Störmer Wilhelm: Seite 165-175
***************
"Adelsgruppen im
Früh-
und hochmittelalterlichen Bayern."
V. Zu den Grafen von Ebersberg
Selten läßt sich so deutlich wie am Beispiel der Grafen von
Ebersberg [1 Eine dem modernen Forschungsstand entsprechende
Untersuchung über die Grafen von Ebersberg fehlt leider noch, ist
aber
bereits in K. Bosls Schule in Arbeit. Folgende Literatur zu diesem
Geschlecht ist anzuführen:
Trotter, Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte
Innerösterreichs I.
Die Grafen von Ebersberg und die Ahnen der Grafen von Götz (1929)
5-17;
Tyroller, Die Grafen von Ebersberg (Kühbach). In: Genealogie des
altbayerischen Adels im Hochmittelalter, 62-70; M. Mitterauer,
Karolingische
Markgrafen 212 ff.; Prinz, Bayerns Adel im Hochmittelalter 64 f.;
Gewin, Herkunft und Geschichte führender
bayerisch-österreichischer
Geschlechter 35 ff. Dieses Buch ist sehr kritisch zu behandeln. Zur
Bedeutung der Grafen von Ebersberg für die
Südost-Kolonisation
der
OTTONEN-Zeit
siehe neben Mitterauer besonders Lechner, Besiedlungs- und
Herrschaftsgeschichte des Waldviertels 36 ff. Zum Besitz der Grafen von
Ebersberg verweise ich auf meine Karte im Anhang. Zum folgenden vgl.
auch Patze, Adel und Stifterchronik 1 66 f.] die
Entwicklung einer frühmittelalterlichen Adelsfamilie und deren
Geschlechts- und Prestigebewußtsein verfolgen. Das liegt nicht
nur daran, daß die EBERSBERGER
neben den LUITPOLDINGERN, die
aber nur kürzere Zeit auftraten, das mächtigste
Adelsgeschlecht des 10./11. Jahrhunderts im altbayerischen Raume waren,
das ein beachtliches Gebiet politisch überherrschen konnte. Unsere
verhältnismäßig gute Kenntnis der Struktur dieses
Geschlechts und seiner Herrschaft liegt vor allem in der Tatsache
begründet, daß das älteste Hauskloster der EBERSBERGER kurz nach deren
Aussterben das Bewußtsein von der historischen Rolle seines
Gründergeschlechts überliefert hat. Dieses EBERSBERGER
Geschlechtsbewußtsein reichte in der Vorstellung der dankbaren
Mönche des Hausklosters bis in das endende 9. Jahrhundert
zurück und machte Sighard,
den Verwandten Kaiser ARNULFS, zum Spitzenahnen der EBERSBERGER.
Das Freisinger Urkundenmaterial läßt freilich noch eine
ältere Schicht des später nach Ebersberg benannten
Geschlechts erkennen. Der in Bayern erstmals
faßbare Vorfahre der
im 10. Jahrhundert als selbstbewußtes Geschlecht mit
königlicher Verwandtschaft sich ausprägenden Familie
ist Graf
Ratolt. Der nobilis Ratolt,
der 839 in Daglfing (München) eine
Seelgerätstiftung an die Bischofskirche Freising macht [2 Trad.
Freis. nr. 634. Über Ratolds
Sippe vgl. Neumann, Volksordnung 248.] erscheint
geradezu als Prototyp aristokratischer Lebensart und adeligen
Herrenbewußtseins. Er verfügt über fideles, also eine
Vasallenschar; sein Sohn Chunihoh
ist episcopus
außerhalb
Bayerns. Zur Schenkung - es handelt sich um Besitz in Daglfing
(Tagolfingas), Gronsdorf (Cramannesdorf) und „Hupphinheim" (Aufham bei
Erding?) und um nicht weniger als 34 Mancipien, eine Zahl, die
höchst selten bei Schenkungen erreicht wird - ruft er den Bischof
zu seiner domus in Daglfing. Inmitten des Saals (triclinium) seines
Herrenhauses empfängt Ratolt,
„viriliter circumcinctus gladio",
den Bisdhof, vollzieht hier den Rechtsakt, indem er seinen Besitz coram
Omnibus vicinis et cognatis dem Heiltum der heiligen Maria und
in die
Hand des Bischofs übergibt. Nach der symbolischen Übergabe
der Gewere erhält er den Besitz als Freisinger Lehen wieder
zurück. Als Bruder Ratolts
nennt die Urkunde einen Adalgoz.
Dieser
Name wird uns noch einmal im Zusammenhang mit den EBERSBERGERN begegnen.
Offensichtlich ist Ratolt auch
der Herr der Eggelburg, nur
etwa 2 1/2
km westlich der EBERSBERGER
Burganlage des 10. Jahrhunderts. Ratolts
Sohn, Bischof Chunihoh,
übergibt
jedenfalls 850 an Freising Besitz in Eggelburg, Daglfing und Gronsdorf,
den er von seinen parentes
ererbt hat [3 Trad. Freis. nr. 721,a, b.].
Damals war der Vater Ratolt nicht
zugegen, da er gar nicht in der Urkunde erscheint. Bei einer
Übergabe eines beneficium
in Eggelburg [4 Trad. Freis. nr. 694.] um 847 an
einen Rihmar zeugt als
Zweitletzter ein Ratolt comes, was besagt, daß
er nicht in seiner
Eigenschaft als Graf hier fungierte, sonst stünde er an der ersten
Stelle der Zeugenreihe. Dieser comes
ist offensichtlich identisch mit
dem Vater des Bischofs Chunihoh.
Der nobilis
Ratolt erwähnt bei
seiner spektakulären Schenkung zu Daglfing 839 seinen Vasallen
Rihperht. In Eggelburg handelt es sich um einen Mann
ähnlichen
Namens: Rihmar. Dieser Rihmar bestätigt 826 eine
Schenkung in
Feldmoching [5 Trad. Freis. nr. 533.], ferner 846
eine Schenkung in der Umgebung von Aßling (Zeugenreihe: Rumolt,
Rihmar, Ratolt ... Chunihoh) [6 Trad.
