Stälin Paul Friedrich: Seite 127,128
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"Geschichte Württembergs"

Durch das unglückliche Ende Burchards I. ließ sich das Bruderpaar Erchanger und Berthold, welches höchst wahrscheinlich neben Salomo an seinem Sturze mitgearbeitet hatte, von ähnlichen Streben nicht abschrecken, und wenigstens der erste von ihnen hat zeitweise den Titel Herzog geführt.
Nicht sicher ist schon die Abkunft der Brüder, allein wenn man bedenkt, dass ihre Schwester Kunigunde in erster Ehe mit dem Markgrafen Luitpold, dem bei weitem mächtigsten und einflußreichsten Mann unter allen bayerischen Großen seiner Zeit, und nach dessen Tod seit 913 in zweiter Ehe mit König KONRAD vermählt war, sowie dass sie selbst als Helden des Volksgesangs und sagenhafter Überlieferung entschieden von der Gunst des Volkes getragen waren, so ist es nicht zweifelhaft, dass sie einem der angesehensten und mächtigsten Geschlechter ihres Stammes angehört haben müssen. Höchstwahrscheinlich waren sie Abkömmlinge der alten Herzogsfamilie und Söhne eines Pfalzgrafen Berchtold, welcher im Jahre 892 urkundlich vorkommt. Auch ihre amtliche Stellung hat zu vielfacher Untersuchung Anlaß gegeben, insofern der genannte St. Gallener Chronist sie ähnlich wie Adalbert und Werinher in Franken als Kammerboten (nuntii camerae) bezeichnet. Allein dieser sonst nicht übliche Amtstitel ist vielleicht von Ekkehard selbst gebildet worden, um den Umfang des Amtes anzudeuten, dass die Brüder verwaltet haben, und fällt nach seiner eigenen Darstellung ganz mit dem sonst bekannten Amte eines Pfalzgrafen zusammen. Erchanger wird auch wirklich im Jahre 912 in einer Urkunde König KONRADS ausdrücklich Pfalzgraf genannt und spielt überhaupt die bedeutendere Rolle, während Berthold ihm gegenüber zurücktritt und jedenfalls nicht zugleich mit ihm das rheinische Pfalzgrafenamt verwaltet hat, weil in einem und denselben Sprengel nie zwei Inhaber dieses Amtes gleichzeitig in Tätigkeit sein konnten.
Wegen der allzu zahlreichen Vergabungen von Kronrat an Bischof Salomo, wodurch auch ihre Einnahmen geschmälert wurden, sollen sie bereits unter Kaiser ARNULF eben mit Salomo in heftige Streitigkeiten gekommen sein, gewaltsam Hand an ihn gelegt haben, deshalb zum Tode verurteilt, aber auf des Bischofs Verwendung hin begnadigt worden sein. Doch leidet dieser Bericht an manchen Unwahrscheinlichkeiten, und die zuverlässigste Quelle über ihre Geschichte erzählt den Beginn ihres Zwistes mit König KONRAD, freilich ohne jede genauere Erörterung, erst nach dem erfolglosen lothringischen Zuge des Königs im Jahre 913. Aber auch jetzt noch erwarben sich die Brüder durch den bereits erwähnten Sieg über die Ungarn Verdienste um das Reich und dessen Oberhaupt, und es erfolgte eine Aussöhnung mit dem Könige, welche durch die Vermählung KONRADS mit ihrer Schwester bekräftigt werden sollte.
