Slavenchronik des Arnold von Lübeck
*******************************

Zweites Buch.

6. Von der Bebauung des Hopelberges.
 

Odelrich von Halverstadt aber nahm einen Berg, Hopelberg genannt, in Besitz, und erbaute auf demselben eine Veste, wobei ihn die im Osten mit ihren Leuten unterstützten. Als das der Herzog vernahm, kam er mit einer Schaar von Reisigen, verjagte die Feinde, und brach die  Burg. Jene aber sammelten sich wieder, und betrieben das Werk mit verstärkter Kraft. Da ihnen nun zum zweiten Male das Heer des Herzogs entgegeneilte, so gewannen sie die Oberhand, schlugen das Heer in die Flucht, und machten viele Gefangene und große Beute. Bei dieser Gelegenheit kamen auch viele in den Sümpfen um. Damals starb Graf Heinrich, der Stiefvater des Grafen Adolf, welcher zu der Zeit noch ein Jüngling war. Allein seine Mutter Mechtild, eine verständige und fromme Frau, versah als Wittwe unbeschränkt die Angelegenheiten seines Hauses mit Weisheit. Als er Ritter wurde, zeigte er, daß er nicht entartet war, sondern demVater an Tüchtigkeit gleichkam.
 

Fünftes Buch.
 

 1. Von der Rückkehr des Herzogs aus England.
 

Während dieser Feldzug oder diese Pilgerfahrt ausgeführt wurde, fehlte es nicht an neuen Ereignissen in Sachsen. Denn in demselben Jahre, in welchem um die Maizeit der Herr Kaiser mit denen, welche mit ihm zusammen aus Liebe zu Gott als Pilger fortzogen - unter ihnen war Graf Adolf -, aufgebrochen war, empfing der Herr Erzbischof Hartwich von Bremen den von England heimkehrenden Herrn Herzog Heinrich mit seinem gleichgenannten Sohne um Michaelis voll Güte. Da er nämlich wegen der Thietmarcen, welche er von Waldemar von Schleswig nicht wieder erlangen konnte, fast von  jedermann verachtet war, so machte er, in der Hoffnung, seine alte Macht wieder zu gewinnen, mit dem Herzoge Freundschaft, und bewirthete ihn nicht nur in Stade, sondern übergab ihm auch die Grafschaft. Auf diese Kunde eilten die angesehensten Holtsaten und Sturmaren dem Herzog entgegen, begrüßten ihn in Frieden, und stellten ihm frei, in ihr Land einzuziehen. Darüber hocherfreut gelobte er sie hoch erheben zu wollen, wenn sie ihm den Einzug verstatten wollten. Sie aber besetzten sofort die festen Plätze des Grafen, nämlich Hammemburg, Plune und Etziho, und vertrieben seine Leute aus dem Lande. Als Graf Adolf von Dasle, der damals an seines Neffen Statt im Lande war, und Frau Mechtild, die Mutter des Grafen von Schauenburg, und dessen Gemahlin, Frau Adelheid, eine Tochter Herrn Burchards von Querenvorde, das sahen, zogen sie sich in die Stadt Lubeke zurück.
 

7. Von der Heimkehr des Grafen Adolf.
 

Währenddeß erfuhr der auf der Kreuzfahrt begriffene Graf Adolf, als er nach Tyrus kam, daß sein Land von Herzog Heinrich besetzt sei. Daher gab er auf den Rath vieler Geistlichen die Pilgerfahrt auf, und kehrte nach Schauenburg zurück. So auf der Heimkehr kam er zum Kaiser, der sich in Schwaben befand. Dieser machte ihm bei seiner Anwesenheit gute Hoffnung, sein Land wieder zu erlangen, und versprach ihm in allem Hülfe, gewährte ihm auch die reichste Unterstützung. Als er nun nach Schauenburg kam, sah er Holtsatien von allen Seiten her für sich versperrt; denn der Herzog hatte alle Orte um die Elbe inne, nämlich Stade, Lowenburg, Boiceneburg und Zwerin, und auch durch das  Slavenland konnte er nicht hineinkommen, weil Burwin, ein Eidam des Herzogs, ihm auflauerte. Daher begab er sich zum Herzoge Bernhard und zum Markgrafen Otto von Brandenburg, und diese geleiteten ihn mit bewaffneter Macht nach Ertheneburg. Hier kam ihm Adolf von Dasle, sein Neffe, mit einer Menge Holtsaten und Sturmaren und zugleich auch mit seiner Mutter und seiner Gemahlin entgegen, und begrüßte ihn voll Freuden. Auch Bernhard der Jüngere, der Sohn des Grafen Bernhard von Racesburg, welchen der Herzog, nachdem er als einziger Sohn seines Vaters vom Papste aus dem geistlichen Stande wieder entlassen war, zum Ritter gemacht hatte, kam aus Furcht, sein Land einzubüßen, zum Herzoge Bernhard und zum Markgrafen im Namen des Kaisers, ging zu ihnen über und begann, nunmehr vom Herzog Heinrich sich lossagend, dem Grafen Adolf in allem zu helfen. Sein Vater aber begab sich zum Herzoge Heinrich und blieb bei demselben gar lange Zeit. Späterhin aber  erkrankte er, und ward nun nach dem Kloster, nicht nach der Veste Racesburg gebracht. Hier pflegten ihn sowohl sein Sohn als seine Gemahlin, allein nach einer Krankheit von einiger Dauer beschloß er den Lauf seiner Tage.

