzog der Böhmen, der ihm in jeder Noth stets zu helfen bereit war, und ihn auch nun ehrenvoll aufnahm, und ihn von seinem Heere durch die Gauen Niseni und Deleminci bis nach Mogelini geleiten ließ. Dann zog Heinrich mit den Unseren,
die ihm entgegen kamen, nach Medeburun [Magdeborn]. Wagio aber, einer von den Rittern des Böhmenherzogs Bolizlav, welcher Heinrich mit dem Heere begleitet hatte, besprach sich, als er heimkehrend nach Misni [Meißen] kam, ein wenig mit den Einwohnern der Stadt und ließ darauf Fritherich, des damals in Merseburg sich aufhaltenden Markgrafen Rigdag Freund und Vasallen, durch einen Mittelsmann auffordern, zu ihm nach der außerhalb der Stadt gelegenen [St. Nicolai] Kirche hinzukommen, um sich mit ihm zu unterreden. So wie dieser die Stadt verließ, wurde das Thor hinter ihm geschlossen, und Ricdag, der Burggraf von Meißen, ein trefflicher Ritter, von jenen an dem Flusse Tribisa [Trübische] hinterlistig erschlagen. Die Stadt Misni [Meißen] aber, bald nachher von Bolizlav mit einer Besatzung versehen, nahm denselben bald darauf als ihren Herrn in ihren Mauern auf.
 

Kapitel 5
 

Er vertrieb auch auf Anhalten der wankelmüthigen Menge den Bischof Wolcold [von Meißen], der sich zum Erzbischof Willigis begab, von dem er gütig aufgenommen wurde. Denn er hatte denselben wie einen Sohn erzogen, und ihn, als er für die östlichen Lande zum Bischof geweiht ward, dem zweiten Otto, dessen Unterricht er leitete, eifrig als seinen Nachfolger empfohlen. Dies behielt Willigis stets im Gedächtniß, und erkannte es immer mit der größten Dankbarkeit an, und das vor allem nun, wo dem Bischofe darum zu thun war. Er ließ ihn seinem Wunsche gemäß zu Erpesfordi [Erfurt] auf's beste verpflegen. Nachdem Wolcold sich dort lange aufgehalten hatte, kam er, als nach dem Tode des Markgrafen Ricdag Ekkihard demselben gefolgt und Bolizlav nach Böhmen zurückgekehrt war, wieder zu seinem Bischofsitze. Späterhin ward auch Bolizlav sein treuer Freund, und so feierte auch Wolcold zu Prag die Einsetzung des heiligen Abendmahls. Wie er aber den Tag darauf, am Charfreitage, das Gedächtniß des Leidens Christi, wie sich's gehörte, beging, wurde er vom Schlage getroffen hinweg getragen; und ward auch Zeit seines Lebens nicht wieder gesund, obwohl er sich mitunter wieder etwas erholte. Er war 23 Jahre lang Bischof gewesen, als er am 23. August aus diesem Leben schied. Ihm folgte, von Erzbischof Gisiler befördert, Eid, ein Mitglied unserer geistlichen Brüderschaft [zu Magdeburg], ein Mann voll Gerechtigkeit und Einfalt des Herzens, von dessen rühmlichem Wandel ich, wenn's Zeit ist, vieles zu unserer Erbauung berichten werde; jetzt fahre ich fort, wo ich angefangen habe.
 

Buch VI

Kapitel 34

 
Solltest aber du, mein Leser, Lust haben, zu erfahren, woher jener Graf Dädi stammte, so wisse, daß er aus dem Hause Buzici stammte, und daß sein Vater Thiedrich hieß. Er stand von Kindheit an in Diensten des Markgrafen Rigdag [von Meißen], seines Anverwandten, und war kräftig an Körper und Geist. Er führte, wie ich oben (B. III, Cap. 11) erzählt habe, die gegen uns aufgestandenen Böhmen nach der Zeizer Kirche hin. Hier durchschweifte er verheerend mit ihnen die ganze Gegend und führte zuletzt seine eigene Mutter, als ein Feind, nicht als Sohn handelnd, unter der anderen Beute mit sich fort. Darnach söhnte er sich wieder mit König Otto III. aus, wurde dessen Vasall und erwarb seine Huld und Freundschaft in kurzer Zeit. Unterdeß war Bio, der Graf von Merseburg, auf einem Kriegszuge gestorben, und Erzbischof Gisiler verschaffte dem Grafen Dädi darauf die ganze Grafschaft desselben, welche zwischen der Wippera [Wupper], der Saale, der Salta und dem Villerbizi [Wildenbach] liegt. Ueberdies erwarb er das Burgward Zurbizi, welches seine Vorfahren als ein Lehen besessen hatten, für sich und seinen Bruder Fritherich als Eigenthum. Dazu führte er noch Thiedburge, die Tochter des Markgrafen Thiedrich, heim, und über dies alles ward er so aufgeblasen, daß er dem König insgeheim und vielen Anderen offenkundig Beschwerden verursachte.
 
