Sohn des N.N.
vorher Sinibald Fieschi, Graf von Lavagna
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 437
********************
Innozenz IV., Papst seit 25. Juni 1243 (Wahl)
-----------------
* um 1195, + 7. Dezember 1254
Genua
Neapel
eigentlich Sinibaldo Fieschi
Stammte aus der genuesischen Familie der Grafen von Lavagna; Studium der Rechte in Bologna, dort als Lehrer tätig, 1226 Auditor an der römischen Kurie, 1227 Kardinal, 1228 Vizekanzler der römischen Kirche, 1235-1240 Rektor der Marken und Legat in Oberitalien. Seine Wahl zum Papst erfolgte während des ersten "Konklaves" der Papstgeschichte (1241). Von seinen Vorgängern Honorius III. und Gregor IX. erbte er den Konflikt mit Kaiser FRIEDRICH II., der ihn zunächst als Vertreter einer Friedenspartei im Kardinalskollegium begrüßte. FRIEDRICHS Freilassung zweier gefangener Kardinäle am Beginn des Pontifikats sollte als Geste des guten Willens gelten, seine politischen Zugeständnisse konnten aber die Atmosphäre des Mißtrauens zwischen Papst und Kaiser nicht beseitigen. Mitten in den Verhandlungen zwischen beiden über die Frage der Stellung der lombardischen Städte überraschte die als "Flucht" gedeutete, überstürzte Abreise des Papstes aus dem Kirchenstaat in seine Vaterstadt am 28. Juni 1244 und im Spätherbst von dort nach Lyon, das zum Reich gehörte, aber im Einflußgebiet des französischen Königs lag, der jedoch die Bitte um Hilfe oder Unterstützung ablehnte. Übergriffe kaiserlicher Truppen auf Gebiete des Kirchenstaates und die unversöhnlichen Manifeste und Flugschriften des als päpstlichen Vertreter in Italien zurückgebliebenen Kardinals Rainer von Viterbo verschärften die Lage weiter. Von seiner nunmehrigen Residenz Lyon aus nahmen der Papst den Endkampf gegen FRIEDRICH II. auf, der schließlich zugunsten des Papsttums entschieden wurde, das dadurch freilich an Ansehen eher verlor. Im Mittelpunkt des von Innozenz IV. auf den 24. Juni 1245 einberufene Konzil in Lyon stand der Konflikt zwischen dem Kaiser, den Thaddeus von Suessa rhetorisch eindrucksvoll verteidigte. Die Kirchenversammlung verabschiedete in der Schlußsitzung am 17. Juni eine zuvor von der Mehrzahl der Konzilteilnehmer besiegelte Absetzungssentenz FRIEDRICHS, "privans ipsum omni honore et imperio et aliis regnis suis" (MGH Const. 2, 516). Die Sentenz spitzte den Konflikt, der ursprünglich mehr um die Sicherung des Kirchenstaates gegen die "unio regnis (Siciliae) ad imperium" gegangen war, auf den Kampf um das Bestehen des staufischen Hauses zu. Er überdauerte, von beiden Seiten mit Flugschriften und Manifesten, päpstlicherseits auch mit Kreuzzugsaufrufen publizistisch weitergeführt, den Tod FRIEDRICHS (13. Dezember 1250). Innozenz IV. kehrte nach Italien zurück und kämpfte gegen KONRAD IV., den er ebenfalls überlebte. Weitere Beschlüsse des Konzils betrafen die Vorsorge gegen die Tatarengefahr und die Hilfe für das Lateinische Kaiserreich von Konstantinopel sowie die Kreuzfahrerstaaten. Es wurde eine Reihe von Dekreten zur Kirchenreform, die als päpstliche Konstitutionen am 25. August 1245 veröffentlicht wurden, verabschiedet. Sie