Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte
106
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Mähren
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Der Name 'Mähren' (Moravia, tschechisch Morava) leitet sich von der March (Morava) ab, einem linken Nebenfluß der Donau, der bereits von Tacitus als 'Marus' (* mar, * mor 'Sumpf') erwähnt wird. Die Germanen, vor allem die Quaden, bildeten unter Anfügung von ahva, aha ('fließendes Wasser') die Zusammensetzung 'Marahwo' (daraus später 'Maraha' und endlich 'March'). Daran anknüpfend nannten die Slaven den Fluß und das angrenzende Land 'Morava'. Die slavischen Einwohner des Landes wurden seit dem Mittelalter als Mährer (tschechisch Moravane) bezeichnet. Die historische Entwicklung Mährens hing seit dem 9. Jh. eng mit der Böhmens zusammen.
[1] Großmährisches Reich
Neue archäologische Funde beweisen,
daß Slaven
erst seit dem 6. Jh. nach Mähren
eingewandert
sind. Aus zwei Siedlungswellen, die erste aus Norden (etwa um 530) und
die zweite aus dem Donauraum (etwa um 600), entstand bis zum 8. Jh.
eine
dünne Besiedlung, die auf das fruchtbare Süd-Mähren
begrenzt blieb, während die bergigen Nordgebiete lange unbewohnt
waren.
Bis zum 9. Jh. schweigen zwar die schriftlichen
Quellen,
doch hat Mähren in Beziehung
zu
den Avaren gestanden und zum Kern des 'Reiches' Samos
(620-658/59) gehört (besonders das
südöstliche
Mähren.
Mit Beginn des 9. Jh. mehren sich die Angaben, die ein organisiertes
politisches
Leben bezeugen. 822 erschienen auf dem Reichstag in Frankfurt Boten der
'Marvani'. Aus der Reihe der Lokalfürsten trat Mojmir
I. (830-846) hervor, der um 833 den Fürsten
Pribina von Nitra vertrieb, dessen Herrschaftsgebiet
annektierte
und so die Grundlagen für das Großmährische
Reich schuf. 'Mährer' lebten damals nicht nur auf dem
Gebiet
des historischen Mährens, sondern
auch
in der West-Slowakei und seit der Mitte des 9. Jh. auch im Raum
zwischen Thaya
und Donau. Eine Stabilisierung des Staatsgebildes bedeutet die
Herrschaft
Rostislavs (846-870), der
mehrfach die Angriffe des ostfränkischen
Reiches erfolgreich abwehrte. Fränkische Quellen dieser Zeit
berichten
über mächtige, inzwischen auch archäologisch
nachgewiesene
Burgzentren (Mikulcice, Stare Mesto, Pohansko, Devin u.a.). Seit dem
Beginn
des 9. Jh. erfolgte die Christianisierung Mährens
vor allem von Bayern aus, doch berief Rostislav um
863 aus politischen
Gründen Konstantin und Method in sein Reich.
Als Blütezeit des Großmährischen
Reiches gilt die Regierungszeit Svatopluks
I. (870-894). Seine Thronerhebung war von inneren Wirren
und Interventionen des ostfränkischen Reiches begleitet. Der
Friede
von Forchheim (874) sollte weitere Konfrontationen verhindern, doch
wenig
später setzte die Expansion des Großmährischen
Reiches ein: Svatopluk,
der sich auf eine zahlreiche, gut organisierte Gefolgschaft (Druzina)
stützen
könnte, griff im ostfränkischen Reich ein, vor allem in der
Ostmark.
Die 'duces' in Klein-Polen und Böhmen mußten seine
Oberherrschaft
anerkennen, sein Einfluß reichte bis nach Schlesien,
Meißen,
in die Ost-Slowakei und nach Pannonien, wobei die Christianisierung oft
als
Begründung für seine Eroberungszüge diente.
Mit dem Ende des 9. Jh. begann der
allmähliche Zerfall
des Großmährischen Reiches,
wozu Spannungen zwischen den Anhängern der lateinischen und
slavischen
Liturgie beitrugen. Nach dem Tod Svatopluks
(894) geriet
Mähren erneut unter den
Einfluß des ostfränkischen Reiches; dazu kamen
Thronstreitigkeiten
seiner Söhne. 895 löste sich Böhmen ab, danach auch
andere
Gebiete. 906 unterlag die Gefolgschaft Mojmirs
II. dem Ansturm der Ungarn. Zugleich setzte eine heidnische
Reaktion ein, wohl begleitet von einem Volksaufstand. Die
Staatsorganisation
des Großmährischen Reiches
zerfiel völlig.
[2] Zeit der Premysliden
Für die Geschichte Mährens
im 10. Jh. schweigen die Quellen weitgehend. Wohl nach 955 gliederte Bolelsav
I. (935-972) das Gebiet Mährens
der
Herrschaft der PREMYSLIDEN an,
um 1003 wurde Mähren
von Boleslaw I. Chrobry (von Polen)
erobert; noch 1017 sind 'Mararenses' von Thietmar von Merseburg als
Verbündete
des polnischen Fürsten bezeugt. 1019 (1020?) vertrieb der
böhmische
Fürst Udalrich (1012-1034) die polnische
Besatzung aus Mähren.
