"Erchanger kämpfte nach der Rückkehr
aus dem Exil gemeinsam mit Burchard und (seinem eigenen Bruder) Bertold
gegen die übrigen Landsleute; er besiegte diese in Wahlwies und wurde
zu ihrem Herzog erhoben" [21 Annales Alamannici, ed. W. Lendi,
Untersuchungen zur frühalemannischen Annalistik. Die Murbacher Annalen
(Scrinium Friburgense 1), Freiburg/Schweiz 1971, Seite 190. - Mit in die
Betrachtung einzubeziehen sind im Folgenden immer auch die Größeren
St. Galler Annalen, die ebenfalls fast zeitgleich, höchstens 30 Jahre
später, niedergeschrieben worden sind. Zu den Jahren 914/15 berichten
sie bezeichnenderweise nichts außer der Festsetzung des Konstanzer
Bischofs Salomo: Annales Sangallenses maiores, ed. C.Henking, Die annalitischen
Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen, in: Mittheilungen zur vaterländischen
Geschichte, hg. vom historischen Verein St. Gallen 19, 1884; Seite 280.].
Derart lapidar fällt - ganz im Einklang mit der im Allgemeinen außerordentlich
spärlichen Überlieferung des 10. Jahrhunderts - die hauptsächliche
und einzige einigermaßen zeitgenössische Nachricht zu dem Geschehen
im Jahre 915 aus, das vielleicht als Geburtsstunde des schwäbischen
Herzogtums gelten kann. Immerhin findet sich die Notiz in einem Zweig der
gewöhnlich gut unterrichteten "alemannischen Annalen". Sie ist daher
wertvoll, wenngleich aus ihr kaum mehr erkennbar ist als die Einschätzung
der Zeitgenossen, die dem Magnaten Erchanger aus der Sippe der ALAHOLFINGER
im
Jahre 915 als erstem ausdrücklich den Rang eines Herzogs bei den Schwaben
zumaßen. Des Weiterem ist dem Jahreseintrag 915 zu entnehmen, wie
stark die Durchsetzung und Etablierung des Herzogtums mit einem kriegerischen
Ringen zwischen den feudalen Kräften im Lande verbunden war.
Bei dem neuen Fürst der Schwaben, der im
Bericht der Annalen an vorderster Stelle agiert, handelt es sich um den
zuvor von König KONRAD I. (911-918)
verbannten Pfalzgrafen Erchanger aus der weiteren Sippschaft der
ALAHOLFINGER. Erchangers Kampf um die Führungsrolle
an der Spitze des schwäbischen Adels unterstützten in jenem Jahr
zwei weitere alemannisch-rätische Große: an erster Stelle der
jüngere Burchard aus der Sippe der HUNFRIDINGER und erst an zweiter
Stelle Erchangers Bruder Bertold. Mit dieser Reihenfolge
dürfte die entscheidende Rolle des Rivalen Burchard gekennzeichnet
sein, ohne dessen Unterstützung die alaholfingischen Brüder
das Ringen mit dem schwäbischen Adel um die Anerkennung des Dukats
möglichweise nicht bestanden hätten. Der Kampf richtete sich
nach dem Wortlaut der Nachricht gegen den "übrigen" alemannisch-schwäbischen
Adel insgesamt, der offenbar den Anspruch der genannten Magnaten auf die
politische Führung in Schwaben nicht ohne weiteres anzuerkennen bereit
war. Trotzdem ist anzunehmen, daß sich hinter den "übrigen Landsleuten/Vaterländischen"
nur ein Teil des Adels verbirgt, der nicht schon von vornherein zur Anhängerschaft
der drei kämpfenden Fürsten zählte. Aufgrund des Sieges
mit Hilfe von Burchard konnte Erchanger sich zunächst als Fürst
und Herzog bei den Schwaben durchsetzen.
