Slavenchronik des Arnold von Lübeck
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Erstes Buch.
 

1. Von der Pilgerfahrt des Herzogs Heinrich.
 

Nachdem also, wie gesagt, der Friede im Lande der Slaven befestigt war, nahm die Macht des Herzogs über alle Bewohner des Landes mehr und mehr zu, und die innerenKriege zwischen dem Herzog und den Fürsten des Ostens wurden durch Vermittelung der Majestät des Kaisers beigelegt. Pribizlaw aber, der Bruder Wertizlaw's, wurde aus einem Feinde des Herzogs dessen eifrigster Freund, da er einsah, daß alle seine Anstrengungen gegen denselben zu nichts führten, auch die Größe des Helden bewunderte, und daß er, wohin er sich wendete, überall vom Glücke begünstigt durchdrang.

Nachdem nun der Herzog so großer Ruhe theilhaftig geworden und so mannigfach drohenden Gefahren entronnen war, hielt er es für ein seiner Seele Heil bringendes letztes Unternemen, zur Buße seiner Sünden das heilige Grab zu besuchen, um den Herrn an dem Orte, wo seine Füße wandelten,
anzubeten. Nachdem er demnach seine Angelegenheiten geordnet hatte, begann er an die Reise nach Jerusalem ernstlicher zu denken. Er übertrug die Obhut seines Landes dem Erzbischof Wichmann vonMagdeburg, und nahm die Edleren des Landes zu Reisegefährten, nämlich den Bischof Konrad von Lubeke, den Abt Heinrich von Bruneswich, den Abt Bertold von Luneburg und den erwähnten Pribizlaw, den Fürsten der Obotriten; ferner den Grafen Guncelin von Zwerin und den Grafen Sifrid von Blankeneburg, nebst vielen anderen aus der Zahl sowohl seiner freien Vasallen, als seiner Dienstmannen. Und es blieb von den angesehenen Leuten keiner zurück, außer Ecbert von Wulselesbotele, welchen der Herzog über sein ganzes Gesinde setzte; insbesondere aber wurde er
zum Dienste der Frau Herzogin Mechtildis bestimmt, der sehr frommen Fürstin, welche bei Gott und Menschen in gutem Andenken steht. Sie, eine Tochter des Königs von England, gab ihrer hohen Geburt, welche auf eine lange Reihe königlicher Ahnen zurückwies, die Weihe frommer Werke, und den Thaten der Menschenliebe sich widmend, verherrlichte sie diese durch den Schmuck der Religion. Denn sie besaß die höchste Frömmigkeit, fühlte mit Bedrängten auf bewunderungswürdige Weise Mitleid, spendete Almosen mit freigebiger Hand, war eifrig im Gebet und eine höchst andächtige Besucherin der Messen, die sie in großer Menge lesen ließ. Die eheliche Treue bewahrte sie rein, und entweihte nie ihr Ehebett durch Buhlschaft. Sie blieb, so lange der Herzog in der Ferne war, in Bruneswich, weil sie damals gesegneten Leibes war, und gebahr eine Tochter Namens Rikenza. Auch Söhne erzeugte sie mit ihm nach seiner Heimkehr, nämlich Heinrich, Luder, Otto und Willehelm, welche sie, wie man das vom heiligen Tobias liest, "Gottesfurcht von Jugend auf lehrte". Ihr dienten Heinrich von Luneburg und der erwähnte Ecbert, weil er vor allen Angehörigen des herzoglichen Hauses für treu und wohlberufen galt. Indeß fiel die Sache anders aus; denn er selbst befleckte seinen Ruhm und lud den Vorwurf des Treubruches auf sich. Dafür wurde er schwer bestraft. Doch das wollen wir jetzt unberührt lassen, da wir zu Anderem hineilen müssen.
 

11. Von dem zweiten Feldzuge des Erzbischofs Philipp.
 

Von dem zweiten Feldzuge des Erzbischofs Philipp von Köln.
 

Von der Zeit an häuften sich also viele Leiden im Lande, weil alle sich gegen den Herzog erhoben, und aller Hände wider ihn waren, und seine Hände wider alle. Denn der Kölner Philipp brachte seine Mannschaft auf und unternahm den zweiten Heereszug, indem er in seinem Gefolge die hatte, deren Verbindung eine Rote genannt wird. Und wiederum durchzog er mit gewaltiger Schaar das ganze Land des Herzogs, und alle fürchteten ihn. Es geschahen aber viel abscheuliche und schlimme Thaten auf diesem Zuge, weil die gottlosen Menschen, die Kinder des Belial, welche ihn begleiteten, die größten Bösewichte waren, und im Begehen von Schandthaten ganz unersättliche Gier zeigten. Friedhöfe wurden geplündert, Kirchen eingeäschert, und viele heilige Gebäude zerstört; ja sie führten selbst, was man kaum erzählen mag, Bräute Christi gefangen hinweg, und schändeten sie, und befleckten voll Sinnenlust die nicht von Menschenhänden gemachten Tempel Gottes. Wer sollte es nicht beklagen, daß sie selbst des Priesters am Altare nicht schonten, sondern nach ihm stachen, und ihm, während er die heilige Handlung vollziehen wollte, den Kelch aus der Hand rissen. Jene argen Frevler vollbrachten auch noch vieles Andere, was zu unnatürlich war und zu unerhört, daß dessen Erwähnung nicht schon unsittlich wäre, und allzu giftgetränkt, um es den Ohren der Gläubigen kund zu thun. Der Bischof aber rückte vor Haldeslef, welches Wichmann, Erzbischof von Magdeburg, mit den Fürsten der Ostlande belagert hielt, und verstärkte die Streitmacht derselben, worauf er mit großer Betrübniß darüber, daß so viel Unheil durch ihn veranlaßt war, heimkehrte, und nicht wieder es sich beikommen ließ, jene unchristlichen Menschen mit sich zu nehmen. Die Belagerung aber dehnte sich auf Tage und Monate aus, weil Bernhard, Graf von Lippe, der Befehlshaber der Stadt, ein sehr tapferer und kriegserfahrener Mann und der Ort von Sümpfen umgeben war, weshalb man denselben, weil der Winter sehr gelinde  auftrat, nicht erobern konnte. Da sie nun vor Ueberdruß ob der langwierigen Anstrengung matt wurden, so ersannen sie zuletzt eine neue Art der Eroberung, nämlich die Stadt unter Wasser zu setzen. Sofort warfen sie einen Wall auf, und führten ihren Einfall mit allem Nachdruck aus, so daß das Wasser bis an die Balken der Häuser stieg; doch hielten die streitbaren Männer noch die Stadt. Zuletzt aber ließ Bernhard sich auf Bedingungen ein, und zog mit den Seinigen frei ab; die Stadt aber ward von Grund aus zerstört.
 

