Kurowski Franz: Seite 273-276
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"Schwertgenossen Sahsnotas"

Ordulfs Sohn Magnus aber, der ihm als Nachfolger an die Spitze O-Sachsens gefolgt war, hatte sich bereits zu Lebzeiten seines Vaters mit Otto von Northeim verbunden. Gemeinsam erhoben sie im Frühjahr 1071 die Waffen gegen den König. In den Auseinandersetzungen dieser ungleichen Kontrahenten wurden die sächsischen Truppen unter Magnus und dem Grafen von Northeim geschlagen. Die beiden Anführer mußten sich König HEINRICH IV. unterwerfen. Dieser nahm beide in Haft. Ein Jahr später entließ er den Grafen von Northeim. Aber Magnus Billung blieb trotz der vielen Versuche seines Vaters, der zu dieser Zeit noch lebte, weiter auf der Harzburg in Haft gehalten. So mußte Ordulf nicht nur die Gefangenschaft seines Sohnes über sich ergehen zulassen, dass der Erzbischof von Bremen-Hamburg die umfangreichen Lehen, die er den BILLUNGERN hatte überlassen müssen, wieder an sich riß.
Als Ordulf starb, befand sich Magnus Billung noch in Haft. Sein Onkel Hermann versuchte in mehreren Schritten seine Freilassung zu erreichen. Dazu bot er schließlich bedeutende Besitztitel an. Doch HEINRICH IV. blieb hart. Er wollte Magnus Billung nur dann die Freiheit zurückgeben, wenn dieser auf alle Herrschaftsrechte und allen Eigenbesitz verzichtete und diese dem König übergab. Damit wäre HEINRICH IV. unumschränkter Herr in O-Sachsen gewesen und hätte unter den sächsischen Edlen aufräumen können. Wenn er diesen billungischen Besitz an einen seiner Vertrauten übergab, dann war er sicher vor sächsischen Überfällen, so schloß der junge König.
Nach der Eroberung der Lüneburg durch Magnus' Onkel Hermann kam der junge BILLUNGER frei. Die BILLUNGER, nun unter der Führung von Magnus, trieben sofort ihre verlorengegangenen Besitzungen wieder ein und versuchten natürlich einen tüchtigen Happen mehr abzuzwacken. Erzbischof Liemar von Bremen bekam dies zu spüren; er hatte nach dem Tode seines Vorgängers und Königsberaters die Suppe auszulöffeln, die ihm sein Vorgänger eingebrockt hatte.
Die BILLUNGER hatten sich mehr oder weniger aus diesen letzten großen Kämpfen heraus gehalten. Auch wenn Hermann und Magnus insgeheim Helfer des Grafen von Northeim waren, so galt ihre Hauptaufmerksamkeit doch ihren Besitzungen, und so traten sie in der großen Auseinandersetzung ihres Stammes gegen das Herrscherhaus, das den Sachsen fremd geworden war, mehr und mehr in den Hintergrund. Dies ließ sie im Reich ebenso wie in Sachsen in die Bedeutungslosigkeit ihres Stammvaters, des Vaters von Hermann Billung, zurückfallen, von dem man nicht mehr als seinen Namen wußte.
Was geschehen wäre, wenn sich Ordulf oder Magnus an die Spitze der sächsischen Aufständischen gestellt hätte, läßt sich nur vermuten. Die Möglichkeit, die königlichen Truppen mit Hilfe aller Sachsen zu besiegen, lag auf der Hand. Dies hätte mit Sicherheit Ordulf oder Magnus die wirkliche Herzogswürde in Sachsen und die unumschränkte Herrschaft über dieses Land verschafft. Zumindest wäre O-Sachsen zur einzigen Herrscherfamilie aufgestiegen. Sie hätten es schaffen können, zuzüglich zu ganz O-Sachsen auch das Gebiet der Wagrier und Abodriten, die ihrem Gebot unterstellt waren, in den Verband des Landes einzugliedern. Wahrscheinlich wären auch die Gebiete der Dithmarschen und Stormarn sowie der Holstengau unter ihre direkte Herrschaft gefallen, in denen sie ja bereits das Aufgebotsrecht besaßen. Die Truppen im Bardengau jenseits der Elbe standen ihnen zur Verfügung, wie eine Urkunde der Äbtissin Adelheid von Quedlinburg für Magnus erweist, in der sie 1069 bescheinigt, dass im Falle eines Kriegszuges gegen die Slawen alle zur "Villa Soltau gehörenden Dienstmannen ihres Klosters unter ihm Kriegsdienst leisten" mußten.
Mit dem Tode Magnus Billungs am 25. August 1106 ging die Herrschaft der BILLUNGER zu Ende. Es gab keinen männlichen Nachfolger mehr. Seine beiden Töchter Wulfhild und Eilika erhielten die billungischen Eigengüter und brachten sie nach ihrer Heirat den WELFEN und den ASKANIERN zu.
Die Stellung der BILLUNGER war unter Magnus nach dem sächsischen Aufstand 1073 bis 1075 und bis zum Tode HEINRICHS IV. nicht gewachsen, eher war das Gegenteil der Fall. Obgleich auch Magnus noch für gräflichen Rechte über die Gaue Tilithi und Marstem ausübte, wie durch einige Urkunden unter Beweis gestellt ist, ging es steil bergab. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Magnus bis 1106 im Wethigau und im Osterburger Gau das Sagen hatte und den Vorsitz im Grafengericht ausübte. Die Tatsache, dass auch Magnus noch seinen Herrschaftsbereich in gleicher Weise wie Ordulf erhalten konnte, änderte nichts an der Tatsache, dass das Erlöschen dieses Geschlechtes im Jahre 1106 keinerlei negative Folgen für Sachsen hatte.