Krzenck Thomas: Seite 50-61
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"Eine Stauferin am Prager Hof"

Kunigunde von Schwaben war bereits die 16. Tochter aus einem deutschen Fürstenhaus, die seit Emma, der Gemahlin Herzog Boleslavs II. (972-999), als Gattin eines böhmischen Herrschers nach Prag kam. Im Spätherbst des Jahres 1207 wurde auf dem Reichstag zu Augsburg das politische Bündnis zwischen PHILIPP VON SCHWABEN und Otakar Premysl I. von Böhmen durch eine Eheschließung ihrer Kinder untermauert.
Kunigunde, eine Enkelin Kaiser FRIEDRICHS I., wurde vermutlich zwischen Januar und März 1202 wohl in Schwäbisch-Hall als dritte Tochter PHILIPPS VON SCHWABEN und der Irene von Byzanz (um 1181-1208) geboren. Wo und wie Kunigunde mit ihren drei Schwestern nach der Ermordung ihres Vaters und dem Tode ihrer Mutter lebte, bleibt unbekannt. Berichtet wird, der Bischof von Speyer habe sich ihrer angenommen. Die Jahre ihrer Kindheit bleiben so im Verborgenen. Ob Kunigunde dann bereits im Jahre 1216 in Böhmen weilte, als Premysl Otakar I. seinem Sohn Wenzel mit Wissen der böhmischen Großen und mit Zustimmung des nunmehrigen König FRIEDRICH II., Kunigundes Vetter, die Nachfolge in Böhmen sicherte, ist nicht bekannt. Auch den Zeitpunkt der Heirat mit dem etwas jüngeren Wenzel (geboren 1205) verschweigen die Quellen. Sicher ist hingegen, dass Kunigunde mit großem Gefolge, reicher Ausstattung und vielen Frauen und Mädchen an den Prager Hof kam.
Dem spätestens 1207 betriebenen (oder auch erneuerten) Heiratsprojekt folgte am 6. Februar 1228 - und hier taucht der Name Kunigunde wieder in den Quellen auf - die Krönung Wenzels und seiner Gemahlin in Prag. Dazu heißt es in den böhmischen Annalen: 1228: König Wenceslaus ist mit seiner Gemahlin, der Königin Cunegunde, in der Prager Kirche vom ehrwürdigen Siegfried, dem Erzbischof von Mainz, gekrönt worden, am Sonntag, an welchem gesungen wurde: Esto mihi.
Verfolgt man die Quellen nach 1228, wird deutlich, dass Kunigunde fast völlig hinter ihren Gemahl zurücktrat. Die außerböhmischen Quellen erwähnen kaum mehr als ihren Namen. Fest steht, dass Kaiser FRIEDRICH II. auf dem Augsburger Hoftag 1235 Wenzel 10.000 Mark Silber zahlte als Ablösung des Erbrechts Kunigundes auf die staufischen Allode in Schwaben. Für Wenzel war Kunigunde so also auch wegen ihrer Anteile am Herzogtum Schwaben ein Gewinn.
Doch neben dieser höfischen Kultur bestimmte noch ein anderes Element das Leben am Prager Hof, dem Kunigunde wahrscheinlich mehr zugeneigt gewesen sein dürfte: Neben einer Frömmigkeit im franziskanischen Geist verbreiteten sich in einer Zeit politischer Wirren und Machtkämpfe zwischen dem Kaiser und den Päpsten hier auch religiös-mystische Strömungen und eine Haltung der Weltabkehr. Von diesen Strömungen, die nicht nur in Böhmen Anhänger fanden, scheint Kunigunde ebenfalls erfaßt worden zu sein. Geistige Vorbilder für Kunigunde wurden vor allem die ihr verwandten, später heiliggesprochenen Elisabeth von Thüringen und Hedwig von Schlesien sowie Klara von Assisi. Eng verbunden fühlte sich Kunigunde wahrscheinlich auch ihrer später seliggesprochenen Schwägerin Agnes, die nach dem mißglückten Heiratsprojekten den Schleier nahm, in den Orden der Klarissinnen eintrat und in Prag vermutlich 1234 ein Stift gründete, mit dem sowohl ein Männerkloster als auch ein Spital verbunden waren.
Bei der Weihe des Klosters waren neben Wenzel I. und seiner Gemahlin Kunigunde zahlreiche Bischöfe, weltliche Würdenträger und natürlich Einwohner der sich entwickelnden Prager Altstadt anwesend.
