Thietmar von Merseburg: Seite 123,156,334,407,467,476
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"Chronik"
 

Buch IV

Kapitel 6
 

Unterdeß belagerten diejenigen, die dem Könige zugethan waren, den Grafen Wilhelm [von Thüringen], der zu den vertrautesten Freunden Herzog Heinrichs gehörte, in Wimeri [Weimar].
Als sie aber erfuhren, Heinrich komme heran, eilten sie ihm  sogleich entgegen, und sammelten sich bei einem Dorfe, Namens Iteri, wo sie sich lagerten, um ihm am nächsten Tage eine Schlacht zu liefern. Da dies der Herzog sofort erfuhr, so schickte er den Erzbischof Gisiler an sie ab, der ihre Gesinnung erforschen und, wenn es irgend möglich wäre, den Frieden bewirken sollte. Als dieser nun den versammelten Herren seine Sendung eröffnete, erklärten sie: Wenn Herzog Heinrich ihnen seinen Herrn und König ausliefern, und von seinen Besitzungen nichts als Merseburg, Walbizi und Frasu, bis zu dem bestimmten Tage für sich behalten, und dies alles auf eine zuverlässige Weise eidlich erhärten wollte: dann solle es ihm frei stehen, mit sicherem Geleite von ihrer Seite das dichtbesetzte Land zu verlassen; wo nicht, so stehe ihm kein Ort offen, durch den er lebendig rück- oder vorwärts kommen könnte. Und nun, wozu soll ich darüber noch mehr Worte machen? Sie bekamen am andern Tage alles was sie wollten, und gestatteten ihm, indem sie selbst abzogen, sich nach Merseberg zu begeben, wo die Herzogin Gisla seit langer Zeit in trauriger Einsamkeit verweilte. Er aber erwog mit seinen Getreuen alles im Einzelnen, und indem er darauf erklärte, er wolle aus Furcht vor Gottes Zorn und zum Heile des Vaterlandes in Wahrheit seine Pläne aufgeben, dankte und lohnte er ihnen auf eine würdige Weise für ihre Hülfe und ihren guten Willen, und bat alle, sie möchten aus Liebe zu ihm an dem bestimmten Tage sich mit ihm zusammen einfinden. Die beiden Kaiserinnen, welche bis dahin zu Pavia in Demuth auf göttlichen Trost geharrt hatten, und sämmtliche Fürsten des Kaiser- und Königreichs kamen nach Rara, und der Herzog erfüllte treu sein Versprechen, indem er alle zum Reiche gehörigen gern von sich entließ; da erkannte Gott durch einen hellen am Tage vor aller Augen leuchtenden Stern Otto III. als den von ihm bestimmten Herrn und König an. Alsbald stimmten alle, Weltliche wie Geistliche, wie aus einem Munde einen Gesang an zum Lobe Christi, und nun beugte sich der Sinn der bisher widerspenstigen, und die vordem in Zwietracht getheilten Schaaren vereinigten sich unter einem Herrn und Gebieter. Der König ward von seiner Mutter und Großmutter voll zärtlicher Liebe empfangen und dem Grafen Hoico zur Erziehung übergeben. Zwischen dem Könige und dem Herzoge ward ein vorläufiger Friede geschlossen, bis zu einer Zusammenkunft auf dem obenerwähnten Felde von Bisinstidi, indem jeder von beiden nach Hause zog. Als sie aber dort zusammenkamen, gingen sie, von bösen Menschen angereizt, im Bösen wieder aus einander, und so fand wieder eine langwierige Unterbrechung dieser  Angelegenheit statt. Denn nun entstand zwischen Herzog Heinrich und dem vorher erwähnten Heinrich, welcher der jüngere Heinrich genannt zu werden pflegte, eine große Fehde, welche erst späterhin durch Rath und Beihülfe des Grafen Herimann [41 vielleicht Graf im Engergau (Westfalen), Gemahl der Gerberga (VII, 49), Stammvater der Grafen von Werl.] beigelegt ward, als Heinrich sich dem Könige zu Francanafordi [Frankfurt] unterwarf, und nun mit dem Herzogthume [Baiern] belehnt ward.
 

