Durch das unglückliche Ende Burchards I. ließ
sich das Bruderpaar
Erchanger und Berthold,
welches höchst wahrscheinlich neben Salomo an seinem Sturze mitgearbeitet
hatte, von ähnlichen Streben nicht abschrecken, und wenigstens der
erste von ihnen hat zeitweise den Titel Herzog geführt.
Nicht sicher ist schon die Abkunft der Brüder, allein
wenn man bedenkt, dass ihre Schwester Kunigunde
in erster Ehe mit dem Markgrafen Luitpold, dem bei weitem mächtigsten
und einflußreichsten Mann unter allen bayerischen Großen seiner
Zeit, und nach dessen Tod seit 913 in zweiter Ehe mit König
KONRAD vermählt war, sowie dass sie selbst als Helden des
Volksgesangs und sagenhafter Überlieferung entschieden von der Gunst
des Volkes getragen waren, so ist es nicht zweifelhaft, dass sie einem
der angesehensten und mächtigsten Geschlechter ihres Stammes angehört
haben müssen. Höchstwahrscheinlich waren sie Abkömmlinge
der alten Herzogsfamilie und Söhne eines Pfalzgrafen Berchtold,
welcher im Jahre 892 urkundlich vorkommt. Auch ihre amtliche Stellung hat
zu vielfacher Untersuchung Anlaß gegeben, insofern der genannte St.
Gallener Chronist sie ähnlich wie Adalbert und Werinher in Franken
als Kammerboten (nuntii camerae) bezeichnet. Allein
dieser sonst nicht übliche Amtstitel ist vielleicht von Ekkehard selbst
gebildet worden, um den Umfang des Amtes anzudeuten, dass die Brüder
verwaltet haben, und fällt nach seiner eigenen Darstellung ganz mit
dem sonst bekannten Amte eines Pfalzgrafen zusammen. Erchanger
wird auch wirklich im Jahre 912 in einer Urkunde
König
KONRADS ausdrücklich Pfalzgraf genannt und spielt überhaupt
die bedeutendere Rolle, während
Berthold ihm gegenüber
zurücktritt und jedenfalls nicht zugleich mit ihm das rheinische Pfalzgrafenamt
verwaltet hat, weil in einem und denselben Sprengel nie zwei Inhaber dieses
Amtes gleichzeitig in Tätigkeit sein konnten.
Wegen der allzu zahlreichen Vergabungen von Kronrat an
Bischof Salomo, wodurch auch ihre Einnahmen geschmälert wurden, sollen
sie bereits unter Kaiser ARNULF eben
mit Salomo in heftige Streitigkeiten gekommen sein, gewaltsam Hand an ihn
gelegt haben, deshalb zum Tode verurteilt, aber auf des Bischofs Verwendung
hin begnadigt worden sein. Doch leidet dieser Bericht an manchen Unwahrscheinlichkeiten,
und die zuverlässigste Quelle über ihre Geschichte erzählt
den Beginn ihres Zwistes mit König KONRAD,
freilich ohne jede genauere Erörterung, erst nach dem erfolglosen
lothringischen Zuge des Königs im Jahre 913. Aber auch jetzt noch
erwarben sich die Brüder durch den bereits erwähnten Sieg über
die Ungarn Verdienste um das Reich und dessen Oberhaupt, und es erfolgte
eine Aussöhnung mit dem Könige, welche durch die Vermählung
KONRADS
mit ihrer Schwester bekräftigt werden sollte.