Freis. nr. 685.],
schließlich einen Tausch zwischen den Bischöfen von
Regensburg und Passau, der in Regensburg vorgenommen wurde
(Zeugenreihe: Rumolt ... Rihmar) [7 Trad. Reg.
nr. 31.].
Der dem Rihmar mehrmals als
Zeugenpartner vergesellschaftete Rumolt
tritt auch als erster Zeuge bei der Eggelburger Belehnung Rihmars auf.
Ich halte den mächtigen nobilis Ratolt von Daglfing
für
identisch mit dem comes Ratolt, der im
Dachauen und Mochinger Raum
auftritt. Zur Familie der MOCHINGER
[8 Vgl.
Neumann. Volksordnung 122 ff.] zählt
offenbar ein um
813 gestorbener Priester Rato [9
Trad. Freis. nrr. 24 a,24 c,30,31,39,42,43,46 a, b,
47,49,50,52,55,56,65,72a,73,86,220,307.];
in Ampermoching tritt 825/26 dreimal ein Ratolt neben einem Alprat als
Zeuge auf [10 Trad. Freis. nrr. 515, 538 a,539.].
Ein Alprat aber
bezeugt 850 als comes auch
die Schenkung des Bischofs Chunihoh
zu
Eggelburg, Daglfing und Gronsdorf [11 Trad.
Freis. nr. 731 a].
Ratolt erscheint seit 837 als comes [12 Trad.
Freis. nr. 626 a.].
853 wird er gemeinsam mit Kepolf am
Sterbebette Piligrims „von
Allershausen" mit dessen Testament betraut [13 Trad.
Freis. nr. 741.]. 848 bezeugen Ratolt
comes,
Alprat comes, Kepolt und andere eine Schenkung
unmittelbar bei
Ampermoching [14 Trad. Freis nr. 696 a.]. 855 liegt
Kienoden (Pf. Bergkirchen) bei Dachau in
comitatu Ratolti comitis [15 Trad.
Freis. nr. 746.]. Damit wird eindeutig,
daß
der Raum um Dachau wohl bis zur Isar im Osten zu seinem Comitat
gehört. Ratolt nennt sich
daher im Raume östlich von
München auch nur einmal comes [16 Trad.
Freis. nr. 694.].
Ob der comes Ratolt ein Sohn jenes Starcholf ist, der 778
in Niklasreut
bei Aßling (LK Ebersberg) an Freising schenkt [17 Trad.
Freis. nr. 91.], ferner gemeinsam mit seinem Sohn Hiltolf im Jahre 804
eine Remigiuskirche in „Holzhusir" [18 Trad. Freis. nr. 194. Diese bisher nicht beachtete
Urkunde ist sehr wesentlich für die Festlegung der
Familienzusammenhänge Starcholfs
„von Aßling".
Bezeichnenderweise ist diese Tradition auch in Steinkirchen bei
Aßling vorgenommen
worden. Man beachte besonders das fränkische Remigiuspatrozinium
der
geschenkten Kirche.], muß schon aus
chronologischen Gründen sehr bezweifelt werden [19
Mitterauer, Karol. Markgrafen 219, hält jedoch daran
fest. Zu Starcholf „von Aßling" und seine Familie
vgl. Neumann,
Volksordnung 250 f. ]. Geschwister dieses Ratolt sind Rimideo, Hiltolf (später Diakon) und seine Schwester Adalfrit, die mit
dem comes
Cundhart vermählt war.
Starcholf 788, 804
(Niklasreut, Remigiuskirche)
+------------+------------+------------------+--
Ratolt
Rimideo Diak. Hiltolf
Adalfrit oo Gf. Cundhart
Schon M. Neumann [20 Neumann, Volksordnung 240.] wies
darauf hin, daß im 8./9. Jahrhundert immer wieder der Name Ratolt erscheint in den
Zeugenlisten von Traditionen des weiteren Ebersberger Raumes. Sie
glaubt auch Beziehungen zum Raume Isen-Tegernbach feststellen zu
können, wo auch schon 760 ein Kleriker
Chunihoh als Zeuge auftritt [21 Trad. Freis. nr. 16. ], und damit
Beziehungen zur Sippe Gramans.
In der Tat ist gerade diese Beziehung eindeutig, zumal der nobilis
Ratolt und sein Sohn Chunihoh
Besitz hatten in Cramannesdorf (Gronsdorf) bei Zorneding. In diesem
Zorneding war ebenfalls ein Ratolt begütert
[22 Trad.
Freis. nrr. 634,667 a,721 a,308.].
M. Mitterauer [23 Mitterauer, Karol. Markgrafen 212 ff.]
leitete, an Trotter [24 Trotter, Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte
Innerösterreichs (wie Anm. 1) 5 ff.]
anschließend, die SIGHARDINGER
und EBERSBERGER vom Kraichgau-Grafen Sigihart ab und
wies darauf hin, daß in Mannheim 776 ein Eberhard (ebenfalls ein EBERSBERGER Name) und sein Sohn Sigihart begütert
sind. Im Nachbarort Wallstadt erscheint zur gleichen Zeit (771) auch
ein Graman als Tradent;
außerdem zeugt dort ein Wago
für die Tradition eines Reginboto
(771-772) [25 CL nrr.
490,491. Vgl. Klingsporn 106. Zu Wallstadt im
8./9. Jh. vgl. ferner M. Schaab, in: Die Stadt- und Landkreise
Heidelberg u. Mannheim III (1970 193 ff. Er meist darauf hin, daß
ein
unmittelbarer (abgegangener) Nachbarort Sigerichesheim hieß (vgl.
