Kaiser
LUDWIG II. hatte sich seit Beginn seiner Heerfahrt gegen
die Sarazenen im Frühjahr 866 nicht mehr aus Mezzogiorno fortbewegt;
er war fest entschlossen, die S-Italien- und Sarazenenfrage mit einem "Endsieg"
zu lösen, und sprach schon von "unserem Beneventanischen Reich". Im
Februar 871 war ihm schließlich die Einnahme Baris gelungen. Nur
noch an kleinen Plätzen hielten sich verstreut die Sarazenenreste.
Pläne zur Vertreibung der Sarazenen aus Sizilien wurden bereits geschmiedet.
LUDWIG II. stand auf der Höhe
seiner Erfolge. Die süditalienischen Kleinfürsten von Benevent,
Salerno, Neapel usw. begannen deshalb zu fürchten, daß ihre
Eigenstaatlichkeit mit der Sarazenengefahr ein jähes Ende finden könnte.
Mißtrauen gegenüber den kaiserlichen Zukunftsplänen keimte
auf. Verdacht und Beschuldigungen richteten sich vornehmlich gegen die
Kaiserin Angilberga, die in den letzten
Jahren in rigorosem Besitzstreben eine ganze Serie von Schenkungen
in Ober- und Mittelitalien von ihrem Gemahl zugesprochen bekommen hatte
[Vgl. BM² nr. 1183 (Morgengabe von 860, nicht 851; zur Datierung vgl.
G. v. Pölnitz-Kehr [wie Anm. 95] Seite 433), und dann ab 864 nrn.:
1226,1227,1235,1236,1240,1241,1244,1245. Interessant ist dabei, daß
LUDWIG II. die letzten vier Schenkungen
schon durch "die Zustimmung der Großen" absichern ließ, was
anzeigt, daß mit Widerständen gegen die Verwirklichung gerechnet
wurde. Dazu vgl. auch J. Fischer, Königtum (wie Anm. 75) Seite 37.]
und die auf die Entscheidungen des Kaisers zusehends Einfluß gewann
[Sie wird zum Beispiel in die Behandlung der Eheangelegenheit
Lothars
II. eingeschaltet, vgl. BM² nr. 1222 i, 1241 b; sie wird
auch 871 nach Ravenna zur Vorbereitung der Reichsversammlung und zur Vorverhandlung
mit den Großen vorausgesandt, vgl. BM² nr. 1251 d. Nach dem
Chron. Salernit. c. 109, MG SS III Seite 527, soll vor allem sie die Beneventaner
gequält bzw. verfolgt haben, was von Erchempert, Hist. c. 34, Seite
247, allgemein den Galli angelastet wird. Bei der Gefangensetzung durch
Adelgis soll LUDWIG II. sie zornig
vieler Ungerechtigkeiten beschuldigt haben. Symptomatisch für die
offenbar Angilberga anzulastenden Mißgriffe
ist vor allem die Entladung der Spannungen 872 gleich nach der Eidlösung
des Kaisers durch den Papst und seiner Neukrönung.]. Der Herzog Adelgis
von Benevent, den Angilberga - wie
gemunkelt wurde - ins Exil schicken lassen wollte, handelte daraufhin als
erster. Er setzte in nächtlicher Aktion den gerade bei ihm weilenden
Kaiser
LUDWIG samt seiner Familie und Begleitmannschaft am 13. August
871 gefangen. Erst nachdem
LUDWIG,
seine Frau und sein Gefolge geschworen hatten, niemals diese Aktion zu
rächen und nie wieder in feindlicher Absicht beneventanischen Boden
zu betreten, durften sie (am 17. September 871) abziehen.