Flohrschütz
Günther: Seite 96-103
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"Der Adel des ebersbergischen Raumes im
Hochmittelalter."
10. Die Anfänge der Grafen von Ebersberg
„Zur Zeit des Kaisers Karlmann gab es in Bayern
einen Grafen namens
Sighart, der einen Königsmarkt an den Ufern der Sempt
besaß
...". Mit diesem Satz beginnt die EBERSBERGER
Chronik. Das
Gedächtnis der damaligen Zeit verknüpft also anscheinend den
Erwerb dieses Krongutes mit König
Karlmann, der von
867 bis 880
regierte, aber durch einen Schlaganfall schon 878 gelähmt und
praktisch regierungsunfähig war. Mit dem Namen Karlmann
verknüpft auch die Forschung die Anfänge der Grafen von
Ebersberg in Bayern. 856 hatte König
Ludwig der Deutsche
die
Ostmark seinem Sohn Karlmann übertragen.
Dieser erwies sich aber
keineswegs als Stütze seines Vaters, versuchte vielmehr sogleich,
sich in dem ihm übertragenen Raum eine eigene Herrschaft
aufzubauen. Durch eine Reihe konspirativer Maßnahmen, welche der
Politik des Königs direkt zuwiderliefen, bemühte er sich,
anstelle der Mitarbeiter seines Vaters seine eigenen Verbündeten
zu setzen. Erst 863 vermochte sich Ludwig gegen Karlmann
durchzusetzen
und ihn zur Unterwerfung zu zwingen. Dem Sohn verzieh der König,
aber dessen Helfer wurden abgesetzt, darunter auch ein gewisser Graf
Sighart vom Kraichgau am Oberrhein. Dieser Graf ist nach Camillo
Trotter identisch mit dem Stammvater
der EBERSBERGER [1 C. Trotter,
Die Grafen von Ebersberg und die Ahnen der
Grafen von Götz, in: Zeitschr. des Hist. Vereins Steiermark 25
(1929),
11-61.]; Mitterauer, Tyroller und G. Mayr haben
sich im großen ganzen seiner Ansicht angeschlossen [2 M.
Mitterauer, Karolingische Markgrafen im Südosten.
Fränkische Reichsaristokratie und bayerischer Stammesadel im
österreichischen Raum, in: Arch. f. österr. Gesch. 123, Wien
1963. - F.
Tyroller, Adel, Tafel 2. - G. Mayr, Ebersberger, 116 f. Ähnlich
Störmer, Adelsgruppen 167.]. Durch die
Schenkung des Marktes Sempt hat also möglicherweise Karlmann, als
er König geworden war, seinem getreuen Anhänger gedankt.
Gegen die von Trotter postulierte
fränkische Abkunft der
EBERSBERGER, an der auch
Tyroller festhält [2a Tyroller,
Adel, Tafel 2 nr. 1.], sind jedoch Bedenken
anzumelden. Weit mehr spricht für eine Herkunft aus Alamannien.
Daß die Namen der Grafen im Nekrolog des Klosters Einsiedeln
erscheinen [3 Nach H. Keller, Das Kloster Einsiedeln im ottonischen
Schwaben (Forschungen zur Oberrhein. Landesgesch. XIII (1964)) war der
Mönch in Einsiedeln Eticho
ein Verwandter der EBERSBERGER.
Siehe E
Chr
154.], daß Graf Ulrich in St. Gallen
erzogen wurde [4 E Chr 1223], daß die
EBERSBERGER mit den schwäbischen Geschlechtern der Welfen
und
vielleicht auch der Grafen von
Dillingen verwandt sind
[5
Verwandtschaft mit den Grafen von Dillingen vermuten
Tyroller und Störmer, weil der spätere Graf Ulrich vom hl.
Ulrich,
Bischof von Augsburg, getauft
wurde: E Chr 1219.],
daß ihr erster Kaplan Hunfrid
hieß - ein in Rätien
bekannter Name [6 W. Prinz von Isenburg, Die Ahnen der deutschen Kaiser,
Könige und ihrer Gemahlinnen, Görlitz 1932, Tafel 45/53:
Hunfrid von
Rätien ist Ahnherr einer hochadeligen Familie.], das ließe sich noch mit späteren Beziehungen
der Grafen zu Schwaben erklären. Nicht möglich ist dies aber
bei den beiden Geistlichen, die im Anfang der Chronik genannt werden.