Das nächste Weihnachtsfest [25. Decbr.] feierte der König in Pölde, und dort verlieh er Thiedrich, dem Sohne Dädi's, dessen Grafschaft und ganzes Lehen, wie es Rechtens war, auf Anhalten der Königin und seiner Großen.
 
Damals ward auch die Mark und was sonst Wirinzo [Werner] von Seiten des Königs besessen hatte, alles dem Grafen Bernhard übertragen.
 

Kapitel 36

 
Indeß erhoben Graf Heriman und Markgraf Guncelin [von Meißen] gegen einander Fehde und kämpften auf eine in diesen Gegenden ungewohnte Weise mit einander. Guncelin nämlich, der die Burg Strela, welche von Heriman's Truppen beschützt war, zu erobern versuchte und nichts ausrichtete, befahl die Burg Rocholenzi an der Milde, welche nicht wohl verwahrt war, in Brand zu stecken. Außerdem stand er (da ja Oheime gegen ihre Bruderkinder immer hart und gewaltthätig sind) durchaus nicht an, seinem Neffen alles Ungemach zuzufügen, was nur immer in seiner Macht stand. Aber auch Heriman und sein Bruder Ekkihard rissen ein Schloß an der Saale, welches dem Guncelin ausnehmend werth war, und das er mit Ringmauern und einer Besatzung versehen und einer unbeschreiblichen Menge von Vorräthen und Gütern angefüllt hatte, nachdem sie es mit einem starken Heerhaufen unvorhergesehen umzingelt und erobert hatten, von Grund aus nieder und steckten es in Brand; die ganze vorgefundene Masse von Gütern aber vertheilten sie. Das kam dem Könige zu Ohren; sogleich eilte er nach Merseburg, dies zu untersuchen. Und als er dort nun die Aussprüche der beiden Grafen vernommen hatte, maß er die ganze Schuld dem Guncelin bei, der ihm selbst schon früher bei mancher Gelegenheit Geringschätzung bewiesen und ob des ihm von Heriman angethanen Schimpfes nicht in ihm, dem Könige, einen Rächer erwartet hatte. Er setzte hinzu, daß Guncelin die
Familien vieler Leibeigenen, die ihm das geklagt hätten, an die Juden verkauft, und sich weder auf sein, des Königes, Gebot um die Freigebung derselben, noch auch darum bekümmert habe, den
Räubereien Einhalt zu thun, die in seinem Namen vielen Menschen Schaden und Gefahr brächten. Zudem klagte Heinrich, Guncelin stände bei seinem Bruder Bolizlav [von Polen] mehr in Gunst,
als ihm zieme oder dem Könige gefallen könne. Auch waren solche anwesend, die ihn anzuklagen bereit waren, daß er mit ihnen selbst zusammen sich des Hochverraths schuldig gemacht habe. Bei so
vielen obwaltenden Beschwerden und den dagegen von Seiten seiner und der Seinigen vorgebrachten Entschuldigungen wurden die Fürsten des Reichs vom Könige um einen gemeinsamen Rath ersucht, und thaten nach langer geheimer Erwägung den Ausspruch: "Wir wissen, daß Guncelin's Betragen gegen euch nicht ohne  Entschuldigungsgründe ist; unser Gutdünken geht dahin, daß er sich alles Widerstreben bei Seite setzend, unbedingt eurer Gnade unterwerfe. Euer Herz aber rühre der Allgütige in seiner Barmherzigkeit, daß ihr nicht nach dem Maße seines Verdienstes, sondern nach der ganzen Größe eurer gränzenlosen Milde an ihm thun möget, auf daß dies zur Richtschnur diene allen denen, die sich an euch wenden." Diesen Rath genehmigend, empfing der König den Markgrafen und übergab ihn dem Bischof Arnulf von Halberstadt zu sicherer Haft; seine Stadt Misni [Meißen] aber ließ er  fortwährend gegen feindliche Angriffe besetzt halten und überwies die Obhut derselben einstweilen dem Grafen Fritherich [von Eilenburg]. Im folgenden Sommer zur Erntezeit aber verlieh er die Stadt, auf Verwendung der Königin und auf Antrieb des lieben Tagino, dem Rathe und der Beipflichtung derselben Fürsten gemäß dem Grafen Heriman.
 

