Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1475
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Orsini (de filius Ursi, de ursinus, Ursinis)
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Römische Familie, erstmals Ende des 12. Jh. belegt
("filius Ursi") als Häupter der stadtrömischen Partei,
die den Papst bekämpfte. Als Neffen Coelestins III. (1191-1198)
sind
sie Mitglieder der stadtrömischen Familie
BOVESCHI (BOBONI). Dem Verfasser der Gesta Innocentii III. zufolge
war ihr Widerstand gegen den neuen Papst - im Gegensatz zu der Haltung
des Consorterie, der sie entstammten - von der Furcht diktiert, die Kastelle
zu verlieren, die sie von der Kirche zum Pfand erhalten hatten. Der Zeitpunkt,
an dem die "filii Ursi" eine eigene Familienidentität gewannen
und ihren ersten politischen Aufschwung erlebten, ist jedoch etwas später
anzusetzen. In den 40-er Jahren des 13. Jh. bekleideten Nachkommen des
"Ahnherrn"
Orso,
vor allem dessen Enkel Matteo
Rosso I., Sohn des Giangaetano,
und dessen Söhne Gentile und Napoleone
mehrmals das Senatorenamt. Die Monopolisierung des Senatorats wurde für
den neuen städtischen Adel, zu dem die Familie "de filiis
Ursi" nach der Mitte des 13. Jh. gehörte zum Vehikel des politischen
Aufstiegs. Eine entscheidende Wende in der Geschichte der Familie bedeutete
in den letzten Jahrzehnten des 13. Jh. ihre Parteinahme für das Papsttum
in der Zeit des Niedergangs der STAUFER
in Italien und der Machtergreifung der ANJOU
im Königreich Neapel. Durch die Ernennung eines der Söhne des
Matteo
Rossi, Giangaetano, zum
Kardinal (* ca. 1224, + 1280) durch Innozenz IV. (1244)
entstand eine direkte Verbindung der Familie mit der Kurie. Giangaetano,
33 Jahre Mitglied des Kardinalskollegiums und enger Mitarbeiter von drei
Päpsten, bestieg 1277 selbst als Nikolaus III. den päpstlichen
Thron. Von diesem Zeitpunkt an bis zur Mitte des 15. Jh. sollte (ausgenommen
eine Zäsur von 10 Jahren) stets mindestens ein ORSINI
im Kardinalskollegium vertreten sein. Der große Einfluß, den
Kardinal Giangaetano rasch innerhalb
seiner Familie gewann, trug entscheidend dazu bei, dass diese sich stark
in der päpstlichen und ANJOU-freundlichen
Politik engagierte, was für die Gewinnung eigener Territorien folgenreich
sein sollte.
Allerdings galt dies nicht für die gesamte Familie
ORSINI, die seit 1244-1266 ihren Besitz auf zwei Linien aufgeteilt
hatte: die Vettern des Kardinals Giacomo,
Sohn des Napoleon
und seine Söhne traten vermutlich
aus territorialpolitischen Gründen (ihre Kastelle in Tivoli lagen
in der Nähe der Grenze des Königreiches Sizilien) auf die Seite
der STAUFER Manfred und
Konradin.
Nach dem Sieg der ANJOU
verfolgten
die ORSINI jedoch wieder eine gemeinsame
politische Linie. Die neue Lage in Mittel- und S-Italien gab den ORSINI
wie anderen großen römischen Familien Gelegenheit auch außerhalb
der gewohnten Grenzen Machtgewinne zu erzielen. Den guten Beziehungen zwischen
den Päpsten und Karl von Anjou
kann zugeschrieben werden, dass die Neffen des Kardinals
Giangaetano, vor allem Bertoldo,
Sohn des Gentile, eine starke Position
am Hofe der ANJOU errangen. Bertoldo
wurde zur Unterstützung der Guelfischen Liga in die Toskana entsandt
und wahrte einen beständigen Einfluß im Königreich Neapel.
1293 vermählte dessen Sohn
Gentile
mit Unterstützung Karls II. seinen
Sohn Romano (+ 1326) mit Anastasia,
Tochter des Guido von Montfort und der Margherita Aldobrandeschi, der Erbin
der reichen Grafschaft Nola.
Während des Pontifikats von Giangaetano
wurde für seinen anderen Neffen Orso,
Sohn des Gentile, im Viterbese eine
Herrschaft errichtet.
In größerer Unabhängigkeit von Rom, jedoch
ebenfalls gestützt auf die Macht der Familie innerhalb der Kurie und
der Stadt, entwickelten sich die Herrschaft der 3. Linie der ORSINI,
das heißt der Nachkommen der STAUFER-Anhänger.