In der politischen Krisensituation der Thronvakanz im
Herbst 911 scheint sich ein Großteil des alemannischen Adels noch
dem legitistisch im Sinne des Königtums agierenden Bischof Salomo
angeschlossen und so die Überrumpelung Burchards ermöglicht zu
haben. Es ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß sich darunter
Erchanger und Bertold befanden, die selbst nach der Pfalzgrafschaft
und der Vorherrschaft im Lande strebten. Erchanger ist jedenfalls
schon im folgenden Jahr im Besitz des Pfalzgrafentitels bezeugt
und hat das hohe Amt mit den zugehörigen Positionen wenig später
als Sprungbrett für die Erlangung des Dukats zu nutzen verstanden
[41 Vgl. H. Maurer, Der Herzog von Schwaben, Sigmaringen 1978, Seite
40.]. Wenn es also im Spätjahr 911 während der Thronvakanz den
Magnaten in Schwaben in erster Linie um die Pfalzgrafschaft und den Besitz
von Königshöfen wie Stammheim und der Pfalz zu Bodman ging, die
wohl auch Bischof Salomo gerne selbst an sich genommen hätte, entzweiten
sich die ehemaligen Verbündeten bereits im Jahre 912 oder 913 auf
den Tod. Dies ging einher mit der Auflehnung Erchangers gegen König
KONRAD, der nach einem von Erchanger gemeinsam mit dem
Bayern-Herzog Arnulf erfochtenen Sieg
über die Ungarn zunächst durch die Heiratsverbindung mit Kunigunde,
der Schwester des Pfalzgrafen, beschwichtigt werden konnte. Vielleicht
waren Versprechungen im Zusammenhang mit Burchards Vertreibung nicht eingehalten
worden; jedenfalls fühlte sich Erchanger spätestens von
diesem Zeitpunkt an dazu ermutigt, mit aller Macht nach der Errichtung
des Dukats und einer fürstlichen Vorrangstellung in Schwaben zu streben.
Dazu dürfte die Verschwägerung mit dem König oder, anders
ausgedrückt, Erchangers neue Königsnähe entscheidend
beigetragen haben. Für KONRAD,
der an die Heimführung Kunigundes
große Hoffnungen auf die Unterwerfung und Befriedung Schwabens und
Bayerns geknüpft haben mag, wuchs sich dieser Akt fürstlicher
Heiratspolitik andererseits zum politischen Desaster aus; er steht am Anfang
seines vollständigen Scheiterns als Herrscher.
Woran sich der Streit zwischen dem König und seinem
Pfalzgrafen Erchanger im Einzelnen entzündete, bleibt wie gesagt
unklar. Der Annalist notiert zum Jahre 913 (oder in Anbetracht der chronologischen
Unsicherheiten dieser Quellengattung vielleicht bereits zum Jahre 912)
nur, da habe der Zwist begonnen. Blickt man indessen auf den Fortgang der
Ereignisse und zieht in Betracht, daß schon nach kurzer Zeit eine
Aussöhnung zwischen dem Herrscher und Erchanger stattfand,
die durch den Ehebund KONRADS mit Kunigunde,
der Schwester Erchangers besiegelt wurde (913714), und berücksichtigte
man außerdem, daß der Pfalzgraf in Zwischenzeit offenbar auf
eigenen Faust gemeinsam mit seinem Neffen Herzog
Arnulf von Bayern siegreich gegen die Ungarn gekämpft hatte,
so ist daraus am ehesten zu schließen, daß es sich bei Erchangers
Crimen maiestatis (auch) um die Verweigerung der Heerfolge gegenüber
König KONRAD bei dessen Feldzug
nach Lothringen gehandelt haben dürfte. Zur Heerfolge war Erchanger
als Pfalzgraf von Amts wegen verpflichtet, und der König dürfte
in der schwierigen Lage seines ersten Regierungsjahres auch ein schwäbisches
Aufgebot, das damals ausblieb, in sein Kalkül mit einbezogen haben.
Der Frieden im Lande, mühsam ausgehandelt zuerst
um die Jahreswende 911/12 bei einem kurzfristig anberaumten Besuch am Bodensee
und dann nochmals 912/13, hielt also nicht lange vor. Und bald schon wagte
es der Pfalzgraf Erchanger sogar, Bischof Salomo, den Vertrauten
des Königs und langjährigen Verbündeten, zu attackieren.