Im folgenden Jahr bemächtigte sich Erchanger
seines wohl alten Feindes, des Bischofs Salomo, und führte ihn als
Gefangenen nach seinem Schloß Diepoldsburg. Der Grund zu dieser
Gewalttat soll gewesen sein, dass König KONRAD
den Brüdern geboten, eine Burg, welche sie bei dem einstigen Kammergut
Stammheim im Thurgau erbaut hatten, an das von Salomo als Abt verwaltete
Kloster St. Gallen herauszugeben, welches Stammheim selbst kraft königlicher
Schenkung besaß. Die Gefangennahme soll bei einer zufälligen
Begegnung stattgefunden haben, wobei infolge eines Wortwechsels der Schwestersohn
der Brüder, Litfrid, den Bischof erstochen haben würde, wenn
es seine Oheime nicht verhindert hätten. Bald darauf fiel Erchanger
selbst
bei Onfridinga (wahrscheinlicher Oferdingen) in die Hände des Königs,
der ihn mit Landesverweisung bestrafte und zugleich wohl selbst Salomos
Freigebung bewirkte. Zwar erhob sich jetzt Herzog
Arnulf von Bayern, der Sohn Liutpolds und der Kunigunde,
für seinen Oheim, jedoch ohne Erfolg, indem er selbst nach Ungarn
fliehen mußte. Allein noch im gleichen Jahre wandte sich der jüngere
Burchard aus der Verbannung wieder der Heimat zu, die er verwüstend
durchzog. Die Aufrührer, wahrscheinlich vor allem Burchard, befestigten
und verproviantierten den Hohentwiel, das erste Mal, dass dieser Berg,
den der Kampf noch oft umtoben sollte, mit Sicherheit wenigstens in der
Geschichte genannt wird.
KONRAD I. begann
denselben im Jahre 915 mit Heeresmacht zu belagern, mußte sich jedoch
wegen eines Einfalls des Herzogs Heinrich von
Sachsen in Franken nach Norden wenden. Daraufhin kehrte Erchanger
zurück, die Brüder verbanden sich mit Burchard und vereinigt
siegten sie bei Wahlwies unfern Steckach über die Anhänger des
Königs. Infolge hiervon fand Erchanger
in Schwaben Anerkennung als Herzog, und auch sein Neffe Arnulf
erschien im Jahre 916 wieder in Bayern.
Den insbesondere auch für sie verderblichen Wirren
des Reiches suchten die Bischöfe fast aller Länder auf einer
Synode zu steuern, welche sie im September 916 in Hohenaltheim im Ries
in Anwesenheit eines päpstlichen Legaten abhielten. Getreu ihrem Bunde
mit dem Königtum verfluchten sie dessen Feinde aufs feierlichste und
luden alle Aufrührer gegen den König vor sich. Erchanger
und Berchtold dürften sich hier in der Hoffnung gütlicher
Ausgleichung ihrer Sache gestellt haben, ohne dass wir übrigens Kenntnis
davon hätten, worauf sie diese Hoffnung gründeten oder zu gründen
berechtigt waren. Sie wurden jedoch wegen Auflehnung gegen ihren König
und Herrn, wegen arglistiger Gefangennahme des Bischofs Salomo und wegen
Verletzung von Kirchen zur Niederlegung der Waffen und zu lebenslänglicher
Buße im Kloster verurteilt. Ja vier Monate nach der Synode, am
21. Januar 917, ließ KONRAD I.
seine beiden Schwäger und ihren Neffen Liutfrid zu Adingen (? einem
jetzt württembergischen Aldingen oder Ottingen im Ries) durch das
Schwert richten. Wie es zu diesem blutigen Abschluß gekommen,
darüber fehlt uns jede Mitteilung, aber schon von alter Zeit her wurde
gegen des Königs Vorgehen schwere Anklage wegen arglistigen Treubruchs
erhoben.
Von den Genossen des "rasenden Unternehmens", wie die
Hohenaltheimer Versammlung sich ausdrückte, wurden Herzog
Arnulf und wahrscheinlich sein Bruder Berchtold, ohne
Zweifel weil sie zu Hohenaltheim ausblieben, vor eine spätere Synode
nach Regensburg vorgeladen. Wie sich Burchard mit der Versammlung abgefunden
und wie er sein Schicksal von dem seiner Verbündeten zu trennen vermochte,
ist nicht aufgehellt; sicher ist nur, dass er alsbald darauf von den schwäbischen
Großen, was der König zu verhindern wohl zu schwach war, als
Herzog des Landes anerkannt wurde, wie er sich denn sogar in den Besitz
der Güter der Hingerichteten zu setzen wußte.