Zettler, Alfons: Seite 76,78,81-92
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"Geschichte des Herzogtums Schwaben."

"Erchanger kämpfte nach der Rückkehr aus dem Exil gemeinsam mit Burchard und (seinem eigenen Bruder) Bertold gegen die übrigen Landsleute; er besiegte diese in Wahlwies und wurde zu ihrem Herzog erhoben" [21 Annales Alamannici, ed. W. Lendi, Untersuchungen zur frühalemannischen Annalistik. Die Murbacher Annalen (Scrinium Friburgense 1), Freiburg/Schweiz 1971, Seite 190. - Mit in die Betrachtung einzubeziehen sind im Folgenden immer auch die Größeren St. Galler Annalen, die ebenfalls fast zeitgleich, höchstens 30 Jahre später, niedergeschrieben worden sind. Zu den Jahren 914/15 berichten sie bezeichnenderweise nichts außer der Festsetzung des Konstanzer Bischofs Salomo: Annales Sangallenses maiores, ed. C.Henking, Die annalitischen Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen, in: Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte, hg. vom historischen Verein St. Gallen 19, 1884; Seite 280.]. Derart lapidar fällt - ganz im Einklang mit der im Allgemeinen außerordentlich spärlichen Überlieferung des 10. Jahrhunderts - die hauptsächliche und einzige einigermaßen zeitgenössische Nachricht zu dem Geschehen im Jahre 915 aus, das vielleicht als Geburtsstunde des schwäbischen Herzogtums gelten kann. Immerhin findet sich die Notiz in einem Zweig der gewöhnlich gut unterrichteten "alemannischen Annalen". Sie ist daher wertvoll, wenngleich aus ihr kaum mehr erkennbar ist als die Einschätzung der Zeitgenossen, die dem Magnaten Erchanger aus der Sippe der ALAHOLFINGER im Jahre 915 als erstem ausdrücklich den Rang eines Herzogs bei den Schwaben zumaßen. Des Weiterem ist dem Jahreseintrag 915 zu entnehmen, wie stark die Durchsetzung und Etablierung des Herzogtums mit einem kriegerischen Ringen zwischen den feudalen Kräften im Lande verbunden war.
Bei dem neuen Fürst der Schwaben, der im Bericht der Annalen an vorderster Stelle agiert, handelt es sich um den zuvor von König KONRAD I. (911-918) verbannten Pfalzgrafen Erchanger aus der weiteren Sippschaft der ALAHOLFINGER. Erchangers Kampf um die Führungsrolle an der Spitze des schwäbischen Adels unterstützten in jenem Jahr zwei weitere alemannisch-rätische Große: an erster Stelle der jüngere Burchard aus der Sippe der HUNFRIDINGER und erst an zweiter Stelle Erchangers Bruder Bertold. Mit dieser Reihenfolge dürfte die entscheidende Rolle des Rivalen Burchard gekennzeichnet sein, ohne dessen Unterstützung die alaholfingischen Brüder das Ringen mit dem schwäbischen Adel um die Anerkennung des Dukats möglichweise nicht bestanden hätten. Der Kampf richtete sich nach dem Wortlaut der Nachricht gegen den "übrigen" alemannisch-schwäbischen Adel insgesamt, der offenbar den Anspruch der genannten Magnaten auf die politische Führung in Schwaben nicht ohne weiteres anzuerkennen bereit war. Trotzdem ist anzunehmen, daß sich hinter den "übrigen Landsleuten/Vaterländischen" nur ein Teil des Adels verbirgt, der nicht schon von vornherein zur Anhängerschaft der drei kämpfenden Fürsten zählte. Aufgrund des Sieges mit Hilfe von Burchard konnte Erchanger sich zunächst als Fürst und Herzog bei den Schwaben durchsetzen.
