Fenske Lutz: Seite 59,64-66,79
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"Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen"

Verschiedentlich ist die Zusammenkunft von Hötensleben als gesamtsächsische Stammesversammlung angesprochen worden. Es liegen jedoch keine Anhaltspunkte vor, dass außer Graf Hermann, dem Onkel Herzog Magnus', herausragende, für die anderen sächsischen Teilstämme repräsentative Fürsten dort anwesend waren. Auch stehen in der Berichterstattung Brunos eindeutig Hochadlige ostsächsicher Herkunft im Vordergrund. Gleich Otto von Northeim befand sich auch Graf Hermann privato odio im Gegensatz zu HEINRICH IV. Die Gefangenschaft seines Neffen Magnus seit 1071, die Möglichkeit, dass dem billungischen Geschlecht die Herzogswürde verlorengehen könnte, und die zu diesem Zeitpunkt schon Jahrzehnte dauernde oppositionelle Haltung der sächsischen Herzogsfamilie waren die Triebkräfte für die Gegnerschaft.
Auch die Vertreter der billungischen Herzogsfamilie gehörten 1073 zu den Königsgegnern in Sachsen. Ihr Gegensatz zum Königtum war dabei nicht wie im Falle Ottos von Northeim das Resultat sich spontan entwickelnder Feindschaft, sondern hatte sich durch die lang andauernde Entfremdung zwischen Königtum und dem sächsischen Herzogsgeschlecht allmählich gesteigert. Die sich seit dem Herrschaftsantritt Adalberts verstärkende Rivalität mit dem Erzbistum Bremen bildete dabei nur einen Teilaspekt. Zur Zeit Kaiser HEINRICHS III. waren die BILLUNGER noch nicht fähig, wirksam gegen die Krone vorzugehen. Noch 1063 waren Herzog Ordulf und sein Bruder Hermann wegen ihrer Übergriffe auf die Bremer Kirche im Königsgericht verurteilt worden. Erst 1066, als die Machtstellung Erzbischof Adalberts am Königshof zusammenbrach, traten die für seine Kirche verheerenden Folgen ein [191 Um vor den Verfolgungen des Herzogs-Sohnes Magnus sicher zu sein, wurde der Erzbischof zu einer Lehnsübertragung von 1.000 Hufen an den BILLUNGER gezwungen. Auch die übrigen das Erzstift bedrängenden Adelskräfte konnten nur durch ähnliche Übertragungen von Gütern und Rechten aus dem Besitz der Bremer Kirche zum Stillhalten bewegt werden.].
1070 findet man Magnus an der Seite Ottos von Northeim, mit dem zusammen er sich 1071 HEINRICH IV. unterwarf. Während Otto nach einem Jahr Haft die Freiheit zurückerhielt, blieb der BILLUNGER Gefangener des Königs. Auch den Bemühungen seines Onkels, Graf Hermanns, und des wieder zu Einfluß gekommen NORTHEIMER gelang es nicht, seine Entlassung zu erwirken. Zusätzlich hatte der König sogar noch die billugische Burg in Lüneburg besetzen lassen. Auch die Verhandlungen, die HEINRICH IV. 1071 im Beisein Adalberts von Bremen in Bardowick mit dem Dänen-König Sven Estridson führte, dürften die Mitglieder der herzoglichen Familie zu äußerstem Mißtrauen gegenüber den Absichten des Königs veranlaßt haben.
So überrascht es nicht weiter, Graf Hermann unter den Verschwörern von Hötensleben anzutreffen. Nachdem sein Neffe Magnus wenig später im Austausch gegen die von Hermann belagerte königliche Burgbesatzung von Lüneburg freigelassen worden war, konnten sich beide BILLUNGER an dem nun beginnenden Kampf gegen HEINRICH IV. beteiligen. Sie zählten auch zu den Fürsten, die im Oktober 1075 nach ihrer Unterwerfung den Weg in die Haft antraten. Graf Dietrich II. von Katlenburg und dem BILLUNGER Hermann gelang 1076 als ersten aus der Gruppe der inhaftierten Fürsten die Rückkehr nach Sachsen, wo sie den Kampf gegen HEINRICH IV. neu belebten.