20. Von des Kaisers Feldzug.
 

Im nächsten Sommer ergossen sich die kaiserlichen Heerschaaren ganz über des Herzogs Gebiet, welches der Kaiser mit starker Macht besetzte, indem er in eigener Person über die Elbe zu setzen sich anschickte, um ihn aus dem Lande zu treiben. Da er aber befürchtete, daß ihm hinter seinem Rücken
ein Hinterhalt gelegt werden möchte, so befahl er dem Kölner Philipp sammt anderen Fürsten, Bruneswich zu beobachten; den Herzog Bernhard aber und dessen Bruder, Otto, den Markgrafen von Brandenburg, sandte er sammt anderen Fürsten der Ostlande der Lunenborger wegen nach Bardewich.
Er selbst führte, begleitet von Wichmann von Magdeburg und dem Bamberger Herrn nebst den Aebten von Fulda, Corbei und Hersfeld, sowie vom Markgrafen Otto von Misne und einer großen Menge wohlgerüsteter Schwaben und Baiern, das Heer auf die Elbe zu. Als dies herankam, wurde Landgraf Lodewich, der bis dahin in Lunenburg bewacht wurde, nach Sigeberg geführt, und daselbst in strengere Haft gebracht. Der Herzog aber befand sich damals zu Lubeke, indem er die Stadt befestigte und viele Maschinen baute. Nach diesen Anordnungen ging er am Peter- und Paulstage fort nach Racesburg. Als er nun frühmorgens von dort aufbrach, um an die Elbe zu gehen, folgten ihm alle die in der Burg waren, und gaben ihm jubelnd das Geleit. Da aber die Anhänger Bernhards, welche dort zurückgeblieben waren, sahen, daß die Burg leer war, nahmen sie sie plötzlich ein, verschlossen, nachdem sie die Veste besetzt hatten, die Thore derselben, und trieben alle die zurückgebliebenen Knechte des Herzogs fort. Sobald indeß der Herzog hörte, was vorgefallen war, kehrte er voll Erbitterung wieder um, und fand sie verstockt und feindselig gegen ihn gestimmt. Sofort schickte er nach Sigeberg zu Luppold und nach Plune zu Markrad, und befahl ihnen, so schnell wie möglich mit den Holzaten zu kommen, um sie, die ja nur wenige waren, zu verjagen. Währenddeß aber kam einer zu ihm mit der Anzeige, der Kaiser nahe schon, weshalb er unverrichteter Dinge voll bitteren Ingrimms abzog und nach Erteneburg kam. Als er darauf sah, daß das kaiserliche Lager nahe war, steckte er die
Burg in Brand und begab sich auf einem Kahn die Elbe hinunter nach Stade.
 

Fünftes Buch.
 

 1. Von der Rückkehr des Herzogs aus England.

 
Während dieser Feldzug oder diese Pilgerfahrt ausgeführt wurde, fehlte es nicht an neuen Ereignissen in Sachsen. Denn in demselben Jahre, in welchem um die Maizeit der Herr Kaiser mit denen, welche mit ihm zusammen aus Liebe zu Gott als Pilger fortzogen - unter ihnen war Graf Adolf -,  aufgebrochen war, empfing der Herr Erzbischof Hartwich von Bremen den von England heimkehrenden Herrn Herzog Heinrich mit seinem gleichgenannten Sohne um Michaelis voll Güte. Da er nämlich wegen der Thietmarcen, welche er von Waldemar von Schleswig nicht wieder erlangen konnte, fast von jedermann verachtet war, so machte er, in der Hoffnung, seine alte Macht wieder zu gewinnen, mit dem Herzoge Freundschaft, und bewirthete ihn nicht nur in Stade, sondern  übergab ihm auch die Grafschaft. Auf diese Kunde eilten die angesehensten Holtsaten und Sturmaren dem Herzog entgegen, begrüßten ihn in Frieden, und stellten ihm frei, in ihr Land einzuziehen. Darüber hocherfreut gelobte er sie hoch erheben zu wollen, wenn sie ihm den Einzug verstatten wollten. Sie aber besetzten sofort die festen Plätze des Grafen, nämlich Hammemburg, Plune und Etziho, und vertrieben seine Leute aus dem Lande. Als Graf Adolf von Dasle, der damals an seines Neffen Statt im Lande war, und Frau Mechtild, die Mutter des Grafen von Schauenburg, und dessen Gemahlin, Frau Adelheid, eine Tochter Herrn Burchards von Querenvorde, das sahen, zogen sie sich in die Stadt Lubeke zurück.