Kapitel 45.

 
Währenddeß kam er [der Erzbischof], von Bolizlav durch Gesandte aufgefordert, nach Sciciani, um Friede zu machen. Daselbst prächtig empfangen, blieb er doch nur zwei Nächte, und kehrte, ohne etwas ausgerichtet zu haben, doch mit reichen Gaben beschenkt, heim.
 
Bald nachher kam denn der für den angesagten Feldzug zum Aufbruch bestimmte Tag, nämlich der 24. Juli. An diesem kamen wir bei einem Orte Namens Zribenz zusammen und zogen von da hinauf nach Belegori [Belgern] zu. Da aber hielten die Fürsten dafür, es sei nicht rathsam, daß wir unsern Zug bis zu Ende ausführten, sondern die Mark [Misni] müsse besetzt und  befestigt werden.
 
In der Nacht darauf bekam der Erzbischof heftige Kopfschmerzen, und als ich am Morgen zu ihm kam, mußte ich lange auf ihn warten, ehe er aus seinem Zelte herauskam. Als er endlich heraus trat, klagte er mir, er sei sehr krank. Er versprach mir aber, er wolle sich zur Königin, die sich damals in Merseburg aufhielt, hin begeben und mich dort sprechen. Ich ging also fort von ihm, er aber las noch, obwohl er es zuerst ablehnte, doch weil gerade der Gedächtnißtag der Auffindung des ersten Blutzeugen und dazu Sonntag [August 3] war, die Messe; es war leider seine letzte. Am Donnerstage [August 7] kam ich wieder nach Merseburg, und als ich mich nun mit meinen geistlichen Mitbrüdern auf seine Ankunft vorbereitete, hörte ich von Boten, daß er in krankem Zustande zu Wagen nach Ivicansten [Giebichenstein]  gekommen sei. Den nächsten Tag begab ich mich zu Pferde dahin, und fand dort den Bischof Bernward von Hildesheim, der dahin theils der Einsegnung, theils der Heilung wegen, auf die er sich wohl verstand, zum Erzbischofe berufen war; außerdem den Grafen Fritherich [von Eilenburg], dessen Bruder Graf Dedi war. Als ich eintrat, saß der Erzbischof in einem Armstuhl, und empfing mich voll Herzlichkeit. Dann sah er auf seine Füße hin, die von ihrer gewöhnlichen Geschwulst weniger, als sonst, beschwert waren, was er aber bedauerte, weil, wenn diese angeschwollen waren, sein Leib sich leichter befand. Bei diesem Besuche erklärte er mir, wenn er dieser Gefahr gesund entrönne, so könnte ich keinen treueren Freund haben, als ihn. Ich blieb bis zum Abend bei ihm und verließ ihn dann wider Willen, weil der folgende Tag der Vorabend des St. Laurentiustages war, dessen Feier auf den Sonntag [August 10] fiel. Nachdem ich nun bei dieser Gelegenheit der versammelten Gemeinde eine kurze Predigt gehalten hatte, bat ich die Anwesenden dringend, mit mir ein gemeinsames Gebet für den kranken Erzbischof zu halten. Am Dienstage [August 12] vor der ersten Hora kam ich wieder zu Waltherd. Jetzt war Bischof Eid dort und bemühte sich in unablässigem Gebete für den Kranken. Als ich in das Zimmer trat, worin der Fromme lag, hörte ich ihn schon nicht mehr sprechen, auch konnte ich nicht mehr wahrnehmen, daß er noch jemand erkannte. Dann kamen auch, als noch Leben in ihm war, die Bischöfe Arnulf und Hilliward, nebst Meinwerk
