Adam von Bremen: Seite 364,384,388
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"Hamburgische Kirchengeschichte."
 

Drittes Buch.
 

Kapitel 27.

 
Um diese Zeit gründete Kaiser Heinrich, die ungeheuren Schätze des Reiches benutzend, Goslar in Sachsen, welches er, wie es heißt, aus einer kleinen Mühle oder einer Jägerhütte formend, mit gutem Glücke schnell zu der so großen Stadt, als welche es uns jetzt sich darstellt, erhob. In derselben bauete
er auch für sich einen Palast und stiftete daselbst zwei Klöster zu Ehren Gottes des Allmächtigen, deren eines er unserem Erzbischof zur Leitung und Aufsicht übergab, darum weil derselbe ihm in allen Dingen ein unzertrennlicher Gefährte und  Mitarbeiter war. Damals ward ihm auch die Aussicht auf den Erwerb oder den Empfang der Grafschaften, Abteien und Güter eröffnet, die wir späterhin zu großer Gefahr für die Kirche erkauft haben, nämlich die Klöster von Lauressa und Corbeja,  die Grafschaften Bernhards [116 Graf Bernhard II. von Werl (+ um 1079/89) besaß den Emsgau um Emden und Leer. Schenkung am 24. Oktober 1063. May Reg. 280. Vgl. III, 46,49. - Graf Ekbert von Braunschweig, Markgraf von Meißen (1038-1068) hatte sich wohl des Hunesgo und Fivelgo bemächtigt, vgl. III, 8 mit Anm. 31; III, 46,49. May Reg. 250. Verleihung an Bremen am 25. April 1057. Verlust 1066.] und Ekibrects, endlich die Güter Sincicum, Plisna, Groningon, Dispargum und Lismona. Als nun der Metropolitan diese Besitzungen unter bereits zweifelhaften Umständen sich angeeignet hatte, da vermeinte er, wie es treffend von Xerxes heißt, über das Meer wandeln und über
das Land hin schiffen, kurz alles, was er wollte, leicht vollenden zu können.
 

Kapitel 45.

 
Unsere Kirche konnte reich sein, unser Erzbischof brauchte den von Köln oder Mainz in keiner Beziehung um ihren Glanz und Prunk zu beneiden. Nur der Bischof von Würzburg war der Einzige, der in seinem Bisthum, wie man sagt, keine andere Gewalt neben sich hat, da er selbst sämmtliche Grafenämter seiner Diöcese inne hat, und deshalb auch das Herzogthum des Landes in seinen Händen hat. Darum war unser Erzbischof, getrieben von dem Wunsche, es ihm gleich zu thun, Willens, alle  Grafenämter, mit denen irgend eine Gerichtsbarkeit in seinem Sprengel verknüpft war, in die Gewalt seiner Kirche zu bringen. Deshalb erlangte er zuerst vom Kaiser jenes höchste Grafenamt in
Friesland, nämlich die Grafengewalt über Fivelgoe, welche vorher Herzog Gotafrid gehabt hatte und jetzt Ekibert. Die Einkünfte von demselben sollen tausend Mark Silbers betragen, wovon Ekibert zweihundert zahlt und Vasall der Kirche ist. Der Erzbischof aber behauptete diese Grafenherrschaft zehn Jahre lang bis zur Zeit seiner Vertreibung. Ein zweites Grafenamt war das des Uto, welches sich durch den ganzen Bremer Sprengel zerstreut verbreitet, zumeist aber um die Elbe herum. Dafür verlieh der Erzbifchof dem Uto unter dem Namen einer Bede so viel von den Gütern der Kirche, als auf einen jährlichen Ertrag von tausend Pfund Silbers geschätzt wird, während jedenfalls mit einer so großen Geldsumme der Kirche alljährlich ein größerer Nutzen geschafft werden kann, wofern es uns nicht, um Weltruhm zu erlangen, genügt, darum arm zu sein, um viele Reiche zu unseren Unterthanen zu haben. Die dritte Grafschaft lag in Friesland, unserem Sprengel nahe, Namens Emisgoe. Die Ansprüche unserer Kirche auf dieselbe vertheidigend, ward Gotescalk vom Grafen Bernhard erschlagen. Für sie gelobte unser Erzbischof dem Könige tausend Pfund Silbers erlegen zu wollen. Da er aber diese Summe Geldes nicht leicht ausbringen konnte, so ließ er (o des Schmerzes!) Kreuze, Altäre, Kronen und andere Zierrathen der Kirche wegnehmen, und beeilte sich durch Veräußerung dieser Gegenstände den unglückseligen Vertrag zu vollziehen. Er rühmte sich aber, er werde die Kirche bald aus einer silbernen zu einer goldenen machen und alles Weggenommene zehnfältig wieder ersetzen, in derselben Verfahrungsweise, wie er auch schon früher bei der Niederreißung des Klosters sich gezeigt hatte. [O welch ein Kirchenraub! Zwei Kreuze, mit Gold und Gemmen geschmückt, ein Hochaltar und ein Kelch, beide von rothem Golde glänzend und mit edelen Steinen besetzt, wurden zerbrochen. Sie hielten zwanzig Mark Goldes; Frau Emma hatte sie mit mehren anderen Geschenken der Bremer Kirche dargebracht. Der Goldschmidt, der jene Dinge eingeschmolzen hatte, erzählte, er sei zu seinem großen Leidwesen zu dieser kirchenschänderischen That gezwungen worden, jene Kreuze zu zerbrechen, und versicherte gewissen Leuten insgeheim, es sei ihm beim Schlagen des Hammers  vorgekommen, als vernähme er die Stimme eines klagenden Kindes.] Damals also und auf solche Weise ward der Schatz der Bremischen Kirche, der von den Altvordern und zu seiner eigenen Zeit mit der größten Anstrengung und mit großer Hingabe von Seiten der Gläubigen gesammelt war, in einer einzigen beklagenswerthen Stunde für gar nichts fortgegeben. Und doch kam durch dieses Geld kaum die Hälfte der Schuld zusammen. Die von den heiligen Kreuzen abgenommenen Edelsteine sollen von gewissen Leuten, wie wir gehört haben, an Buhlerinnen verschenkt sein.
 

