Kapitel 58
Unter meinen Altersgenossen und Mitschülern war
einer, Namens Brun, aus einem sehr angesehenen Geschlechte, aber
durch die Gnade Gottes mehr als die andern Glieder seiner Familie ein Auserwählter
unter des Kindern des Herrn. Ihn gab seine verehrungswürdige Mutter
Ida in die Schule des Philosophen Geddo, und alles, dessen er bedurfte,
wurde ihm in Fülle zu Theil. Sein Vater war Graf Brun [von
Querfurt], ein trefflicher und in jeder Beziehung lobenswerther Herr,
der mit mir durch
Blutsfreundschaft, mit allen Menschen aber durch das
Band der treusten Bruderliebe verbunden war. Sein gleichnamiger Sohn nun
bat, wenn er Morgens in die Schule gehen sollte, vorher, ehe er das Hospiz
verließ, um Urlaub und betete, während wir spielten. Thätigkeit
zog er der Unthätigkeit vor, und so fruchttreibend gelangte er zur
Reife. Kaiser Otto III. wünschte
ihn zu besitzen und nahm ihn in seine Dienste; allein er verließ
dieselben bald wieder, suchte ein Einsiedlerleben auf und ernährte
sich von seiner Arbeit. Nach dem Tode des glorreichsten Kaisers aber, unter
der Regierung König Heinrichs II,
kam er nach Merseburg, und bat denselben mit Erlaubniß des Herrn
Papstes um die Bischofswürde, welche ihm auch zu Theil wurde, indem
der König dem Erzbischof Tagino von Magadaburg befahl, ihn zu weihen
und ihm das Pallium, welches er selbst mitgebracht hatte, zu übergeben.
Darnach unterzog er sich zum Gewinne für seine Seele der Mühe
einer weiten und großen Reise, indem er seinen Körper durch
Hunger und Nachtwachen kasteite. Er empfing vom Herzog
Bolizlav von Polen
und anderen Vornehmen viel Geld und Gut, welches er sofort an Kirchen,
Freunde und Arme vertheilte, ohne etwas für sich zu behalten. Im zwölften
Jahre seines Mönchs- und Musterlebens begab er sich nach Preußen
und bemühte sich jene unfruchtbaren Gefilde mit dem göttlichen
Segen zu befruchten, allein die Dornen schossen auf und das rauhe Land
war nicht zu
erweichen. Als er darauf an der Grenze dieses Landes
und Rußlands predigte, untersagten ihm das zuerst die Eingebornen;
als er aber fortfuhr, das Evangelium zu verkünden, ward er gefangen,
und darnach starb er in der Liebe Christi, der das Haupt ist seiner Kirche,
sanft wie ein Lamm, indem er sammt seinen achtzehn Gefährten, am 14.
Febr. (1009) enthauptet wurde. Die Leichen aller dieser Märtyrer
blieben unbeerdigt liegen, bis Bolizlav,
als er das Geschehene erfuhr, sie um Geld einlöste und so seinem Hause
einen Seelentrost für die Zukunft erwarb.
Dies aber geschah zur Zeit des allergnädigsten Königs,
Heinrichs II, den der allmächtige Gott durch den Triumph
eines so großen Bischofs Ehre und, wie ich stark hoffe, Heil für
seine Seele spendete.
Der Vater des ebengenannten Bischofs aber legte, als
er lange nachher erkrankte, wie er mir selbst erzählte, auf Geheiß
seines Sohnes Mönchskleidung an und entschlief in Frieden am 19.
Octbr.