Werner Karl Ferdinand: Seite 133-137
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"Bedeutende Adelsfamilien im Reich Karls des Großen." in: Braunfels Wolfgang: Karl der Große Lebenswerk und Nachleben.

Dieses bedeutende Haus erhielt seinen Namen von der modernen Forschung von einem Großen am Hofe KARLS, Unrocus, Unruocus [1 Annales regni Francorum, a.a. 811, hrsg. von F. Kurze, MG SS. rer. Germ. 1895, S. 134, nennen an der Spitze der fränkischen Großen, die den Vertrag mit den Dänen an der Eider schließen: Waldach comes filius Bernhardi, Burchardus comes, Unrocus comes... In Einhards Vita Karoli c.33 ist das Testament KARLS DES GROSSEN überliefert. Unter den Grafen, die bezeugten, stehen an vorderster Stelle: Walah, Meginheri, Otulfus, Stephanus, Unruocus, Burchardus ... (hrsg. von O. Holder-Egger, MG. SS. rer. Germ., 1911, Seite 41; hrsg. von L. Halphen, Eginhard, Vie de Charlemagne, 3. Aufl. Paris 1947, Seite 100)]. Sein Sohn Eberhard, dux von Friaul und Schwiegersohn LUDWIGS DES FROMMEN, ist der VaterBERENGARS I., der vom marchio KARLS III. für das regnum Italiae zum König von Italien und Kaiser aufstieg [2 Vgl. P. Hirsch, Die Erhebung Berengars I. von Friaul zum König von Italien, Dissertation Straßburg 1910, mit ausführlicher Einleitung zum Hause der UNRUOCHINGER. Vgl. dazu ferner E. Favre, La famillie d'Evrard, marquis de Frioul, dans le royaume france de l'Ouest (in: Etudes d'histoire du Moyen
 Age dedieces a G. Monod, Paris 1896), und Ph. Grierson, La famille d'Evrar de Frioul (Revue du Nord 24, 1938), Seite 241-266. Zuletzt Artikel "Eberhard von Friaul" in: E. Hlwitschka, Franken, Alemannen, Baiern und Burgunder in Oberitalien (774-962), Freiburg 1960, Seite 169-172, der Unroch irreführend den "Ahn" Eberhards nennt; vgl. demgegenüber E. Dümmler (wie unten Anm. 8) 1,2. Auflage, Leipzig 1887, Seite 119.]. Neuerdings hat Gerd Tellenbach Erkenntnisse beigesteuert, durch die neues Licht auf alemannisch-italienische Besitzungen und Ämter des weitverzweigten Hauses fiel. Zugleich wurde das gesicherte Namengut des Geschlechts vermehrt um den Namen Haltcherius/Alcherius/Alpicharius/Albgar [3 G. Tellenbach, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens in der Blütezeit des Karolingerreiches (in: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels, Freiburg 1957, Seite 40ff.), Seite 57ff. In einer dort Seite 58 zitierten Urkunde wird Alcherius/Haltcherius genannt et Alamannorum genere. Das führt Hlawitschka (wie Anm. 2), Seite 121, zu der irrigen Auffassung, Alcherius und sein im Linzgau nachweisbarere Vater Autcherius/Audachar müßten "Alemannen" sein und könnten schon darum nicht im Mannesstamm mit den fränkischen UNRUOCHINGERN verwandt sein. Wesentlich vorsichtiger meint Tellenbach, Seite 60: "Trotzdem soll nicht behauptet werden, daß die UNRUOCHINGER alemannischer Herkunft sein müßten und ihre bedeutenden flämischen und nordfranzösischen Besitzungen erst Eberhards Heirat mit der karolingischen Prinzessin verdankten." Die folgenden Ausführungen werden zeigen, was von der "alemannischen" Herkunft des Alcherius zu halten ist, und damit erneut unterstreichen, daß solche Angaben keine Volkstumsbezeichnungen sind, sondern die Herkunft im Sinne des Tätigkeitsfeldes des betreffenden Großen bzw. seines Vaters angeben.], dessen Wurzel Adalcharius ist. Wenn jener Altchar, Unruochi nepos, karolingischer dux in Kärnten war, einem Gebiet, das bis 829 zur Mark Friaul gehört, das heißt ihrem Befehlshaber unterstellt war, dann wird wieder einmal greifbar, wie gut "vorbereitet" durch Verwandtschaft die Ernennung Eberhards, des Unruoch-Sohnes, zum dux und Markgraf in Friaul gewesen ist. Es handelt sich hier eben um eine jener Familien, aus denen man die duces und Markpräfekten des Reiches entnahm: So war Unruochs Sohn Berengar, der Bruder Eberhards, dux und Präfekt in der gotisch-spanischen Mark [4 Berengarbegegnet zu 819 in den Reichsannalen als Graf von Toulouse, verband aber später mit diesem alten und wichtigen Dukat den von Septimanien/Narbonne, vgl. J. Dhondt, Etudes sur la naissance des principautes territoriales en France, IX-X siecle, Brügge, 1948, Seite 176f. Und zwar erhielt er letzteren, als Bernhard von Septimanien beim Kaiser in Ungnade fiel. Als Bernhard dann seines honores wiedererhielt, verweigerte Berengar die Herausgabe Septimaniens und fiel im Kampf gegen Bernhard 837, vgl. Dhondt Seite 182f.].