Kapitel 26
 

Von einem der edelsten Geschlechter des östlichen  Thüringens leitete Markgraf Ekkihard [von Meißen] seine Abkunft her. Wie er allmählich sich dem Mannesalter näherte, machte er seiner ganzen Verwandtschaft durch die Reinheit seiner Sitten und durch bedeutende, rühmliche Thaten Ehre; denn, wie wir lesen:

"Unsitte schändet die edle Abkunft."

Nach vielen Kriegsmühen, die er mit seinem Vater Günther erduldete, welcher lange seiner Würden beraubt war, kehrte er endlich, indem er Kaiser Otto's II. Huld wieder erlangte, mit Ehren wieder heim, und heirathete darauf Suonehilde, die Wittwe des Grafen Thietmar und Schwester Herzog Bernhards, welche ihm als erstes Kind eine Tochter, Namens Liutgerd, gebar.

Liuthar aber, einem berühmten Geschlechte Nordthüringens entsprossen, ein ausgezeichnet verständiger Mann, sehr beliebt bei Kaiser Otto II, ehelichte auf dessen Rath eine Edle aus dem
Westen des Landes, Namens Godila, mit Einwilligung ihres Vetters, des Bischofs Wigfried von Verdun. Diese gebar ihm in ihrem dreizehnten Lebensjahre als Erstgeburt einen Sohn, den sie
nach ihrem Vater Wirinhar nannte.

Da nun jene beiden Sprößlinge, ich meine den Knaben und das Mädchen, einem Stamme so edler Art entsprungen waren, so begannen auch in stufenweisem Fortschreiten auf der Bahn der Tugend die Früchte bereits sich der Reife zu nähern. Graf Liuthar aber dachte, sobald er die Schönheit und das sittige Wesen des Mädchens bemerkte, beständig in seinem Sinne darauf, wie er sie für seinen Sohn gewinnen möchte. Endlich konnte er nicht länger an sich halten und eröffnete durch treuer Freunde Vermittelung dem Markgrafen Ekkihard seine lange verborgen gehaltenen Wünsche, deren Erfüllung auch schnell erfolgte. Indem darauf die beiderseitigen Familienmitglieder zusammenkamen, gelobte Ekkihard dem Liuthar, seine Tochter dem Sohne Liuthars zur Gemahlin geben zu wollen, indem er dasselbe in Gegenwart aller als Zeugen anwesenden Großen, wie es Recht und Sitte war, bekräftigte. Und dennoch versuchte er hinterher, als er bei Otto III. sehr in Gunst war, und bei ihm unter allen Großen am meisten vermochte, ich weiß nicht durch welche Beweggründe verleitet, diesen auf das Bündigste geschlossenen Vertrag auf alle Weise wieder rückgängig zu machen. Davon bekam Liuthar sofort Kunde und war ängstlich bedacht, dies zu hintertreiben. Da der Kaiser sich damals mit Ekkihard in Italien aufhielt, so war die Sorge für das Reich der hochwürdigen Aebtissin Mathilde anvertraut, deren ich schon oben gedachte und in deren Stadt Quidilingaburg das Mädchen erzogen ward. Die Aebtissin nun hielt einen Fürstentag zu Darniburg. Währenddeß erstieg Wirinhari, nicht, wie ich glaube, auf Anrathen seines Vaters, sondern aus Liebe zu der Jungfrau und aus Furcht vor der ihm bevorstehenden öffentlichen Beschimpfung, mit meinen Brüdern Heinrich und Fritherich und andern trefflichen Rittern Quidilingaburg, und entführte seine widerstrebende und wehklagende Braut mit Gewalt, und kam vergnügt und  wohlbehalten mit seinen Gefährten nach Wallibiki [Walbeck]. Als die Aebtissin dieses von einem zuverlässigen Manne erfuhr, klagte sie es erzürnt mit weinenden Augen allen Fürsten, und bat und befahl, sie möchten allesammt mit den Waffen in der Hand diese Landfriedensbrecher verfolgen und fangen oder tödten und die Jungfrau wieder zu ihr zurückbringen. Und ohne Verzug waren die Ritter gerüstet und eilten, diesen Befehl zu erfüllen, indem sie darnach lechzten, jenen, bevor sie die feste Stadt besetzt hätten, auf kürzeren Wegen zuvor zu kommen, und sie dann entweder gefangen zu nehmen oder zu erschlagen, oder mindestens in die Flucht zu treiben. Da aber erfuhren sie von Wanderern, daß die, denen sie nachsetzten, bereits in Besitz der bekannten Festung seien; die Tore seien geschlossen und die Besatzung zahlreich; niemand könne hinein; sie seien entschlossen sich zu wehren oder zu sterben und die Braut nicht herauszugeben. Nachdem die Ritter dies gehört hatten, kehrten sie traurig zurück. Liuthar aber begab sich nebst Alfrich dem Aelteren und Thietmar, dem Ritter des Grafen Ekkihard, zu der Braut hin, um ihre Gesinnung zu erforschen, und als sie sich hinlänglich überzeugt hatten, daß sie lieber da bleiben, als fort wolle, machten sie der Aebtissin und den Uebrigen davon Anzeige. Als die Aebtissin nun die Reichsfürsten über diese Angelegenheit zu Rathe zog, antworteten ihr diese, es scheine ihnen am besten, zu Magadaburg eine Versammlung anzustellen, zu der sich der Bräutigam mit seiner Verlobten begeben, und vor der alle seine Helfershelfer sich selbst als Schuldige einstellen, oder im Falle des Nichterscheinens verurtheilt und des Reichs verwiesen werden sollten. Und so geschah es. Vor einer sehr zahlreich zusammenströmenden Menge erschien Wirinhar dort sammt seinen Mitschuldigen mit nackenden Füßen, warf sich auf die Kniee nieder und gab die  Geliebte heraus. Nachdem er dann Besserung gelobt hatte, erlangte er für sich und die Seinen Verzeihung für seine Vergehungen. Die in jeder Beziehung ehrwürdige Mathilde aber nahm nach Beendigung dieser Unterredung Liuderde mit sich, nicht um sie auf immer zu behalten, sondern nur, um sie in ihrer großen Gottesfurcht zu befestigen.
 

