823.
Im Monat Mai wurde ebendaselbst wieder ein Reichstag
gehalten, zu dem jedoch nicht alle fränkischen Großen, sondern
die aus Ostfranken, Sachsen, Baiern, Alamannien, dem daran grenzenden
Burgund und den Rheingegenden berufen wurden. Unter andern Gesandtschaften
der Barbaren, die freiwillig oder auf Befehl kamen, erschienen auch zwei
Brüder, die Könige der Wiltzen, mit Namen Milegast und
Cealadrag, vor dem Kaiser, um den Streit, den sie mit einander über
die Herrschaft führten, vorzubringen. Sie waren Söhne des Wiltzenkönigs
Liubi, der, obwohl er das Reich mit seinen Brüdern getheilt hatte,
doch als der älteste die Herrschaft allein führte. Als er in
einer Schlacht gegen die östlichen Abodriten gefallen war, setzte
sich das Volk der Wiltzen seinen Sohn Milegast als den ältesten zum
König; weil er jedoch die ihm nach Volksbrauch übertragene Herrschaft
unwürdig führte, setzten sie ihn ab und verliehen seinem jüngeren
Bruder die Königswürde. Und darum erschienen nun beide vor dem
Kaiser. Als dieser sie angehört und erkannt hatte, daß die Neigung
des Volkes sich mehr dem jüngern Bruder zugewendet hatte, bestimmte
er, daß dieser die ihm vom Volk übertragene Herrschaft führen
solle, ehrte jedoch beide durch Geschenke und entließ sie, nachdem
sie sich einander eidlich Frieden gelobt hatten, wieder in ihre Heimath
zurück.
Auch der Abodritenfürst Ceadrag wurde auf diesem
Reichstag vor dem Kaiser verklagt, daß er sich gegen die Franken
nicht treu verhalte und schon lange es versäumt habe, vor dem Kaiser
zu erscheinen; es wurden daher einige Gesandte an ihn abgeordnet, mit denen
er dann wieder einige Große seines Volks an den Kaiser zurücksandte
und durch sie das Versprechen gab, im nächsten Winter vor ihm zu erscheinen.
Hlothar aber, der
nach dem Befehl seines Vaters in Italien Recht sprach, begab sich, als
er bereits aus Italien zurückkehren wollte, auf die Einladung des
Papstes Paschalis nach Rom, wurde ehrenvoll von ihm empfangen und
erhielt am heiligen Ostertag in St. Peter die Krone des Reichs und den
Namen Kaiser und Augustus. Von da kehrte er nach Papia zurück und
war im Monat Juni wieder bei dem Kaiser. Nachdem er diesem von den theils
getroffenenen, theils eingeleiteten Anordnungen Rechenschaft abgelegt hatte,
wurde der Pfalzgraf Adalhard nach Italien geschickt und ihm aufgetragen,
in Gemeinschaft mit dem Grafen Mauring von Brixia für die Durchführung
der eingeleiteten Anordnungen zu sorgen. Seinen Bruder Drogo,
der nach kanonischer Regel lebte, machte er nach dem Willen und der Wahl
der Geistlichkeit in der Stadt zum Vorstand der Metzer Kirche und hielt
ihn für würdig, die Bischofsweihe zu erhalten.
Auf diesem Reichstag wurde Zeit und Ort für die
Abhaltung des nächsten festgesetzt und er auf den Monat November nach
dem Palast zu Compendium ausgeschrieben. Als die Versammlung zu Ende, die
Großen entlassen waren und auch der Kaiser schon abreisen wollte,
erhielt er die Nachricht von dem Tode des Liudewit, der von den Soraben
weg sich nach Dalmatien zu Liudemuhsl, dem Oheim des Herzogs Borna begeben
hatte, und hier durch dessen Hinterlist nach kurzem Aufenthalt ermordet
wurde. Auch kam die Nachricht, daß Theodorus, der Primicerius der
heiligen römischen Kirche, und sein Eidam, der Nomenclator Leo, im
Lateran zuerst geblendet, dann enthauptet worden, und das sei ihnen darum
widerfahren, weil sie in allen Stücken treu zu dem jungen Kaiser
Hlothar gehalten hätten. Einige wollten auch wissen, es
sei auf Geheiß oder den Rath des Papstes Paschalis geschehen.