Tellenbachs wichtiger Hinweis ermöglicht es uns, einige Schritte weiter in der Kenntnis der Verflechtungen des UNRUOCHINGER-Hauses zu gelangen. Anzuknüpfen ist an den Umstand, daß sowohl der Vater als auch der Bruder jenes Alcherius/Adalchar Audachar (Audachar = Otger, Odakar) hieß. Von hier aus ergibt sich die Assoziation des großen dux Audachar, der der Witwe von KARLS Bruder Karlmann 771 die Treue hielt [5 Tellenbach (wie Anm. 3) Seite 59 zu Vater und Bruder von Alcherius. Der dux Audachar, den die Überlieferung mit Saint-Faron bei Meaux in Verbindung bringt und der in der Sage als Ogier le Danois weiterlebt, hatte Weta, die Schwester von Pippins Schwiegervater Charibert von Laon, also eine Großtante KARLS DES GROSSEN und Karlmanns, zur Frau, vgl. E. Ewig, Trier im Merowingerreich, Trier 1954, Seite 138 Anm. 156, der diesen wichtigen Nachweis aus einer von Beyer, Mittelrheinisches Urkundenbuch 1, Coblenz 1860, Nr. 14, verkannten Form aut Carius (statt Autcarius) für den Gemahl der Weta führt. Zu Charibert begegnet aber auch der Verwandtenname Bernarius (Berengar), vgl. Exkurs 2, Anm. 28.], aber auch die Nähe jener Odacher/Adalbert-Gruppe der "Mainzer Großen", von denen schon die Rede war [6 Dazu Schmid Seite 129f. (Die Gründung des Klosters cum licentia Herzog Tassilos besagt an sich noch nichts über die Nähe der Stifter zum Herzogshaus). Schmid scheint mir die Dinge nicht richtig zu sehen, wenn er Seite 131, im Zusammehnag mit Wikterp (dessen Stellung im bairischen Episkopat des 8. Jh. und, politisch, auf der Seite Tassilos, er vorzüglich klärt), Erlolf, Hariolf, Waltrich und Petto von "bairischen, wohl alemannisch und fränkisch versippten Adelskreisen" spricht. Abgesehen von der von uns als westfränkisch nachgewiesenen Namensform Gauz- bei dem Verwandten des Hariolf von Langres weist auch der Name Franco nicht gerade auf bairische Herkunft. Das Problem, inwieweit der bairische Adel schon in der MEROWINGER-Zeit fränkischer Herkunft war, ist vielschichtig, doch lassen sich einige Fixpunkte gewinnen: Neben dem Herzogshause selbst ist eine Adelsgruppe, die in den Quellen den "HUOSI" also einem der ebenfalls, wie die AGILOLFINGER, in der Lex Baiuuariorum privilegierten fünf Geschlechter, zugerechnet werde, zweifelsfrei fränkisch. Für das Bruderpaar Adalbert und Audachar, die Gründer von Tegernsee, hat das schon H. Löwe, Die karolingische Reichsgründung und der Südosten, Stuttgart 1937, Seite 27ff., meines Erachtens zwingend dargetan. Zusammenhänge zum fränkischen Adel im Rheingebiet haben O. Mitis (Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 58, 1950, Seite 545f.) und E. Zöllner (Neues Jahrbuch "Adler" 1945/46 Seite 18) schon bemerkt. Man wird vor allem unter den "Mainzer Grßen" des 8. Jh., die sich in den Fuldaer Urkunden greifen lassen, eine Audachar-Adalbert-Gruppe beachten müssen. Auf Mainz weist aber auch die für das Jahr 774 schon bezeugte St.-Quirin-Kirche (vgl. H. Büttner (wie Anm. 87), Seite 51), des Heiligen der Tegernseer Gründung].