Laut Ekkehard, dem St. Galler Klosterchronisten, der die unerhörte
Tat des "Kammerboten" Erchanger mit allen ihm zu Gebote stehenden
Mitteln ausschmückte, hätte sich zunächst ein Streit zwischen
Bertold, Erchanger und Salomo um die Einnahmen und den Besitz
des königlichen Hofes Stammheim entzündet, in dessen Verlauf
die "Kammerboten" den Bischof bedroht und dann in einem abgelegenen "Schlupfwinkel"
festgehalten hätten. Schließlich brachten sie Salomo angeblich
auf die (nicht genauer lokalisierbare) Thiepoldsburg und hielten ihn dort
unter der Obhut von Erchangers Gemahlin Berta gefangen [44
Ekkehard, St. Galler Klostergeschichten, ed. H.F. Haefele, Ausgewählte
Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe
10), Darmstadt 2002, Seite 46-53; vgl. Annales Alamannici, ed. W. Lendi,
Untersuchungen zur frühalemannischen Annalistik: Die Murbacher Annalen
(Scrinium Drigurgense 1), Freiburg/Schweiz 1971, Seite 190: Erchanger
hostili manu super episcopum Salomonem venit et eum comprehendit. -
Annales Sangallenses maiores ad a. 914, ed. C. Henking, Die annalistischen
Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen, in: Mittheilungen zur vaterländischen
Geschichte, hg. vom historischen Verein St. Gallen 19, 1884, Seite 280:
Salomon episcopus captus est.].
Mit der Attacke auf den königlichen Kanzler im Jahre
913 oder 914 hatte Erchanger sein Blatt endgültig überreizt,
denn diese bedeutete eine Provokation, die der König keinesfalls konnte.
König KONRAD gelang es denn auch
bald, seinen Schwager zu ergreifen, und allem Anschein nach ließ
er den schwäbischen Fürsten zunächst im Königshof Oferdingen
am oberen Neckar gefangen halten und schickte ihn dann in die Verbannung
- eine Strafmaßnahme, oder vielleicht besser gesagt: eine Sanktion,
die wohl nur wegen der erwähnten friedenstiftenden Heiratsverbindung
des Königs mit Erchangers Schwester Kunigunde
so glimpflich ausgefallen sein dürfte. Allerdings mußte
es Erchanger auch klar sein, daß dies den Anfang vom Ende
seines Strebens nach fürstlicher Herrschaft in Schwaben bedeutete.
Jeder Versuch einer Rückkehr aus der Verbannung, über deren Dauer
und Ort nichts Näheres überliefert ist, konnte nur ein Unternehmen
auf Leben und Tod sein. Denn KONRADS entschlossenes
Handeln ließ keinen Zweifel daran, daß dergleichen auf den
unerbittlichen Widerstand des Königs und seiner schwäbischen
Anhänger um Bischof Salomo stoßen würde. Zudem hatte Erchanger
im Zuge seiner Vertreibung zweifellos auch das hohe Amte des Pfalzgrafen
verloren, zu dessen Verweser KONRAD
vermutlich seinen Kanzler, den Bischof Salomo von Konstanz, bestellte.
Die politische Lage in Schwaben hatte sich mittlerweile
noch kompliziert, denn auch der jüngere Burchard kehrte aus seinem
erzwungenen Exil zurück und ließ keinen Zweifel daran, daß
er in die von ihm gemäß Erbrecht beanspruchten Besitzungen seines
Vaters einzutreten gedachte. Außerdem spielten sich die folgenden
Kämpfe um die fürstliche Suprematie bei den Schwaben im Grunde
in den traditionellen Bahnen eines gewissermaßen in Richtung auf
Erblichkeit tendierenden Anspruchs auf die pfalzgräfliche Würde
in Schwaben ab, denn wie Gozbert aus Burchards näherer Verwandtschaft
hatte auch Erchangers mutmaßlicher Vorfahr Bertold
dieses Amt bekleidet, nämlich in den Jahren nach 880 unter Kaiser
KARL III. und König ARNULF,
und die kriegerischen Auseinandersetzungen kreisten demgemäß
um die Fiskalgüter und Fiskalgutkomplexe, mit denen die Funktionen
des pfalzgräflichen Amtes verbunden waren.
Als der verbannte und im Zusammenhang mit der königlichen
Strafaktion zweifellos auch seines Amtes enthobene Pfalzgraf kurze Zeit
später, im Verlauf der Jahre 914/15, nach Schwaben zurückkehrte,
verbündete er sich überraschend mit dem bereits einige Zeit zuvor
ebenfalls aus dem Exil wiedergekehrten Burchard. Von diesem berichten
die Annalen in unmittelbarem Anschluß an die Geschichte von der Vertreibung
Erchangers, "schon bald" darauf habe "auch der jüngere Burchard
begonnen,
sich gegen den König zu erheben und sein eigenes Vaterland zu verwüsten".
