Leidinger, Paul: Seite 106-108
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"Untersuchungen zur Geschichte der Grafen von Werl. Ein Beitrag zur Geschichte des Hochmittelalters."

DIE DRITTE GENERATION

7. GRAF HEINRICH VON WERL, SOHN HERMANNS II.

Heinrich, der älteste Sohn Graf Hermanns II. von Werl, begegnet zum Jahre 1017/18, wie er stellvertretend für den Vater den Bischof Dietrich von Münster befehdet, und wird daher um die Jahrtausendwende geboren sein. Das nächste Zeugnis aus dem Jahre 1024 zeigt ihn zusammen mit seinem Vater und seinen drei jüngeren Brüdern Konrad (Nr. 8); Adalbert (Nr. 9) und Bernhard (Nr. 10) auf dem Fürstentag zu Herzfeld am 13. und 14. September.
Nach dem Tod des Vaters (um 1030) war Heinrich ohne Zweifel der Haupterbe des Geschlechtes, dem die Kernbesitzungen des WERLER Hauses  im Sauerland, am mittleren Hellweg und im östlichen Münsterland zugefallen sind, wenngleich darüber auch keine Zeugnisse existieren. Vielleicht trat er als Erbe des Vaters auch in die Vogtei Werden ein und ist er identisch mit jenem "Heinriccus comes et advocatus", der in einer Aufzeichnung unter Abt Gerold (1031-1050) für das Kloster begegnet. Als wichtige Beuerwerbung konnte Heinrich dem WERL-ARSNBERGER Haus dagegen die Vogtei über das Hochstift Paderborn gewinnen, wobei jedoch offenbleibt, ob auf dem Wege der Heirat [Wilmans (WUB Add 12 n 1) und nach ihm F. Schultz (Beiträge zur Geschichte der Landeshoheit im Bistum Paderborn bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, Münster 1903, 13 ff) und H. Aubin (Die Verwaltungsorganisation des Fürstbistums Paderborn im Mittelalter, Abhandlungen zur Mittl. und Neueren Geschichte Heft 26, Berlin und Leipzig 1911, 86 ff) nehmen Heirat Heinrichs von Werl mit einer unbezeugten Erbtochter des Paderborner Grafen Amelung an, der 1031 "summus matris ecclesiae advocatus" genannt wird (Vita Meinwerci, cap. 213).] oder durch die Gunst Bischof Rothos, des Nachfolgers Meinwerks in Paderborn. Das letzte ist meines Erachtens wahrscheinlicher, da die Wahl des Vogtes dem Paderborner Bischof unterstand. So begegnet Graf Heinrich als erster Laienzeuge bereits in der ersten Urkunde Bischof Rothos von Paderborn von 1039, die zwar von Honselmann als Totalfälschung angesprochen wird, mit ihrer Zeugenreihe jedoch auf echter Tradition beruhen kann. Eine weitere, undatierte Tradition Rothos (1036-1051) nennt Graf Heinrich ebenfalls als Zeugen. Als Vogt des Klosters Böddeken ist Heinrich dann für die Anfangsjahre Bischof Imads (1051-1076) gesichert, und entsprechend dieser Stellung kann er als Vogt des gesamten Hochstifts angeshen werden, der mit der Vogtei des Hochstifts zugleich auch die über die älteren Stifter der Diözese verband. Wie bedeutsam die Paderborner Bistumsvogtei war, ergibt sich vor allem daraus, daß der Paderborner Kirche seit der Zeit Meinwerks fast alle Grafschaftsrechte innerhalb des Bistums zustanden. Etwa seit dem Jahre 1054 folgte Heinrich sein jüngerer Bruder Bernhard in der Bistumsvogtei, der zu dieser Zeit auch in die übrigen Herrschaftsrechte der WERLER Familie eingetreten ist und diese mit der Vogtei Paderborn auf die WERL-ARNSBERGER Nachkommen seiner Familie vererbte.
Wie sich aus der letzten Nachricht ergibt, scheint Graf Heinrich von Werl bald nach der Jahrhundertmitte (um 1054) ohne eigene Nachkommen verstorben zu sein. Todestag könnte den Eintragungen mehrerer Nekrologien zufolge der 18. oder 20. August gewesen sein [Heerse (Heinricus laicus) und Überwasser im Münster (Heinricus laicus) überliefern den 18. August; Osnabrück, Dom (Heinric) und Borghorst (Hinricus comes, nach Bischof Bruno von Verden + 1049) den 20. August. Freundl. Mitteilung aus der von Herrn Prof. Hömberg zusammengestellten Nekrologkartei.].
Trotz des weitgehenden Schweigens der Quellen wird man die Bedeutung Heinrichs von Werl nicht zu gering einschätzen dürfen, wie vor allem die wohl auf ihn zu beziehenden Totenbucheintragungen zeigen. Schon das erste Zeugnis im Jahre 1017/18 zeigt ihn in politischer Aktivität stellvertretend für seinen Vater, dem er auch auf den bedeutsamen Heerfahrten der Folgejahre begleitet haben wird. Die politischen Verhältnisse in Westfalen und im Reich mußten ihm für seine eigenen Regierungsjahre eine Anlehnung an die Kirchenpolitik der salischen Kaiser als opportun erscheinen lassen. Das Schweigen der Quellen, die meist nur anläßlich von Streitfällen berichten, und der Erwerb der Paderborner Stiftsvogtei durch Heinrich legen einen solchen Schluß nahe. Wenn wir später zur Zeit des Investiturstreites die Nachfahren seiner Familie zumeist auf der kaiserlichen Seite finden, so scheint die Weichenstellung für diese Haltung bereits zu Heinrichs Zeit erfolgt zu sein. Für eine Begünstigung des WERLER Hauses durch die verwandten salischen Kaiser gibt es jedoch auch für seine Zeit keine Belege.