bildeten im wesentlichen die erste von insgesamt drei innozenzianischer Dekretalen, die der Rechtssammlung Gregors IX. ("Liber extra") eingefügt werden sollten; die zweite Sammlung von 1246 enthielt mit 22 Stücken hauptsächlich die Rechte der Metropoliten, die 3. vom 9. September 1253 gab die Anfänge von 41 seiner Dekretalen, darunter 8 neue, zur Aufnahme in den "Liber extra" bekannt. In dieser gesetzgeberischen Tätigkeit erwies sich Innozenz IV. ebenso als bedeutender "Juristen-Papst" wie in seinem "Apparatus in quinque libros decretalim", dem wohl wichtigsten Kommentar zu den Dekretalen Gregors IX. Bemerkenswert war die noch vor dem Konzil inaugurierte "Ostpolitik" des Papstes, die - insbesonders mit Hilfe der Franziskaner und Dominikaner - die Mission unter den Heiden vorantreiben sollte. Innozenz IV. hatte Kontakt zu islamischen Herrschern und suchte das Gespräch mit dem in Nikaia residierenden byzantinischen Kaisern. Die Bistümer Kulm, Pomesanien, Ermland und Samland wurden durch seinen Kardinallegaten Wilhelm von Modena gegründet, der auch das Provinzialkonzil von Skänninge in Schweden leitete.
Quellen und Literatur:
---------------------------
TRE XVIU, 182-185 - Potthast, Reg. II, 943-1285 - St.
Kuttner, Die Konstitutionen des ersten allg. Konzils v. Lyon (Stud. et
documenta hist. et iuris 6, 1940), 70-131 - H. Wolter, Lyon I (Gesch. der
ökumen. Konzilien 7, hg. G. Dumeige-H. Bacht, 1972)
Ob dem neuen Papst wirklich, und wie weitgehend, am Frieden
mit Kaiser FRIEDRICH II. gelegen war,
ist schwer zu sagen. Die kommenden Entwicklungen in dieser Hinsicht berechtigen
eher zu einem negativen Urteil. Der mächtigste Kardinal des Kollegiums,
Raniero Capocci von Viterbo, zettelte im kaiserlichen Viterbo einen Aufstand
gegen den Kaiser an, der die Stadt belagerte, jedoch bald ohne Ergebnis
abziehen mußte, während der Kardinal unter der kaiserlichen
Besatzung, nach feierlichem Versprechen freien Abzugs, ein Gemetzel anrichtete.
Der Papst nahm in dieser Situation eine zwielichtige Haltung ein. Doch
trotz Enttäuschung und Rachegedanken wegen Viterbo zeigte der Kaiser
sich weiter nachgiebig. Der Papst sah sich, wie übrigens während
seines ganzen Pontifikats, von Ludwig IX. dem
Heiligen von Frankreich energisch zu einem Frieden gedrängt.
Die Bedingungen eines Präliminarfriedens jedoch änderte er selbstherrlich
ab, als der kaiserfeindliche Lombardische Städtebund protestierte.
Er verlangte die vollständige Räumung des Kirchenstaates, ehe
die Lösung vom Bann erfolgen könne, wovon zuvor keine Rede gewesen
war. Der Ablehnung des Kaisers von vornherein gewiß, beschuldigte
der Papst diesen fälschlich des Vertragsbruches. Erneut zeigte der
Kaiser, bis an die Grenze seiner elementaren Interessen gehend, Bereitschaft
zum Frieden. Als er jedoch den Papst zu einer Zusammenkunft nach Narni
bewogen hatte, setzte der längst zum Bruch Entschlossene seinen bereits
gefaßten Plan in die Tat um und entfloh nach Frankreich. Seine Behauptung
einer Gefährdung durch den Kaiser war unwahr. Dieser machte vielmehr
trotz des unerhörten Affronts erneute Friedensangebote - ohne Erfolg.
