Heinemann, Otto von: Seite 29-30
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"Albrecht der Bär. Eine quellenmäßige Darstellung seines Lebens."

Herzog Magnus von Sachsen, der Letzte aus dem Hause der BILLUNGER, welches seit anderthalb Jahrhunderten sich im erblichen Besitze des Hertzogtums Sachsen behauptete, hatte mit Sophia, der Tochter des Königs Bela von Ungarn [90 Ihr erster Gemahl war Ulrich von Weimar, Markgraf von Kärnten, dessen Oheim, Markgraf Wilhelm von Meißen (+ 1046), schon mit ihr verlobt gewesen war. Annal. Sax. a.a. 1062 und 1106 (I. c. 633 und 744). Ihre Verheiratung mit Magnus kann erst nach dem Jahre 1070 stattgefunden haben, denn in diesem Jahre starb Markgraf Ulrich (Annal. Sax. I. c. 697 und Lamb. Hersf. a.a. 1069. Pertz VII. 177)], zwei Töchter, Wulfhild und Eilika, erzeugt, von denen jene ihren Namen nach ihrer Großmutter Ulfhilde, der Tochter des Königs Olav von Dänemark und Norwegen, diese dagegen nach ihrer Urgroßmutter, der Tochter des Markgrafen Heinrich von Schweinfurt, führte [91 Annalista Saxo a.a. 1059 (I. c. 692) Vergleiche auch die Urkunde Nr. XVI. bei Wedekind, Noten III. 123.]. Wulfhild und Eilika waren die reichsten Erbinnen im weiten Sachsenlande [92 Es ist nicht auszumachen, welche von beiden die ältere war. Der Sächsische Annalist nennt stets die Wulfhild zuerst (a.a. 1070 und 1106), ebenso die Annal. Stad. (Pertz XVI. 329). Dagegen steht Eilika, welche der Weingartner Mönch (de Guelf. princip. in Leibnitz I. 785) Alicuga nennt, voran in Helmold. Chron. Slav. (Leibnitz II. 568), im Chron. Monast. S. Michael. (Wedekind, Noten I. 413), im Chron. Luneb. (Pertz XVI. 74), bei Heinrich von Herford (a.a. 1106 p. 136). - Auch das Geburtsjahr Eilikas läßt sich nicht ermitteln, doch müssen beide Schwestern vor 1095 geboren sein, da ihre Mutter am 19. Mai dieses Jahres starb (Annalista Saxo I. c. 728)] und ihre Hand auch in anderer Rücksicht viel begehrt. Die Familiengüter der BILLUNGER waren außerordentlich bedeutend, und wenn auch die Verbindung mit einer der Erbtöchter des berühmten und hochstehenden Geschlechtes nach denm Ansichten der Zeit kein positives Recht auf die Nachfolge im Herzogtum gewährte, so ist es doch unzweifelhaft, daß sich daran insofern eine unbestimmte Aussicht knüpfte, als der Kaiser bei der Wiederverleihung  des erledigten Fahnlehns doch auf die Schwiegersöhne des letzten Herzogs Rücksicht nehmen zu müssen schien. Wulfhild vermählte sich mit dem Herzoge Heinrich dem Schwarzen von Baiern, aus dem schwäbischen Hause der WELFEN: um die Hand der Eilika bewarb sich unter anderen der Markgraf der Nordmark, Udo von Stade. Als dieser auf der Reise bei dem Grafen Helperich von Plötzkau übernachtete, ward er von durch die Schönheit von dessen Schwester Irmingard so sehr gefesselt, daß er jenen Heiratsplan aufgab und sich mit Irmingard vermählte. Es fanden sich indes bald andere Bewerber um die Hand der BILLUNGERIN und von diesen führte Otto von Ballenstedt die reiche Erbin heim. Wann die Vermählung geschah, wird nirgends gemeldet, doch ergeben die Umstände, daß sie noch zu Lebzeiten des Herzogs Magnus stattgefunden hat [94 Von der Wulfhild wissen wir, daß sie sich eine geraume Zeit vor dem Tode ihres Schwiegervaters, des Herzogs Welf, also vor dem Jahre 1101 verheiratete. Mon. Weingart. bei Leibnitz I. 785, wo es von Heinrich dem Schwarzen heißt: qui uxorem iam dudum, vivente patre, de Saxonia accepit filiam Maginonis ducis. Allem Anscheine nach hat sich nicht nur Wulfhild, sondern auch Eilika in dem letzten Decennium des 11. Jahrhunderts vermählt.]. Nach dem Tode des letzeren (23. August 1106) verlieh HEINRICH V. das Herzogtum Sachsen an den Grafen Lothar von Süpplingenburg, und es ist nicht bekannt, daß Heinrich der Schwarze oder Otto von Ballenstedt irgendwelchen Anspruch auf dasselbe erhoben, obschon Ottos Sohn Albrecht später sein Anrecht auf die Abstammung seiner Mutter zu gründen versucht hat. Die weitläufigen Allodialgüter des ausgestorbenen Hauses fielen dagegen den Töchtern zu, doch fehlt es auch über die Verteilung dieser Erbgüter an näheren Nachrichten. Das wenige was darüber bekannt ist, hat zu der Vermutung Anlaß gegeben, daß Eilika bei dieser Erbteilung verkürzt worden und daß in ihr der erste Grund zu der späteren Feindschaft zwischen den Häusern der ASKANIER und WELFEN zu suchen sei [95 Einiges über die an Eilika gefallenen billungischen Erbgüter hat Wedekind (Noten I. 276 ff.) gesammelt. Vergleiche auch Tross, Westfalia, 4. Heft, 57 ff. Der Hauptteil der Erbschaft welcher durch Eilika an die ASKANIER fiel, bestand wohl in den durch O-Sachsen und Thüringen zerstreuten Gütern der BILLUNGER, welche sich indessen auch nur zum Teil nachweisen lassen. Es gehörten dahin Burg-Werben mit der Umgebung, Güter in der Nähe von Halle, vielleicht Halle selbst, Kriechau bei Werben, mutmaßlich auch Bernburg. Siehe die Beweise bei Wedekind, a.a.O. 289, womit zu vergleichen Bertram I. 396 ff. und 400. Für Kriechau ergibt sich die Richtigkeit der obigen Behauptung aus der Urkunde KONRADS III. vom 3. Juni 1139 in den Neuen Mittheilungen des thüt.-sächs. Vereins IV. 4, 139; für Bernburg ist sie nur eine Vermutung, welche sich auf die Tatsache stützt, daß die BILLUNGER auch in dieser Gegend an der Saale begütert waren und daß Eilika noch später im Besitz dieses Ortes erscheint. Mußmaßlich verdankt das Schloß Bernburg seine Erbauung einem der billungischen Bernharde, woher auch der Name, der so viel bedeutet wie Bernsburg, Bernhardsburg.].