Seit Beginn des 14. Jh. hatten diese Lehnsbesitz in der abruzzischen Marsia
und Allodialgüter im Gebiet von Tivoli. Vor der Mitte des 14. Jh.
beherrschte dieser Zweig der Familie ein Gebiet zwischen dem Territorium
Roms und dem Fucinose, das durch Mischbesitz (Allode und Lehen, Kastelle
und kleine Burgsiedlungen) und Grenzlage gekennzeichnet war.
Zwischen Mitte des 13. und den ersten Jahrzehnten des
14. Jh. hatte die Familie ORSINI, gestützt
auf ihre Position an der Kurie, die Grundlage zu ihrer künftigen macht
gelegt, indem es ihr gelang, in Gebieten Fuß zu fassen, die politisch
von Rom und Neapel anhingen. Trotz der Machteinbuße der Kurie im
Lauf des 14. Jh. in Italien und in Rom und des Niedergangs der ANJOU
in Neapel gelang es den ORSINI, ihre
erreichten Positionen auch in den 1. Jahrzehnten des 14. Jh. zu bewahren
und zuweilen auch weiter auszubauen. Dies ist wesentlich Kardinal
Napoleone (+ 1342) zu verdanken. Sohn des
Rinaldo und der Ocilenda
(Boveschi ?) und Enkel des Matteo Rosso,
erhielt Napoleone
1288 von Nikolaus IV. den Kardinalspurpur. Er nutzte
seine häufigen Aufenthalte als päpstlicher Legat in Italien
zur Reorganisation des mittleren Patrimonium Petri zum Vorteil der ORSINI
und verbündeter stadtrömischer Familien. Zu diesem Zweck unterstützte
er die Politik des Königs von Aragon und versuchte, die Kontrolle
über das italienische Territorium durch Verstärkung oder Gründung
von Herrschaftskernen der ORSINI
zu gewinnen. Dieses System konnte jedoch nur solange funktionieren,
als der Druck der römischen Familien auf das Patrimonium S. Petri
nicht zu stark wurde. Als Napoleone 1342
starb, hatten zwar seine nächsten Familienangehörigen einen beträchtlichen
Zuwachs an Macht und Vermögen erreicht, aber das System, Mittelitalien
durch einen Teil des römischen Adels zu kontrollieren, fand nie endgültige
Verwirklichung. Der Tod Napoleones
fiel mit einem Strukturwandel in der Leitung der Familie zusammen. In der
1. Hälfte des 14. Jh. war die kirchliche Orientierung der ORSINI
zurückgetreten, und infolge ihres Landbesitzes und ihrer militärischen
Stärke wurden einflußreiche Mitglieder der Familie aus dem Laienstand
zu Leitfiguren des jeweiligen Zweiges der ORSINI.
Im Lauf des 14. Jh. hatte sich die Familie zu einem Clan
entwickelt und gliederte sich in mehrere Zweige, die an Reichtum und Adel
differierten. An der Spitze standen jene ORSINI,
die im Königreich Neapel-Sizilien Feudalherren waren, sie bildeten
für ihre weniger mächtigen Verwandten Bezugs- und Leitfiguren,
vermutlich, da ihre Macht sich auf eine gefestigte territoriale Basis stützte.
Unter ihnen ragten die Herren von Vicovaro und Tagliacozzo hervor:
Orso
(+ 1360), Sohn des Giacomo,
und vor allem sein Sohn Rinaldo (* 1347, + 1390).
Orso hatte die Herrschaftsgebiete
seiner Familie stark erweitert und seine Macht sowohl im Gebiet von Rom
als auch im Königreich ausgebaut: er stand im Dienst
Johannas I., die ihn mehrfach mit Steuerprivilegien belohnte.
Auch in der stadtrömischen Politik aktiv - vor dem Regiment des Cola
di Rienzo war er Senator gewesen -, hatte Orso
seinen
Söhnen reiche Besitzungen und ein stabiles politisches Erbe hinterlassen.
Sein Sohn Rinaldo trat während
des Krieges, den Gregor XI. gegen Florenz führte, als Söldnerführer
in den Dienst des Papstes und war seit 1376 päpstlicher Rektor des
Dukats Spoleto. Papst Urban VI. zwang ihn jedoch aus Mißtrauen
(da sich Rinaldos
Bruder,
Kardinal Giacomo [+ 1379]
mit dem Gegen-Papst Clemens VII. verbündet hatte) 1379
zur Aufgabe seines Amtes. Wenige Monate danach schloß Rinaldo
sich mit seinen Kompanien und gestützt auf seine an der
Grenze gelegenen Herrschaften dem Bündnis gegen Urban VI. an.