Die letztere läßt aich als Faktum sichern. In der Abtei Cormery, die gegründet worden war für die Benediktiner, die aus Saint-Martin de Tours an der Wende zum 9. Jahrhundert weichen mußten und in der Folge den Kanonikern von Saint-Martin unterstellt blieb, begegnet um die Mitte des 9. Jahrhunderts ein Abt Audachar. In einer Urkunde für Cormery von 859 heißt der erste Laienzeuge, der also Kloster und Abt am nächsten stand, Alcherius. Wir treffen hier also die gleiche Namenskombination Audachar-Alcherius wie in der Familie des Unruochi nepos [7 859 Mai 19, Erzbischof Herard von Tours für Cormery, hrsg. von J. Delaville le Roulx, Bibliotheque de l'Ecole des Chartes 41, 1879, Seite 10-16, 1. Laienzeuge: Signum Altcharii. Zu Audachar von Cormery vgl. Gallia Christiana 14, Seite 254ff., und Loup de Ferriers, Correspondance, hrsg. von L. Levillan, 2 Bände, Paris 1927-1935, dort 1, Seite 166ff. (Nr. 39). Vgl. ferner K.F. Werner, Untersuchungen zur Frühzeit des ranzösischen Fürstentums (Die Welt als Geschichte 18-20, 1959-1960), dort 19, 1959, Seite 160f. Zu den Nachkommen des Alcharius unter den ROBERTINER-Vasallen an der Loire ebda. Seite 171.]. Hinzu kommt, daß sich die politische Parteistellung ermitteln läßt: Audachar verdankt die Abtei einem mächtigen Gönner, dem Seneschall Adalhard, der zeitweise (Laien-)Abt von Saint-Martin de Tours war. Mit dem politischen Schicksal Adalhards und seiner Partei erweist sich aber ein schon gesicherter UNRUOCHINGER, der auch den Namen Adalhard trägt, als so eng verknüpft, daß er seine Abtei Saint-Bertin verliert, als Adalhards Partei im Westreich gestürzt wird, und sie im gleichen Augenblick wiedererhält, in dem auch Adalhard wieder eine führende Stellung im Reich einnimmt [8 Zum "Seneschall" Adalhard siehe Werner (wie Anm.) 18, 1958, Seite 274f.; 19, 1959, Seite 155f.,163f. - Restitution des Adalhard von Saint-Bertin in den Besitz seiner Abtei gleichzeitig mit dem Wiederantritt der Macht im Westreich 861 durch Adalhard "den Seneschall" und seinen Anhang: E. Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reiches 2, 2. Aufl.,Leipzig 1887, Seite 22 Hunrocus der Vater des Adalhard von Saint-Bertin: Favre (wie Anm. 2), Seite 156 Anm. 7, wo Vf. auch auf die vermuetete, wenn auch nicht bewiesene Verwandtschaft beider Adalharde hinweist. Vgl. dazu Hirsch (wie Anm. 2), Seite 36 und 87. Es ergäbe sich hier eine Beziehung der UNRUOCHINGER zum Haus der Grafen von Paris, vgl. oben Seite 116.]. Durch solche Bezüge wird man aufmerksam auf den Umstand, daß die Verwandten des Seneschalls Adalhard, die 861 wie er die Feindschaft Ludwigs des Deutschen zu spüren bekommen und durch Adalhard bedeutende Funktionen im Westreich erhalten, die Namen Berengar und Uodo (= Kurzform der Namen der Aud-gruppe, Audacher, Audoin. entspricht "Otto") tragen, also zwei auch im Namengut der UNRUOCHINGER vorkommende Namen [9 Annales Bertiani, hrsg. von Grat-Vielliard-Clemencet-Levillain, Paris 1964; Seite 85 und 124, hrsg. von Waitz, MG SS rer. Germ., 1883, Seite 55 und 80.].
Andererseits habe ich schon an anderer Stelle auf die Verbindung jenes Abtes Audacher von Cormery mit Mainz und seinem Adel hingewiesen. Der Abt nahm sich nämlich, wie wir aus den Briefen des Lupus von Ferrieres wissen, zweier Mönche aus Fulda an und gewährte ihnen ein Darlehen. Deren Aufenthalt im Westreich ist aber in Zusammenhang zu sehen mit dem Tod es bei Angouleme 844 gefallenen Grafen Hraban. Dieser Hraban, der wie ich zeigte, zusammen mit Robert dem Tapferen das Rheingebiet verließ und mit ih zusammen in Reimser Kirchenbesitz nachgewiesen werden kann, war engster Verwandter des großen Hrabanaus Maurus, den wir als Sohn des Mainzer Großen Waldramnus (= Wald-rhabanus) und der Waldrada kennen. Eben jene Waldrada aber war, durch ihre Mutter Geilrata, Enkelin des Mainzer Großen Odacar/Audachar, der mit unserem Abt von Cormery gleichen Namens ist [10 Werner (wie Anm. 7) 19, 1959, Seite 160f., nebst Anm. 60,61,62.Zu Waldrad und ihrer Mutter Geilrata vgl. Urkundenbuch des Klosters Fulda, hrsg. von E.E. Stengel, 1,1, Marburg 1958, Nr. 177,178,190,279 und Register.].