Die wenigen Urkunden, die den Namen der böhmischen Königin Kunigunde von Schwaben nennen, zeigen sie fast ausschließlich bei frommen Werken beteiligt, so bei der Stiftung des Zisterzienser-Klosters Marienthal (heute Ostritz, Kreis Görlitz) oder bei der Förderung der Klöster Oslavan, Tisnov und Brevnov - der ältesten Benediktiner-Abtei Böhmens - sowie bei der Ausgestaltung des Herburgs-Klosters in Brünn (Brno). Für den Zeitraum zwischen 1231 und 1248, also während der Herrschaft ihres Gemahls, kennen wir heute zehn (bzw. zwölf - zwei existieren in doppelter Ausfertigung) Urkunden, in denen Kunigunde für zumeist geistliche Institutionen Stiftungen  vornahm sowie Rechte bestätigte bzw. zusammen mit ihrem Gemahl bestätigen ließ. Kunigunde entschied in keiner dieser Urkunden völlig souverän. Immer wird die Zustimmung ihres königlichen Gemahls - direkt oder in einer besonderen Urkunde - zum Ausdruck gebracht.
Insbesondere mit der Gründung des Zisterzienserklosters Marienthal (claustra Vallis Sanctae Mariae) im Jahre 1234 reihte sich Kunigunde in die Reihe böhmischer Fundatorinnen ein. In der am 14. Oktober 1234 zu Prag ausgestellten Urkunde schenkte Kunigunde unter Beirat ihres Gemahls und mit Zustimmung ihrer Kinder das Dorf Seifersdorf (Syfridistorph) nebst Zubehör - Äckern, Wiesen, Wäldern, Gewässern, Mühlen usw. - dem Zisterzienserinnen-Kloster St. Marienthal zu ihrem und ihrer Eltern Seelenheil. In einer weiteren Urkunde vom 22. Februar 1238 beurkundeten König Wenzel und seine Gemahlin die auf ihrem rechtmäßigen Besitz erfolgte Gründung (fun-Datum) und Ausstattung (dodatum) des Zisterzienserinnenklosters St. Marienthal, welches sie der Äbtissin und den geweihten Klosterjungfrauen zu dauerhaftem Besitz übertrugen, indem sie dasselbe in ihren und ihrer Nachfolger ewigen königlichen Schutz stellten. Im gleichen Jahr bestätigte Kunigunde den Verkauf einiger Güter nebst Zubehör seitens des Zisterziensermönchklosters Buch an das Kloster St. Marienthal für 230 Mark, wobei die Kaufsumme von der Königin selbst bezahlt worden sein dürfte. Am 22. Februar 1239 bestätigte Wenzel I. auf Bitten seiner Gemahlin Kunigunde als Stifterin (fundatricis) zu seinem und seiner Vorfahren Seelenheil dem Kloster den Besitz weiterer Dörfer.
Am 21. Januar 1244 stellte König Wenzel I. auf fromme Bitten des Herrn und unserer Gemahlin, der berühmten Königin Böhmens Cunegundis dem Kloster Herburg (Marienzelle) in Brünn (Brno) eine förmliche Gründungsurkunde aus, nachdem bereits der Brünner Bürger Ulrich Schwarz den Grund gelegt und die erste Ausstattung aus seinem Besitz besorgt hatte. Allein dessen Opferwilligkeit reichte nicht aus, um den Bestand dieser Stiftung zu sichern. Doch bald fand sich in der Königin Kunigunde eine Beschützerin des Nonnenkonvents. Nachdem noch im Jahre 1241 Wenzel I. dem Konvent das sogenannte Bergrecht und der Bischof Rüdiger von Passau betreffs der Fertigstellung der neuerrichteten Kirche eine Indulgenz verliehen hatte, veranlaßte die Königin ihren Gemahl, gleichsam als Gründer des Konvents aufzutreten.
Die erhalten gebliebenen Urkunden zeigen, dass Kunigunde zugleich auch in Entscheidungen, die ihre Fundationen betrafen, eingriff, des weiteren trat sie als Exponentin des Spitals des Hl. Franziskus beim Verkauf eines Landstücks an das Kloster Kladruby auf, wo sie - wie es scheint - ihren Gemahl vertrat.