Gf. Sigihart).]. In der „bayerischen" Familie des capellanus
Wago [26 Zu Wago siehe
Störmer. Eine Adelsgruppe um die Fuldaer Äbte Sturmi und
Eigil 16 ff.] tritt wiederum ein Ratolt auf: die Brüder Wagos heißen Cundhart (vielleicht der
spätere gleichnamige Graf?), Ratolt
und Scrot. Obwohl wir nirgends
sichere genealogische Filiationen aufstellen können, wird doch
deutlich, wie eng verflochten diese Gruppe ist und daß der nobilis bzw. comes
Ratolt in eine etablierte Schicht der großen politischen
Akteure gehört, die offenbar weit über Bayern hinauswirken.
Als eigentlicher „Spitzenahn"
der SIGHARDINGER und der EBERSBERGER gilt Graf Sighard des ausgehenden 9.
Jahrhunderts. Ob der erwähnte Graf
Ratolt agnatisch oder kognatisch zu seinen Ahnherrn
gehört, ist nicht sicher. Tyroller [27 Tyroller,
Genealogie des altbayerischen Adels im Hochmittelalter 64.] vermutet, daß jener Ratolt
der Schwiegervater Sighards gewesen
sei. Bedacht muß jedenfalls werden, daß die Gruppe um Ratolt schon im Lobdengau
Besitznachbar eines Eberhard
und eines Sigihart ist.
Entscheidend ist, daß die Besitztradition offenbar von jenem früheren comes Ratolt übernommen
wurde, daß an die Besitzschwerpunkte, aber auch in der
Namensgebung an ihn angeknüpft wird, denn Sighards Sohn hieß wiederum Ratolt [28 Ebenda.].
Graf Sighard scheint aber auch
Favorit Kaiser ARNULFS gewesen zu sein,
denn er wurde von ihm reich mit Gütern bedacht. Eine der Ursachen
dieses Sachverhalts liegt in der Tatsache begründet, daß Sighard nach Ausweis des
Ebersberger Chronicons consanguineus Kaiser ARNULFS
[29 MG
SS XX 10: Arnolfus ergo
caesar filius Karolomanni, quia
consanguineus erat, Sigihardum
multis ditans prediis .. .], nach Ausweis
zweier Diplomara
propinquus ARNULFS war [30 MG DD Arn.
nrr. 144, 159. ]. 888 schenkte ARNULF diesem
Grafen eine bisher von ihm als beneficium
besessene capella ad Person
im Comitat Orendils zu freiem Eigen [31
MG D Arn nr. 5. ];
896 schenkt derselbe Kaiser seinem dilectus
comes et propinquus Sighard Besitz in der
Grafschaft Regingars,
nämlich in Wörth, einst beneficium
des Grafen Gotescalch,
und in Kaging (LK Ebersberg, G Hohenlinden) [32 MG D Arn
nr.144.]. Außerdem schenkt er ihm 898 zwei
Mansen zu Rott an der Schutter im Duriagau, also in Bayerisch-Schwaben,
die bisher der praefectus Adalgoz als beneficium innehatte [33 MG D Arn
nr. 158. ]. Wir erinnern uns, daß 839 der
nobilis
Ratolt von Daglfing bereits einen
Bruder Adalgoz hatte [34 Trad. Freis. nr.634. ]. Sicherlich
ist der praefectus Adalgoz von 898
ein enger Verwandter, vielleicht ein Bruder des Grafen Sigihard.
Auffällig ist das schwäbische Interessengebiet des Grafen.
Die beiden geschenkten Mansen waren ganz sicherlich nicht der einzige
Besitz Sigihards in diesem
Raume. Bezeichnend ist auch der Intervenient dieser Schenkung. Der illuster comes noster
(das heißt ARNULFS)
Adalhardus ist niemand anderes
als jener BABENBERGER, der bei
Bamberg hingerichtet wurde. War Graf
Sigihard mit ihm verwandt?
Die wohl wichtigste Schenkung ARNULFS an Sigihard war das fiscale
forum Sempt [35 MG SS XX, 10.]. Das fiscale
forum Sempt lag unweit der Quelle des gleichnamigen
Flüßchens am Nordrande des EBERSBERGER
Reichsforstes. In Sempt war offensichtlich ein Königshof mit
Marktsfunktion [36 Puchner, Ebersberg HONB 1, nr. 355, S. 85]. Er muß also eine Straßenstation gewesen sein.
Hier kreuzten sich zwei bedeutende Altstraßen, die ehemalige
Römerstraße von Regensburg nach Helfendorf und die
Salzstraße von Reichenhall über Wasserburg nach Freising,
die um 1050 als „halwec" bezeugt ist [37 Ebenda XV, 36: Cartular Ebersberg I nr. 35.]. Die wichtige Salzstraße wurde später so
verlegt, daß sie über Ebersberg lief, während die Wege
über Sempt verödeten und der alte Königshof seine
Bedeutung und Rechte verlor [38 Sturm. Rodungen 59 ff.: vgl. ders. Preysing 105f.,113,119f.]. Die Schenkungen ARNULFS an Sigihart gruppieren sich weitgehend
um dieses fiscale forum Sempt, so der
Besitz in Kaging, östlich von Sempt, Wörth nördlich des
Königshofes. Hier liegt auch Kirchötting, in dem derselbe
König laut Chronicon Eberspergense [39 MG SS XX
10; MG D Arr, nr. 144.] drei Mansen an Graf Sigihart schenkte. Unmittelbar
bei Wörth und Kirchötting liegt aber auch ein Ort Berg, der
die königliche capella geborgen haben könnte, die Sighard 888 geschenkt wurde [40 MG D Arn
nr. 5.]. Die Identifizierung des Ortes "ad Pergon" macht Schwierigkeiten;
kaum akzeptabel ist jene P. Kehrs, der „ad Pergon" mit Ebersberg
gleichsetzt [41 Ebenda.]. Sehr viel hat der
Identifizierungsversuch Karl Puchners [42
Puchner, Ebersberg HONB 1. 54.] für sich, der jenes ad
Pergon mit Lorenzenberg (G
Loitersdorf, Pf. Holzen/Attel, LK Ebersberg) südlich von Ebersberg
gleichsetzt, und zwar nicht nur deshalb, weil man hinter dem
Patrozinium St. Laurentius Fiskalbesitz vermuten kann [43 Vgl.