Die Erinnerung an den Kleriker Konrad
von Höwen und den Klausner
Gebhart bei Straßburg [7 Chr 1021, 39.] gehören zum
ältesten Überlieferungsgut in Ebersberg; beide gehören
aber eindeutig nach Alamannien. Es ist nicht recht einzusehen, warum
ein fränkischer Graf Botschaften schwäbischer Geistlicher,
die in hohem Ansehen standen, entgegennahm, zumal er sich sehr
wahrscheinlich selbst an diese beiden gewandt hat. Sicherlich war also
der Stammvater der EBERSBERGER
im alamannischen Herzogtum mächtig,
war vielleicht gebürtiger Schwabe
[7a
Mitterauer (wie Anm. 2) weist auf eine Familie im
Elsaß
hin, bei der die Namen Sighart und
Eberhart vorkommen. Diese
Beobachtung paßt zum Bericht der Chronik. Es ist deshalb zu
bedenken,
ob mit „Opinpurc'- Willehalm v. O. 934 (E 1 2) unter Zeugen für
Graf
Eberhart - nicht Offenburg in Baden gemeint ist. Die Grafen
waren noch
kein Menschenalter in Bayern; möglicherweise bestanden damals noch
vasallische Bindungen aus der alten Heimat.].
Wenn er hier nicht faßbar wird, so spricht das nicht gegen unsere
Schlußfolgerung, sondern zeigt nur, wie lückenhaft die
Quellen des 9. Jahrhunderts sind. Weil Graf
Sighart aber wohl zur karolingischen
„Reichsaristokratie"
gehört [8 Grundlegend: Gerd Tellenbach, Vom karolingischen Reichsadel
zum deutschen Reichsfürstenstand, in: Th. Mayer, Adel und Bauern
im Staat des deutschen Mittelalters, Leipzig 1943, 22-73.], ist es allerdings möglich, daß er auch
andrerorts, zum Beispiel im benachbarten Süd-Franken, über
gewisse
Machtpositionen verfügt hat.
Von „auswärtigem" Besitz der EBERSBERGER
besitzen wir freilich
keinerlei Nachricht, weder schwäbischem noch fränkischen,
wenn wir von der Schenkung Kaiser ARNULFS an der Schutter [9 E Ukn 3.] absehen. Sie haben also wohl ihre Güter dort verloren
oder abgestoßen. Möglicherweise gab es damals auch eine
Linie der Grafen in Schwaben [9a Auf diese
Linie beziehen sich vielleicht die Einträge
im Nekrolog des Klosters Einsiedeln. Zu ihr gehören Eticho (E Chr
15)
und der Abt Eberhart von Tegernsee,
der 1003 resignierte (A. M.
Zimmermann, Die Familia sancti Quirini im Mittelalter, in StMBO 60,
(1949) 191 ff., nr. 15).]. Daß aber die
Beziehung des Grafen Sighart
zum König Karlman, wie sie in der
EBERSBERGER Chronik zum
Ausdruck kommt, der geschichtlichen Wahrheit
entspricht, ersehen wir auch in der Folgezeit. Im Jahr 887 setzte
ARNULF VON
KÄRNTEN, der natürliche
Sohn Karlmanns,
mittels
eines Staatsstreichs seinen Oheim KARL III. ("DEN DICKEN") ab und
machte sich selbst zum König. Schon ein Jahr später schenkte
er dem Grafen Sighart die Kapelle „Pergon" (? Berg bei Sempt) [10 E Ukn 1.], möglicherweise das letzte und entscheidene
Stück des Marktes Sempt, was auch eine indirekte Bestätigung
der Sempter Schenkung durch seinen
Vater Karlmann in
sich schließen könnte. ARNULF
nennt Graf Sighart seinen Verwandten;
vermutlich geht diese
Verwandtschaft über die Mutter ARNULFS Liutsuuinta [10a K.
Trotter hat auf die Erforschung der Vorfahren des
Grafen Sighart viel Mühe verwendet (a. a. O. 6 ff.), bezieht sich
aber
fast nur auf fränkische Quellen.]. Die
Schenkung ARNULFS
schon ein Jahr nach seinem Regierungsantritt erfolgte
aber wohl nicht nur aus Gründen der Verwandtschaft; sie spricht
meines
Erachtens auch dafür, daß der Graf dem engsten
Anhängerkreis
des Königs angehörte, welcher ihn bei seinem Staatsstreich
unterstützt hatte. Jedenfalls gehörte Graf Sighart zeitlebens
zu den engsten Freunden ARNULFS; dafür
zeugen nicht nur die
Schenkungen des Kaisers kurz vor seinem Tod [11 E Ukn 3, 4.], sondern auch die Nachricht, daß dieser dem Sohn
Sigharts sein eigenes Land, die Mark Karantanien, anvertraut hat
[12 E
Chr 1030.].