Buch VI

Kapitel 52
 

Und nach der Hochzeit wurde Markgraf Liuthar im Westlande krank, und starb plötzlich, nachdem er sich durch den Paulinischen Trank in Rausch versetzt hatte, am 25. Januar. Er ward in Köln im südlichen Theile des Doms, da, wo er es selbst vorher gewünscht hatte und wo am Tage der Abendmahlsfeier die Büßenden hereinkommen, bestattet und seine Wittwe, Namens Godila, that unablässig alles mögliche Gute zum Heile seiner Seele. Ihrem Sohne Wirinhari erwarb sie des Vaters Lehen und Markgrafschaft um zweihundert Pfund und blieb vier Jahre in unverehelichtem Stande. Dann aber heirathete sie ihren Blutsverwandten Heriman, indem sie sich gar nicht an den Bann kehrte, den Bischof Arnulf [von Halberstadt] darauf gesetzt hatte, und indem sie drei andere Bischöfe, die es ihr verboten, und denen sie ihr Wort gegeben hatte, täuschte. Darum ward sie von dem  genannten Bischofe mit dem Schwerte der Excommunication geschlagen, und hatte auch keine Hoffnung, Kinder zu bekommen.

Doch ich komme von meinem Wege ab; ich lenke also ein und gehe wieder an Heinrichs treffliches Leben.
 