In der politischen Krisensituation der Thronvakanz im Herbst 911 scheint sich ein Großteil des alemannischen Adels noch dem legitistisch im Sinne des Königtums agierenden Bischof Salomo angeschlossen und so die Überrumpelung Burchards ermöglicht zu haben. Es ist mit großer Sicherheit anzunehmen, daß sich darunter Erchanger und Bertold befanden, die selbst nach der Pfalzgrafschaft und der Vorherrschaft im Lande strebten. Erchanger ist jedenfalls schon im folgenden Jahr im Besitz des Pfalzgrafentitels bezeugt und hat das hohe Amt mit den zugehörigen Positionen wenig später als Sprungbrett für die Erlangung des Dukats zu nutzen verstanden [41 Vgl. H. Maurer, Der Herzog von Schwaben, Sigmaringen 1978, Seite 40.]. Wenn es also im Spätjahr 911 während der Thronvakanz den Magnaten in Schwaben in erster Linie um die Pfalzgrafschaft und den Besitz von Königshöfen wie Stammheim und der Pfalz zu Bodman ging, die wohl auch Bischof Salomo gerne selbst an sich genommen hätte, entzweiten sich die ehemaligen Verbündeten bereits im Jahre 912 oder 913 auf den Tod. Dies ging einher mit der Auflehnung Erchangers gegen König KONRAD, der nach einem von Erchanger gemeinsam mit dem Bayern-Herzog Arnulf erfochtenen Sieg über die Ungarn zunächst durch die Heiratsverbindung mit Kunigunde, der Schwester des Pfalzgrafen, beschwichtigt werden konnte. Vielleicht waren Versprechungen im Zusammenhang mit Burchards Vertreibung nicht eingehalten worden; jedenfalls fühlte sich Erchanger spätestens von diesem Zeitpunkt an dazu ermutigt, mit aller Macht nach der Errichtung des Dukats und einer fürstlichen Vorrangstellung in Schwaben zu streben. Dazu dürfte die Verschwägerung mit dem König oder, anders ausgedrückt, Erchangers neue Königsnähe entscheidend beigetragen haben. Für KONRAD, der an die Heimführung Kunigundes große Hoffnungen auf die Unterwerfung und Befriedung Schwabens und Bayerns geknüpft haben mag, wuchs sich dieser Akt fürstlicher Heiratspolitik andererseits zum politischen Desaster aus; er steht am Anfang seines vollständigen Scheiterns als Herrscher.
Woran sich der Streit zwischen dem König und seinem Pfalzgrafen Erchanger im Einzelnen entzündete, bleibt wie gesagt unklar. Der Annalist notiert zum Jahre 913 (oder in Anbetracht der chronologischen Unsicherheiten dieser Quellengattung vielleicht bereits zum Jahre 912) nur, da habe der Zwist begonnen. Blickt man indessen auf den Fortgang der Ereignisse und zieht in Betracht, daß schon nach kurzer Zeit eine Aussöhnung zwischen dem Herrscher und Erchanger stattfand, die durch den Ehebund KONRADS mit Kunigunde, der Schwester Erchangers besiegelt wurde (913714), und berücksichtigte man außerdem, daß der Pfalzgraf in Zwischenzeit offenbar auf eigenen Faust gemeinsam mit seinem Neffen Herzog Arnulf von Bayern siegreich gegen die Ungarn gekämpft hatte, so ist daraus am ehesten zu schließen, daß es sich bei Erchangers Crimen maiestatis (auch) um die Verweigerung der Heerfolge gegenüber König KONRAD bei dessen Feldzug nach Lothringen gehandelt haben dürfte. Zur Heerfolge war Erchanger als Pfalzgraf von Amts wegen verpflichtet, und der König dürfte in der schwierigen Lage seines ersten Regierungsjahres auch ein schwäbisches Aufgebot, das damals ausblieb, in sein Kalkül mit einbezogen haben.