Die Erwerbung von Sempt bedeutete für den Grafen Sighart einen
großen Gewinn. Es handelte sich ja hier nicht um ein vereinzeltes
Königsgut; dieser Ort war vielmehr durch seine Funktion als Markt
mit vielen umliegenden Siedlungen, die wie der Königsforst
ebenfalls zum Krongut gehörten, verklammert. Das war also nicht
ein Stützpunkt, sondern ein Herrschaftsraum. Vervollständigt
wurde dieser Komplex, als Sighart
auch die Kapelle in Berg („Pergon")
anstelle von Lehen als Eigengut erhielt. Sempt besaß außer
dem bäuerlichen Grundstock auch Mühlen, vermutlich sogar
Handwerker - eine Vorform dessen, was man heute als Stadt bezeichnet.
Sempt war ferner Knotenpunkt: Hier kreuzten sich damals zwei wichtige
Straßen, die einstige Römerstraße, die von Augsburg
zum Inn, und eine andere, die von Regensburg nach „Isinica", dem
heutigen Helfendorf, führte. Später trat die Salzstraße
Reichenhall-Wasserburg-Freising in den Vordergrund, die als „halwec" um
1040/45 erwähnt wird [13 E I 35.]. Darüber hinaus
besaß der Raum um Sempt auch eine gewichtige strategische
Position: Jeder, der von Nordosten her in die Münchner Ebene
wollte, mußte die natürliche Enge zwischen Erdfinger Moos
und EBERSBERGER Forst
passieren, die an ihrer schmalsten Stelle kaum
sechs km breit ist. Noch heute führen die Straßen
München-Haag, München-Erding sowie die Bahnlinie
München-Dorfen durch diese „Gasse". Sie war leicht zu
überwachen und gegebenenfalls zu sperren.
Sempts Vergangenheit reicht weit zurück bis in die Bronzezeit.
Schon die Kelten hatten sich hier niedergelassen; bei Berg fand man die
Überreste eines römischen Landhauses [14 Der
Landkreis Ebersberg, 1960, 81.]. Die nahe
Römerstraße hat bewirkt, daß sich hier eine Siedlung
bildete. Die „Romani proseliti",
die Barschalken, welche gelegentlich
im EBERSBERGER Kartular
erwähnt werden [15 E I
79,108.], gehörten vielleicht
ursprünglich zu dieser Siedlung. Sogar vom Namensbestand der
Römer scheint sich einiges erhalten zu haben: „Lauf" - ein „vir
Tiber Lovf" um 1047, ein jüngerer Mann dieses Namens ca. 1050-1076
[16 E I
50,55,77,111,II 17.] - entspricht lautlich
völlig dem lateinischen „lupus";
auch „Milo" scheint kein
germanischer Name zu sein [17 Zu Milo findet sich im Register der Freisinger Traditionen
kein Vollname.]; bei den Römern hingegen
ist er geläufig. Sempt war also möglicherweise keine
Gründung der Baiuwaren, sondern reicht weiter zurück in die
Römer-, vielleicht sogar in die Keltenzeit.
Der Sohn des Grafen Sighart,
welchem Kaiser ARNULF wegen seiner
Tüchtigkeit die Mark Karantanien anvertraute, hieß Ratold.
Das ist ein Name, welcher im Urkundenbestand der Freisinger Traditionen
schon sehr früh begegnet, und nicht wenige Belegstellen weisen auf
Gegenden hin, wo später die EBERSBERGER
mächtig waren [18
Zusammenstellung bei Störmer, Adelsgruppen 165 f.]. Zum Jahr 839 berichtet eine Freisinger Urkunde mit
seltener Ausführlichkeit, wie der Edle
Ratold seinen Herrenhof in
Daglfing, dazu Güter in Gronsdorf und „Hupphinheim" (? Hipflham,
Weiler bei Kirchanschöring) der Freisinger Kirche darbringt [19 F 634.
