Lange Karl-Heinz: Seite 80-84
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"Die Grafen von Northeim 950-1144"

Am 2. September 1070 kam es bei Eschwege zu einem blutigen Gefecht, das mit einer vernichtenden Niederlage der Thüringer endete. Nach seinem Siege entließ Otto, offenbar in Anbetracht des nahen Winters, einen Teil seiner Mannschaft und begab sich mit dem Rest seines Gefolges nach Sachsen, wo er mit den Liutizen Verbindung aufnahm und durch räuberische Umtriebe das Land in Unruhe versetzte. Einen Bundesgenossen fand er in dem jungen BILLUNGER Magnus, der sich wohl durch das wieder enger gestaltende Vertrauensverhältnis des Königs zu seinem Widersacher Adalbert von Bremen beunruhigt fühlte und sich von der Beteiligung an der Empörung seines Verwandten einen Erfolg versprach; auf seinen Gütern fand der Northeimer während des Winters 1070/71 seinen Unterhalt.
Zu diesem Zeitpunkt, am 12. Juni 1071, unterwarfen sich in Halberstadt Otto von Northeim, der BILLUNGER Magnus und andere führende Teilnehmer an der Empörung. Otto fand in Adalbert von Bremen, mit den er sich ausgesöhnt hatte, einen Fürsprecher, ihm hatte er es zu verdanken, dass er seine Allodialgüter vollzählig zurückerhielt, während er seiner zahlreichen Reichslehen zum größten Teil verlustig ging. Trotz der Vermittlung des Bremer Erzbischofs sah sich HEINRICH jedoch nicht veranlaßt, die Empörer sogleich auf freien Fuß zu setzen. Er übergab sie den Reichsfürsten in Gewahrsam und bestimmte, dass sie ihm zu einem noch festzulegenden Zeitpunkt wieder ausgeliefert werden sollten. Der BILLUNGER wurde auf der Harzburg gefangengesetzt; von Otto hingegen ist nicht bekannt, wo er die Zeit seiner Inhaftierung verbracht hat. Nach einem vollen Jahre, am Pfingstfest (27. Mai) 1072, erlangte er in Magdeburg die königliche Gnade und seine persönliche Freiheit zurück, nicht aber ohne vorher dem König und seinen Fürsprechern einen beträchtlichen Teil seiner Eigengüter überlassen zu haben; Magnus hingegen blieb weiterhin in Haft.
Betrachten wir die letzten Ereignisse des Jahres 1071 und 1072 im Zusammenhang, so fällt auf, dass sowohl in Halberstadt als auch in Magdeburg dem NORTHEIMER gegenüber Magnus eine bevorzugte Behandlung zuteil wurde. Adalbert von Bremen war es 1071 gelungen, das 1067 unter dem Druck der Ereignisse an den BILLUNGER zu Lehen gegebene Kirchengut wieder einzuziehen. Er hatte erfahren, welche Gefahr ein Zusammengehen Ottos und Magnus' für den Bestand seines Erzbistums und die sächsische Dominialpolitik des Königs, die er sicherlich nach Kräften unterstützte, bedeuten konnte. Um ähnliche Aufstand ein Zukunft zu unterbinden, war es erforderlich, beide Gegner zu trennen. Es ist daher zu vermuten, dass die längere Inhaftierung des BILLUNGERS bereits 1071 im beiderseitigen Einvernehmen Adalberts und HEINRICHS beschlossen wurde, während Otto auf ausdrücklichen Wunsch des Bremers, offenbar um ihn günstig zu stimmen, in seine stark geminderten Allodialrechte wieder eingesetzt wurde. Vielleicht erfolgte seine Freilassung 1072 auch auf Fürbitte Liemars von Bremen, der die Politik Adalberts fortsetzte. Die Hoffnung, dass mit der Festsetzung des BILLUNGERS und der politischen Entmachtung des NORTHEIMERS die sächsische Gefahr für die Machtbestrebungen des Königs beseitigt sei, sollte sich jedoch bald als trügerisch erweisen. Der Friede war nur von kurzer Dauer; ein echter Gesinnungswandel der Empörer war nicht erfolgt, dagegen der Keim zu neuen Auseinandersetzungen gelegt.
Otto von Northeim hatte den Verlust seiner Hoheitsrechte auch nach seiner Freilassung (1072) nicht verschmerzen können. Es ist anzunehmen, dass seine allodiale Machtposition im westlichen Harzvorland und im Oberweser- und Werra-Gebiet durch die Versuche des Königs, das dort gelegene Krongut zu arrondieren, erneut in Mitleidenschaft gezogen wurde. Enge Freundschaft verband ihn mit dem dem billungischen Hause. Nach dem Tode Herzog Ordulfs am 28. März 1072 stellte HEINRICH an seinen noch immer in Haft befindlichen Sohn Magnus als Preis für seine Freilassung das Ansinnen, seine Ansprüche auf die väterlichen Herrschaftsrechte, in erster Linie dessen herzogliche Stellung, aufzugeben. Es zeigte sich, dass er dem BILLUNGER, den er noch immer als Hochverräter betrachtete, ein ähnliches Schicksal zugedacht hatte wie Otto von Northeim. Sein Plan mußte jedoch scheitern: Magnus lehnte die Verzichtforderung ab. Der seit den Zeiten Bernhards II. und Ordulfs lebendige und im Stammesbewußtsein verankerte erbrechtliche Anspruch der BILLUNGER auf die sächsische Herzogswürde erwies sich als stärker als das vom König auch in diesem Falle verfochtene amtrechtliche Prinzip. Zudem war es auf Grund der gespannten Lage schlechterdings möglich, ein Prozeßverfahren nach Recht und Herkommen gegen Magnus zu eröffnen; die Übergriffe des Königs auf billungisches Eigengut mußten deshalb vornherein als Usurpation empfunden werden. Graf Hermann, der Onkel des Magnus, und Otto konnten HEINRICH auch nicht durch ihr Angebot von Geld und Gütern dazu bewegen, den Inhaftierten freizugeben.
Wohl noch 1075 in Goslar übertrug ihm der König die Statthalterschaft über ganz Sachsen, um mit Lampert zu sprechen, "vices suas et publicarum rerum procurationem....... totius Saxoniae principatum." Es ist gewiß unzutreffend, dass HEINRICH, wie man gemeint hat, Otto beauftragt hätte, das 1075 dem Herzog Magnus entzogene "Fürstenthum Sachsen" ("tocius Saxoniae principatum") an seiner Statt zu verwalten, denn Magnus hat niemals auf seine herzogliche Stellung verzichtet, wenn er auch durch seine Unterwerfung in Spier vorübergehend gewisse Einbußen an Hoheitsrechten erlitten haben wird.