und Erich an, welche ihm alle zugleich den Segen ertheilten und ihm alle die Vergebung der Sünden verkündeten. Ich aber, ich Sünder, salbte ihn an den schmerzhaftesten Stellen mit dem heiligen Oele. Auch Herzog Jarimir von Böhmen war da, den sein Bruder und Vasall Othelrich, aller seiner Pflichten vergessend, am letztvergangenen Ostersonnabend aus seinem Reiche vertrieben hatte, wodurch sich Jarimir genöthigt sah, den Herzog Bolizlav, der ihm zwar als Verwandter befreundet war, den er jedoch bis dahin als einen Feind betrachtet und verfolgt hatte, als Flüchtiger aufzusuchen. Er hatte die Absicht gehabt, den Erzbischof, welchen er als einen treuen Helfer aller Bedrängten kannte, und den er gesund zu  finden erwartete, um seine Verwendung beim Könige zu bitten; da er aber sah, daß dem Leidenden die Kräfte schon geschwunden waren, so bat er unter einem Strome von Thränen, er möge ihm doch
nur seine Rechte reichen und hiedurch ihn uns Anwesenden empfehlen. Der Erzbischof aber machte, als nun sein Ende nahte, indem er, ich weiß nicht was, zu seiner Linken sah, auf eine nachdrückliche
Weise, um sich zu schützen, das Zeichen des heiligen Kreuzes, und verzog, Körper und Antlitz abwendend, das Gesicht wie zum Weinen, bald darauf aber entfalteten sich seine Züge wieder zur
Freudigkeit. Als ich das sah, ging ich von Trauer überwältigt hinaus und währenddeß hoben die Anwesenden den beinahe schon  Verschiedenen sofort aus dem Bette und legten ihn auf einen Teppich.
Als man dann die Kerzen angezündet hatte, ward ich gerufen, und sah ihn bereits mit der Stola angethan im Todeskampfe begriffen. Auf seiner Brust lag ein Crucifix, in den Händen hatte er Asche und unter ihm lag eine härene Kutte, wie Bischof Eid das  angeordnet hatte. Und als der Tag bereits über die Mitte hinaus in seine zweite Hälfte eingetreten war, ging die Seele des Sterbenden, während man ihmnoch Weihrauch spendete, zu ihrem Schöpfer hinüber, von wannen sie gekommen war, verlassend, was vergänglich war, am 12. August. Wie nun alle Anwesenden weinten und beteten, unterstützte ich Unglücklicher sie dabei nicht, wie es doch meine Pflicht war; was mir dabei vor der Seele schwebte, kann ich keinem verrathen; darum betet nur mit mir, ihr Gläubigen, daß der Herr, dem kein Geheimniß verborgen ist, weder dem Verstorbenen, noch mir, dies zum Schaden gereichen lasse. Nachdem darauf die Eingeweide aus dem Körper genommen, und innerhalb des Raumes zwischen der Kirche und dem Sterbehause beerdigt waren, ward die Leiche bereitet und vor den Altar hingesetzt. Als dann eine Seelenmesse gehalten war, speisten wir zu Mittag und geleiteten die Leiche an demselben Tage noch bis nach Coniri. Unterwegs kam uns seine trauernde Hausgenossenschaft entgegen. Am andern Tage, als wir bei dem am Fuße des St. Johannisberges gelegenen Dorfe ankamen, erschien die ganze Geistlichkeit des Erzstiftes, weinend und trauernd, und eine große Schaar von Juden und Waisen, deren Vater er gewesen war, bezeugten ihren Schmerz mit lauten Klagen, und als wir dann mit dem Leichenzuge die Hauptkirche betraten, empfingen uns  sämmtliche Freunde und Erben des Verstorbenen, indem sie in  bitterer Betrübniß die Hände zum Himmel erhoben, in wehmüthiger Weise. Und wer hätte damals bei diesem Anblick nicht mit getrauert? Und doch kam all dieses Klagen dem eben erlittenen Verluste nicht gleich.
 