Interessieren die Beziehungen des Audacher von Cormery zum Mainzer Adel hier nur am Rande, so sind sie doch der Anstoß gewesen, das dortige Namensgut zu überprüfen auf Beziehungen zu den UNRUOCHINGERN. Dabei zeigte sich sehr bald, daß wir deren Namensgut unter den Mainzer Großen fast vollständig begegnen. Der erwähnte Otachar schenkte Fulda gemeinsam mit einen Oudalcharius, einem Mane also der den gleichen Namen Adalchar/Altchar/Alcherius trägt, von dem wir ausgegangen waren: Diese Namensgruppe begegnet uns nach Alemannien und Cormery jetzt auch in Mainz, und dort zuerst [11 Stengel (wie Anm. 10), Nr. 193.]. 785/94 ist Otachar, inzwischen Mönch geworden, erster Zeuge in der Schenkung eines Bernachar, in der dieser den Anteil seines Vaters, des Grafen Eburachar, an die St.- Martins-Kirche in Wackernheim schenkt, in einem Ort, in dem auch Otachar und Adalbert begütert sind und in dem Bernachar und sein Bruder Theudacher, die Söhne Ebrachars, als Grundstücksnachbarn erscheinen [12 Stengel, Nr. 182. Daß Eburacher Graf war, ergibt sich ebd. Nr. 210.]. Endlich schenken 802 die Geschwister Liutswind und Adalbert für das Seelenheil dieses Bernachar, der inzwischen in der Namensform Bernharius erscheint [13 Stengel, Nr. 284.].
Die Lösung wir derst offenkundig, wenn man sich klarmacht, daß Bernacharius/Bernharius derselbe Name wie Beren-charius/Berengar ist, ja, daß nur die abweichende Schreibung der späteren karolingischen Periode die Ursache dafür ist, daß wir im 9. Jahrhundert so viele Berengare im Hochadel antreffen, im 8. Jahrhundert dagegen nicht. Das Namensgut der "UNRUOCHINGER" erscheint damit ekennzeichnet durch die Verbindung der Namensteile Bern-, Adal- und Eber- einerseits mit den Namensteilen -charius/gar und -hard andererseits. Die Leitnamen sind demnach Adalgar (Alatgar), Berengar, Eberchar, Bernhard, Adalhard, Eberhard.
Der fast lückenlose Nachweis des UNRUOCHINGER-Namensgutes in einer zusammengehörenden Gruppe der Mainzer Großen, die damit als "unruochingisch" gesichert ist, läßt sich abrunden, wenn wir von dem Namen des Unrocus ausgehen, der dem Haus für die moderne Forschung den Namen gab [13a Ein in Ostfranken begüterter Unruoch begegnet 837 in einer Urkude LUDWIGS DES FROMMEN, ein gleichnamiger Mönch 844 in S. Bertin, Hirsch Seite 34 und MG. SS. 13, Seite 618 ]. Hun- und bruoc sind die zugrunde liegenden Namensteile. Auf das Vorkommen sehr alter Adelsnamen (6.-8. Jahrhundert) mit den Formen Rocco, Hrocco, Hroccolenus haben wir schon früher hingewiesen [14 Oben Seite 118.]. In der Zeit des Unrocus selbst begegnet (817) ein Graf Hruoculfus von Tournai. Er ist gearde in dem Gebiet Graf, in dem sich die flämischen Besitzungen des UNRUOCHINGER-Hauses befinden [15 Diplom LUDWIGS DES FROMMEN, Recueil des Historiens de France 6, Seite 74. Der Zusammenhang weist den comes Hruoculfus klar als Graf in der Civitas Tournai aus. Zum dortigen Besitz der UNRUOCHINGER vor allem Grierson (wie Anm 2).]. Nun schenkt in einer Fuldaer Urkunde von 796 ein Adalhart sein ganzes Erbgut in Dienheim mit 38 Unfreien an Fulda. Unter den zeugen steht neben + Bernheri, jenem Bernharius/Berengar, den wir schon als UNRUOCHINGER kennen, + Hroccholf [16 Stengel, Nr. 237.].