Buch VII

Kapitel 34
 

Darnach schickte er durch seine ganze Landschaft hin Boten, und forderte auch selbst seine Gaugenossen und Verwandten auf, die That zu rächen. Dann belagerte er mit einer starken Schaar die Stadt des Feindes, Namens Upplan, indem er die Umgegend verheerte und versengte. Endlich kam mein Vetter, Herzog Bernhard [von Sachsen] an, der als rechtmäßiger Vormund des noch unmündigen Sohnes und der ganzen Erbschaft des Grafen Wigman und als Rächer der ruchlosen Schandthat sich erhoben hatte. Dieser tröstete die trauernden Lehnsmannen des Erschlagenen nach Kräften und setzte mit den übrigen Anhängern desselben der Stadt Tag und Nacht unaufhörlich zu. Indeß verließ der Kaiser Burgund, wo er einen großen Theil des Sommers zugebracht hatte, und begab sich, so wie er den ganzen Verlauf der Sache erfuhr, zu Schiff, um dort hinzueilen. Auf dieser Reise starb mein Vetter Gevehard, der Sohn des Grafen Heribert, damals sehr wohl gelitten bei der königlichen Majestät und ausgezeichnet durch die größte Biederkeit. Dieser Todesfall versetzte den Kaiser so wie alle dort Ansässigen in große Trauer. Der Erzbischof Heribert von Köln aber, der wegen seines Vasallen Balderich sehr in Sorgen war, lag dem Kaiser wiederholt an, er möchte doch die lange  belagerte Stadt in seine Gewalt geben. Der Kaiser willigte auch endlich darein, durch sein unablässiges Bitten überwältigt. Damals aber war schon, indem jener Feind des Kaisers abgezogen war, die Stadt Upplun gänzlich zerstört; die Gräfin jedoch, die daselbst lange beunruhigt worden war, wurde leider mit allem, was sie hatte, gerettet. Mögen alle Verwünschungen, die der gottselige Hiob gegen sich ausgesprochen hat, dieses Weib treffen: sie hat sie verdient. Möge sie in der Zeitlichkeit hienieden so viel Leiden erfahren, daß sie mindestens jenseits auf Vergebung hoffen kann. Wer ihr bei dieser Frevelthat jemals hülfreiche Hand geleistet hat, der bekehre sich zum Herrn und gestehe, er habe schwer gesündigt und eile zu aufrichtiger Buße; denn durch das Gezisch dieser giftigen Natter ist die Kirche eines solchen Vertheidigers beraubt.

In diesem Jahre befehdeten sich auch der Bischof Thiedrich [von Münster] und Graf Heriman [176 Hermann II. von Werl. Seine Mutter Gerberga von Burgund, in 2. Ehe vermählt mit Herzog Hermann II. von Schwaben, ist die Mutter der späteren Kaiserin Gisela.], der Sohn der Gerberga, um einer unbedeutenden Ursache willen, und verheerten ihr Land. Dann aber ließen sie sich durch das Zureden ihrer Freunde und besonders durch das Friedensgebot des Kaisers beruhigen und erwarteten beide die Ankunft des Kaisers.
 

Buch VIII

Kapitel 12
 

Bernward, der ehrwürdige Hirt der heiligen Kirche zu Hildesheim, wurde vom Grafen Bruno so bitter gehaßt, daß ihm von demselben sein Ritter Rim geschoren und fast geschunden wurde, und daß er nachher, als er mit ihm des Weges zog, ihn vor seinen Augen von dem jungen Altman noch gar erschlagen sehen mußte.