Um nun die Sache zu erforschen und genau zu untersuchen wurden Adalung,
der Abt des Klosters St. Vedasti, und der Graf Hunfrid von Chur abgesandt.
Sie waren aber noch nicht abgereist, als der Bischof Johannes von
Silvacandida und Benedikt, der Archidiakonus des heiligen Stuhls, als Gesandte
des Papstes Paschalis ankamen und den Kaiser baten, die üble
Nachrede von dem Papst zu nehmen, als sei die Tödtung jener Männer
mit seinem Willen geschehen. Nachdem er ihnen eine angemessene Antwort
ertheilt und sie wieder entlassen hatte, schickte er der früheren
Anordnung gemäß seine beiden Gesandten zur Erforschung der Wahrheit
nach Rom ab. Er selbst brachte den Rest des Sommers in der Gegend von Worms,
hierauf in den Ardennen zu, und war dann nach dem Ende der Herbstjagd,
wie er es bestimmt hatte, am ersten November in Compendium. Die Gesandten
kamen nach Rom, konnten aber zu keiner Gewißheit über die Sache
gelangen, weil der Papst Paschalis mit einer großen Anzahl
Bischöfe sich von dem Verdacht einer Betheiligung an der That durch
einen Eid reinigte, die Thäter, weil sie Dienstleute des heiligen
Petrus waren, aufs entschiedendste in Schutz nahm, die Getödteten
aber der Majestätsbeleidigung beschuldigte und erklärte, es sei
ihnen mit ihrer Hinrichtung Recht geschehen. Er schickte darum mit
den beiden kaiserlichen Gesandten den Bischof Johannes von Silvacandida,
den Bibliothekar Sergius, den Subdiakonus Quirinus und den Kriegsobersten
Leo an den Kaiser ab. Als dem sowohl durch diese als durch seine eigenen
Gesandten von dem Eid des Papstes und der Entschuldigung der Angeklagten
berichtet ward, glaubte er nichts weiter in dieser Sache thun zu
können, und schickte den Bischof Johannes und seine Begleiter mit
einer angemessenen Antwort wieder zurück.
Der Abodritenfürst Ceadrag blieb seinem Versprechen
getreu und kam mit einigen Großen seines Volks nach Compendium, wo
er sich wegen seines langjährigen Ausbleibens genügend vor dem
Kaiser rechtfertigte. Obgleich er nun in andern Beziehungen schuldig erschien,
so ward ihm mit Rücksicht auf die Verdienste seiner Vorfahren nicht
allein verziehen, sondern er durfte auch reich beschenkt in sein Land zurückkehren.
Aus dem Nordmannenland war Hariold gekommen und flehte
um Hülfe gegen die Söhne Godofrids, die ihn aus dem Land zu jagen
drohten. Um diese Sache genauer zu untersuchen, wurden die Grafen Theothar
und Hruodmund an die Söhne Godofrids abgesandt. Diese zogen dem Hariold
voraus, verschafften sich von der Sache der Söhne Godofrids und dem
Zustand des ganzen Nordmannenreichs genaue Kenntniß und theilten
dem Kaiser alles mit, was sie in jenen Gegenden hatten erkunden können.
Mit ihnen kehrte der Erzbischof Ebo von Remi wieder zurück,
der nach dem Rath des Kaisers und aus Vollmacht des Papstes nach dem Lande
der Dänen gezogen war, um das Evangelium zu predigen und im verflossenen
Sommer viele von ihnen bekehrt und getauft hatte.