Der Frieden im Lande, mühsam ausgehandelt zuerst um die Jahreswende 911/12 bei einem kurzfristig anberaumten Besuch am Bodensee und dann nochmals 912/13, hielt also nicht lange vor. Und bald schon wagte es der Pfalzgraf Erchanger sogar, Bischof Salomo, den Vertrauten des Königs und langjährigen Verbündeten, zu attackieren. Laut Ekkehard, dem St. Galler Klosterchronisten, der die unerhörte Tat des "Kammerboten" Erchanger mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln ausschmückte, hätte sich zunächst ein Streit zwischen Bertold, Erchanger und Salomo um die Einnahmen und den Besitz des königlichen Hofes Stammheim entzündet, in dessen Verlauf die "Kammerboten" den Bischof bedroht und dann in einem abgelegenen "Schlupfwinkel" festgehalten hätten. Schließlich brachten sie Salomo angeblich auf die (nicht genauer lokalisierbare) Thiepoldsburg und hielten ihn dort unter der Obhut von Erchangers Gemahlin Berta gefangen [44 Ekkehard, St. Galler Klostergeschichten, ed. H.F. Haefele, Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters (Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 10), Darmstadt 2002, Seite 46-53; vgl. Annales Alamannici, ed. W. Lendi, Untersuchungen zur frühalemannischen Annalistik: Die Murbacher Annalen (Scrinium Drigurgense 1), Freiburg/Schweiz 1971, Seite 190: Erchanger hostili manu super episcopum Salomonem venit et eum comprehendit. - Annales Sangallenses maiores ad a. 914, ed. C. Henking, Die annalistischen Aufzeichnungen des Klosters St. Gallen, in: Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte, hg. vom historischen Verein St. Gallen 19, 1884, Seite 280: Salomon episcopus captus est.].
Mit der Attacke auf den königlichen Kanzler im Jahre 913 oder 914 hatte Erchanger sein Blatt endgültig überreizt, denn diese bedeutete eine Provokation, die der König keinesfalls konnte. König KONRAD gelang es denn auch bald, seinen Schwager zu ergreifen, und allem Anschein nach ließ er den schwäbischen Fürsten zunächst im Königshof Oferdingen am oberen Neckar gefangen halten und schickte ihn dann in die Verbannung - eine Strafmaßnahme, oder vielleicht besser gesagt: eine Sanktion, die wohl nur wegen der erwähnten friedenstiftenden Heiratsverbindung des Königs mit Erchangers Schwester Kunigunde so glimpflich ausgefallen sein dürfte. Allerdings mußte es Erchanger auch klar sein, daß dies den Anfang vom Ende seines Strebens nach fürstlicher Herrschaft in Schwaben bedeutete. Jeder Versuch einer Rückkehr aus der Verbannung, über deren Dauer und Ort nichts Näheres überliefert ist, konnte nur ein Unternehmen auf Leben und Tod sein. Denn KONRADS entschlossenes Handeln ließ keinen Zweifel daran, daß dergleichen auf den unerbittlichen Widerstand des Königs und seiner schwäbischen Anhänger um Bischof Salomo stoßen würde. Zudem hatte Erchanger im Zuge seiner Vertreibung zweifellos auch das hohe Amte des Pfalzgrafen verloren, zu dessen Verweser KONRAD vermutlich seinen Kanzler, den Bischof Salomo von Konstanz, bestellte.
Die politische Lage in Schwaben hatte sich mittlerweile noch kompliziert, denn auch der jüngere Burchard kehrte aus seinem erzwungenen Exil zurück und ließ keinen Zweifel daran, daß er in die von ihm gemäß Erbrecht beanspruchten Besitzungen seines Vaters einzutreten gedachte. Außerdem spielten sich die folgenden Kämpfe um die fürstliche Suprematie bei den Schwaben im Grunde in den traditionellen Bahnen eines gewissermaßen in Richtung auf Erblichkeit tendierenden Anspruchs auf die pfalzgräfliche Würde in Schwaben ab, denn wie Gozbert aus Burchards näherer Verwandtschaft hatte auch Erchangers mutmaßlicher Vorfahr Bertold dieses Amt bekleidet, nämlich in den Jahren nach 880 unter Kaiser KARL III. und König ARNULF, und die kriegerischen Auseinandersetzungen kreisten demgemäß um die Fiskalgüter und Fiskalgutkomplexe, mit denen die Funktionen des pfalzgräflichen Amtes verbunden waren.