Vielleicht ist dieser Ratold
identisch mit dem „laicus"
Ratold, der 813
ein Gut zu Zorneding gibt (F 308).]. Sein
ältester Sohn, der dies alles einmal hätte erben
sollen, ist
vermutlich vor dem Vater gestorben, ohne Nachkommen zu hinterlassen.
Erwähnt wird in dieser Schenkung außer einem Bruder des
Ratold namens Adalgoß ein Sohn Kunihoch, der als Bischof
bezeichnet wird - sein Bistum muß außerhalb Bayerns
gelegen
haben oder er war Chorbischof. Dieser Bischof
Kunihoch widmete 850 der
Freisinger Kirche ebenfalls Besitz zu Daglfing und Gronsdorf, ferner zu
Eggelburg - also dicht bei Ebersberg, den er von seinen Eltern geerbt
hat [20
F 721 a,b.].
Schon zwei Jahre vor der Schenkung des Ratold
„von Daglfing" hören
wir von einem gleichnamigen Grafen,
der anscheinend für Orte
zwischen Amper und Glonn zuständig ist; er wird bis 855
erwähnt [21 F 626 a, 694,741,745. Siehe dazu Tyroller, Adel, Tafel 2.], erscheint aber möglicherweise schon 825/26 unter den
Edelfreien, die für Güter in der gleichen Gegend Zeugenschaft
leisten [22 F 515, 538 a,539.]. Störmer
hält diesen Grafen Ratold für identisch mit
Ratold „von Daglfing" [23 Störmer, Adelsgruppen 166.].
Dagegen sprechen aber einige gewichtige Argumente: Ratold von Daglfing führt nicht
den Grafentitel; sein Sohn ist bereits Bischof; in der gleichen Urkunde
trifft er auch Vorsorge für einen unebenbürtigen
Sprößling. Dieses Dokument trägt also typische
Züge einer letztwilligen Verfügung. Sicher war dieser Ratold 839 schon ein alter Mann. Da
ist es kaum glaubhaft, daß er noch mindestens 15 Jahre als Graf
tätig war. Bei der Vielfalt der Namen und den zahlreichen
Variationsmöglichkeiten, wie sie im 9. Jahrhundert noch gegeben
waren, ist aber, noch dazu bei nicht allzu großer Entfernung, auf
Verwandtschaft zu schließen [23a In seiner Studie „Untersuchungen zur Namensgebung im
frühen Mittelalter nach den bayerischen Quellen des achten und
neunten
Jahrhunderts" (ZBLG 45, 1982, 1-21) zeigt L. Holzfurtner, daß bei
Personen mit gleichen Namensteilen nicht notwendigerweise auf
Verwandtschaft geschlossen werden muß. Dies gilt aber nicht bei
Namensidentität. Wenn auch verwandte Personen mit
Namensidentität in den
Urkunden relativ selten begegnen, so zeigen doch die Stammtafeln der
großen Geschlechter, der MEROWINGER, KAROLINGER, AGILULFINGER
usf.,
deutlich, daß bestimmte Namen bei bestimmten Familien beliebt
waren und daß der Namensübergang auf eine andere Familie
- Chlodwig, Ludwig - auf Verwandtschaft
hinweist. Den umgekehrten Fall,
daß den Kindern prominenter Adeliger die Namen von anderen, aber
nicht
verwandten großen Herren gegeben wurden, kann ich mir nicht
vorstellen. Name steht im 8. und 9.
Jahrhundert für Geschlecht. Die Vielfalt und
Wandlungsfähigkeit der
Namen - noch zwischen 880 und 930 gibt es allein in den Freisinger
Traditionen bei 230 verschiedene Namen von Edlen - erlaubte es,
daß jedes Kind einen „geschlechtseigenen"
Namen bekam.]. Dieser Graf Ratold könnte recht gut
ein Neffe des Ratold „von Daglfing" gewesen sein.
Störmer [24 Störmer, Adelsgruppen 166.]
verweist in diesem Zusammenhang auf Ratold,
den Sohn eines Starcholf, der
im Raum Aßling begütert war. Dieser Ratold besaß einen Bruder Rimideo, der dem Ort Rinding
- wiederum nicht weit von Ebersberg, seinen Namen gegeben haben
dürfte. So gelangen wir bei der Untersuchung der Ratold-Sippe immer wieder in
Räume, wo später die EBERSBERGER
mächtig waren, zu der Grafschaft
Amper-Glonn, für die im 10. Jahrhundert anscheinend
zeitweise die Brüder Eberhart
und Adalbero von Ebersberg zuständig
waren, vor allem aber in die nächste Nachbarschaft der
späteren Burg Ebersberg.
