Maurer Helmut:
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"Der Herzog von Schwaben"

Im Jahr 915 ist der schwäbische Adelige Erchanger nach siegreich beendeter Schlacht nahe Wahlwies im Hegau von seinen Anhängern zum Herzog erhoben worden. Wahlwies, dessen Fluren wir nicht als Schauplatz des Kampfes, sondern zugleich als Stätte einer sich anschließenden Herzogserhebung ansehen dürfen, liegt nur sechs Kilometer von Bodman entfernt. In der Pfalz Bodman war König KONRAD I. zu Jahresbeginn und im Herbst 912 zu Gast. Mit Billigung, ja wohl sogar auf Geheiß des Königs entstand hier eine eng an die Königspfalz gebundene Gewalt. Sie war anscheinend weitgehend auf Bodman und den zu Bodman gehörenden Fiskus lokalisiert.
In einem, am 11. Januar 912 auf der Pfalz Bodman ausgefertigten Diplom wird unter den Intervenienten ein Graf (comes) Erchanger genannt und in der am 25. September des gleichen Jahres ebenfalls in Bodman ausgestellten Urkunde KONRADS I. dem Namen des gleichen Erchanger gar der Titel eines Pfalzgrafen (comes palatii) beigefügt. Erchanger (und vielleicht auch sein Bruder Berthold) war königlicher Pfalzgraf, und zwar offensichtlich ein einzig und allein auf diese Pfalz fixierter Pfalzgraf. Der Sieger von Wahlwies war demnach drei Jahre vor seinem Sieg über die Anhänger des Königs und vor seiner - gegen das Königtum - gerichteten Erhebung zum Herzog als Pfalzgraf König KONRADS I. in der Pfalz Bodman tätig gewesen.
Sollten von ihm nicht schon in Bodman, das ja von Ekkehart sogar als oppidum Erchangers bezeichnet wird, vorbereitende Versuche gemacht worden sein, diese Herzogsherrschaft durchzusetzen? Die Formulierung Hermanns des Lahmen, der gleich nach der Erwähnung des gewaltsamen Todes von Schwabens erstem Herzog Burchard zum Jahr 911 von Erchangers Griff nach der Herzogsgewalt berichtet, erhält  ihre Unterstreichung durch die Nachricht der Annales Alemannici, dass - nach Burchards Ende - Burchards des Jüngeren Schwiegermutter Gisela auf der Pfalz Bodman als Hochverräterin verurteilt worden sei. Die Tatsache, dass der Annalist in diesem Zusammenhang den König unerwähnt läßt, gibt Anlaß zu der Vermutung, dass es der Pfalzgraf Erchanger war, der die Verurteilung auf der Pfalz ausgesprochen hat, ja, dass von Erchanger die Ausschaltung Burchards im wesentlichen ausgegangen war.
Der Rückhalt an einem von Hause aus königlichen Amt und an Königsgut, nicht zuletzt aber auch die anfängliche Tolerierung der Bestrebungen Erchangers durch König KONRAD I., vor dessen Augen sich der Auf- und Ausbau von Erchangers Vormachtstellung ja im Grunde vollzogen haben muß, scheinen die hauptsächlichsten Voraussetzungen von Erchangers "Griff nach der Macht" gewesen zu sein.
Auf der Synode zu Hohenaltheim im September des Jahres 916 waren Erchanger und seine Anhänger zu lebenslanger Buße in einem Kloster verurteilt worden. Bald darauf wurden Erchanger, sein Bruder Berchthold und Liutfried durch König KONRAD ergriffen und am 21. Januar 917 zu Adingen oder Aldingen enthauptet. Die Hinrichtung geschah an einem Ort, der sehr wahrscheinlich im Neckargebiet und damit in der Nähe von Erchangers Heimat gesucht werden muß, das heißt aber zugleich, dass die Todesstrafe nicht dort vollzogen wurde, wo das Zentrum von Erchangers Herzogsherrschaft lag, nämlich im westlichen Bodenseegebiet und im Hegau.