Als der verbannte und im Zusammenhang mit der königlichen Strafaktion zweifellos auch seines Amtes enthobene Pfalzgraf kurze Zeit später, im Verlauf der Jahre 914/15, nach Schwaben zurückkehrte, verbündete er sich überraschend mit dem bereits einige Zeit zuvor ebenfalls aus dem Exil wiedergekehrten Burchard. Von diesem berichten die Annalen in unmittelbarem Anschluß an die Geschichte von der Vertreibung Erchangers, "schon bald" darauf habe "auch der jüngere Burchard begonnen, sich gegen den König zu erheben und sein eigenes Vaterland zu verwüsten". Die angesprochene "patria sua" wird weniger in der rätischen Markgrafschaft Burchards oder dessen traditionellen südalemannischen Einflußgebiet als vielmehr in Innerschwaben zu suchen sein, und es gilt deshalb zu fragen, wessen Güter und Besitzungen in Schwaben Burchard zum Ziel seines Vorgehens nahm, denn darin dürfte der Schlüssel zu der an sich erstaunlichen Tatsache liegen, daß Burchard im Verlauf seines Einfalls nach Schwaben zu einer zeitweiligen Kooperation mit dem ebenfalls wieder in Schwaben agierenden Erchanger fand. Die generelle Stoßrichtung der beiden Fürsten in ihrem Bündnis, das von vornherein ein Zusammenwirken auf Zeit war, dürfte die gleiche gewesen sein: beiden ging es um die fürstliche Herrschaft bei den Schwaben.
Bei Burchards Wiederkehr und Aufmarsch in Schwaben ist am ehesten an Attacken auf jene Positionen zu denken, die sein Rivale Erchanger vor der Exilierung beansprucht und behauptet hatte, und an solche, die Burchard selbst gehört hatten bzw. die er aus väterlichem Erbe erlangt hatte und die zwischen zeitlich von Erchanger und anderen Gegner, beispielweise Salomo, in Beschlag genommen worden waren. In den spärlichen Nachrichten werden drei regionale Schwerpunkte im Vorfeld des Ringens um das Herzogtum sichtbar, einmal der obere Neckar, wo König KONRAD den Erchanger offenbar an der Inbesitznahme von Fiskalgut hinderte, zum anderen der Fiskus Bodman mit seinen Pertinenzen bis hin zu dem mächtigen Berg des Hohentwiel im Hegau und schließlich der Fiskus Stammheim im Thurgau. Legt man die Chronologie der Annalen zugrunde, begann Burchard 914 gegen den König zu rebellieren und sein "Vaterland" zu verwüsten, während KONRAD im Jahr darauf vor dem Hohentwiel aufmarschierte. Und erst danach, wenngleich noch unter dem Jahresblock 915, erschien auch der verbannte Erchanger wieder in Schwaben. Wenn also offenkundig die Exilierung Erchangers Burchard zur Rückkehr ermutigt oder doch bewegt hatte und die Verheerung Schwabens durch den rätischen Markgrafen zumindest mit veranlaßte, so scheint andererseits Burchards Rückkehr den Erchanger veranlaßt zu haben, in Schwaben wieder auf den Plan zu treten. Des Königs erfolgloser Abzug von der Belagerung des Hohentwiels und die anschließende Bindung starker königlicher Kräfte durch den Einfall des Sachsen-Herzogs Heinrich in Franken dürfte wiederum Erchanger und Burchard wenig später dazu bewogen haben, sich zu verbünden und gemeinsam gegen die verbliebenen Königlichen in Schwaben vorzugehen.
Immerhin blieb die einigermaßen vertrauenswürdige Nachricht erhalten, daß Burchard bei dem besagten dritten Zuge König KONRADS nach Schwaben ungeschoren davonkam, obwohl er der hauptsächlich Betroffene gewesen sein muß. Im Unterschied zu Erchanger im Jahr zuvor konnte der König des aufständischen Burchards nämlich nicht habhaft werden - und dieser scheint sogar gestärkt aus der Konfrontation hervorgegangen zu sein. Das alles spricht dafür, daß Burchard schon zu Beginn der Kämpfe um die fürstliche Vorherrschaft in Schwaben die Gewalt über den Hohentwiel erlangte und diese Position dann auch gegenüber dem König und allen anderen schwäbischen Rivalen zu behaupten vermochte. Dabei kann offen bleiben, ob sich der Markgraf persönlich auf dem mächtigen Hegauberg bei Singen verschanzt hatte, wofür König KONRADS Aufmarsch vor dem Hohentwiel sprechen würde, oder ob er sich in seinem angestammten südalemannisch-rätischen Herrschaftsgebiet aufhielt, wo er für den Herrscher kaum angreifbar gewesen wäre.