Nicht ohne Grund sieht Tyroller in jenem
Grafen Ratold, Verwandten des
Ratold von Daglfing, den Schwiegervater
des Grafen Sighart und somit Großvater
des EBERSBERGERS Ratold [25 Tyroller, Adel, Tafel 2.]. Er macht
sogar den Freisinger Vogt und Grafen
Ratold des 10. Jahrhunderts zu einem Bruder der Grafen Adalbero und Eberhart von Ebersberg, was zwar
möglich, aber keineswegs erwiesen ist. Hingegen kann es auf Grund
verblüffender Übereinstimmungen der Namen und der Lage des
Besitzes als ziemlich sicher gelten, daß Graf Sighart in eine Ratold-Familie einheiratete, die
seit langem in Bayern begütert und mächtig war.
Wir müssen hier nochmals auf Eggelburg eingehen. Mehrere Anzeichen
lassen erkennen, daß es den Grafen zunächst nicht gelang,
sich in den Besitz dieser Burg zu setzen, die, wie schon gesagt,
wesentlich älter ist als Ebersberg [26
Störmer, Früher Adel, a.a.O., 183 f.].
Zwar gehörte ihnen im Ort Grund und Boden [27 E II I,
wohl auch I 83 („presbiterissa")
Liutbirg.], das Herzstück jedoch, die
Kirche, die bei der Burg gelegen haben dürfte, gewann das Kloster
Ebersberg erst nach dem Erlöschen des Grafenhauses. Wir erfahren
nämlich, daß sich diese Kirche um 1040 in Händen eines miles
Adalbert befand [28 E II 9.], aber erst um 1080 erhielt
sie Abt Williram tauschweise
von einem miles Rorichi [29 E II 24.], der also Besitznachfolger und wohl auch Nachkomme des Adalbert gewesen ist. Einige
Zeugen dieses Aktes wie Raffold von
Haimpertshofen und Walchun von
Scheyern (beide bei Pfaffenhofen) lassen übrigens erkennen,
daß dieser Rorichi im
Raum Pfaffenhofen ansässig gewesen sein muß, doch
vermögen wir ihn in den Urkunden der benachbarten Klöster
nicht aufzufinden. - Außerdem ist nicht einzusehen, warum sich
die Grafen nicht in Eggelburg selbst festgesetzt hätten, wenn es
ihnen gelungen wäre, diesen Platz frühzeitig in ihre Hand zu
bekommen. Dieser Punkt ist von Natur aus ebensogut befestigt wie
Ebersberg; obendrein kontrolliert er den einzigen natürlichen
Zugang zum Raum südlich des EBERSBERGER
Forstes von der Münchner Ebene her. Die Burg besaß auch
einen eigenen Zugang durch den EBERSBERGER
Forst, den „Eggelburgerweg" [30 E 1 43.], der bei Anzing seinen
Anfang nahm.
Mit der Eggelburg hat auch meines Erachtens die Teilung des EBERSBERGER Forstes zu tun. Es ist
schwer verständlich, warum der König dem Grafen Sighart nur den Ostteil des Forstes gab, wenn er ihm
den ganzen hätte geben können. Es ist demnach anzunehmen,
daß der westliche Teil schon in der Zeit König Karlmanns den Besitzern
der Eggelburg gehört hat. In diesem Zusammenhang fällt uns
auch auf, daß der Name des Ortes Eglharting (westlich Kirchseeon)
nicht ein einziges Mal im EBERSBERGER
Kartular genannt wird, obwohl er doch im Machtbereich der Grafen und
dann des Klosters gelegen war; auch die Namensbildung weist auf eine
frühe Epoche. Ferner könnte der Name des Ortsgründers (Egilhart, Eigilhart) auf Zusammenhang mit dem
ersten Besitzer der Eggelburg (Eckilinburg von Eckilo,
möglicherweise eine Verformung von Eigilo = Kurzform zu Eigilhart) hindeuten.
