Borgolte Michael: Seite 110
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"Die Grafen Alemanniens"

ERCHANGAR (II)
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belegt als Graf ?909 XII 28 - 912 VIll 23, 912 IX 25 [Pfalzgraf],
belegt als Verstorbener + 917 I 21)

Belege mit comes-Titel:
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W II Nr. 761 (= UB St. Gallen Süd I Nr. 58, BU I Nr. 89, ThUB 1 Nr. 163), DD K I Nrn. 2 (= W II Nr. 765), 3,9,10,11 (= BU I Nr. 91; mit dem Titel: comes palatii)

Belege ohne comes-Titel:
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Clavadetscher, Wolfinus Cozperti palatini comitis filius 151, Herimanni Augiensis Chronicon 112 ad a. 911,917, D KI Nr. 17, Lendi, Untersuchungen 190 (= Annales Alamiannici ad a. 913-916), Annales Sangallenses maiores 279f. ad a. 913, 916 (= MGH SS I 77f.), Annales Einsidienses 141 ad a. 916, Synodus Altheimensis 619,623,626 capp. 21,34, Annales Auglenses 68 ad a. 917, Reginonis Abbatis Prumiensis Chronicon, Continuatio 155 ad a. 917, Annalista Saxo 594 ad a. 917 (mit dux-Titel), Annales Quedlinburgenses 52 ad a. 917, Ekkehardi IV. Casus Sancti Galli 36-52 capp. 11-20 (= Ekkehardi IV. Casus sancti Galli 42-78 capp. 11-20; MGH SS II 83-87), St. Galler Gedenkbuch pag. 73 (= Piper, Libri Confrat. 94 col. 306,3)

Literatur:
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Stälin, Geschichte I 266-272 - Roth von Schreckenstein, Erchanger und Berchtold - Meyer von Knonau, Geschlechtskunde 72 A. 2 - Baumann, Gaugrafschaften 80 - Dümmler, Ostfrk. Reich III 566, 570,578f. mit A. 3,586,590-592,609,611,618 - Krüger, Zähringer II/III 493 - Baumann, Erchanger und Berchtold - Zeller, Salomo III. 79-99 - Schetter, Intervenienz 107 - Tellenbach, Königtum und Stämme 53 Nr. 35 - Meyer-Marthaler, Rätien 88-90 - Jänichen, Baar und Huntari 115, Tafel 2. "Die Bertholde" im Anhang - Dobler, Gedenkeintrag - Bühler, Richinza von Spitzenberg 319 - Zotz, Breisgau 65-70, 166f. - Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs 192 - Goetz, "Dux" und "Ducatus" 17,328f.,373 - Walther, Fiskus Bodman 263-265 - Borst, Pfalz Bodman 212-214,218f. - Maurer, Herzog von Schwaben 36-46 u.ö. - Brunner, Oppositionelle Gruppen 166,168-171 - Clavadetscher, Wolfinus Cozperti palatini comitis filius 156-160 - Borgolte, Geschichte der Grafschaften Alemanniens, Kap. IX