Daraufhin erhob Königin Johanna
seine verstreuten Lehen zur Grafschaft Tagliacozzo. Trotz seiner Parteinahme
für Clemens VII. und Ludwig von Anjou,
den künftigen Erben Johannas,
betrieb Graf Rinaldo in seiner Kriegsführung
eine eigenständige Politik. Seine Feldzüge wurden mit dem Geld,
das er Avignon und N-Italien zur Unterstützung Ludwigs
von Anjou gesammelt hatte, finanziert, und waren bis 1389 von
Erfolg gekrönt. In Mittel- und S-Italien hatte er sogar eine persönliche
Herrschaft errichtet: Spoleto, Narni und Corneto im Patrimonium S. Petri,
L'Aquila und die Grafschaft Tagliocozzo im Königreich Neapel sowie
Allodialgüter im Aniental. Nach der Ermordung Rinaldos
durch Anhänger Karls von Durazzo in
L'Aquila (1390) zerfiel seine Herrschaft.
Die Schwierigkeiten bei der Rückkehr der Kurie nach
Rom und das Schisma hatten die Machtkonzentration des Papsttums verlangsamt
und den Einfluß, den die stadtrömischen Adelsfamilien im Kirchenstaat
besaßen, verstärkt. Bonifaz IX. und seine Nachfolger
versuchten, sich diese Realität zunutze zu machen, indem sie Vertreter
des Adels regelmäßig zu Condotterie beriefen und sie durch die
Vergabe von Lehen und Ernennung zu apostolischen Vikaren an sich banden.
Vor allem die weniger reichen und mächtigen Mitglieder der Familie
ORSINI wurden in diesen Prozeß einbezogen. Der Zweig der
Familie, der kleine Kastelle zwischen der Via Salaria und der Via Flaminia
besaß und bis dahin im Vergleich zu anderen Linien des Familienclans
nur marginale Bedeutung hatte, konnte nun seinen Einfluß steigern,
da er Lehen und apostolische Vikariate von den Päpsten erwirkte. Um
die Wende vom 14. zum 15. Jh. diente ein Vertreter der Linie, Paolo,
Sohn des Giovanni, drei Päpsten
als Söldnerführer. 1405 erhielt ein anderes Mitglied dieses Zweiges,
Giordano,
Sohn des Giovanni
(+ 1438) von Innozenz VII. die Kardinalswürde. Auf
den Konzilien in Pisa und Konstanz präsent, päpstlicher Legatus
a latere in Basel, hielt der Kardinal seine starke Position in der
Kurie auch während des Pontifikats Martins V. (Oddone Colonna).
Nach seinem Eintritt in das Sacrum Collegium erhöhte sich signifikant
die Zahl der Lehensvergaben an seine Brüder. Als Giordano
1434 eigenhändig sein Testament machte (Unter anderem Schenkung seiner
wertvollen Bibliothek an S. Biagio alla Pagnotta und S. Pietro), schienen
die Mitglieder seiner Familie völlig in die stadtrömische Städtepolitik
eingebunden. Nach der Mitte des 15. Jh., als die Kämpfe zwischen den
Faktionen ORSINI und COLONNA sich zuspitzten,
standen seine Neffen Napoleone und
Roberto,
Sohn des Carlo
(milites,
Signorien von Bracciano und nach der testamentarischen Verfügung des
letzten Grafen Erben der Grafschaft Tagliacozzo), an der Spitze des Familienverbandes.
Der Spielraum für die Vertreter der Adelsfamilien
hatte sich nunmehr auf ein politisches Parteiengeplänkel verengt.
Im letzten Drittel des 15. Jh. stand ein Sohn Napoleones,
Gentile
Virginio (+ 1497), als Söldnerführer im Dienst des
Königs von Neapel, des Papstes und Karls
VIII. von Frankreich. Als allgemein bewunderter Kriegsmann versuchte
er seine Interessen Rom aufzuzwingen, wo er die COLONNA-feindliche Partei
stärkte. Auch am Hof von Neapel machte er seinen Einfluß geltend,
so dass er 1490 in den Adelstand erhoben wurde. Die von Gentile
Virginio im letzten Jahrfünft des 15. Jh. durch den Erwerb
der Grafschaft Anguillara und von Gebieten an der Küste Latiums gegründete
Territorialherrschaft stieß auf den Widerstand der Anrainerstaaten
und Alexanders VI. Der Papst veranlaßte Friedrich
von Aragon, dem ORSINI
die Grafschaft Tagliacozzo und Albe zu entziehen und ließ
ihn vergiften.
Quellen:
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De Cupis Regesto degli O. ..., Bull. Deputaz. abbruzzese
stor. patr., 1903-1938
Literatur:
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R. Sternfeld, Der Kard. Johann O. 1244-1277, 1905 - C.A.
Willemsen, Kard. Napoleon O. (1263-1342), 1927 - M. Vendittelli, O. (Die
großen Familien Italiens, hg. V. Reinhardt, 1922), 389-402.