Weller Tobias: Seite 136,206,670,678-687
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"Die Heiratspolitik des deutschen Hochadels im 12. Jahrhundert."

Friedrichs
ungarische Braut heiratete 1199 den böhmischen König Premysl Otakar ( 1230), der sich soeben von seiner wettinischen Gemahlin Adela getrennt hatte [692 Siehe unten Seite 679ff.], und starb im Dezember 1240 [693 Vgl. WEGENER, Premysliden, Tafel 2; Europäische Stammtafeln NF 1/2 (1999), Tafel 177.].
Auch das angeführte Argument, die Ehe Otakars von Böhmen (
1230) mit Adela von Meißen sei 1198/99 vor dem Hintergrund der gemeinsamen Abstammung der Eheleute von der salischen Kaiser-Tochter Agnes ( 1143) wegen Blutsverwandtschaft in quarto gradu geschieden worden [59 Vgl. GAISER; Gemahlin 226f. (Stemma 225) unter Bezug auf das Schreiben Otakars an die Kurie (CDRB 2, No. 8, 6ff., hier 7).], taugt nicht als Indiz für die staufische Abkunft Adelas über ihre Groß-Mutter mütterlicherseits, die Markgräfin Sophia [60 Auch über ihre Groß-Mutter Liutgard von Elchingen läßt sich Adela nicht beweisbar auf die SALIERIN Agnes zurückführen. Zudem bleibt anzumerken, daß es sich bei der angeblichen Blutsverwandtschaft der Eheleute im vierten Grad um einen von seiten Otakars vorgebarchten Annullierungsgrund handelt. Ob er wirklich zutrifft, steht dahin; immerhin hat Adela die Rechtmäßigkeit des Scheidungsverfahrens zeitlebens angefochten.]. Das von GAISER erschlossene Verwandtschafteverhältnis geht von der Prämisse aus, daß Otakar aus der ersten Ehe König Vladislavs ( 1174) mit Gertrud von Österreich ( 1150) stammt; er war aber ein Sohn aus der zweiten Ehe mit der LUDOWINGERIN Judith [61 De ortu princ. Thuringie 406: Hec sunt nomina quatuor filiarum, quas Hedewigis Ludewico primo lantgarvio genuit: primo Cecilia, que nupsit Udelrico duci Boemie. Secunda Iutta, que eiusdem provincie regi copulata, genuit regem Odakarum et eius fratrem comitem Heinricum ... [...]. Siehe auch WEGENER, Przemysliden, Tafel 2, 6f.; Europäische Stammtafeln NF 1/2 (1999), Tafel 177; vgl. auch das Stemma 'Premysliden, I' von Josef ZEMLICKA in: LMA (1998).].
Zum Zeitpunkt der Hochzeit seiner Tochter Sophia jedenfalls hatte Friedrich schon seit mehreren Jahren die böhmische Herzogswürde inne, wenngleich er sich fortwährend gegen die allfälligen Prätentionen anderer Mitglieder der PREMYSLIDEN-Familie behaupten mußte [261 Zur Regierungszeit Herzog Friedrichs vgl. BRETHOLZ, Geschichte Böhmens 279-284; HOENSCH, Geschichte Böhmens 75f.]. Offensichtlich waren die Beziehungen der Fürsten-Häuser von Meißen und Böhmen während dieser Phase sehr einträchtig, denn nur wenige Jahre vor Albrechts Heirat - um 1179/81 - hatte sich seine Schwester Adela mit Premysl Otakar, einem Halb-Bruder Herzog Friedrichs und somit Onkel Sophias, vermählt [262 Vgl. zu dieser Verbindung ausführlich unten Seite 678ff.]. Nicht zuletzt wegen dieses doppelten Verwandtschaftsverhältnisses fand sich der WETTINER auch bereit, Otakar helfend unter die Arme zu greifen, als nach dem Tod Herzog Konrad-Ottos im September 1191 gleich mehrere premyslidische Aspiranten ihren Anspruch auf den böhmischen Dukat verfochten. Nachdem es Otakar elungen war, seinen Hauptkonkurrenten Wenzel (II.) 1192 aus dem Land zu vertreieben, nahm Albrecht der Stolze den Flüchtenden per insidias gefangen und legte ihn in Haft [263 Siehe auch TOECHE; Heinrich VI. 241f.; BACHMANN, Geschichte Böhmens 1, 375.]. Offensichtlich handelte er dabei in der Absicht, einen potentiell auch weiterhin gefährlichen Gegner Otakars auszuschalten, und in der Tat hört man hernach von Wenzel nichts mehr [264 Vgl. hierzu PÄTZOLD, Wettiner 56-60.].