Im folgenden Jahr bemächtigte sich Erchanger seines wohl alten Feindes, des Bischofs Salomo, und führte ihn als Gefangenen nach seinem Schloß Diepoldsburg. Der Grund zu dieser Gewalttat soll gewesen sein, dass König KONRAD den Brüdern geboten, eine Burg, welche sie bei dem einstigen Kammergut Stammheim im Thurgau erbaut hatten, an das von Salomo als Abt verwaltete Kloster St. Gallen herauszugeben, welches Stammheim selbst kraft königlicher Schenkung besaß. Die Gefangennahme soll bei einer zufälligen Begegnung stattgefunden haben, wobei infolge eines Wortwechsels der Schwestersohn der Brüder, Litfrid, den Bischof erstochen haben würde, wenn es seine Oheime nicht verhindert hätten. Bald darauf fiel Erchanger selbst bei Onfridinga (wahrscheinlicher Oferdingen) in die Hände des Königs, der ihn mit Landesverweisung bestrafte und zugleich wohl selbst Salomos Freigebung bewirkte. Zwar erhob sich jetzt Herzog Arnulf von Bayern, der Sohn Liutpolds und der Kunigunde, für seinen Oheim, jedoch ohne Erfolg, indem er selbst nach Ungarn fliehen mußte. Allein noch im gleichen Jahre wandte sich der jüngere Burchard aus der Verbannung wieder der Heimat zu, die er verwüstend durchzog. Die Aufrührer, wahrscheinlich vor allem Burchard, befestigten und verproviantierten den Hohentwiel, das erste Mal, dass dieser Berg, den der Kampf noch oft umtoben sollte, mit Sicherheit wenigstens in der Geschichte genannt wird. KONRAD I. begann denselben im Jahre 915 mit Heeresmacht zu belagern, mußte sich jedoch wegen eines Einfalls des Herzogs Heinrich von Sachsen in Franken nach Norden wenden. Daraufhin kehrte Erchanger zurück, die Brüder verbanden sich mit Burchard und vereinigt siegten sie bei Wahlwies unfern Steckach über die Anhänger des Königs. Infolge hiervon fand Erchanger in Schwaben Anerkennung als Herzog, und auch sein Neffe Arnulf erschien im Jahre 916 wieder in Bayern.
Den insbesondere auch für sie verderblichen Wirren des Reiches suchten die Bischöfe fast aller Länder auf einer Synode zu steuern, welche sie im September 916 in Hohenaltheim im Ries in Anwesenheit eines päpstlichen Legaten abhielten. Getreu ihrem Bunde mit dem Königtum verfluchten sie dessen Feinde aufs feierlichste und luden alle Aufrührer gegen den König vor sich. Erchanger und Berchtold dürften sich hier in der Hoffnung gütlicher Ausgleichung ihrer Sache gestellt haben, ohne dass wir übrigens Kenntnis davon hätten, worauf sie diese Hoffnung gründeten oder zu gründen berechtigt waren. Sie wurden jedoch wegen Auflehnung gegen ihren König und Herrn, wegen arglistiger Gefangennahme des Bischofs Salomo und wegen Verletzung von Kirchen zur Niederlegung der Waffen und zu lebenslänglicher Buße im Kloster verurteilt. Ja vier Monate nach der Synode, am 21. Januar 917, ließ KONRAD I. seine beiden Schwäger und ihren Neffen Liutfrid zu Adingen (? einem jetzt württembergischen Aldingen oder Ottingen im Ries) durch das Schwert richten. Wie es zu diesem blutigen Abschluß gekommen, darüber fehlt uns jede Mitteilung, aber schon von alter Zeit her wurde gegen des Königs Vorgehen schwere Anklage wegen arglistigen Treubruchs erhoben.
Von den Genossen des "rasenden Unternehmens", wie die Hohenaltheimer Versammlung sich ausdrückte, wurden Herzog Arnulf und wahrscheinlich sein Bruder Berchtold, ohne Zweifel weil sie zu Hohenaltheim ausblieben, vor eine spätere Synode nach Regensburg vorgeladen. Wie sich Burchard mit der Versammlung abgefunden und wie er sein Schicksal von dem seiner Verbündeten zu trennen vermochte, ist nicht aufgehellt; sicher ist nur, dass er alsbald darauf von den schwäbischen Großen, was der König zu verhindern wohl zu schwach war, als Herzog des Landes anerkannt wurde, wie er sich denn sogar in den Besitz der Güter der Hingerichteten zu setzen wußte.