Von diesem Jahre werden mehrere außerordentliche
Vorfälle berichtet: die bedeutsamsten darunter waren ein Erdbeben
im Palast zu Aachen und im Dorf Commerciacum im Gebiet von Tull ein
Mädchen von etwa zwölf Jahren, das zehn Monate lang sich jeder
Nahrung enthielt. In Sachsen wurden im Gau Firihsazi dreiundzwanzig Dörfervom
Blitz getroffen und in Brand gesteckt, und es blitzte bei Tage und heiterem
Himmel. In vielen Gegenden wurden die Früchte vom Hagel zerstört,
an etlichen Orten sah man sogar wirkliche Steine von ungemeiner Schwere
mit dem Hagel herabfallen. Auch in Häuser schlug der Blitz ein und
Menschen und Thiere wurden von ihm in ungewöhnlicher Anzahl getroffen.
Darauf folgte eine tödliche Pest, die allenthalben im ganzen Frankenlande
fürchterlich wüthete und eine zahllose Menge Menschen von jedem
Alter und Geschlecht hinwegraffte.
824.
Der Bulgarenkönig Omortag
schickte um einen Frieden abzuschließen Gesandte mit Briefen an den
Kaiser ab. Nachdem dieser sie empfangen und ihre Briefe gelesen hatte,
schickte er durch die Neuheit der Sache mit Recht dazu bewogen, um die
Ursache dieser ungewöhnlichen und nie zuvor in Frankreich gesehenen
Gesandtschaft genauer zu erkunden, einen gewissen Machelm aus Baiern
mit jenen Gesandten an den Bulgarenkönig ab.
Inzwischen war ein strenger und sehr langer Winter, in
dem nicht allein viele Thiere, sondern auch manche Menschen erfroren. Am
fünften März war in der zweiten Stunde der Nacht eine Mondfinsterniß.
Aus Spoletum kam die Kunde von dem Tod des Herzogs
Suppo. Die päpstlichen Gesandten fanden bei ihrer Rückkehr
nach Rom den Papst schwer erkrankt und schon dem Tode nahe und wenige Tage
nach ihrer Ankunft schied er aus dieser Welt. Die Wahl seines Nachfolgers
fiel, da sich unter dem Volk Streit darüber erhob, auf zwei, Eugenius
jedoch, der Erzpriester von St. Sabina, wurde von der Partei des Adels
durchgesetzt und empfing die Weihe. Nachdem der Kaiser die Nachricht
hievon durch den Subdiakonus Quirinus, einen aus der letzten Gesandtschaft,
empfangen und den auf den 24sten Juni ungefähr nach Compendium anberaumten
Reichstag gehaltenhatte, beschloß er, da er selbst einen Heereszug
gegen Brittanien zu unternehmen beabsichtigte, seinen Sohn und Mitkaiser
Hlothar nach Rom zu schicken, um an
seiner Statt das, was die Lage der Dinge zu erfordern schien, mit dem neuen
Papst und dem römischen Volk zu verabreden und festzusetzen. Um diesem
Auftrag nachzukommen reiste Hlothar in
der zweiten Hälfte des August nach Italien, der Kaiser aber verschob,
weil noch immer eine schwere Hungersnoth herrschte, die gegen Brittanien
beschlossene Unternehmung bis zum Anfang des Herbstes; dann erst zog er
von allen Seiten Truppen zusammen und führte sie nach der an der Grenze
von Brittanien gelegenen Stadt Redonä; hier theilte er sein Heer,
übergab zwei Abtheilungen seinen Söhnen Pippin
und Hludowich, rückte mit der
dritten selbst in Brittanien ein und verwüstete das ganze Land mit
Feuer und Schwert. Nachdem er vierzig Tage oder darüber auf diesem
Feldzug zugebracht und die Geißeln in Empfang genommen hatte, welche
er dem treulosen Volk der Brittonen zu stellen befohlen, kehrte er am siebzehnten
November nach der Stadt Ratumagus zurück, wo ihn seine Gemahlin
erwarten sollte. Dahin hatte er auch die Gesandten des Kaisers