Diepolder, Altbayerische Laurentiuspatrozinien,
in: Aus Bayerns Frühzeit = Schriftenr. z. bayer. Landesgesch. 62
(1962)
371 ff. ], sondern weil 1436 und später
ein Königshof genannt Perg hier bezeugt ist [44 Wie Anm.
42.]. In der unmittelbaren Umgebung von
Lorenzenberg begegnete uns schon im 8. Jahrhundert die Familie Starcholfs „von Aßling" mit ausgedehntem
Besitz, in der der Name Ratolt
vorkommt, den ich freilich nicht, wie Mitterauer [45 Mitterauer,
Karol. Markgrafen 219.] es tut, mit dem nobilis Ratolt
von Daglfing zu identifizieren wage. Offenbar gehört diese Familie Starcholfs mit seinen Söhnen Rimideo, Hiltolf, Ratolt und seiner Tochter Adalfrit, die mit Graf Cunthart vermählt ist, in
die Verwandtschaft der Ratolt-Chunihoh-Familie.
Die Capella ad Pergon ist
jedenfalls keine beliebige kleine Kirche, sondern eine Fiskalkirche,
die offensichtlich eine wichtige Reichsfunktion hatte und wohl mit
großem Besitz ausgestattet war. Im 8./9. Jahrhundert war capella die Bezeichnung für
königliche Pfalzkirchen [46 Vgl. Fleckenstein, Hofkapelle I 14 ff., 19 f., 23 f. ]. Als solche wird noch im 10. Jahrhundert die capella in Aibling (ca. 15 km
südlich von Lorenzenberg) genannt [47 SUB 1 108 nr. 44 b.].
Wenn wir hinzunehmen, daß Graf
Sighard von Ratolt von
Daglfing größeren Besitz südlich und westlich
des EBERSBERGER Forstes geerbt
haben muß, wird ersichtlich, wie dieser Forst um 900 von den „EBERSBERGERN" bereits umklammert war
[48 Vgl,
ähnliche Vorgänge in der Ostmark: Mitterauer, Zollfreiheit
und Marktbereich 56 ff.], wird aber auch
besonders sichtbar, welch wichtige Herrschaftspositionen Sighard hier innehatte, und zwar in
einem Gebiet, in dem er offenbar wenigstens zunächst keine
Grafschaftsrechte ausübte. Zu beachten ist ferner, daß
unweit des fiscale forum Sempt sich im
8./9. Jahrhundert zwei Adelspagi befanden, nämlich Pliening und
Forstinning [49 Trad. Freis. nrr. 321. 347.]. In
letzterem hatte später das Kloster Ebersberg Besitz [50 Cartular
Ebersberg I nr. 118 u.ö.]. Die Krönung
dieser herrschaftlichen Konzentrationsbestrebungen des Grafen Sighard scheint - mindestens
vom Blickwinkel der Nachwelt her - die Errichtung der Burg Ebersberg [51 MG SS XX
10.] gewesen zu sein, die sein Enkel Eberhard 933
verstärken ließ, um im folgenden Jahre 934 zusammen mit seinem Bruder Adalbero hier Kirche und
Kanonikerstift zu Ehren der Heiligen Maria, Sebastian, Cyriacus, Vitus
und Martin zu gründen [52 Ebenda 11 f.]. Damit war erstmals
ein Zentrum der Familie gegeben. Sighard
und seine Gemahlin Gotini waren
906 noch in Freising begraben worden [53
MG necr. III, 78; Chron. Eb. posterior MG
SS XXIV S6S cap. 8. ], sein Sohn Ratolt in Salzburg in der
Kirche zu Ehren des hl. Amandus [54 Tyroller, Genealogie des altbayer. Adels 64.] aber auch Eberhard I.
selbst fand noch in Freising seine Ruhestätte [55 MG SS XXV
c. 19. Seite 870.]. Nun aber war die
Familiengrablege und das Familienzentrum geschaffen. Die Patrozinien
des Klosters weisen nach dem Westen. Sebastian, zwar ein
stadtrömischer Heiliger, wurde schon 826 nach Saint Medard bei
Soissons transferiert [56 Zimmermann, Patrozinienwahl II 50.],
Martin ist der wohlbekannte fränkische Reichs- und
Königsheilige; auch St. Vitus kommt vom Westen, aus Saint Denis,
wanderte von hier aus nach Corvey an der Weser, von wo ihn vornehmlich
die
sächsischen Könige zu ihrem Königsheiligen
machten [57 Zimmermann, Patrozinienwahl I 98, 109 ff.]. Sicherlich ist diese Patrozinienauswahl ein Ausdruck der
weiten Beziehungen der EBERSBERGER.
Erst Eberhard und Adalbero, die das Kanonikerstift
gründeten, erhielten das Grafenamt in den umliegenden Gebieten
Ebersbergs - man sieht, wie das „Hauskloster" herrschaftsbildend wirkt.
Dabei ist festzustellen, daß Königsgut und Königsleute,
Fiskalzentrum und Königsforst offenbar integrierend wirkten und
neben dem Eigengut wichtige Bausteine bei der Allodifizierung der
Herrschaft waren [58 Am auffallendsten zeigt sich das an den zahlreichen
Königsschenkungn an Sighard I.,
auf die wir bereits hingewiesen haben.
Integrierender Bestandteil dieser Herrschaft ist aber offensichtlich
auch der Forst Ebersberg, der ein Reichsforst gewesen sein muß.
Zum
Problem der Forste siehe K. Bosl, Pfalzen, Klöster, Forste in
Bayern
43ff.; vgl. auch Mitterauer, Zollfreiheit und Marktbereiche 56ff.]. Nicht zu vergessen beim allgemeinen Aufstieg der EBERSBERGER ist die kostbare
Reliquie der Hirnschale des hl. Sebastian, die das Kloster zu einem
weithin berühmten Wallfahrtsort machte und damit Machtpotential
und Prestige der Stifterfamilie erhöhten.