In sechs Diplomen KONRADS I. wird zwischen dem 11. Januar 912 und dem 12. März 913 ein Intervenient Erchangar genannt (vgl. Borst 212f., Goetz 328, Schetter). Wie aus einem an anderer Stelle gebotenen Vergleich der Fürsprechergruppen hervorgeht (s. Art. Konrad II), war in DD K I Nrn. 2f., 11 und 17 dieselbe Person gemeint. Die Diplome 9 und 10 datieren vom 8. bzw. 23. August 912 und sind zwischen den übrigen Stücken so eingeschlossen, dass an der Identität des Erchangar auch hier kein Zweifel sein kann; in D K I Nr. 9 wird überdies sicher derselbe Graf Heinrich erwähnt, der auch an DD Nrn. 11 und 17 beteiligt war. Einige der in den Königsurkunden vorkommenden Intervenienten sind um 909 in St. Gallen gewesen, als Abtbischof Salomon III. dem Kloster die Abtei Pfäfers übertrug (W II Nr. 761; Konrad II). Deshalb darf man den Grafen Erchangarius, der in der entsprechenden Urkunde als Vogt von Salomons Neffen Waldo erscheint, mit dem gleichnamigen Großen der Königsdiplome identifizieren.
Meist wird Erchanger als comes bezeichnet (DD K I Nrn. 2f., 9f.; W II Nr. 761); obwohl man seine Grafentätigkeit aufgrund anderer Quellen (siehe unten) am ehesten in Alemannien lokalisieren darf, konnte hier kein bestimmter Sprengel für ihn nachgewiesen werden. Gegen eine ältere Lehre, Erchanger sei Graf im Klettgau gewesen, hat sich mit Recht Baumann (Erchanger und Berchtold 267) gewandt. Baumanns eigener These (Gaugrafschaften 80), nach der Erchanger die Gaugrafschaft Affa innegehabt hätte, fehlt aber nicht weniger ein Fundament in der Überlieferung; sie beruhte auf der Annahme, Erchanger sei in eine angeblich traditionelle Position seiner Vorfahren eingetreten. In der Königsurkunde vom 25. September 912 trägt Erchanger den Titel comes palatii (D K I Nr. 11). Ob sich die mit dem Rang verbundene Amtsgewalt auf die Pfalz Bodman beschränkte, wo das Diplom ausgestellt worden war (so Maurer 38f.), oder die Verwaltung des Fiskus in Alemannien einschloß (so Walther 263, vgl. bereits Baumann, Erchanger und Berchtold 268ff.), ist umstritten. Seit Baumann (ebd. 264-269) wird gelegentlich behauptet, Erchanger sei schon vor 912 Pfalzgraf gewesen und habe als solcher 911 im Sturz Burchards mitgewirkt (zuletzt Maurer 38, vgl. Zeller 83ff., Dümmler 570, Clavadetscher, 156; anders Borst 212 f.). Seit 913, dem Jahr des letzten urkundlichen Belegs Erchangers, berichten die Annales Alamannici über Streit zwischen Erchangar und KONRAD I. bzw. Bischof Salomon III. von Konstanz. Zunächst kam es noch einmal zu einer Versöhnung mit dem König, der nach einem Sieg Erchangars, Bertolds (V) und Udarichs (VI) über die Ungarn die Schwester Erchangars heiratete. Danach setzt jedoch eine Ereigniskette ein, in der die Erhebung Erchangars zum dux (915) das Mittelstück, seine und seiner Genossen Tötung am 27.1.917 das Endglied bildeten. In diesem Zusammenhang braucht den dramatischen und oft behandelten Ereignissen (zuletzt Brunner, Maurer, Goetz) nicht noch einmal nachgegangen zu werden; auch die späteren Darstellungen Hermanns des Lahmen und vor allem Ekkehards IV. von St. Gallen können beiseite bleiben, in denen zum Teil chronologisch unzuverlässige Angaben stehen und Erchangar und Bertold der Titel camerae nuntii verliehen wird (zur Erzählung Ekkehards vgl. die Bemerkung über das Enkarato, das heißt wohl Erchangario, verliehene Gut zu Stammheim in der von Clavadetscher entdeckten Quelle). Hier kommt es nur darauf an festzuhalten, dass die Identität des dux mit dem Grafen und Pfalzgrafen, die früher bisweilen bestritten wurde (vgl. Baumann, Erchanger und Berchtold 267f.), sicher zurecht allgemein angenommen wird. Chronologisch fügen sich die Zeugnisse über Erchangers Königsnähe durchaus mit den späteren Quellen zusammen; und in dem Weg vom comes über den comes palatii zum dux scheint eine gewisse Konsequenz zu liegen (s. Borgolte).
Außer Udalrich (VI) und Burchard, dem späteren "Herzog" von Schwaben, wird bereits in den Annales Alamannici wiederholt Bertold (V) neben Erchanger genannt. Zuerst in den Annales Sangallenses und dann bei Ekkehard und Hermann erscheinen beide als Brüder. Diese Charakterisierung könnte in einem Eintrag des St. Galler Gedenkbuches (pag. 73) eine Stütze finden, in dem Erchanger und Peractolt von Familienmitgliedern des Markgrafen Liutpold umgeben zu sein scheinen; Liutpold war der erste Gemahl von Erchangers Schwester Kunigunde. Dobler (vgl. Mitterauer, Markgrafen 239) hat in seiner noch nicht erschöpfenden Untersuchung der Namengruppe eine Datierung auf 905 vorgeschlagen. Der Name Erchangers erinnert an den Vater der Kaiserin Richgard (s. Art. Erchangar I), der Bertolds an die BERTOLDE oder ALAHOLFINGER. Dementsprechend hat man angenommen, dass Erchanger aus einem elsässischen Geschlecht hervorgegangen sei (Meyer von Knonau 72 A. 2) oder eben zu den ALAHOLFINGERN gehörte. Die letzte, von Baumann ausführlich begründete Anschauung ist durchgedrungen (zuletzt Brunner 166). Freilich scheidet das Pfalzgrafenamt Erchangers, das nach Baumanns Argumentation bei den ALAHOLFINGERN erblich war, als Kriterium aus; zwar könnte der 892 belegte palacii comes Bertold (IV) der Vater Erchangers und Bertolds (V) gewesen sein, doch läßt sich der frühere Pfalzgraf Ruadolt von 854 nicht ohne weiteres als Vorfahre Erchangers in Anspruch nehmen (vgl. auch Art. Gozbert II, III).