Die angesprochene "patria sua" wird weniger in der rätischen Markgrafschaft
Burchards
oder dessen traditionellen südalemannischen Einflußgebiet als
vielmehr in Innerschwaben zu suchen sein, und es gilt deshalb zu fragen,
wessen Güter und Besitzungen in Schwaben Burchard zum Ziel seines
Vorgehens nahm, denn darin dürfte der Schlüssel zu der an sich
erstaunlichen Tatsache liegen, daß Burchard im Verlauf seines Einfalls
nach Schwaben zu einer zeitweiligen Kooperation mit dem ebenfalls wieder
in Schwaben agierenden Erchanger fand. Die generelle Stoßrichtung
der beiden Fürsten in ihrem Bündnis, das von vornherein ein Zusammenwirken
auf Zeit war, dürfte die gleiche gewesen sein: beiden ging es um die
fürstliche
Herrschaft bei den Schwaben.
Bei Burchards Wiederkehr und Aufmarsch in Schwaben ist
am ehesten an Attacken auf jene Positionen zu denken, die sein Rivale Erchanger
vor der Exilierung beansprucht und behauptet hatte, und an solche,
die Burchard selbst gehört hatten bzw. die er aus väterlichem
Erbe erlangt hatte und die zwischen zeitlich von Erchanger und anderen
Gegner, beispielweise Salomo, in Beschlag genommen worden waren. In den
spärlichen Nachrichten werden drei regionale Schwerpunkte im Vorfeld
des Ringens um das Herzogtum sichtbar, einmal der obere Neckar, wo König
KONRAD den Erchanger offenbar an der Inbesitznahme von Fiskalgut
hinderte, zum anderen der Fiskus Bodman mit seinen Pertinenzen bis hin
zu dem mächtigen Berg des Hohentwiel im Hegau und schließlich
der Fiskus Stammheim im Thurgau. Legt man die Chronologie der Annalen zugrunde,
begann Burchard 914 gegen den König zu rebellieren und sein "Vaterland"
zu verwüsten, während KONRAD
im Jahr darauf vor dem Hohentwiel aufmarschierte. Und erst danach, wenngleich
noch unter dem Jahresblock 915, erschien auch der verbannte Erchanger
wieder in Schwaben. Wenn also offenkundig die Exilierung Erchangers
Burchard zur Rückkehr ermutigt oder doch bewegt hatte und die Verheerung
Schwabens durch den
rätischen Markgrafen zumindest mit veranlaßte,
so scheint andererseits
Burchards Rückkehr den Erchanger veranlaßt
zu haben, in Schwaben wieder auf den Plan zu treten. Des Königs erfolgloser
Abzug von der Belagerung des Hohentwiels und die anschließende Bindung
starker königlicher Kräfte durch den Einfall des Sachsen-Herzogs
Heinrich in Franken dürfte wiederum Erchanger und
Burchard wenig später dazu bewogen haben, sich zu verbünden und
gemeinsam gegen die verbliebenen Königlichen in Schwaben vorzugehen.
Immerhin blieb die einigermaßen vertrauenswürdige
Nachricht erhalten, daß Burchard bei dem besagten dritten Zuge König
KONRADS nach Schwaben ungeschoren davonkam, obwohl er der hauptsächlich
Betroffene gewesen sein muß. Im Unterschied zu Erchanger im
Jahr zuvor konnte der König des aufständischen Burchards nämlich
nicht habhaft werden - und dieser scheint sogar gestärkt aus der Konfrontation
hervorgegangen zu sein. Das alles spricht dafür, daß Burchard
schon zu Beginn der Kämpfe um die fürstliche Vorherrschaft in
Schwaben die Gewalt über den Hohentwiel erlangte und diese Position
dann auch gegenüber dem König und allen anderen schwäbischen
Rivalen zu behaupten vermochte. Dabei kann offen bleiben, ob sich der Markgraf
persönlich auf dem mächtigen Hegauberg bei Singen verschanzt
hatte, wofür König KONRADS
Aufmarsch vor dem Hohentwiel sprechen würde, oder ob er sich in seinem
angestammten südalemannisch-rätischen Herrschaftsgebiet aufhielt,
wo er für den Herrscher kaum angreifbar gewesen wäre.
