Jahrbücher von St. Bertin:
*********************
in: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte Band VI
 

Das Jahr 882.

 
Hier erhielt er die Nachricht, daß sein Vetter Hludowich, Sohn Hludowichs, des Königs der Deutschen, nach einem Leben ohne Gewinn für sich, für die Kirche und das Reich, gestorben war. Die Großen aber aus dem Theil des Reiches, welches Hludowich zur Abfindung gegeben worden war, damit er den Brüdern Hludowich und Karlmann die Länder zugestände, welche ihr Vater und Großvater besessen hatten, kamen zu Hludowich, um sich seiner Huld zu empfehlen; auf den Rath seiner Großen aber nahm er dieselben wegen der Eide, welche zwischen ihm und Karl geschworen worden waren, nicht in seine Huld auf, sondern entsandte nur einen Heerhaufen unter dem Befehl des Grafen Theoderich, angeblich um ihnen gegen die Nortmannen Hülfe zu leisten. Er selbst aber begab sich über die Sequana in der Absicht, die Fürsten der Brittonen zu empfangen und gegen die Nortmannen zu Felde zu ziehen, und kam bis Turonis. Hier erkrankt, wurde er in einer Sänfte nach dem Kloster des heiligen Dionysius gebracht, wo er im Monat August starb und begraben wurde.
 
Die Großen des Reichs aber schickten schleunige Botschaft an Karlmann und ließen ihn auffordern, daß er, unter Zurücklassung von Mannschaft, um Vienna zu belagern und Boso's  Empörung niederzuhalten, selbst so schnell als möglich zu ihnen kommen möge, da sie bereit ständen, gegen die Nortmannen zum Kampf zu ziehen. Denn diese hätten die Städte Colonia und Treveris mit den naheliegenden Klöstern, sowie das Kloster des heiligen Landbert in Leudica, Pronia und Inda, auch  die Pfalz zu Achen, ferner alle Kloster der Sprengel von Tungri, Atrebate, Cameracus und zum Theil vom Remer Sprengel in seinem Reiche, auch mit dem Castell Mosomagus verbrannt; den Bischof von Mettis, Wala, der gegen die heilige Vorschrift und wider seine bischöfliche Würde die Waffen trug  und in den Kampf gezogen war, getödtet und seine Mannschaft in die Flucht getrieben. Sie selbst aber wären bereit, ihn zu empfangen und sich seiner Huld zu empfehlen, wie sie denn auch thaten. Während er aber auf diesem Feldzug weilte, erhielt er im Monat September die sichere Nachricht, daß Vienna erobert worden und Richard, der Bruder Boso's, die Gemahlin und Tochter des Boso nach seiner Grafschaft Augustudunum gebracht habe. Um dieselbe Zeit verließen auch Asting und seine nortmannischen Genossen den Fluß Liger und suchten die  Meeresküsten heim.
 
Karl aber, dem Namen nach Kaiser, zog mit einem großen Heere gegen die Nortmannen und gelangte bis an ihre Veste; da aber sank ihm das Herz und durch Vermittelung mehrerer erlangte er, daß Gotafrid sich gütlich dazu verstand, mit den Seinigen sich taufen zu lassen und Frisien, so wie die anderen Güter, welche Rorich besessen hatte, zu Lehen zu nehmen. Auch gab er dem Sigefrid und Vurm nebst ihren Genossen mehrere tausend Pfund Silber und Gold, welche er aus dem Schatz des heiligen Stephanus zu Mettis und den Kirchen anderer Heiligen entnommen hatte, und ließ zu, daß sie auch ferner hier blieben, um, wie sie vorher gethan, diesen Theil von seinem Reiche, sowie vom Reich seines Vetters zu verwüsten und auszuplündern. Dem Hugo aber, dem Sohn des jüngeren Hlothar, verlieher zur Nutznießung die geistlichen Einkünfte des Mettenser Bisthums, welche nach der Vorschrift der heiligen Canones für den künftigen Nachfolger aufbewahrt  werden sollen. Von hier schickte der Kaiser auch die Engilberga, die Gemahlin Hludowichs, des Königs von Italien, welche er nach Alemannien mit fortgeführt hatte, durch Leudoard, Bischof von Vercelli, auf Bitten des Papstes Johannes nach Rom zurück. Dann begab er sich von den Nortmannen fort nach Warmatia, um daselbst zum 1. November die Reichsversammlung zu halten. Zu diesem Reichstag kam mit mehreren Genossen der Abt Hugo und ging Karl an, daß er den Theil des Reichs, welchen sein Bruder Hludowich als Abstand erhalten hatte, dem Karlmann, wie Karl selbst früher versprochen  hatte, wiedergeben möchte. Hierauf konnte er keinen bestimmten Bescheid erlangen; seine Abwesenheit aber verursachte in diesem Reiche den größten Schaden, da Karlmann keine Mannschaften hatte, mit denen er den Nortmannen hätte widerstehen können, indem mehrere Große des Reichs ihn mit ihrer Hülfe völlig  im Stich ließen. In Folge dessen drangen die Nortmannen bis zum Castell Laudunum, wo sie alles in dem Umkreis des Castells verwüsteten und verbrannten, und beschlossen darauf, nach Remi zu gehen, von wo sie über Suessiones und Noviomagus zu diesem Castell zurückkehren wollten, um es zu erobern und das Reich sich zu unterwerfen. Als hiervon Bischof Hinkmar sichere Kunde erhielt, aus dessen Bisthum die Lehnsleute bei Karlmann waren, flüchtete er in der Nacht mit den  Gebeinen des heiligen Remigius und den Schätzen der Remenser Kirche, indem er sich, wie die Schwäche seines Körpers nöthig machte, in einer Sänfte tragen ließ, und gelangte, während die Kanoniker und Mönche und Nonnen nach allen Seiten hin flüchtig sich zerstreuten, mit Mühe sich rettend über die Matrona nach einem Dorf, das Sparnacus heißt. Eine Schaar Nortmannen aber, dem großen Haufen voraneilend, kam bis zum Thor von Remum, verwüstete alles, was sie außerhalb der Stadt fand, und verbrannte einige kleine Ortschaften; die  Stadt selbst jedoch, welche weder Mauern noch Menschenhände schützten, behüteten Gottes Macht und der Heiligen Verdienste, daß die Nortmannen nicht in dieselbe eindrangen. Als Karlmann von diesem Raubzuge der Nortmannen Nachricht erhielt, zog er mit so viel Mannschaft, als er sammeln konnte, gegen sie und griff sie an; und ein großer Theil von denen, welche die Beute führten, fiel im Kampf, viele andere aber kamen in der Axona um; vor allem jedoch entriß er auch denen, welche nach Remum gegangen waren, als sie zu ihren Genossen zurückkehren wollten, ihre Beute. Der größere und stärkere Theil der Nortmannen aber setzte sich in einem Orte, welcher Avallis heißt, fest, wo ihn die, welche mit Karlmann waren,  nicht ohne Gefahr für sich angreifen konnten; sie zogen sich daher gegen Abend langsam zurück und nahmen in den nahegelegenen Ortschaften Quartier. Sobald aber der Mond aufgegangen war, verließen die Nortmannen jenen Ort, und kehrten auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, zurück.