Buch VII

Kapitel 15

 
Indeß gelangte der Kaiser nach der Stadt Strela, und da er wußte, daß ihm Misico auf dem Fuße nachfolgte, so befahl er dem Markgrafen Heriman, zur Vertheidigung der Stadt Misni [Meißen] hinzueilen. Er selbst aber begab sich geradeswegs nach Merseburg. Misico aber, von seinem verruchten Vater also angewiesen, setzte, so wie er merkte, daß die Unseren getheilt abgezogen waren, ohne eine Bedeckung hinterlassen zu haben, am 13. Septbr. mit sieben Heerschaaren mit Anbruch der  Morgenröthe bei Meißen über die Elbe, und befahl einem Theile der Seinigen, das Land ringsum zu verheeren, einem anderen, die Stadt zu stürmen. Als das die Wencinicen sahen und daran
verzweifelten, sich schützen zu können, stiegen sie empor in die Festung der obengelegenen Stadt, indem sie beinahe alles Ihrige zurückließen. Darüber hoch erfreut, rückten die Feinde in die  verlassene Unterstadt ein, und zündeten dieselbe an, nachdem sie alles was sie fanden, hinweggeschleppt hatten; dann aber steckten sie auch die obere Burg an zwei Stellen in Brand und griffen sie unermüdlich an. Graf Heriman aber, welcher sah, daß seine gar wenigen Mitkämpfer bereits ermattet waren, warf sich nieder und flehte den Herrn Christus um seine Liebe und dessen ruhmreichen Märtyrer Donat um seine heilige Verwendung an, und forderte dann die Frauen auf, zur Hülfe herbei zu eilen. Diese kamen an die Brustwehren und trugen den Männern Steine zu, das  angelegte Feuer aber löschten sie, weil das Wasser ausgegangen war, mit Meth, und schwächten, Gott sei Dank! des Feindes Wuth und Wagelust. Misico, der das alles von dem danebengelegenen Berge mit ansah, wartete auf die Rückkunft seiner Gefährten. Diese verheerten und verbrannten, wo sich nur Feuer fand, alles bis an die Gana [Jahna], und kehrten spät auf müden Pferden zurück. Dort wären sie wohl mit ihrem Herrn die Nacht geblieben, um die Stadt am anderen Tage zu berennen, hätten sie die Elbe nicht steigen sehen. Deshalb zog das Heer, obwohl außerordentlich ermattet, mit einer unerwarteten Sicherheit wieder zurück, und blieb unverhofft wohlbehalten, und erleichterte durch
dies Glück das geängstete Herz seines Führers. Der Kaiser aber sandte, als er das vernahm, so viel Krieger er zusammenbringen konnte, eiligst hin, seinem Markgrafen zu Hülfe und befahl bald nachher die Unterstadtwieder herzustellen. Zur Ausführung und Beschützung dieses Baues kamen Erzbischof Gero und Bischof Arnulf am 8. Octbr. mit vielen Grafen und Anderen zusammen. Unter diesen befand auch ich mich, einer der Geringsten unter Allen. In vierzehn Tagen vollendeten wir das Werk, worauf wir fortzogen, indem wir dem Grafen Fritherich [von Eilenburg] die Stadt auf vier Wochen übergaben.
 

Kapitel 35

 
Im Jahre der Fleischwerdung Christi 1017, am ersten Januar, empfing auf Befehl des Kaisers Erzbischof Gero von Magadaburg den Markgrafen Bernhard, der barfüßig herankommend Buße und Besserung gelobte, und stellte ihn, nachdem er ihn von allen Bannsprüchen, die er gegen ihn erlassen, erlöst hatte, der Kirche wieder vor.
 
Der Kaiser verließ Palithi [Pölde], wo er das  Weihnachtsfest begangen hatte, und feierte zu Alstidi [Alstedt] die Erscheinung Christi. In derselben heiligen Nacht aber verschied Graf Fritherich, treu seinem Gott und seinem Herrn, in seiner Stadt Ilburg [Eilenburg]. Dieser, ein verständiger Mann, der sein Lebensende herannahen sah, schenkte diese Stadt seinem Brudersohne Thiedrich unter der Bedingung, (denn er war sein Erbe, und anders konnte es gesetzlich nicht geschehen), daß es ihm freistände, seinen drei Töchtern allen übrigen Landbesitz, der ihm nachblieb, zu übertragen. Seine Grafschaft und die Herrschaft über den Gau Siusili empfing derselbe Thiedrich nachher durch die Gnade des Kaisers. 
Zu Alstidi [Alstedt] fand ein Fürstentag statt; auf  demselben wurde ein Rechtsstreit zwischen den Markgrafen Bernhard und den Söhnen meines Vaterbruders durch Leistung einer Entschädigung und Urfehde geschlichtet. Die vor langer Zeit zwischen dem Bischof Thiedrich und dem Grafen Heriman entstandene Feindschaft, so wie der Haß, der zwischen Eggihard und seinen Brüdern, den Söhnen des Herrn Udo, obschwebte, ward hier vom Kaiser bis auf den 29. September hin vorläufig beschwichtigt. Daselbst versprach auch Markgraf Bernhard dem Erzbischofe Gero fünfhundert Pfund Silbers zur Erstattung des ihm zugefügten Schadens. Noch viel anders gar treffliches verfügte der Kaiser, der sich dort lange aufhielt. Es ward Friede zwischen den Grafen Gevehard und Willehelm. Die Abgeordneten, die um Glück zu wünschen aus Italien gekommen waren, kehrten heim. Der beabsichtigte Zug des
Kaisers gen Westen ward wegen der Beschwerlichkeit der Wege verschoben. Der Kaiser billigte, warum er von Seiten Bolizlav's angegangen ward, und ließ ihm sagen, seine Fürsten hätten sich gerade um seine Person versammelt; wenn ihm nun Bolizlav etwas in Güte anzubringen habe, so werde er es mit dem Beirathe derselben gern entgegennehmen. Von beiden Seiten wurden Abgesandte geschickt und ein Waffenstillstand abgeschlossen.