Des Königs Abzug nach der Belagerung des Hohentwiels
könnte wiederum die Rückkehr Erchangers aus dem Exil provoziert
haben. Denn wenn Burchard damals zentrale königliche Positionen in
Schwaben wie Pfalz und Fiskus Bodman zu behaupten vermochte, die Erchanger
als Pfalzgraf beanspruchte, so schmälerte dies die Perspektive
und Erfolgsaussichten des Konkurrenten bezüglich der Erlangung eines
schwäbischen Herzogtums ganz erheblich. Zugespitzt könnte man
sogar sagen, daß Erchanger angesichts der Rückkehr und
der neuen Initiative seines gefährlichsten Rivalen gar keine andere
Wahl hatte, als ebenfalls zurückzukehren. Ein solcher Hintergrund
würde auch verständlich machen, daß es zwischen den beiden
Aspiranten auf das Herzogtum bei den Schwaben im Jahre 915 zu dem erwähnten
Zusammenwirken oder Bündnis kam. Die äußerst knappe, zeitgenössische
Überlieferung besagt: "Erchanger kämpfte nach der Rückkehr
aus dem Exil gemeinsam mit Burkard und (seinem eigenen Bruder) Bertold
gegen die übrigen Landsleute, besiegte diese in Wahlwies und wurde
zu ihrem Herzog erhoben". So konnte noch im selben Jahr ein bemerkenswertes
Bündnis der bis dahin erfolglosen Rivalen um die Macht im Lande wirksam
werden, das zunächst dem ehemaligen Pfalzgrafen Erchanger den
Weg zum Herzogtum ebnete - vielleicht mitverursacht durch die sich abzeichnende
Kaiserkrönung BERENGARS VON ITALIEN
(915), die den italienischen Perspektiven und Avancen Burchards vollends
den Boden zu entziehen drohte.
An die Nachricht über die Schlacht von Wahlwies
schloß der alemannische Annalist unmittelbar die Worte an, Erchanger
sei daraufhin zum Herzog sowohl der Sieger als auch der Besiegten
erhoben worden. Der erste schwäbische Herzog errang also seine fürstliche
Vorrangstellung, die allerdings nur von kurzer Dauer sein sollte, durch
ein Zweckbündnis mit seinem ärgsten Rivalen Burchard. Es wäre
zu überlegen, wie dieses Bündnis zustande kam und ob es vielleicht
in Form eines Pactum oder einer Amicitia abgesichert worden ist, aber die
spärliche Überlieferung läßt an diesem Punkt keine
klaren Aussagen zu. Immerhin können die Angaben des alemannischen
Annalisten nicht über eine wesentliche Tatsache hinwegtäuschen:
Erchangers Sieg und Erhebung in Wahlwies konnte nur mit der Hilfe
seines schärfsten Konkurrenten um das schwäbische Fürstentum
errungen werden. Burchard wird seinen Preis dafür gefordert haben.
Er könnte in der endgültigen Überlassung des Hohentwiels,
möglicherweise aber auch in einer Zusicherung der angestammten innerschwäbischen
Besitzungen der BURCHARDE oder ihres traditionellen rätisch-südalemannischen
Herrschaftsgebietes zu suchen sein.
Eines jedenfalls muß schärfer gesehen werden
als bisher. Erchanger befand sich in einer wesentlich prekäreren
Situation als Burchard, dessen Periphere südalemannische Positionen
für das Königtum und dessen Helfer kaum erreichbar und nur teilweise
angreifbar waren. Er war deshalb vital auf ein Bündnis mit Burchard
angwiesen, der vermutlich mit dem - soeben vom König erfolglos belagerten
- Hohentwiel über das Pendant zur Pfalz Bodman im dortigen Fiskus
verfügte. Beide Positionen, der Hohentwiel und die Pfalz Bodman, lagen
übrigens an den Flanken des Schlachtfelds von Wahlwies, was unmittelbar
deutlich macht, daß beide Aspiranten auf das schwäbische Fürstentum
Positionen ähnlichen Gewichts in die Waagschale werfen konnten.
Größtes Interesse beanspruchen im Zusammenhang
mit der "Schlacht bei Wahlwies" die Optionen des jüngeren Burchard.