Des Königs Abzug nach der Belagerung des Hohentwiels könnte wiederum die Rückkehr Erchangers aus dem Exil provoziert haben. Denn wenn Burchard damals zentrale königliche Positionen in Schwaben wie Pfalz und Fiskus Bodman zu behaupten vermochte, die Erchanger als Pfalzgraf beanspruchte, so schmälerte dies die Perspektive und Erfolgsaussichten des Konkurrenten bezüglich der Erlangung eines schwäbischen Herzogtums ganz erheblich. Zugespitzt könnte man sogar sagen, daß Erchanger angesichts der Rückkehr und der neuen Initiative seines gefährlichsten Rivalen gar keine andere Wahl hatte, als ebenfalls zurückzukehren. Ein solcher Hintergrund würde auch verständlich machen, daß es zwischen den beiden Aspiranten auf das Herzogtum bei den Schwaben im Jahre 915 zu dem erwähnten Zusammenwirken oder Bündnis kam. Die äußerst knappe, zeitgenössische  Überlieferung besagt: "Erchanger kämpfte nach der Rückkehr aus dem Exil gemeinsam mit Burkard und (seinem eigenen Bruder) Bertold gegen die übrigen Landsleute, besiegte diese in Wahlwies und wurde zu ihrem Herzog erhoben". So konnte noch im selben Jahr ein bemerkenswertes Bündnis der bis dahin erfolglosen Rivalen um die Macht im Lande wirksam werden, das zunächst dem ehemaligen Pfalzgrafen Erchanger den Weg zum Herzogtum ebnete - vielleicht mitverursacht durch die sich abzeichnende Kaiserkrönung BERENGARS VON ITALIEN (915), die den italienischen Perspektiven und Avancen Burchards vollends den Boden zu entziehen drohte.
An die Nachricht über die Schlacht von Wahlwies schloß der alemannische Annalist unmittelbar die Worte an, Erchanger sei daraufhin zum Herzog sowohl der Sieger als auch der Besiegten erhoben worden. Der erste schwäbische Herzog errang also seine fürstliche Vorrangstellung, die allerdings nur von kurzer Dauer sein sollte, durch ein Zweckbündnis mit seinem ärgsten Rivalen Burchard. Es wäre zu überlegen, wie dieses Bündnis zustande kam und ob es vielleicht in Form eines Pactum oder einer Amicitia abgesichert worden ist, aber die spärliche Überlieferung läßt an diesem Punkt keine klaren Aussagen zu. Immerhin können die Angaben des alemannischen Annalisten nicht über eine wesentliche Tatsache hinwegtäuschen: Erchangers Sieg und Erhebung in Wahlwies konnte nur mit der Hilfe seines schärfsten Konkurrenten um das schwäbische Fürstentum errungen werden. Burchard wird seinen Preis dafür gefordert haben. Er könnte in der endgültigen Überlassung des Hohentwiels, möglicherweise aber auch in einer Zusicherung der angestammten innerschwäbischen Besitzungen der BURCHARDE oder ihres traditionellen rätisch-südalemannischen Herrschaftsgebietes zu suchen sein.
Eines jedenfalls muß schärfer gesehen werden als bisher. Erchanger befand sich in einer wesentlich prekäreren Situation als Burchard, dessen Periphere südalemannische Positionen für das Königtum und dessen Helfer kaum erreichbar und nur teilweise angreifbar waren. Er war deshalb vital auf ein Bündnis mit Burchard angwiesen, der vermutlich mit dem - soeben vom König erfolglos belagerten - Hohentwiel über das Pendant zur Pfalz Bodman im dortigen Fiskus verfügte. Beide Positionen, der Hohentwiel und die Pfalz Bodman, lagen übrigens an den Flanken des Schlachtfelds von Wahlwies, was unmittelbar deutlich macht, daß beide Aspiranten auf das schwäbische Fürstentum Positionen ähnlichen Gewichts in die Waagschale werfen konnten.