Den Namen ihrer neuen Burg und ihres Hausklosters scheinen die „EBERSBERGER" aber von einer
Königsburg in der Ostmark übernommen zu haben, einem
Hauptaktionszentrum der WILHELMINER
im 8. Jahrhundert, deren Haupterben
an der östlichen Donau die EBERSBERGER
waren [59
Mitterauer, Karol. Markgrafen 173 ff., bes. 186 ff.]. Ich meine die Eparesburg, die wohl mit Ybbs,
gegenüber von Persenbeug, zu identifizieren ist. Um Persenbeug
schufen sidi die EBERSBERGER
eine neue Herrschaft im Osten. Von hier aus erfolgte ihr politischer
Vorstoß in das Waldviertel [60 Vgl. Lechner, Besiedlungs- und Herrschaftsgeschichte des
Waldviertels 36f., 41ff., 76.]. Über diese
östlichen Positionen soll in anderem Zusammenhang gesprochen
werden.
Bedenkt man, daß Graf Sighard
enger Verwandter des deutschen Königs ARNULF war, so ist
leicht verständlich, daß Ratolt
I., Sighards Sohn, Grenzgraf in Karantanien wurde [61 MG SS XX
10.], also in ARNULFS
ursprünglichem Herrschaftsraum. Seine Grafschaft lag in der
heutigen Unter-Steiermark und an der Save [62
Mitterauer, Karolingische Markgrafen 167.]. Ein
928
genannter karantanischer Graf Sigihart
[63 Ebenda
225.] ist offenbar ein Sohn Ratolts aus der Ehe mit einer WILHELMINERIN. Im beginnenden 11.
Jahrhundert sind dann EBERSBERGER
Markgrafen von Krain [64 Tyroller,
Genealogie des altbayerischen Adels 64 ff.: Tafel 2,
nrr. 72,15,24,38. ], ein Zeichen dafür,
wie stark sie auch im Südosten Österreichs Fuß zu
fassen vermochten, wobei unter Umständen die Verwandtschaft mit
den EPPENSTEINERN eine
Rolle
spielte, die gleichzeitig Markgrafen von Kärnten waren und
Herzöge von Kärnten wurden [65 Klaar, Eppensteiner 83 ff.].
Bezeichnenderweise trug der erste Herzog aus dem Hause der EPPENSTEINER den EBERSBERGER Namen Adalbero. Gerade
bei ihm wird eine enge politische Verbindung mit den Grafen von
Ebersberg und dem mit diesen wohl verwandtem
Bischof Egilbert von Freising
sichtbar. Nach der Absetzung Adalberos
als Herzog suchte er zunächst Ebersberg auf. Er wurde auch im ebersbergischen Hauskloster
Geisenfeld bestattet [66 Ebenda 95 f.].
So werden also ebersbergische
Machtpositionen sichtbar an der östlichen Donau, aber auch in und
um Regensburg [67 Trad. Reg. nrr. 218,253, 254,291.],
der alten Herzogsstadt, im Waldviertel, ebenso im Kärntener und
Krainer Markengebiet. Auffälligerweise stehen die EBERSBERGER Grafen aber auch in
engem Kontakt mit einem bedeutenden Reichskloster des Schweizer
Mittellandes: Einsiedeln. Im "Jahrzeitbuch" dieses Klosters sind
eingeschrieben Ulrich († 1029) [68 Tyroller,
Genealogie des altbayer. Adels 66 nr. 15.],
dessen Mutter wohl aus der Verwandtschaft des hl. Ulrich von Augsburg, das
heißt der Grafen von Dillingen kommt, ferner Ulrichs Gemahlin Richgard († 1013), Tochter des EPPENSTEINERS Marchward, Adalbero und sein Bruder Eppo (Eberhard), beide Gründer des Klosters Geisenfeld,
und Adalberos Gemahlin Richenza, eine WELFEN-Tochter.
Ein Verwandter Graf Adalberos,
Etich, war Mönch im Kloster Einsiedeln [69 Keller,
Einsiedeln 124.]. Hinter dem Einfluß auf
dieses Schweizer Kloster werden sicherlich auch EBERSBERGER Positionen in dessen
Umland stehen. Allerdings ist Kläuis Hypothese [70 Kläui,
Hochmittelalterlidie Adelsherrschaften im Zürichgau 66 ff.], der Willebirg von
Wölflingen mit Willibirg,
der Tochter Ulrichs von Ebersberg identifiziert
und die Herren von Uster und Rapperswil von diesen ableiten
möchte, kaum akzeptabel [71 Keller, Einsiedeln 124 f.].
Wenn die EBERSBERGER so weiten
politischen Einfluß im Alpenglacis ganz Südmittel-Europas
zeigen,
wird es nötig sein, ihre Position im bayerischen Altland selbst
aufzuzeigen. Um es gleich vorweg zu sagen: Es gibt kaum eine
Adelsfamilie im Bayern des 11. Jahrhunderts, ja selbst des 12.
Jahrhunderts, die eine so intensive und großflächige
Herrschaft ausdehnen konnte wie die EBERSBERGER.
Die Karte, welche außer der älteren Tegernseer
Entfremdungsliste, (bei der der Besitz des genealogisch nicht mit
voller Sicherheit den EBERSBERGERN
zuordenbaren Adalbero von
Patrashausen weggelassen wurde) fast nur die Schenkungen des
Geschlechts an die drei Hausklöster verzeichnet [72 Siehe
Karte im Anhang.], also in diesem Falle das
Negativbild, zeigt EBERSBERGER
Besitz vom nördlichen Alpenrand bis zur Donau, vom Würmsee
bis zum Inn, wobei die Linie Regensburg und oberes Inntal (Rosenheim;
etwa die Ostgrenze dieses Besitzes
darstellt. Im östlichen Alpenvorland liegt der Herrschaftsbereich
der von ihnen abstammenden Chiemgauer
SIEGHARDINGER zwischen Inn und
Salzach [73 Zu den SIEGHARDINGERN
und
deren Besitz vgl. Tyroller, Die Grafschaften des Isengaues 65 ff.;
Ders., Burghausen in der Grafenzeit 14 ff.; Klebel, Die
großen Geschlechter um den Chiemsee 74 ff., der allerdings in den
Sieghardingerrn nur Aribonen sieht; Burkard,
Landgerichte Wasserburg
und Kling 59 f., 63 f.; Mitterauer, Karolingische Markgrafen 212 ff.].