Während Mähren auf Dauer mit
Böhmen
vereinigt wurde, fiel der östliche Teil des ehemaligen
Großmährischen
Reiches (West-Slowakei) am
Beginn
des 11. Jh. an Ungarn. Das Gebiet zwischen Thaya und Donau ging damals
für Mähren
verloren, und auch die Grenzen zu Polen veränderten
sich.
Kurz nach 1019 (1020?) verlieh Udalrich
die Verwaltung
Mährens seinem Sohn
Bretislav
I., der 1035-1055 in Böhmen und Mähren
herrschte.
Als 'erobertes Land' wurde Mähren
mit premyslidischen
Gefolgschaftsleuten
aus Böhmen besetzt, die Ämter und Benefizien erhalten. Nach Bretislavs
Senioratsgesetz (1055) sollte die Oberherrschaft im ganzen Staat stets
dem ältesten PREMYSLIDEN zufallen. Die jüngeren
sollten
Mähren
als
einheitliches, aber in zwei oder drei Teile gegliedertes
Fürstentum
verwalten. Die mährischen
'duces' unterstanden zwar der Zentralgewalt in
Prag, ohne jedoch
den Anspruch auf den Prager Thron aufzugeben. Im 12. Jh. entstanden
daraus
langjährige Streitigkeiten zwischen der in Prag regierenden
Familie
und den in Brünn, Olmütz, später auch in
Znaim
residierenden PREMYSLIDEN. Als Verbündete
der Zentralgewalt
dagegen wirkte das 1063 gegründete Bistum Olmütz. Trotz
zahlreicher
Versuche erreichten nur zwei der
mährischen
Fürsten die Oberherrschaft in Prag: Svatopluk (1107-1109)
und Konrad III. Otto (1189-1191).
1179 vertrat Premysl
Otakar
I., ein jüngerer
Bruder des böhmischen Fürsten,
die Interessen des Prager Zentrums in Mähren
als 'marggravius de Moravia'.
Später begann sich der Markgrafen-Titel
im Sinne einer Sonderstellung Mährens
im Rahmen des einheitlichen böhmischen Staates
durchzusetzen.
Um 1200 starben die Nebenzweige der mährischen
PREMYSLIDEN aus,
und Angehörige der 'Königszweige'
wurden Markgrafen von Mähren: zuerst
Vladislav Heinrich († 1222), danach die Söhne der
böhmischen
Könige. Die Markgrafen sollten die Oberhoheit des Königs
anerkennen,
der als Mittler für Mährens
Beziehungen zum Reich auftrat. Seit Premysl
Otakar II. (1253-1278)
trug der böhmische König zugleich
auch den Markgrafentitel. Neben der Markgrafschaft spielt ein Mähren
auch
das reich begüterte Bistum Olmütz eine wichtige Rolle.
Für
seinen illegitimen Sohn Nikolaus
und
seine Nachfolger errichtete Otakar II.
das dem böhmischen König direkt untergeordnete Herzogtum
Troppau.
Im 13. Jh. änderte sich in Mähren,
wie auch in Böhmen, die gesellschaftliche Struktur des Landes. An
die Stelle der frühmittelalterlichen Aristokratie, die eng mit der
Dynastie verbunden gewesen war, trat der 'grundherrschaftliche' Adel.
Dazu
trug vor allem eine Kolonisationswelle bei, die auch durch den Zuzug
deutscher
Ansiedler charakterisiert war. Gemeinsame Interessen der Adligen
führten
zur Bildung der Adelsgemeinde (obec). Der Adel beherrschte die
Landesämter
und strebte danach, als Sprecher des Landes Mähren
aufzutreten. Schon in der 2. Hälfte der Regierungszeit Otakars
I. (1197-1230) erlebte Mähren
eine frühe Welle mittelalterlicher
Städtegründungen
(Bruntal/Freudenthal, Unicov/Neustadt, Troppau, Znaim). Die Zahl der
mährischen
Städte nahm nach 1250 schnell zu, teils in Anknüpfung an
bestehende
Markt- und Burgsiedlungen, teils als Neugründungen. Zur Entfaltung
der Stadt-Land-Beziehung trug die Verleihung des emphyteutischen
Deutschen
Rechtes bei, das nicht nur in Siedlungen deutsche Kolonisten, sondern
auch
in alten slavischen Dörfern Anwendung fand. Die wirtschaftliche
Prosperität
Mährens wurde durch eine lange
Friedenszeit
gefördert, die neben Grenzstreitigkeiten mit Österreich und
Ungarn
nur der Mongolenzug 1241 und die Wirren nach Otakars
II. Tod beeinträchtigten.