Größtes Interesse beanspruchen im Zusammenhang mit der "Schlacht bei Wahlwies" die Optionen des jüngeren Burchard. Er war der hauptsächliche Rivale von Erchanger im Kampf um das Herzogtum bei den Schwaben und hat trotz des für ihn zunächst ungünstigen Verlaufs der Auseinandersetzungen sein Ziel nicht aufgegeben. Vielmehr scheint er in realistischer Einschätzung der Lage und der eigenen Position in die Offensive gegangen zu sein und seinen Erzrivalen nur so lange unterstützt zu haben, bis dieser ohnehin an den Autoritäten von Reich und Kirche, König KONRAD und Bischof Salomon, scheiterte.
Die folgenden Ereignisse überstürzten sich und ließen es offenbar nicht zu, daß ein - eigentlich zu erwartender - offener Konflikt zwischen den Siegern von Wahlwies ausbrach. Zum einen suchte König KONRAD den Südwesten des Reiches nach 915 nicht mehr auf, oder besser gesagt: er fand keine Gelegenheit mehr dazu. Nach der Überwindung des ersten Schocks trat stattdessen Bischof Salomo mit Hilfe der ostfränkischen und der römischen Kirche den aufständischen Fürsten in den Weg. Im Einvernehmen mit Papst Johannes X., der seinerseits Petrus von Orte als Legaten mit einem Bannschreiben anch Schwaben sandte, berief er die Bischöfe des ostfränkischen Reiches auf den 20. September 916 zu einer "Generalssynode" nach Hohenaltheim bei Nördlingen im Ries ein. Es erschienen dort vor allem bayerische, fränkische und schwäbische Prälaten, während die sächsischen wahrscheinlich ausblieben. Über die Beteiligung des Königs herrscht Unklarheit, doch ist zweifellos anzunehmen, daß KONRAD I., dem es bis dahin nicht gelungen war, sein Königtum in Lothringen, Sachsen, Bayern und Schwaben nachhaltig durchzusetzen, die Synode gewünscht oder sogar initiiert und selbst maßgeblich mit herbeigeführt hat.
Die vorgeladenen Fürsten erschienen wohlweislich nicht vor der Synode, und die in ihrer Abwesenheit angedrohten bzw. verhängten Kirchenstrafen dürften wenig Eindruck auf sie gemacht haben. Das kurzfristig für Regensburg anberaumte Konzil schließlich ist unseres Wissens wahrscheinlich überhaupt nicht mehr zustande gekommen.
Wie es dem in jenen Jahren bereits auf dem Tiefpunkt seiner Herrschaft angelangten König KONRAD gelang, zwei der von ihm als Hochverräter betrachteten Fürsten festzunehmen, läßt die Überlieferung offen. Da der alemannische Annalist nur berichtet, die beiden im Protokoll von Hohenaltheim genannten Erchanger und Bertold sowie deren in jenem Zusammenhang nicht erschienener Neffe Liutfrid seien auf hinterlistige Weise getötet worden, muß auch dahingestellt bleiben, ob die auf späteren Chroniken beruhende und derzeit allgemein anerkannte Auffassung zutrifft, es sei der König gewesen, der die kirchliche Ächtung in seinem Sinne genutzt und die drei Genannten habe hinrichten lassen. Auch dem Bischof Salomo, der speziellen Grund zur Rache hatte, ist angesichts der Ereignisse im Jahre 911 durchaus die Anstiftung zum Mord an seinen Widersachern zuzutrauen (oben Seite 78). Da KONRAD selbst in jenen Jahren wohl nicht in Schwaben weilte und jedenfalls dort nicht bezeugt ist, wäre ohnehin damit zu rechnen, daß Salomo gegebenenfalls einen entsprechenden Befahl des Königs ausgeführt hätte. Außer Salomo verfügte niemand sonst in Schwaben über die Mittel und die Autorität dazu. Hermann von Reichenau gibt in seiner beträchtlich später verfaßten Chronik als Ort der "Enthauptung" Aldingen an, einen Platz, der mit guten Gründen auf der Ostbaar im Kreis Tuttlingen gesucht wird, also mitten in der Besitzlandschaft Erchangers und Bertolds. Auch das spricht gemeinsam mit der erwähnten "Hinterlist" zumindest für eine hauptsächliche Beteiligung Bischof Salomos.