Er war der hauptsächliche Rivale von Erchanger im Kampf um
das Herzogtum bei den Schwaben und hat trotz des für ihn zunächst
ungünstigen Verlaufs der Auseinandersetzungen sein Ziel nicht aufgegeben.
Vielmehr scheint er in realistischer Einschätzung der Lage und der
eigenen Position in die Offensive gegangen zu sein und seinen Erzrivalen
nur so lange unterstützt zu haben, bis dieser ohnehin an den Autoritäten
von Reich und Kirche, König KONRAD
und Bischof Salomon, scheiterte.
Die folgenden Ereignisse überstürzten sich
und ließen es offenbar nicht zu, daß ein - eigentlich zu erwartender
- offener Konflikt zwischen den Siegern von Wahlwies ausbrach. Zum einen
suchte König KONRAD
den Südwesten des Reiches nach 915 nicht mehr auf, oder besser gesagt:
er fand keine Gelegenheit mehr dazu. Nach der Überwindung des ersten
Schocks trat stattdessen Bischof Salomo mit Hilfe der ostfränkischen
und der römischen Kirche den aufständischen Fürsten in den
Weg. Im Einvernehmen mit Papst Johannes X., der seinerseits Petrus von
Orte als Legaten mit einem Bannschreiben anch Schwaben sandte, berief er
die Bischöfe des ostfränkischen Reiches auf den 20. September
916 zu einer "Generalssynode" nach Hohenaltheim bei Nördlingen im
Ries ein. Es erschienen dort vor allem bayerische, fränkische und
schwäbische Prälaten, während die sächsischen wahrscheinlich
ausblieben. Über die Beteiligung des Königs herrscht Unklarheit,
doch ist zweifellos anzunehmen, daß KONRAD
I., dem es bis dahin nicht gelungen war, sein Königtum
in Lothringen, Sachsen, Bayern und Schwaben nachhaltig durchzusetzen, die
Synode gewünscht oder sogar initiiert und selbst maßgeblich
mit herbeigeführt hat.
Die vorgeladenen Fürsten erschienen wohlweislich
nicht vor der Synode, und die in ihrer Abwesenheit angedrohten bzw. verhängten
Kirchenstrafen dürften wenig Eindruck auf sie gemacht haben. Das kurzfristig
für Regensburg anberaumte Konzil schließlich ist unseres Wissens
wahrscheinlich überhaupt nicht mehr zustande gekommen.
Wie es dem in jenen Jahren bereits auf dem Tiefpunkt
seiner Herrschaft angelangten König KONRAD
gelang, zwei der von ihm als Hochverräter betrachteten Fürsten
festzunehmen, läßt die Überlieferung offen. Da der alemannische
Annalist nur berichtet, die beiden im Protokoll von Hohenaltheim genannten
Erchanger und Bertold sowie deren in jenem Zusammenhang nicht
erschienener Neffe Liutfrid seien auf hinterlistige Weise getötet
worden, muß auch dahingestellt bleiben, ob die auf späteren
Chroniken beruhende und derzeit allgemein anerkannte Auffassung zutrifft,
es sei der König gewesen, der die kirchliche Ächtung in seinem
Sinne genutzt und die drei Genannten habe hinrichten lassen. Auch
dem Bischof Salomo, der speziellen Grund zur Rache hatte, ist angesichts
der Ereignisse im Jahre 911 durchaus die Anstiftung zum Mord an seinen
Widersachern zuzutrauen (oben Seite 78). Da KONRAD
selbst in jenen Jahren wohl nicht in Schwaben weilte und jedenfalls dort
nicht bezeugt ist, wäre ohnehin damit zu rechnen, daß Salomo
gegebenenfalls einen entsprechenden Befahl des Königs ausgeführt
hätte. Außer Salomo verfügte niemand sonst in Schwaben
über die Mittel und die Autorität dazu. Hermann von Reichenau
gibt in seiner beträchtlich später verfaßten Chronik als
Ort der "Enthauptung" Aldingen an, einen Platz, der mit guten Gründen
auf der Ostbaar im Kreis Tuttlingen gesucht wird, also mitten in der Besitzlandschaft
Erchangers und Bertolds. Auch das spricht gemeinsam mit der
erwähnten "Hinterlist" zumindest für eine hauptsächliche
Beteiligung Bischof Salomos.