Premysl Otakar [313 Vgl. zu seiner Person den Artikel von Josef ZEMLICKA: Otakar I. Premysl, in: LMA 6 (1993) 1553.] war der älteste Sohn König Vladislavs von Böhmen (
1174) aus dessen zweiter Ehe mit der thüringischen Landgrafen-Tochter Jutta [314 Zu dieser Verbindung siehe oben Seite 598ff.]. Nach dem Tod Herzog Konrad-Ottos, der im September 1191 auf dem ersten Italienzug HEINRICHS VI. umkam, setzte er sich gegen andere Prätendenten durch und wurde Anfang 1192 vom Kaiser mit dem böhmischen Dukat belehnt, wärend sein jüngerer Bruder Vladislav-Heinrich die Markgrafschaft Mähren übertragen wurde [315 Vgl. im folgenden BRETHOLZ, Geschichte Böhmens 285-290; HOENSCH, Geschichte Böhmens 76f.]. Da Otakar dem STAUFER aber die Zahlung von 6.000 Mark Silber als Gegenleistung für die Belehnung schuldig blieb und obendrein 1192/93 während der allgemeinen Empörung gegen HEINRICH VI. die aufständischen Fürsten in Sachsen unterstützte, verscherzte er sich schnell die Sympathien des Kaisers. Dieser setzt ihn noch in der ersten Jahreshälfte 1193 ab und ernannte seinen Vetter, den Prager Bischof Heinrich-Bretislav, zum Herzog. Schon im Juni 1197 jedoch erlag der Bischof-Herzog einer längeren Krankheit, worauf der böhmische Adel Vladislav-Heinrich zum Herzog erhob. Als Ende 1197 - nach dem Tod des STAUFER-Kaisers - Premysl Otakar mit einem Heer gegen ihn anrückte, einigten sich die beiden Brüder im Dezember über die Herrschaft in Böhmen: Otakar sollte als der Ältere das Herzogtum Böhmen erhalten, während Mähren an Vladislav-Heinrich fiel. Somit wurde der Zustand von 1192 wieder hergestellt.
Die für das Reich verhängnisvolle Doppelwahl des Jahres 1198 und die darauffolgenden Auseinandersetzungen des Thronstreits erwiesen sich für Otakars weiteren Werdegang dank seiner geschickten und wenig skrupulösen Politik als sehr günstige Zeitumstände. Er schloß sich zunächst der STAUFER-Partei an, wofür ihm PHILIPP VON SCHWABEN im September 1198 die Würde eines Königs von Böhmen verlieh [316 Vgl. Reg. Imp. 5/1, No. 19a. Siehe auch WINKELMANN, Philipp und Otto 1, 138.].
Kurze Zeit nach diesem jähen Aufstieg, spätestens im Jahre 1199, entschied sich Otakar zu einer folgenschweren Zäsur:
Er verstieß seine Gemahlin Adela von Meißen und heiratete die arpadische Prinzessin Konstanze, eine Schwester des Ungarn-Königs Emmerich [317 Ann. Prag. pars I, MGH SS 9, 169: 1199. rex Prziemysl sublimtur in regem, et dimissa uxore sua duxit Constantiam sororem regis Ungariae. Siehe auch WINKELMANN, Philipp und Otto 1, 188f. FRIED, Königsgedanken 348, erklärt das Vorgehen Otakars aus dem Umstand seiner Anerkennung als König: „Kaum war er 1198 zum König erhoben, holte er schleunigst nach, was er bisher versäumt hatte: Er trennte sich von seiner Gemahlin Adela [...] und heiratete die ungarische Prinzessin Constantia (1199)."]. Laut Angabe der Quellen hatte seine Verbindung mit der WETTINERIN ca. zwanzig Jahre Bestand. Die Vermählung ist demnach um 1179/81 anzusetzen, lange bevor Otakars Aufstieg zur Herrschaft in Böhmen überhaupt abzusehen war.