Michael beschieden. Mit diesen war Fortunatus, der Patriarch
von Venedig, zurückgekommen und erschien vor dem Kaiser. Die kaiserlichen
Gesandten aber überbrachten Briefe und Geschenke und erklärten
zur Befestigung des Friedens gekommen zu sein; zu Gunsten des Fortunatus
sprachen sie nicht. Unter anderem aber, was ihnen aufgetragen war, brachten
sie auch einiges hinsichtlich des Bilderdienstes vor, weshalb sie, wie
sie sagten, auch noch nach Rom gehen und den Papst zu Rathe ziehen. Nachdem
der Kaiser ihre Botschaft angehört und beantwortet hatte, ließ
er sie, wie sie es verlangten, nach Rom geleiten. Den Fortunatus zog er
wegen seiner Flucht zur Rechenschaft und schickte ihn dann zu weiterer
Untersuchung gleichfalls an den Papst. Er selbst aber begab sich nach Aachen,
wo er den Winter zubringen wollte. Als er hier angekommen war und Weihnachten
gefeiert hatte, erhielt er die Nachricht, daß Gesandte des Bulgarenkönigs
in Baiern seien. Er schickte ihnen sogleich Boten entgegen und hieß
sie bis auf eine passende Zeit daselbst warten. Seitens der Abodriten aber,
welche den Namen Prädenecenter führen und in der Nachbarschaft
der Bulgaren das an der Donau gelegene Dacien bewohnen, ward ebenfalls
die Ankunft einer Gesandtschaft angemeldet und diese ließ er gleich
vor sich kommen. Als diese über die Feindseligkeiten der Bulgaren
Klage führten und sich Hülfe gegen sie erbaten, befahl er ihnen
heimzukehren und in der den bulgarischen Gesandten anberaumten Frist wieder
zu kommen.
Da wie schon erwähnt Suppo von Spoletum gestorben
war, erhielt Pfalzgraf Adalhard der jüngere sein Herzogthum, erlag
aber dem Fieber, nachdem er kaum fünf Monate sein Amt bekleidet hatte.
Der Graf Moring von Brixia, der nun zu seinem Nachfolger bestimmt
wurde, lag, als er die Nachricht von der auf ihn gefallenen Wahl erhielt,
krank darnieder und schloß schon wenige Tage darauf sein Leben.
Die Grafen Aeblus und Asinarius, die an der Spitze waskonischer
Truppen nach Pampilona abgeschickt worden waren, wurden, als sie nach Vollführung
des ihnen gewordenen Auftrags heimzogen, im Pirineengebirge von den
treulosen Bergbewohnern in einen Hinterhalt gelockt, eingeschlossen und
gefangen genommen. Die Truppen, welche sie anführten, wurden fast
bis auf den letzten Mann aufgerieben, Aeblus selbst nach Corduba geschickt,
Asinarius aber von denen, welche ihn gefangen genommen hatten, als Blutsverwandter
geschont und ihm nach Hause zurückzukehren gestattet.
Hlothar zog dem Befehl
seines Vaters gemäß nach Rom, wo er vom Papst Eugen ehrenvoll
empfangen wurde. Er eröffnete ihm den Zweck seines Kommens und brachte
mit seinem wohlmeinenden Beistand die schon seit längerer Zeit
durch das verkehrte Benehmen mehrerer Päpste in große Verwirrung
gerathenen römischen Zustände wieder so in Ordnung, daß
alle, welche durch den Verlust ihres Vermögens in große Noth
gekommen waren, durch die Rückgabe desselben, die er bei seiner Ankunft
mit Gottes Gnade ihnen verschaffte, erfreut und befriedigt wurden.
In diesem Jahre fiel, wie erzählt wird, wenige Tage
vor der Sommer-Sonnenwende im Gebiet von Augustodunum bei einem Sturm,
der sich plötzlich erhob, unter dem Hagel ein ungeheures Stück
Eis herab, das fünfzehn Fuß lang, zehn breit und zwei dick gewesen
sein soll.