Lerche, Ludwig Alfred: Seite 60-63
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"Die politische Bedeutung der Eheverbindungen in den bayerischen Herzogshäusern von Arnulf bis Heinrich den Löwen (980-1180)"

Diesmal richtete sich das Augenmerk gen Norden: nach Sachsen. Hier war der BILLUNGER-Herzog Magnus, einst ein Feind, in seinen späteren Jahren aber ein, wenn auch lauer, Anhänger der kaiserlichen Politik, der letzte männliche Sproß seines Stammes. Welf hatte schon Beziehungen zu ihm durch seine Gemahlin, die flandrische Judith. Das reiche Erbe mußte durch seine beiden Töchter an deren künftige Gatten fallen. Aus diesem Grunde wohl vornehmlich vermählte der alte Bayern-Herzog einige Jahre vor seinem Tode seinen zweiten Sohn Heinrich mit der ältesten Tochter des BILLUNGERS, Wulfhilde [291 Annalista Saxo 1106 (SS. VI, 744): Wifhildis nupsit Heinrico duci, filio Welfi ducis senioris de Bawaria. - Hist. Welf. Weing. C. 15 (SS. XXI. 462,463). -  Vgl. Meyer von Knonau a.a.O. VI 14 und 15 mit Anmerkung 18; Riezler, Geschichte Bayerns I 585 und A. dtsch. Biogr. Band 11 Seite 401; Prutz, Heinrich der Löwe 10, Otto von Heinemann Albrecht der Bär 309f und Geschichte von Braunschweig und Hannover I 175f.; P.F. Stälin, Geschichte Württembergs I 396; Chr. Fr. Stälin, Wirt. Geschichte II, 257, - Aus der Stelle der Weingartner Überlieferung: "uxorem jam dudum patre (vgl. Meyer von Knonau a.a.O. VI 15 N. 18) vivente, de Saxonia accepit..." geht unzweideutig hervor, daß die Ehe längere Zeit vor des alten Welf Tode (1101) zustandekam. Ein näherer Zeitpunkt der Eheschließung läßt sich nicht finden.].
Immerhin bedeutete die Ehe Heinrichs mit Wulfhild den Begin eines neuen Abschnitts in der WELFEN-Geschichte. Mit ihr faßten die WELFEN zuerst in Sachsen Fuß, das später recht eigentlich der Hauptsitz ihrer Macht werden sollte. Die Heirat Heinrichs mit der BILLUNGERIN gab dem WELFEN-Geschlechte die Aussicht auf die Hälfte der ausgedehnten sächsischen Güter der BILLUNGER, die es nach dem Tode Herzog Magnus im Jahre 1106 denn auch wirklich erhielt. Das politische Zentrum dieser Erwerbungen war Lüneburg mit seinem Gebiet. Dazu kamen noch Landstriche an der Weser, von Bodenwerder abwärts bis zur Mündung, sowie an der Leine. Dieses Erbe bildete ein ziemlich zusamemnhängendes Territorium.
Nicht allein Zuwachs an Hausbesitz verdankte das bayrische Herzogshaus der Ehe Heinrichs mit der sächsischen Fürsten-Tochter. Auch wichtige Beziehungen zu bedeutenden einheimischen oder landesbenachbarten Geschlechtern wurden durch sie angeknüpft. Heinrichs Schwiegermutter Sophie, die Tochter König Belas von Ungarn, war die Braut des Markgrafen Wilhelm von Meißen und nach dessen vorzeitigem Tode (1062) in erster Ehe mit seinem Neffen, dem Markgrafen Udalrich von Krain und Istrien (+ 1070) vermählt gewesen; beide stammten aus dem Hause WEIMAR-ORLAMÜNDE, das unter den Großen Thüringens den ersten Platz einnahm.
Zur Zeit der Eheschließung von Sophiens Tochter Wulfhild mit dem WELFEN Heinrich war ihr Neffe Koloman (+ 1114) ungarischer König. Von höchster politischer Bedeutung war also der welfisch-billungische Ehebund, der Nord und Süd miteinander verband, der dynastische Beziehungen schuf zwischen den Häusern BILLUNG, BALLENSTÄDT, WEIMAR-ORLAMÜNDE u.a., also der ganzen den SALIERN nie recht gewogenen sächsischen Sippschaft, und den übermächtigen WELFEN.