Ebenso wie die ROBERTINER, die KONRADINER und die HATTONEN gehören also auch die UNRUOCHINGER zu jenen fränkischen Adelshäusern, de wir auch und gerade in Mainz ud im mittelrheinischen Raume nachweisen können und die in der Verwaltung der östlichen Gebiete des Frankrenreichs, unter ihnen gerade auch Alemanniens, eine bedeutende Rolle gespielt haben. Vom Namensgut der Geschlechts bleibt nur noch die Einrodnung des Namensteils Hun- für Hunruocus/Unrocus offen. Man wird hier erinnert an Hunfred/Hunfrid, jenen Großen, dem Rätien übertragen wurde, als die KAROLINGER es der bis dahin herrschenden Präses/Bischofsdynastie der VICTORIDEN wegnahmen. Nach ihm benennt die Forschung die HUNDRIDINGER, in deren Namensgut, zweifellos durch vornehme Einheirat, der Leitname Burchard eindrang und die bekanntlich das "Herzogtum Schwaben", jenes im 9. Jahrhundert aus den drei merowingischen Dukaten Rätien, Alemannien und Elsaß zusammengefügte regnum, im 10. Jahrhundert an sich brachten [17 Zu den HUNFRIDINGERN, vgl. Tellenbach (wie Anm. 3), Seite 55f.]. Wie die UNRUOCHINGER haben auch die HUNFRIDINGER einen Präfekten der südgallischen Markenverwaltung gestellt, wie sie haben sie honres und Besitz in Aleannien (Thurgau), und als Beziehung im Bereich der Namen bieten sich die Adal-Udal-Namen der HUNFRIDINGER an [18 Tellenbach ebd. zu "Markgraf Hunfrid von Toulouse", der in den 40-er Jahren des 9. Jahrhunderts im Besitz von Toulouse erscheint, das bis 837 dem UNRUOCHINGER Berengar gehört hatte! Ebd. auch Diskussion der Träger der Leitnamen Adalbert und Odolricus/Ulrich, von denen der letztere auf die UDALRICHINGER/GEROLDE weist. Zum Eindringen des Namens Burchard beachte, das Unrocus in seinen beiden Nennungen zur Zeit KARLS DES GROSSEN neben Burchardus, dem comes stabuli KARLS, steht (siehe oben Anm. 1.)]. Es ist dies nur eine Möglichkeit, der nachgegangen werden sollte. Trifft sie zu, so bestätigt sie die Verflechtung von Familien, die wir oft zufällig nach einem bestimmten Namensträger trennen.
Als gesichertes Ergebnis können wir jedoch festhalten, daß zu den nordfranzösischen, flämischen und italienischen Nachweisen der UNRUOCHINGER durch Tellenbach solche aus Alemannien, durch die hier gegebenen Ausführungen solche aus der Touraine und dem Mainzer Raum getreten sind. Zugleich wurde gezeigt, daß der "Alemanne" Alpger/Altger, bei dessen Zuweisung zum Mannesstamm der UNRUOCHINGER Tellenbach noch zögern mußte, mit dem Leitnamen seines Vaters und Bruders, Audacher, in das geschlossene Namengut des UNRUOCHINGER-Hauses, wie es sich am vollständigsten im Bereich der Mainter Großen nachweisen läßt, hineingehört. Der Nachweis des UNRUOCHINGERS Hruoculfus in Tournai und eines Verwandten Hroccolf in Mainz läßt schließlich darauf aufmerksam werden, daß eine Variante von Audacher/Autger und Hrruoculfus/Audulfus/Otulf wäre: Der Seneschall KARL DES GROSSEN dieses Namens, der einen Feldzug gegen die Bretonen befehligte und dann Präfekt in Bayern wurde, nachdem er zuvor als Graf im Taubergau nachweisbar war, könnte also in Beziehung zu unserem Geschlecht gebracht werden [19 Vgl. zu Audulf H. Schreibmüller, Audulf, der frühest bezeugte Graf im Taubergau (Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 3, 1951), Seite 53-69. Vgl. o. Anm. 1: Otulf und Unruocus, zwischen ihren Graf Stephan von Paris aus dem Haus des Seneschalls Adalhard.]. Die Spannweite eines eng mit den KAROLINGERN verküpften Adelshauses wird in unseren Ermittlungen deutlich. Ohne daß hier noch den Vorstufen des Namensgutes in der Zeit vor KARL DEM GROSSEN nachgegangen werden müßte, wird einleuchten, daß die Größe dieses Hauses nicht erst mit Unrucos noch etwa mit der Ehe Eberhards von Friaul mit der Tochter LUDWIGS DES FROMMEN begann.