Der Papst ließ sich im praktisch selbständigen Reichsgebiet
Lyon nieder. Ihn im Königreich aufzunehmen, weigerte sich Ludwig
IX., der neutral bleiben, dem Frieden mit dem Kaiser dienen
und dessen Lösung vom Bann erreichen wollte. Dieser Friede schien
erneut möglich zu werden, als Jerusalem endgültig verloren ging
und der Kaiser neue Anerbieten machte, darunter das Versprechen eines Kreuzzuges
und der Rückgabe der besetzten Teile des Kirchenstaates. Der Papst
mußte nachgeben, doch der Kaiser lieferte den Vorwand zum neuen Bruch,
als er erneut Viterbo, die Stadt Kardinal Capoccis, belagern und das umliegende
Land verwüsten ließ. Damit waren alle Möglichkeiten zum
Frieden vertan, denn der Kardinal, Statthalter für den Kirchenstaat
und Legat für ganz Italien, ein Mann von pathologischer Rachgier,
führte von nun an einen privaten Flugschriftenkrieg gegen den Kaiser.
Er stellte die Lage ganz bewußt unwahr und verzerrt dar und beeinflußte
damit entscheidend das nach Lyon einberufene 13. allgemeine Konzil. Dem
Papst kam es jetzt nur noch auf völlige Vernichtung des Kaisers an.
Er erklärte ihn auf dem Konzil für abgesetzt und ließ HEINRICH
RASPE, den letzten Landgrafen von Thüringen,
zum Gegen-König erheben, nach dessen Tod den Grafen
Wilhelm II. von Holland, den König
KONRAD IV. jedoch besiegte. Beide waren erfolglose Schattenkönige.
Der vom Papst veranlaßte 6. Kreuzzug und ein Kreuzzug
gegen den Kaiser sind völlig mißlungen. Im ersten geriet Ludwig
IX. in Gefangenschaft und forderte von dort aus den Papst zum
letzten Male auf, mit dem Kaiser Frieden zu schließen, wobei er ihm
androhte, ihn aus Frankreich auszuweisen. Der Versuch des Papstes, bei
Heinrich
III. von England Aufnahme zu finden, scheiterte. Der König
lehnte ab, weil der Papst sich, wie in ganz Europa, auch in England durch
seine erpresserische Steuerpolitik allgemeinen Haß zugezogen hatte.
Um den Kaiser endlich loszuwerden, billigte der Papst den Plan eines Meuchelmordes
durch seinen Schwager Orlando di Rossi, der seinerseits durch das kriegerische
Vorgehen Kardinal Capoccis gegen den Kaiser unterstützt wurde. Die
Verschwörung, bei der auch der Sohn FRIEDRICHS
II., König
Enzio, umgebracht werden sollte, scheiterte. Die furchtbare
Rache, die der Kaiser an den Verschworenen nahm, soweit er ihrer habhaft
werden konnte, leitete den letzten Akt der Tragödie ein. Auch ein
Versuch, den Kaiser durch Gift zu ermorden, wurde vom Papst gebilligt,
wenn nicht sogar veranlaßt.
Der Kaiser rüstete bereits zum Zuge nach Lyon, als
die Erhebung Parmas eine allgemeine Wendung zugunsten des Papstes in Italien
brachte, der im Kampf mit seinem Gegner alle geistlichen Mittel anwendete
und mißbrauchte. Obwohl in Lyon fast eingekreist, verfocht der Papst
Weltherrschaftsansprüche im Sinne der Behauptung Gregors IX.
Er stellte die These auf, Petrus habe Priestertum und Königsherrschaft
über die Erde verliehen bekommen. Neu war, dass die berechtigte Kritik
des Kaisers an dem unerhörten Luxus und der völligen Verweltlichung
des hohen Klerus und der Kurie vom Papst als Beweis für die Ketzerei
des Kaisers bezeichnet und somit das zweifelhafte und skrupellose Finanzgebahren
des päpstlichen Hofes zur Qualität eines Glaubensartikels erhoben
wurde.