Jedenfalls könnte sich auch Eglharting anfänglich im Besitz
der EGGELBURGER befunden
haben, während in Gronsdorf, Neukirchen, Kirchseeon und Zorneding
Güter der EBERSBERGER
lagen. Diese Beobachtungen lassen auf einen Vertrag schließen;
anscheinend wurde das Erbe der
Ratold-Sippe, den alten Besitzern der Eggelburg, unter deren
Nachkommen aufgeteilt. Dies würde bedeuten, daß auch die
Güter der Grafen von Ebersberg südlich des Forstes nicht zu
ihrem alten Hausbesitz gehörten, sondern eben durch diese
Erbschaft erworben wurden. Doch scheinen sich die EGGELBURGER nicht lange gegen die EBERSBERGER behauptet haben; die
Gründung der Orte Obelfing und Wolfesing (bei Anzing am
„Eggelburger Weg"!) kann nämlich erst erfolgt sein, als die Grafen
auch westlich des Forstes den Ton angaben.
Wir sind nun in der Lage, die Umstände einigermaßen zu
erkennen, unter denen Sighart,
ein Mann, der vor allem in Schwaben und vielleicht auch in
Süd-Franken mächtig war, nach Bayern übergesiedelt ist.
Als getreuer Anhänger des Königs
Karlmann hatte er
von diesem einen sehr bedeutenden Besitz, nämlich den Königsmarkt Sempt mit
Umgebung, erhalten und dazu durch seine Heirat mit der Tochter eines bayerischen Grafen mehrere Großgüter
am Südrand des EBERSBERGER
Forstes. Als nun Karlmanns Sohn
Arnulf ans Ruder gelangte - vielleicht unter tätiger
Mithilfe dieses Sighart -, da
lag dem neuen König anscheinend viel daran, diesen seinen
Verwandten, auf den er sich verlassen konnte, nach
Bayern zu holen, wo er wirklich der Herr war. In
den anderen Teilen Ost-Frankens mußte sich nämlich ARNULF mit
einer
formalen Oberhoheit begnügen. Schon bald nach seinem
Regierungsantritt
gab er ihm das letzte Stück der Sempter Herrschaft, die Kapelle
bei
Berg nahe Sempt, die bisher nur Lehen des Grafen gewesen war, zu Eigen.
So hatte dieser Sighart in
kurzer Zeit
bedeutenden Besitz in Bayern gewonnen. Seine Entscheidung, nach Bayern
überzusiedeln, machte er aber wohl davon abhängig, ob der
Teil des damaligen Sempter Forstes,
den er besaß, sich für Rodung eigne. Er ließ zu diesem
Zweck den Rat
von einigen heiligmäßig lebenden und hochangesehenen
schwäbischen
Geistlichen einholen. Erst als diese in bejahendem Sinn geantwortet
hatten, entschloß er sich nach Bayern zu gehen. Hier haben wir
ein
Beispiel, wie ein Mitglied der „karolingischen Reichsaristokratie"
nach
Bayern übergesiedelt ist und dort Wurzel geschlagen hat.
DIE ANFÄNGE DER GRAFEN VON
EBERSBERG
(nach Trotter, Tyroller und
Störmer)
-------------------------------------------------------
Adalgoß
Ratold
(?Schwester)
839
?813-39
trad. u. a.
Daglfing,
?
I
?
Zorneding
I
I
I
I
I
Kunihoch
Ratold
Sighart
? 826-50
837-55
Gf im Kraichgau
I
Bischof
Gf a. d.
Amper abgesetzt 862 I
trad. u. a.
I
Daglfing,
I
Gronsdorf,
I
Eggelburg
I
I
I
I
---------------------------------
Adalgoß
NN(Tochter)
Gotini
oo
Sighart
898
oo
Gotschalk
ca. 887-906
Praefekt
Gf a. d. Amper
?
Gf in Ala-
a. d.
Schutter
860-99
mannien
(sein Lehen
besitzt Sempt
erhält Gf
Sighart)
I
--------------------------
Ratold
Sighart
ca.
890-919
908-16
Mkgf in Gf
im oberen
Karantanien Salzburggau
I
--------------------------------------
Ratold
Eberhart Adalbero
926-57
†
959
928/39-65/69
Vogt in Frei- Gf a. d. Amper
Gf v. Ebersberg
sing, dann Graf Gründer von
I
Ebersberg
---------------
Sighart
Ratold
† ca. 1000 †1003
v
v
Gf um
Freising Domherr in
oo Bertha Freising
Ebersberger
Sighartinger
„v. Preising" Abt v.
Benediktbeuern