Swithger aber, der treffliche Vorsteher der Kirche zu Münster, wurde auf seinem Gute von einem vornehmen Junker angefallen und mit dem Blute seines vor seinen Augen erschlagenen Verwalters besudelt. Was haben nun diese Männer je verbrochen? Beide waren fromme Geistliche und doch mußten sie solch unverdienten Schimpf ertragen! Weil ich aber bisher, beherrscht von heilloser Gleichgültigkeit, vom Bischof Suithger noch gar nicht  geredet habe, so ist es passend, jetzt diesen Fehler zu verbessern. Dieser, in Sachsen geboren und in Halverstidi [Halberstadt] und Magadaburg von Kind auf erzogen, wurde von Otto III. der erwähnten Diöcese vorgesetzt, und indem er dieselbe mit aller Sorgfalt leitete, strahlte er, auf die Gnade Gottes sich stützend, durch mancherlei Tugenden hervor. Davon will ich nur zwei Beispiele anführen, die ich mit wahrhaften Belegen zu erweisen vermag. Als sein Kämmerer einen heimlich entwendeten Hut verbergen wollte und, von seinem frommen Herrn befragt, nichts eingestand, nöthigte ihn derselbe, ein Messer, das auf dem Tische lag und welches Suithger voll innigster Inbrunst eingesegnet hatte, anzufassen; allein sogleich warf er es, weil es ihm wie glühend vorkam, hin und gestand vollständig seine ganze Schuld. - Ein anderes Mal bemächtigte man sich mit aller Anstrengung eines von einem bösen Geiste besessenen und führte ihn vor den ebengenannten Bischof, der ihn sofort los zu lassen befahl und ihn, als er wüthend auf ihn zustürzte, mit seinem Stabe muthvoll abwehrte und darauf, indem er das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihm machte, ihn durch göttliche Kraft beruhigt von dannen ziehen hieß. - Und diese Thaten schrieb ein solcher Mann nicht sich selbst sondern dem zu, der durch ihn so Großes wirkte, und verlebte in Christo die ihm hienieden beschiedenen Tage, indem er ihm als ein treuer Knecht mit allem Eifer diente. Er saß auf dem bischöflichen Stuhle sechzehn Jahre lang, fortwährend von großer Kränklichkeit heimgesucht; - ein Umstand, der übrigens Tugenden aller Art  hervorbringt; - und starb an demselben Tage, an dem er geboren war, nämlich am 19. November [1011], im zehnten Jahre der  Regierung unseres Kaisers Heinrich. - Sein Nachfolger Thiedrich, mein Vetter von mütterlicher Seite, erduldete, wie ich oben erzählte, große Kränkung von Heinrich [83 von Werl, vgl. VII, 49. Dort ist jedoch nur der Vater genannt.], dem Sohne des Grafen Heriman. In diesem Jahre aber wurde derselbe Aufstand, der vorher für eine Zeitlang beschwichtigt war, wieder aufgeregt. Der Erzbischof Heribert von Köln ertrug von genanntem Grafen viel Ungemach. Freilich war das nicht zu verwundern, da der Erzbischof dessen Mutter [84 Hermanns Mutter Gerberga, vgl. VII, 49.] schon lange in Haft hielt.

Auch ward Bischof Meinwerk [von Paderborn] von meinem Vetter Thietmar Herzog, Bernhard's Bruder, beraubt.
 