Graf Ulrich († 1029), der den Namen seines
Taufpaten, des hl. Bischofs
Ulrich von Augsburg trug, gelang es, 970
endlich die Weihe der Klosterkirche Ebersberg durch Erzbischof
Friedrich von Salzburg, einem SIEGHARDINGER,
durchzusetzen, nachdem sich
der eigentlich zuständige Diözesan-Bischof
Abraham von
Freising, Vertrauter der Herzogin
Judith, lange Jahre geweigert hatte,
die Weihe vorzunehmen [74 Cartular Ebersberg I 22 nr. 1, 24 nr. 12: Chronicon
Eberspergense
(MG SS XX) 13. Zum engen Kontakt Bischof
Abrahams von Freising zur
Herzogin Judith siehe Reindel
Luitpoldinger 235 nr. 115; Vgl. 221, 232;
Lerche 18ff.]. Diese Weigerung Bischof Abrahams (957-993/94)
hatte weniger persönliche als vielmehr politische Ursachen. Da
Abraham ein ganz
entscheidender Drahtzieher der süddeutschen
Sonderpolitik des liudolfingisch-luitpoldingischen Herzogs-Paares
Heinrich (Bruder OTTOS
DES GROSSEN) und Judith
(Tochter Arnulfs des
Bösen), besonders aber Herzog Heinrichs "des Zänkers" (Sohn
der beiden) war, so läßt sich schon aus der Tatsache der
Verweigerung der Klosterweihe in Ebersberg vermuten, daß der
EBERSBERGER Graf Ulrich bei
der Gegenpartei stand. Das wird
tatsächlich durch das Chronicon Eberspergense bestätigt: „Quo
tempore Frisingensis episcopus
Abraham Eberspergensem basilicam
dedicare denegat, quia Oudalricus Ottoni puero tercio
regi fidelis,
Heinrico
duci Bawariorum, cui pontifex idem favebat, ad rebellandum
regi non consensit. Idem enim dux ungui se faciens in regem,
prelüs multis Oudalricum
attemptabat, sed iustitia prevalente
victus est ab eo" [74a Chronicon Ebersbergense (MG SS XX) 13.].
Dieser Behauptung kann, wie Riezler [74b
Riezler, Geschichte Baierns I 1, 570
beruft sich auf Wilmans, Jahrbücher Ottos III. 21.]
annahm, eine Verwechslung mit dem Jahre 976 zugrundeliegen, als in
Bayern der offene Kampf zwischen den Anhängern des Herzogs und
jenen des Kaisers tobte, muß es aber nicht. Insofern ist freilich
Riezler zuzustimmen, daß die politische Frontstellung Graf
Ulrichs gegen Abraham
und Herzog Heinrich den Zänker bereits
in
den siebziger Jahren vorhanden war, nicht erst seit der
Königskrönung OTTOS III.
983.
Die EBERSBERGER waren also ottonische
Gewährsmänner in
Bayern. Erzbischof Friedrich
von Salzburg (958-990),
der die
Kirchenweihe im ebersbergischen Hauskloster
vornahm, entstammte nicht
nur einer Seitenlinie der EBERSBERGER,
sondern hatte wie diese sehr
gute Beziehungen zum sächsischen Kaiserhaus
[74c
Demnächst H. Dopsch, in: Geschichte Salzburgs I (1972)]. OTTO
DER GROSSE
hatte offenbar gerade ihn als Vertrauensmann angesehen und zum
Nachfolger des rebellierenden und daher geblendeten und gebannten
Erzbischofs Herold gemacht,
eines LUITPOLDINGERS, der sich
mit seinem
Verwandten Pfalzgraf Arnulf gegen OTTO erhoben
hatte.
Unter Ulrich zogen die
Benediktiner in Ebersberg ein. Bei ihm wird
erstmals deutlich die Rolle der Akkumulation von Kirchenvogteien
sichtbar:
Wahrscheinlich ist Ulrich
identisch mit dem 972-976 bezeugten Freisinger
Teilvogt Odalrich [75 Trad. Freis. nr. 1233.]. Sicher ist seine Vogtei über das Regensburger Stift Obermünster [76 Tyroller,
Genealogie des altbayerischen Adels 66 nr. 15.],
außerdem ist er natürlich Vogt
seines Hausklosters Ebersberg. Zu Ulrichs unmittelbarer Verwandtschaft
ist wohl der Abt Eberhart von Tegernsee
(† 1004) zu rechnen,
der vom König eingesetzt wurde [77 Vgl. Zacher, Das Kloster Tegernsee um 1000, 23 f.]. Dieser Abt hatte nämlich den König gebeten, den
Grafen Ulrich als Vogt
einzusetzen: „ut nobis comitem Odalricum vestra potestativa
manu advocatum monasterii detis" [78 MG Ep.
sel. III nr. 61. Seite 69.]. Doch scheint es,
daß die Mönche von Tegernsee sich für Graf Sighard, ebenfalls einen EBERSBERGER, entschieden, denn der
Abt fürchtete, wie aus einem Brief hervorgeht, das Graf Ulrich die Wahl Sigihards zum Tegernseer Vogt
übelnehmen könnte [79 MG Ep. sel. III nr.6,. Seite 69, nr. 59, Seite 67.
Dieser Sighard ist offenbar
identisch mit jenem, den Tyroller nr. 10
vorführt.]. Wie wichtig diese Vogteifragen
für die EBERSBERGER
waren, verdeutlicht ihr erheblicher Tegernseer Lebensbesitz in der
älteren Entfremdungsliste [80 Reindel, Luitpoldinger 86 f.].