Kapitel 48.

 
Magnus also, der Sohn des Herzogs, sammelte eine Bande von Räubern und unternahm es, nicht so die Kirche zu bekämpfen wie seine Väter, sondern er trachtete, indem er den Hirten der Kirche selbst verfolgte, darnach, den Bischof, um so den langen Streit zu enden, entweder an seinen Gliedern zu  verstümmeln oder völlig zu tödten. Allein es fehlte auch jenem nicht an Schlauheit sich zu hüten; bei seinen Vasallen fand er freilich durchaus keine Hülfe.
 
Damals aber entfloh der Erzbischof, von Herzog Magnus bedrängt, heimlich in der Nacht nach Goslar, wo er sich ein halbes Jahr ruhig aus seinem Gute bei Loctuna aufhielt. Sein Hoflager und sein Hausrath wurden von den Feinden geplündert.
 
Von solchen Bedrängnissen umstrickt, schloß er ein zwar schmachvolles, aber doch durch die Noth erzwungenes Bündniß mit dem Tyrannen, in Folge dessen der, welcher sein Feind war, sein Vasall wurde, indem der Erzbischof ihm von den Gütern der Kirche tausend und mehr Hufen zu Lehn übertrug, jedoch mit der Bedingung, daß die Grafenthümer in Friesland, deren eines Bernhard und deren anderes Ekibert gegen den Willen des Erzbischofs behaupteten, von Magnus ohne irgend einen Hinterhalt für die Kirche wiedererkämpft und derselben wieder zugewiesen würden.
 
Dem zufolge ward das ganze Bremer Bisthum in drei Theile eingetheilt und zwar so, daß, während den einen Theil Udo, den anderen Magnus hatte, dem Bischof selbst kaum ein Drittheil übrig blieb, und als er auch den noch hinterher unter Eberhard und andere Schmeichler des Königs vertheilte, behielt
er für sich fast nichts übrig. Denn sowohl die Höfe des Erzbischofs, als auch die Zehnten der Kirchen, von denen die Geistlichen, die Wittwen und die Armen unterhalten werden sollten, kamen nun sämtlich den Laien zu Nutzen, so daß bis auf den heutigen Tag Buhlerinnen mit Räubern vom Kirchengute  schwelgen, indem sie ihr Gespött haben über den Bischof und über alle Diener des Altars. Mit diesen so großen Schenkungen hatte also, wie heutzutage zu sehen ist, der Erzbischof von Udo und Magnus nichts anderes erreicht, als daß er nicht aus seinem Bisthume vertrieben wurde; von den Anderen aber erlangte er keine andere Leistung von Dienstpflicht, als nur den Titel eines
Lehnsherrn.