Kapitel 16

 
Auch ist nicht zu verschweigen, welch ein trauriger Verlust sich in Rußland ereignete. Denn Bolizlav griff dies Reich mit einem großen Heere an und schadete demselben gar sehr, auf  unser Zureden. Am 22. Juli kam er nämlich an einen Fluß und ließ dort sein Heer lagern und die nöthigen Brücken zurüsten. An demselben Flusse lag auch [Jarizlav] der König der Russen mit den Seinen und erwartete besorgt den Ausgang des gegenseitig angesagten Kampfes. Indeß ward durch die Herausforderung der Polen der daliegende Feind zum Kampfe aufgereizt und von dem Flusse, den er besetzt hielt, mit unerwartetem Glücke in die Flucht getrieben. Durch diesen Kampfeslärm ward Bolizlav persönlich in den Streit gerufen, und indem er seine Genossen sich rüsten und auf den Fluß zueilen hieß, bewirkte er, wiewohl mit Anstrengung, doch einen schnellen Uebergang über den Fluß. Das feindliche Heer dagegen versuchte, Schaar bei Schaar geordnet aufgestellt, vergebens das Vaterland zu schützen. Denn gleich beim ersten Zusammentreffen wich es und leistete nachher gar nicht wieder starken Widerstand. Dort fiel damals eine große Anzahl der Fliehenden und eine kleine der Sieger. Von den Unseren blieb der treffliche Ritter Herich, den unser Kaiser lange in Haft gehalten hatte. Von jenem Tage an verfolgte Bolizlav mit erwünschtem Erfolge die zerstreut umherschweifenden Feinde und wurde von allen Eingebornen des Landes empfangen und mit vielen Geschenken beehrt. Indeß ward eine Stadt, die damals Jarizlav's Bruder [Swaetepulk] gehorchte, von Jarizlav gewaltsam besetzt und deren Einwohnerschaft hinweggeschleppt. Die außerordentlich starke Stadt Kitava [Kiew] aber wurde von den derselben feindlichen Pedeneern [Petschenegen] auf Antrieb Bolizlav's durch wiederholte Bestürmung erschüttert und durch eine große Feuersbrunst geschwächt. Die Einwohner vertheidigten sie, öffneten aber bald der fremden Macht ihre Thore, denn als ihr König sie fliehend verließ, nahm sie am 14. August den Bolizlav und ihren längst verlorenen Herrn, den Herzog Zentepulk auf; durch die Gunst, in der derselbe stand, und durch die Furcht vor den Unsrigen wandte sich diese Gegend schnell ihm zu. Der Erzbischof dieser Stadt aber empfing die Ankommenden ehrenvoll, mit den Reliquien der Heiligen und anderen kirchlichen Zierden versehen, im Münster der heiligen Sophia, welches das Jahr vorher durch einen Zufall kläglich eingeäschert war. Daselbst befanden sich die Stiefmutter, die Gemahlin und neun Schwestern König Jarizlav's, deren eine der alte Wollüstling Bolizlav, der früher um sie  geworben hatte, unrechtmäßig, seine Gattin vergessend, heimführte. Daselbst ward ihm unsäglich viel Geld gezeigt, wovon ein großer Theil unter seine Gastfreunde und Anhänger vertheilt, einiges aber in die Heimat geschickt ward. Den Herzog  unterstützten unsererseits dreihundert, von den Ungarn fünfhundert, von den Petineern [Petschenegen] aber tausend Mann. Diese alle wurden darauf nach Hause entlassen, da der genannte Fürst Zentepulk mit Freuden sah, daß die Eingebornen ihm zuströmten und ihm Treue zeigten. In jener großen Stadt, welche der Hauptsitz dieses Reiches ist, sind mehr als vierhundert Kirchen und acht Märkte. Die Einwohner aber, deren Zahl unbekannt ist, und die, wie jene ganze Landschaft, aus dem Kerne flüchtiger Sclaven, die dorthin von allen Seiten zusammenströmen, und besonders aus schnellfüßigen Dänen bestehen, haben den sie häufig angreifenden Pecinegen [Petschenegen] bisher immer widerstanden und noch andere Feinde besiegt. Bolizlav aber, durch solches Glück stolz gemacht, sandte den Erzbischof von Kiew an Jarizlav mit dem Verlangen, er möge ihm seine Tochter wieder zusenden, wogegen er dann versprach, ihm seine Stiefmutter, Gemahlin und Schwestern wieder herauszugeben. Darnach schickte er seinen lieben Abt Tuni mit großen Geschenken an unseren Kaiser, um dessen Gunst und Hülfe fernerweitig zu erwerben und seine Dienstfertigkeit in jeder Beziehung für die Zukunft zu zeigen. Auch nach dem nahen Griechenland schickte er Gesandte, welche dem dortigen Kaiser alles Gute versprachen, wenn er sich als einen treuen Freund erweisen wolle; zugleich aber ihm anzeigten, daß, wenn das nicht geschähe, er des Kaisers entschiedenster und unbezwinglichster Feind werden würde.
 
Bei dem allen sei Gott der Allmächtige nahe und zeige gnädigst, was ihm gefällt und uns frommt.
 
In jenen Tagen nahm Graf Udo, mein Vetter, den ihm an Adel der Geburt wie an Macht gleichstehenden Grafen Heriman [112 wohl Graf von Werl, vgl. VI, 86. VII, 49.] gefangen und führte den widerstrebenden in seine Burg. Daraus, befürchte ich, erwächst gefährliches Unkraut, welches schwer oder gar nicht auszurotten sein wird.