Möge es den Leser nicht verdrießen, wenn hin und wieder etwas vorausgeschickt wird, was hinterher noch einmal vorkommt; denn die natürliche Entwickelung der Gedanken ist von einer künstlichen Anordnung zu unterscheiden. Daher ermahnt auch der Dichter den Schriftsteller:

Daß er sogleich nun sag', was sogleich nun müsse gesagt sein,

 Aber das Meiste verschieb' und für jetzt noch lasse bei Seite.

 (Horaz, Dichtk. V. 43. 44.)

Darum darf es nicht vergessen, sondern muß ausdrücklich erzählt werden, daß der Vater eben dieses Bernhards ein sehr vornehmer und angesehener Mann war, nämlich Graf Heinrich von Bodwide, welcher zu Zeiten König Konrads ins Land kam, als noch Heinrich, Herzog von Baiern und Sachsen,  lebte, und dessen Sohn, Herzog Heinrich, noch ein Kind war. Nach dem Tode des Vaters empfing er vom Herzoge Heinrich, der noch in zarter Jugend war, sein Land. Es war aber Krieg zwischen diesem Grafen Heinrich und dem älteren Grafen Adolf von Schauenburg, welcher damals auch selbst im Lande war. Mit diesem kämpfte Graf Heinrich voll Anstrengung um den Besitz von Wagrien, jedoch behielt Adolf die Oberhand, und nahm Wagrien ein. Heinrich aber erhielt Racesburg sammt dem Lande der Polaben vom Herzoge als ein beständiges Lehen. Da Herzog Heinrich damals herangewachsen  und mächtig geworden war, so begann er jenseits der Elbe Kirchen anzulegen, und bemühte sich, dem Propste Evermod zu Magdeburg mit Vollmacht des dortigen Erzbischofs zur  Racesburger Diöcese zu verhelfen. Hierin unterstützte ihn Graf Heinrich auf alle Weise, und mit Gottes Hülfe wurde diese damals sehr junge Kirche an Unterthanen und Vermögen bedeutend. Derselbe Graf hatte auch einen Sohn, Namens Bernhard, welcher nach dem Tode des Vaters sowohl  sonst sich rüstig und tüchtig bewies, als auch die Angriffe der Slaven zu wiederholten Malen mit großer Mühe abwehrte. Dann aber, als er die Slaven vertrieben hatte, richtete er mit dem Lande von Tage zu Tage mehr aus. Dieser Bernhard führte eine edle Slavin heim, Margareta, eine Tochter Ratibors, des Fürsten der Pomeranen, und so blieben beide durch diese Ehe verbundene Länder fortan in Frieden vereint. Er erzeugte mit ihr drei Söhne, Volrad, Heinrich und Bernhard, welche, als sie erwachsen, sehr rüstig und auch, was das Glück anlangt, dem Vater gleich waren. Volrad und Heinrich wurden in den Ritterstand aufgenommen, Bernhard aber Geistlicher, und erhielt als solcher an der Hauptkirche  zu Magdeburg eine Pfründe. Volrad wurde, als er einstmals einen Kriegszug gegen die Slaven unternahm, erschlagen, und seine Leiche nach Racesburg geschafft, um bei den Seinigen bestattet zu werden. Er bekam folgende wohlverdiente Grabschrift:

Während die feindlichen Schaaren Du drängst, o tapferster Ritter,
Sinkst Du, o Volrad, hin, heiß von den Deinen beweint.
Du, der mit tapferer Hand das Vaterland schützte, es rächend
Ob des Vaters Verlust, nimm nun den würdigen Lohn.

Sein Bruder Heinrich endete sein Leben in Frieden. Da also, wie gesagt, der Vater seiner bedurfte, so verließ er,  jedoch nach eingeholter päpstlicher Vergünstigung, den geistlichen Stand, wurde Ritter, und heirathete die hochgeborene Adelheid, eine Tochter der Gräfin von Halremund. Von  dieser bekam er einen Sohn, dem er seinen Namen gab. Er selbst starb nachher an einer Krankheit zu Racesburg. Sein Sohn aber folgte ihm nach einigen Jahren, noch als Kind einem frühzeitigen Tode erliegend. Adelheid, die Mutter und Wittwe, heirathete den Grafen Adolf von Dasle. So ging dies Geschlecht zu Ende.