Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 701
********************
Istrien
--------
Landschaft (Halbinsel) an der nö. Küste der Adria
A. Archäologie
Die archäolog. Erforschung frühchr. und ma.
Fundstätten setzte in Istrien im 19. Jh. ein (Triest, Porec,
Pula), doch erst in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg kam es zu systemat.Ausgrabungen
(Gräberfelder: Zminj/it. Gimino, Vipavatal, Buzet, Mirnatal, Predloka,
Triest; Siedlungen: Stari Gocan, Brioni, Nesactium).
[1] Byzantinische Periode: Die Völkerwanderungszeit hinterließ nur geringe Spuren (ostgot. Gräber in Pula, langob. in Buzet). Die Randlage I.s ermöglichte der roman. Bevölkerung anscheinend kontinuierl. Besiedlung, verstärkt noch durch Flüchtlinge aus Pannonien und Noricum; Kleingegenstände (Keramik) und Bestattungen in Sarkophagen (bei Kirchen oder in Felsengrüften) belegen die Kontinuität. Die Sakralarchitektur zeigt Einflüsse aus Ravenna und Aquileia; schon vom 6. Jh. an tritt der für Istrien charakterist. Kirchentyp mit eingezogener Apsis auf.
[2] Slavische Siedlung: Die avaroslav. Einfälle
um 600 sind an einer Reihe zerstörter Siedlungen (Rim bei Roc, Sv.
Foska bei Zminj, Vrsar, Nesactium) ablesbar. Die frühslav. Siedlung
hinterließ geringe Spuren (Keramik des Prager Typs, Brandgräber),
da die Slaven seit Mitte des 7. Jh. rasch materielle Kultur (Keramik)
und Bestattungssitten (Körperbestattung) von der ansässigen Bevölkerung
übernahmen. Die kirchl. Gebietseinteilung blieb erhalten; spürbar
ist verstärkte Missionstätigkeit (v. a. durch Kl.) in den »barbarisierten«
Gebieten.
Zahlreiche Fundorte (Mirnatal von Roc bis Novigrad) weisen
auf ein seit dem 7. Jh. belegtes, sozial wenig definiertes, ethn.
gemischtes und z. T. heidn. Bevölkerungssegment hin, das als limitanei,
Grenzwächter im Dienst des byz. Staates, zu deuten ist.
[3] Periode der fränkischen Herrschaft und Hochmittelalter:
Die Einbeziehung I.s in das Karolingerreich am Ende des
8. Jh. und die Verödung der Grenzgebiete zu Dalmatien und zum
Südostalpenraum hatten größere Migrationen zur Folge, v.
a. umfangreichere slav. Besiedlung im Binnenland, namentl. in Mittelistrien,
sowohl von O aus dem dalmat.-kroat. Grenzgebieten als auch von N aus dem
Bereich der Köttlacher Kultur. Neben diesen beiden Kultureinflüssen
istauch mediterraner Einfluß (Schmuck: byz. Ohrringe) faßbar.
Die Intensität des chr. Einflusses ist unterschiedl.; seit dem 11. Jh.
begruben auch die Slaven des Hinterlandes bei den Kirchen.
Neben dem antike Traditionen fortsetzenden Urbanismus
der Küstenstädte und Kastelle treten in den feudalen Siedlungszentren
(Draguc, Hum, Boljun) neue Formen in Erscheinung. Die Besiedlungskontinuität
der Adriastädte (v.a. der Bf.sstädte) wird u. a. belegt durch
Steinskulptur mit Flechtbandornamentik anstelle der frühchr. Kirchenausstattung
(Triest, Koper, Novigrad, Porec, Pula, Bale). - S. a. Baukunst, B.II, Inschriften.
M. Zupancic
B. Geschichte
I. Frühmittelalter
[1] Landesbegriff: Der geogr. Begriff I. (gr.
qstrta, lat. Histria, sloven. und serbokroat. Istra, it. Istria) erfuhr
im Laufe der Jahrhunderte mehrfach Veränderungen. Zur spätröm.
und byz. Prov. Venetia et Histria, z. T. noch zum frk. Markengebiet, gehörten
Triest mit Umgebung, der Karst bis zum heut. S. Giovanni del Timavo
(slov. Stivan); an »Fjord« v. Plomin (it. Fianona) verließ
die Grenze die Küste der Halbinsel und lief über die Ucka (it.
Monte Maggiore) bis zum alten castellumKastav oberhalb von Rijeka (it.
Fiume), wahrscheinl. über den Sneznik (dt. Schneeberg), Javornik,
Nanos bis S. Giovanni; seit dem 11. Jh. wurde zu I. das Gebiet
um den K varner (sog. Meranien) gerechnet. Heute versteht man unter I.
die Halbinsel südl. einer Linie vom Golf v. Triest bis zum K varner.