Den König vertrat Kunigunde wahrscheinlich auch bei den Verhandlungen zur Beilegung eines Streits zwischen demselben Spital und dem Deutschen Orden, denn in der entsprechenden Urkunde wird zum Ausdruck gebracht, dass die Rechtshandlung coram nobis verkündet wurde. Unter diplomatischen Spekten erscheint die Urkundentätigkeit Kunigundes insofern interessant, da in die Ausstellung der Urkunden der Königin Mitglieder der Kanzlei Wenzels in weitaus geringerem Maße eingriffen als zum Beispiel bei der Königin Konstanze, der Mutter Wenzels. Obwohl Kunigunde mehr oder weniger die Dienste des Vysehrader Kapitels in Anspruch nahm - in den Urkunden findet zum Beispiel der Scholastiker Friedrich Erwähnung - stellt ihre Urkundenmission in der Gesamtentwicklung der Kanzlei böhmischer Königinnen einen nicht zu negierenden Fortschritt dar.
In ihrem Eheleben scheint es Kunigunde mit ihrem Gatten nicht immer leicht gehabt zu haben. Zwar war es dem konsequent zum Nachfolger aufgebauten Wenzel nicht schwer gefallen, das Erbe seines Vaters, der ein sich nach jahrelangen Fehden konsolidierendes Reich hinterließ, sowie die Krone zu behaupten, doch vereinte der König in sich selbst Charaktereigenschaften recht widersprüchlicher Natur. Er schwankte unausgeglichen zwischen Kampfesmut und Menschenscheu, war innerlich gespalten zwischen schwermütiger Passivität und hektisch aufkommendem Tatendrang in zahlreichen grausam geführten Kriegen, insbesondere gegen den politischen Erzrivalen Österreich. Die langwierigen Auseinandersetzungen um Österreich brachten nicht die erhoffte Machterweiterungen in Richtung Süden und führten Wenzel 1239/40 auf die Seite der STAUFER-Gegner. Im Kampf zwischen FRIEDRICH II. und den Päpsten nahm der Böhmen-König anfangs eine unentschlossene Position ein. Doch sah sich Wenzel in den 40-er Jahren des 13. Jahrhunderts wegen des sich zuspitzenden Konfliktes gezwungen, eindeutig Stellung zu beziehen. Dies sollte Auswirkungen auf die innerböhmischen Verhältnisse nach sich ziehen.
Die Auseinandersetzungen um die Wiederbesetzung des Bistums Olmütz (Olomouc) hatten zur Folge, dass Wenzel durch den neu ernannten Bischof Bruno von Schauenburg in das päpstliche Lager gezogen wurde, während ein Teil des böhmischen Adels offen für den Kaiser Partei ergriff, und den zum Thronfolger aufgerückten ehrgeizigen und ungeduldigen Sohn Wenzels und Kunigundes, Premysl Otakar II., der staufisch gesinnt war, am 31.12.1247 zum "jüngeren" König erhob. Der Vater-Sohn-Konflikt konnte erst nach zweijährigen bewaffneten Auseinandersetzungen zugunsten Wenzels beigelegt werden, wozu die Entwicklung im Reich und der Kampf um das babenbergische Erbe in Österreich beitrugen. Nach dem unerwarteten Hinscheiden Friedrichs des Streitbaren im Jahre 1246, der keine männlichen Erben hinterließ, war nämlich das politisch, wirtschaftlich und strategisch bedeutsame Herzogtum vakant. Durch die Heirat Premysls mit der über doppelt so alten Margarethe, der Schwester des verstorbenen Herzogs und Witwe König HEINRICHS (VII.) wurde der böhmischen Forderung auf das babenbergische Erbe Nachdruck verliehen.
So fiel auf die letzten Lebensjahre Kunigundes ein tiefer Schatten. Bereits 1241 hatte sie den Einfall der Mongolen in Schlesien, den Schlachtentod Herzog Heinrichs bei Liegnitz und die Verwüstung des flachen Landes im Oder- und Marchtal sowie die großen Bevölkerungsverluste für Mähren erleben müssen. Zumindest ist es zu vermuten, da es keine direkten Quellenzeugnisse gibt, dass sie unter dem Eindruck dieser verheerenden Ereignisse gestanden haben dürfte.