Familienpolitisch wichtig ist die Ehe Ulrichs
mit Richgardis, der Tochter des Grafen Markwart II. von Viehbach
aus dem Hause der späteren
EPPENSTEINER [81 Klaar,
Eppensteiner 18 ff. nr. 10, 11.]. Der Bruder der Richgardis, Markwart III., war 970 von Kaiser OTTO
I. als
erster Markgraf in der neugebildeten kärntischen Mark (an der
Mur), der späteren Steiermark, eingesetzt worden. 1011 ist Graf Ulrich von Ebersberg als Graf in der Krainer Mark bezeugt,
die südlich der Kärntener Mark liegt. Bei dieser Position
scheinen Familienbeziehungen eine Rolle gespielt zu haben, zumal der „EPPENSTEINER" Adalbero I., der Neffe Ulrichs von Ebersberg, 1012
auch Herzog von Kärnten wurde [82 Klaar, Eppensteiner 85.]. Dieser dux Carentani [83 Klaar,
Eppensteiner 25 nr. 26.] hatte aber auch eine EBERSBERGERIN als Mutter, Hadamudis, die Schwester Graf Ulrichs. Die
Söhne aus dieser Ehe Markwarts mit
Hadamudis erhielten - mit
einer Ausnahme: Ernst - EBERSBERGER Namen: Adalbero, Ulrich, Eberhard (Eppo), ein Beweis dafür, wie
stark Ansehen und Geschlechtsbewußtsein der EBERSBERGER damals gewesen sein
müssen. Die EBERSBERGERIN
Hadamudis zeigte nach dem Tode
ihres Gatten eine conversio,
die an eine spätere Epoche erinnert: Nach Ausweis des Chronicon
Eberspergense verschenkte sie ihre Habe und unternahm eine Pilgerreise
nach den heiligen Stätten Palästinas, wo sie starb [84 MG SS XX
12.].
Das Ansehen der EBERSBERGER
wird besonders deutlich in ihrem Verhältnis zum monastischen
Leben. Von der Rolle des Klosters Ebersberg und den Beziehungen zum
Schweizer Reichskloster Einsiedeln wurde schon gesprochen. Die EBERSBERGER gründeten noch zwei
weitere Klöster, Kühbach und Geisenfeld, und das in einer
Zeit, in der Klostergründungen verhältnismäßig
selten waren. Nach, der freilich verschleierten Angabe der Historia
Welforum war Graf Adalbero II. von
Ebersberg, der Sohn Ulrichs,
Gründer des
Benediktinerinnenklosters Kühbach [85 Historia
Welforum Weingartensis MG SS XXI 460. Vgl. Oefele Traditionsnotizen des
Klosters Kühbach 270.].
Nach den von Oefele edierten Traditionsnotizen des Klosters
Kühbach verfügte nicht ein Ulrich,
sondern ein Graf Udalschalk an
seinem Lebensende zugunsten eines Klosters, welches sein Bruder Adalbero in Kühbach
errichten sollte [86 Oefele, Trad. Kühbach nr. 1.].
Die beiden Brüder hatten zwei
Schwestern, Liutkart und
Hilta. Letztere war in zweiter Ehe mit einem Grafen Konrad, offensichtlich einem WELFEN, die
ja unweit von Kühbach das Kloster Altomünster hatten,
verheiratet. Der erste Gatte
war ein Adalbero [87 Oefele,
Trad. Kühbach nr. 5.]. Aus dieser Ehe hatte
Hilta zwei Kinder mit den EBERSBERGER Namen Adalbero und Willibirg. Wie kam nun der WELFEN-Chronist
zu jener Identifizierung? Da die WELFEN mit den EBERSBERGERN verschwägert und
deren Miterben waren, ist kaum anzunehmen, daß er die
Identität der Grafen von Kühbach mit den EBERSBERGERN aus der Luft gegriffen
hat. Oefele vermutet, daß
Liutkart, die Schwester der
Kühbacher Gründer [88
Oefele, Trad. Kühbach nr. 1.], die Verwandtschaft mit den EBERSBERGERN anzeige, da sie denselben Namen wie die Gattin, des EBERSBERGER Grafen Adalbero I. († ca. 995) trägt. Einen anderen
genealogischen Weg versucht Tyroller [89 Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels 62 f. T. 2.]. Wie dem auch im einzelnen sei: daß bereits die
Gründer Kühbachs ein
Seitenzweig der EBERSBERGER sind, ist kaum zu bezweifeln.
Das Kloster, das Graf Adalbero
1011 in Kühbach gründete, lag in comitatu Herteshusa
(Hörzhausen, LK Schrobenhausen). Hörzhausen unweit der
späteren WITTELSBACHER
Stammburg muß also der Sitz der Grafen
von Kühbach-Ebersberg gewesen sein. Unmittelbar
nördlich von Hörzhausen erstreckt sich der Hagenauen Forst,
der vermutlich ein Reichsforst war [90 Vgl. Diepolder, Das Landgericht Aiciach (Diss.), 85ff.,
wo sie auf den Reichsbesitz der
PAPPENHEIMER hinweist. Die Frage des
genannten Forstes müßte noch einer Untersuchung unterzogen
werden.]. Diese Situation ist geradezu eine
Parallele zum Fall Ebersberg.