[2] Unter byz. Herrschaft: Nach dem Zusammenbruch
des weström. Reiches (476) kam I. zunächst an das Reich des Odoaker,
dann an die Ostgoten und wurde 535 oder 539, spätestens aber 544 von
Byzanz zurückerobert. Noch immer eine reiche und blühende Provinz
(was sich in bedeutenden Kirchenbauten, z. B. in Porec, dokumentiert),
wurde I. als Dukat dem neuerrichteten Exarchat v. Italien (Hauptstadt Ravenna)
eingegliedert. In dieser Zeit oder im Laufe des 7. Jh. erfolgte die
Trennung von Venetien. Die militär. und zivile Befehlsgewalt lag in
den Händen eines magister militum. I. war in städt. Bezirke ('civitates'
und 'castella') eingeteilt, mit z. T. weiträumigen Landgebieten: Pula
(it. Pola), der Sitz des Statthalters; Porec (Parenzo), Koper (Capodistria),
Novigrad (Cittanova), Pican (Pedena) und Triest, das als Grenzbezirk über
eine eigene militär. Organisation (numerus) verfügte. Diese Städte
lagen im W, nahe der Küste; sie waren auch Wohnsitz der lokalen Aristokratie,
die über großen, von coloni oder servi bestellten Landbesitz
verfügte und deren Macht infolge der ökonom. und polit. Zersplitterung
wuchs. Ihre Mitglieder kontrollierten als 'tribuni' zunehmend die militär.
und zivile Verwaltung in den Städten, meist durch Vertreter (vicarii,
lociservatores), die üblicherweie als 'judices' bezeichnet wurden.
Eine Straffung der Verwaltung war sowohl durch die innere Entwicklung des
Byz. Reiches als auch durch die Angriffe der Langobarden, Avaren und Slaven
bedingt, stieß aber auf Widerstand der lokalen Aristokratie. Der
über ein Jahrhundert andauernde kirchl. Konflikt des Dreikapitelstreites
(sog. 'Histriorum Schisma') ist auch als Ausdruck dieser einheim. Oppositionshaltung
zu verstehen.
Seit dem Ende des 6. Jh. (599) griffen slav. Gruppen
I. unmittelbar an und besiedelten in mehreren Phasen zunächst den
gebirgigen NO, dann auch Gebiete des südl. und westl. I.; z. T. wurden
sie von den byz. Behörden als Bauern oder Grenzwächter (limitanei)
auf wüstgewordenem Land angesetzt.
[3] Unter fränkischer und deutscher Oberhoheit:
Gegen Ende des 8. Jh. (788?) kam I. unter die Herrschaft des Frankenreichs.
Dies bedeutete einen tiefen Einschnitt, wurde die Region doch nun in die
entstehende Feudalgesellschaft einbezogen.
Der frk., in Novigrad residierende 'dux' Johannes führte
die frk.-karol. Verwaltung ein. Sein - mit Unterstützung der Bf.e
- eingeleiteter Versuch, die munizipale Selbstverwaltung abzuschaffen,
scheiterte aber vorerst; auf einem 804 in Rizana bei Koper in Gegenwart
der Missi Karls d. Gr. abgehaltenen
Placitum konnten die Vertreter der Städte die Wiederherstellung ihrer
Rechte zumindest teilweise durchsetzen.
Gefördert durch die frk. Herrschaft, siedelten sich
weitere slav. Gruppen, die zumeist aus den fränkisch/bayerisch beherrschten
Nachbarregionen kamen, in I. an. Die slav. Siedlung ist belegt durch neuere
archäolog. Funde, schriftl. Q. des 11.-12. Jh. (u. a. Nennung
einer 'Via Sclava' oder 'Sclavonica', die von Porec ins Landesinnere führte)
sowie durch die Verbreitung des Alt- Kirchenslavischen (Glagolismus). Die
für I. bis in die neueste Zeit charakterist. scharfe Trennung von
Stadt und Land, die im 19. und 20. Jh. nationale Merkmale entwickelte,
ist nicht zuletzt begründet in der Tatsache, daß die städt.
Selbstverwaltung in der Hand der roman. (später it.) Bevölkerung
lag, die (in präfeudaler Zeit von Zupanen verwaltete) Dorfgemeinde
ethnisch aber zunehmend von Slaven geprägt war.
II. Hoch- und Spätmittelalter:
[1] Die Markgrafschaft Istrien: Die städt.
Selbstverwaltung unterlag seit spätkarol. Zeit zunehmend Einschränkungen
von seiten der Feudalherren, die ihre Vertreter (locopositi), Schöffen
(scabini) und Güterverwalter (gastaldi) einsetzten. Der Einfluß
des dt. (bayer./frk.) Adels wuchs, v. a. seit der Einverleibung der Mgft.
Friaul, zu deren Verband auch die Mark I. gehörte, in das Hzm. Bayern
(952). Die istr. Mgf.enwürde kam im HochMA an eine Reihe großer
dt. Adelsfamilien, die in engen Lehnsbeziehungen zum Ks. standen: Weimar-Orlamünder,
Eppensteiner, Spanheimer, Andechs-Meranier. Nach 1077 hatten, zunächst
nur kurzzeitig, auch die Patriarchen v. Aquileia als geistl. Reichsfs.en
die Mgft. I. inne. Doch blieb die Macht der Mgf.en, die sich selten in
I. aufhielten und die Verwaltung einem Vertreter, dem 'comes Histriae',
überließen, gering. Dies begünstigte die Entstehung feudaler
Herrschaften, wobei der Gegensatz zw. den handeltreibenden Städten
der Adriaküste und dem kontinental orientierten Feudaladel bestehen
blieb.