In seinen letzten Lebensjahren zog es zudem ihr Gemahl vor, immer ausgedehntere Zeitabschnitte in für ihn eigens erbauten, abgelegenen Burgen mit nur wenigen Begleitern zu verbringen und war deshalb auch oft nicht erreichbar. Seine Hauptleidenschaft war die Jagd, deren Vergnügen ihn oft länger an die in Wäldern gelegenen Schlösser Bürgliitz, Tyrov und Angersbach fesselte, als es dem König nützlich und seinen Untertanen lieb war. Auf der Jagd büßte er ein Auge ein und erhielt deshalb in der böhmischen Geschichte den Beinamen "der Einäugige". Darnach begunde aber der furste mit den hunden zeu iagen vand syne kurczeweile czu haben, vnd vorlosz eyn auge yn dem pusche. Vnd da her das ouge vorlosz, da begunde her in dem walde czu wonen, vnd lag stetiglichen vff Burgelyns, vnd achte Prage nichtis nicht.
Wenzels politische Schwankungen und seine zeitweise unentschlossene Haltung fanden ihre Ursache vielleicht auch in den Familienverhältnissen. Während seine Gemahlin Kunigunde als Cousine des Kaisers sicherlich staufischen Ansprüchen nahestand, war seine Schwester Agnes, die Wenzel besonders schätzte, eher der päpstlichen Seite zugetan, ohne dass sich in den Quellen wiederum ein gespanntes Verhältnis zwischen Agnes und Kunigunde nachweisen ließe. Hinzu kam sicherlich auch der unerwartete Tod seines Sohnes Vladislav (1247). Nur das starke Band zu seiner Schwester Agnes und der Sinn für die dynastische Verantwortung halfen ihm, seine Depressionen zu überstehen, die Folgen und der Verlauf der politischen Ereignisse verstärkten aber die zunehmende Menschenscheu.
Noch während der Kämpfe zwischen Vater und Sohn starb Kunigunde am 13. September 1248 - ob in dem durch die kriegerischen Auseinandersetzungen verwüsteten Prag oder an einem anderen Ort, an den Wenzel vor seinem Sohn geflohen war - wir wissen es nicht. Die erzählenden Quellen sind auch hier wieder allzu wortkarg: 1248: Die Königin stirbt am 13. September. Das ist das letzte von dem Wenigen, was uns die böhmischen Annalen jener Zeit über Kunigunde wissen lassen.
Das Leben dieser böhmischen Königin läßt sich aus den vorhandenen Quellen nur sehr schwer rekonstruieren. Die wenigen erhaltenen Nachrichten in den Böhmischen Annalen sowie die von ihr allein oder in Zusammenwirken mit ihrem Gatten ausgestellten Urkunden, zeigen sie als fromme Stifterin, ohne näher in ihre Vorstellungs- und Gefühlswelt eindringen zu können. Aus der Ehe Wenzels mit Kunigunde von Schwaben gingen fünf Kinder hervor. Neben dem 1247 verstorbenen Sohn Vladislav und den drei Töchtern Beatrix (Bozena), verheiratet mit Otto von Brandenburg, Agnes (Anezka), verheiratet mit Heinrich von Meißen sowie einer bereits im Kindesalter verstorbenen, namentlich nicht bekannten Tochter, sollte der zweitälteste Sohn als ein berühmter PREMYSLIDE in die Geschichte eingehen: Premysl Otakar II. (um 1233-1278) war der bedeutendste böhmische König vor KARL IV., der sich an der Schwelle der 70-er Jahre des 13. Jahrhunderts anschickte, im Kampf gegen RUDOLF VON HABSBURG als "Rex aureus et ferreus" auch nach der deutschen Königskrone zu greifen.
Wenzel I. starb am 22. September 1253 auf seinem Hof Pocaply bei Beroun. Die sterblichen Überreste des Königs wurden dann nach Prag überführt und im Kloster des Hl. Franziskus feierlich beigesetzt. Das Grab des Königs konnte, da die historischen Quellen keine Nachricht hinterließen, in welchem Gebäude des Klosters der König seine letzte Ruhestätte fand, in archäologischen und anthrapologischen Ausgrabungen bzw. Untersuchungen in den Jahren 1941 respektive 1983 ermittelt und die Identität Wenzels bestätigt werden. In unmittelbarer Nähe entdeckte man zugleich eine in ihrer Art dem königlichen Grab ähnliche Ruhestätte, über die keinerlei historische Angaben existieren. Detaillierte Analysen der die Ausgrabungen leitenden Wissenschaftler führten dann zu der Feststellung, dass es sich um das Grab der böhmischen Königin Kunigunde von Schwaben handelte, die hier im ehemaligen Kloster der Klarissinnen, für das sie sich als fromme Stifterin Verdienste erworben hatte, ihre letzte Ruhestätte fand.