Kurz vor dem Aussterben der EBERSBERGER
gründete Graf Eberhart II. als
dritte monastische Niederlassung des Hauses 1037 das Benediktinerinnen-Kloster Geisenfeld
[91 MG
SS XXV 871; Jaeger, Traditionen Geisenfeld 41 nr. 1.]. Er stattete es mit umfangreichem Besitz, darunter dem
benachbarten Feilenforst aus. V. v. Volckamer vermutet, daß die
Herrschaft der EBERSBERGER in
und um Geisenfeld auf eine allodifizierte ältere Grafschaft
zurückgeht [92 Volckamer, Pfaffenhofen 7ff.],
jedenfalls haben wir auch hier wieder den Zusammenhang von Reichsforst
und Kloster. Graf Eberhards Nichten traten
in das neugegründete Hauskloster ein: Liutgart wurde Nonne, Gerbirg Äbtissin in Geisenfeld. Eberhard II., der Gründer Geisenfelds, ist 1040
als Markgraf von Krain bezeugt
[93
Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels nr. 24.]. Die politische Position des Hauses im Südosten wurde
also aufrechterhalten. Die Markgrafschaft konnte sogar im Erbgang
über Hadamut, die Nichte Eberhards, an deren Sohn Ulrich I. von
Weimar-Orlamünde übergehen. Hadamuts Mutter und Eberhards Schwester Willibirg war mit Graf Werigant von Friaul verheiratet
worden, der 1027 auch als comes Wezelinus
advocatus ducis Adalperonis (von Kärnten - aus dem EPPENSTEINER Hause) erscheint [94 Ebenda 68
f. nr. 26.]. Auch in dieser Ehe ward sichtbar,
wie sehr die EBERSBERGER den
Kontakt mit diesem Raume pflegten.
Adalbero II., der letzte EBERSBERGER, war mit der WELFIN
Richlind, Tochter des Grafen
Rudolf von Altdorf, vermählt. Richlinds Großvater war Kuno von Öhningen [95 Jakobs,
Der Adel in der Klosterreform von St. Blasien 168 ff., 213.]. Durch dessen Gemahlin Richlind war sie eine Nachfahrin OTTOS DES GROSSEN.
WELFEN
wie ÖHNINGER hatten
überaus reiche Sippenverbindungen. Die Heirat des EBERSBERGERS Adalbero II., die
freilich kinderlos blieb, zeigt deutlich die gesellschaftliche Rolle
des EBERSBERGER Grafen-Geschlechts.
Adalbero hatte laut Tegernseer
Entfremdungsliste allein in 34 Orten Tegernseer Klostergüter als
Lehen [96
Reindel, Luitpoldinger 86 (nr.49).]. Schon von
hier aus läßt sich seine beachtliche grundherrschaftliche
Basis in etwa ermessen. Als Erstgeborener
erhielt Adalbero [97 Zu den
prosopographischen Daten Adalberos
siehe
Tyroller, Genealogie des altbayerischen Adels 67f. nr. 23. Quellen:
bes.
Chronicon Eberspargense (MG SS XX) 14; Cartular Ebersberg I nrr. 35, 43.] das Kanonikerstift Ebersberg, das er um 1040 in ein
Benediktiner-Kloster umwandelte. Schon um 1030 hatte er seinen
Burganteil in Ebersberg seinem Hausstift übereignet. Als Adalbero 1045 kinderlos in seiner Burg Persenbeug starb, vermachte er
dem Hauskloster Ebersberg „comiciam
in Persinpeuga", das heißt seine Herrschaft Persenbeug an
der Donau. Die Lehen und den comitatus
Ebersberg jedoch beabsichtigte Richlind
ihrem Neffen Welfhard, dem
Sohne ihres Bruders, zu übertragen [98 Chronicon
Eberspergense 14. Die negative Beurteilung
Richlinds und ihrer
Besitzteilung (vgl. die Unheilsvorhersage) ist vom
Klosterstandpunkt verständlich. Sie erinnert an jene feindselige
Haltung des Klosters Weingarten beim Aussterben der älteren WELFEN, als
der WELFEN-Besitz
nicht an das Hauskloster, sondern an die „jüngeren"
WELFEN
fiel. Die WELFEN
scheinen in der Tat früh mit den EBERSBERGERN
versippt gewesen zu sein: vgl. Metz, Heinrich „mit dem goldenen Wagen"
(Bll. f. dt. Landesgesch. 101, 1971) 155 f.].
Sie lud daher Kaiser HEINRICH III., der sich
auf einem Ungarnzuge befand, mit seinem Gefolge zu sich auf die Burg Persenbeug. Der König
willigte dieser Besitzübertragung ein, doch während er Welfhard mit dem Stabe des
Ebersberger Abts belehnte, brach der Söllen, auf dem sich die
Gesellschaft befand, zusammen. Richlind,
Abt Altmann von Ebersberg und Bischof Bruno von Würzburg starben
an ihren Verletzungen. Ob Welfhard die
Grafschaft Ebersberg und die EBERSBERGER
Lehen tatsächlich übernahm, wissen wir nicht. Da er das
Kloster Ebersberg später beschenkte [99 Cartular Ebersberg I nr. 47.],
scheint er zumindest kleinere Besitzteile erhalten zu haben.
Später werden aber keine EBERSBERGER
Besitzungen in der Hand der WELFEN
sichtbar.
Das Aussterben der Grafen von Ebersberg mit Graf Adalbero II. 1045, deren
Besitz auf vielfältige Weise verteilt wurde, mußte eine
politische Umstrukturierung in Bayern zur Folge haben. Denn es ist
eindeutig, daß Kaiser HEINRICH III. bei der
Verteilung dieser Erbschaft, zu der ja offenbar eine umhafte Zahl vorn
erledigten Reichsleben gehörte, ganz entscheidend mitgewirkt hat [100 Das
ergibt sich meines Erachtens deutlich aus den
Vorgängen von Persenbeug: siehe Anm. 98; vgl. Riezler, Geschichte
Baierns I², 60f.]. Das bedeutete aber,
daß der Kaiser seine Favoriten, die unter Umständen bisher
kleinere Herren waren, am stärksten bevorzugen konnte. Vielleicht
läßt sich von dieser politischen Neuverteilung und
Zerschlagung des weitreichenden Herrschaftskomplexes der EBERSBERGER nach 1045 auch am ersten
erklären; weshalb die Macht des Königs in Bayern in der
ersten Phase des Investiturstreits so stark war und kaum gregorianische
Einflüsse zuließ.
.