Die Herzogs-Witwe Gertrud aus dem Geschlecht der sogenannten Grafen von Haldensleben - die zweite Gemahlin Ordulfs - befand sich ebenfalls über längere Zeit in königlichem Gewahrsam, denn sie gehörte zu den gefangenen sächsischen Fürsten, denen im Sommer 1076 während des Ausbruchs von Unruhen in Mainz die Flucht gelang.
Das 1077 begründete Gegen-Königtum Herzog Rudolfs fand zunächst die Unterstützung der BILLUNGER, die 1078 dem König der kirchlichen Partei in der Schlacht bei Mellrichstadt Waffenhilfe leisteten. Jedoch nahm das Kampfgeschehen für die beiden Repräsentanten des sächsischen Herzogshauses einen sehr ungünstigen Verlauf. Herzog Magnus ging die gesamte Ausrüstung verloren, während Graf Hermann sogar in die Gefangenschaft HEINRICHS IV. geriet.
Kurz vor der Schlacht bei Flarchheim im Januar 1080 wechselten mehrere sächsische Große die Partei. Auch die beiden BILLUNGER, Magnus und Hermann, leisteten RUDOLF damals keine Heerfolge mehr. HEINRICH IV. hatte dem Grafen Hermann sogar die Freiheit zurückgegeben, nachdem er gemeinsam mit seinem Neffen Magnus einen Sicherheitseid auf ihr künftiges Verhalten abgelegt hatte. Vor der Schlacht bei Flarchheim sollen beide sogar versucht haben, ihre Truppen König HEINRICH zuzuführen. Perfidae coniuratione seien sie auch mit Markgraf Ekbert II. und dessen Schwiegermutter Adela verbunden gewesen, die also gleichfalls im Zusammenhang dieser mehr oder weniger offenen Abfallbewegung von der Sache RUDOLFS genannt werden.
Von diesem Zeitpunkt an schieden die BILLUNGER endgültig aus der gegen HEINRICH IV. gerichteten Bewegung aus. Obwohl ihnen von ihrer Stellung her ein größeres Gewicht im Kreise des sächsischen Hochadels eingeräumt werden muß, traten sie während der Kämpfe ihrer Standesgenossen mit dem salischen Königtum nicht besonders hervor. Vielfach ist diese Zurückhaltung in der neueren Forschung als persönliche Schwäche der letzten Vertreter dieses Geschlechts gedeutet worden. Gerade in der Anfangsphase lag die Führung ganz eindeutig beim politisch einflußreicheren Persönlichkeiten wie Otto von Northeim und Bischof Burchard von Halberstadt, während man wohl bei Magnus und Hermann unterstellen darf, dass sie nicht das Format ihrer bedeutenderen Vorfahren besaßen. Man wird ferner berücksichtigen müssen, dass das sächsische Herzogtum der BILLUNGER, so wie es sich entwickelt hatte, von seinen institutionellen Grundlagen her nicht unbedingt eine Stammesführung beinhaltete. Besonders die Fürsten im östlichen Sachsen und in den sich anschließenden Markengebieten nahmen eine vollkommen eigenständige Stellung ein. Sicherlich konnte vom billungischen Herzogtum wohl nur dann eine Stamm politisch repräsentierende Funktion ausgehen, wenn sie von einer entsprechenden Persönlichkeit ausgefüllt wurde. Aber war das Zurücktreten während des Kampfes mit HEINRICH IV. nur persönliches Unvermögen der letzten Repräsentanten der Herzogsfamilie? Ende der 70-er und während der 80-er Jahre engte sich der Kreis der opponierenden Fürsten mehr und mehr auf das östliche Sachsen ein. Schon auf Grund seiner eigenen Besitzstellung waren die Interessen Magnus' nur sehr begrenzt an diesen Raum gebunden, die ihm wenig Veranlassung boten, die sächsische Oppositionsbewegung zu unterstützen. Es war demnach wohl auch eine Politik ruhiger Besonnenheit gegenüber dem König, die den Herzog bewog, sich aus dem Kreise der Aufständischen zurückzuziehen und diese trotz seines herzoglichen Ranges sich selbst zu überlassen.