Nach dem Tode des Kaisers kehrte der Papst nach Italien
zurück und residierte zunächst in Perugia, von wo aus er den
Kampf gegen den Kaisersohn, König KONRAD
IV., aufnahm, der nach Italien gekommen war und aus der Hand
seines Verwesers und Halbbruder Manfred
seine Erblande entgegennahm. Friedensangebote des jungen Königs
lehnte der Papst ab und suchte statt dessen nach neuen Gegen-Königen.
Die Eroberung Siziliens, wo der jüngere Heinrich,
der jüngste Sohn des Kaisers und Isabellas
von England, als Vizekönig saß, jedoch starb,
als er KONRAD aufsuchen wollte, erklärte
der Papst zum Kreuzzug. Vorangegangen waren, wie gewöhnlich, dunkle
Geldgeschäfte mit Heinrich III. von England,
dessen Sohn Edmund Lancaster Sizilien
erhalten sollte. Als auch KONRAD IV.
bald starb, blieb als Erbe nur sein Kind Konradin.
Der Papst forderte von Manfred die
bedingungslose Auslieferung Siziliens und bannte ihn. Als dieser sich unterwarf,
wurde er als eine Art Statthalter des Papstes anerkannt, Edmund Lancaster
war vergessen. Der Papst machte sich zur Eroberung Siziliens auf. Manfred
erkannte
bald, dass der listenreiche Papst nur nach einer günstigen Gelegenheit
suchte, um ihn zu verraten und auszuschalten. Er sammelte Truppen und schlug
die Päpstlichen bei Foggi (2.XII.1254), wenige Tage vor dem Tode des
Papstes in Neapel.
Noch die Inschrift auf dessen Grabdenkmal im Dom von
Neapel rühmt ihn als den Vernichter der Schlange FRIEDRICH:
eine Formulierung fortlebenden Hasses wie ebenso bedenkliche, unwahre Behauptung.
Der Papst war ein machtbewußter Jurist und ein in der Wahl seiner
Mittel völlig amoralischer Politiker. Sinnlos bannte er Könige
und setzte sie ab - außer dem Kaiser noch Sancho
II. von Portugal und Jacob I. von Aragon.
Seine Geldgier, sein schrankenloser Nepotismus und seine dauernde Hinterlistigkeit
haben ihn allenthalben verhaßt gemacht. Seine fürchterliche
Bulle zuhanden der Inquisition, Ad extirpanda, ermächtigte zur willkürlichen
Anwendung jeder Folter. Den Juden gegenüber war seine Haltung so doppeldeutig
wie die Gregors IX. Wohl verdammte er als erster Papst, jedoch vergebens,
den Wahn der Ritualmordlegenden, doch verlangte er von Ludwig
IX., sonst seinem Gegner, die Vernichtung aller ereichbaren
Exemplare des Talmud. Diese Verbrennung von 24 Wagenladungen des heiligen
Buches wurde zu einem Ereignis von zeichenhafter Bedeutung für das
immer weitergehende Auseinanderleben von Juden und Christen.
Das treffendste Urteil über Innocenz
IV. hat Ferdinand Gregorovius formuliert: "Ein gewissenloser
Priester, das entschiedene Parteihaupt der guelfischen Richtung seiner
Zeit, listig mit Verträgen spielend, vor nichts zurückschreckend,
was ihm der eigene Vorteil bot, so erfüllte er die Welt mit Empörung
und Bürgerkrieg und zog er die Kirche tief in die weltlichen Dinge
herab, die er zu heiligen stempelte. Jeder Mensch von freiem Urteil kann
nur mit Widerwillen auf den Zustand eines beständigen Feldlagers oder
Diplomatenkabinetts oder eines Geldgeschäftes blicken, in welchen
Innocenz
die Kirche versetzte, und er wird Mühe haben, das Urteil
über ihn durch den Charakter seiner Zeit zu mildern."
Literatur:
-----------
Cawthorne Nigel: Das Sexleben der Päpste.
Die Skandalchronik des Vatikans. Benedikt Taschen Verlag 1999 Seite 113,114,116,117
-