Mohr Walter: Band II Seite 63-73
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"Geschichte des Herzogtums Lothringen"

Gottfried der Bucklige besaß keine Nachkommen. Zur Regelung der Nachfolge griff er in seinem Testament auf den Sohn seiner Schwester Ida, die mit dem Grafen Eustachius von Boulogne verheiratet war, zurück. Dabei adoptierte er diesen Neffen, der ebenfalls Gottfried hieß, als seinen Sohn. Dessen Nachfolge in der Toscana war natürlich nicht möglich, weil er nicht der Sohn des verstorbenen Herzogs war. Dagegen suchte umgekehrt dessen Gemahlin Mathilde Ansprüche in Lothringen geltend zu machen. Sie fand für ihr Vorgehen gegen Gottfried einige Verbündete im lothringischen Raum selbst.
Eine zentrale Stellung nahm bei dieser Entwicklung der Bischof Dietrich von Verdun ein. Das ARDENNER-Haus hatte ja gerade um die Grafschaft Verdun lange Kämpfe geführt, bei denen es in den dortigen Bischöfen entsprechende Gegner gefunden hatte. Jetzt nach dem Tode Gottfrieds des Buckligen hielt Bischof Dietrich den Zeitpunkt gekommen, die Ansprüche des Bistums voll und ganz durchzusetzen. Damit war von vornherein ein Zusammengehen mit der Markgräfin gegeben. Ein weiterer Verbündeter bot sich im Grafen Albert von Namur an, der der Gemahl der älteren Schwester von des jungen Gottfrieds Mutter Ida war. Er hielt daher seine Verwandtschaft zu dem verstorbenen Herzog für näher und seine Ansprüche auf das Erbe für begründeter. Bischof Dietrich wandte sich außerdem an den Erzbischof von Reims, der für einige Gebiete von Gottfrieds Erbe Lehensherr war, um ihn zu veranlassen, auch den Papst an der Sache zu interessieren. Vermutlich wurde auf diesem Wege erst die Verbindung zu Mathilde und weiter zwischen ihr und dem Grafen von Namur zustande gebracht. Der Bischof und der Erzbischof waren sich daher vorher über den einzuschlagenden Weg einig geworden. Die Grafschaft Verdun sollte an Mathilde übertragen werden, die sie dann weiter als Lehen an den Grafen Albert zu geben hatte. Es gelang, Papst Gregor VII. für diesen Plan zu gewinnen. Dadurch kam zunächst einmal die Transaktion mit der Grafschaft Verdun in der abgesprochenen Form zustande, der Graf von Namur wurde nach der Belehnung mit der Vertretung der Interesssen Mathildes beauftragt.
In der Folge wurde zuerst vom Abt von St. Hubert ein Versuch zu einer gütlichen Einigung gemacht. In seinem Kloster trafen sich Gottfried und Albert, doch führten die Unterredungen zu keinem Erfolg. In der Hauptsache scheint es um die Burg Bouillon gegangen zu sein, von der jetzt Gottfried Besitz ergriffen konnte. Albert war es nicht möglich, ihn dort zu vertreiben, obwohl er dabei vom Bischof von Verdun unterstützt wurde, da auf der anderen Seite sein Gegner Hilfe von Bischof Heinrich von Lüttich erhielt. Dieser war mit Gottfried dem Buckligen verwandt gewesen, dem er ja auch seine Erhebung zu verdanken hatte. Schon aus diesem Grunde ergriff er die Partei Gottfrieds von Bouillon, außerdem mußte ihn das starke Anwachsen der Macht des Grafen von Namur mißtrauisch machen. So kaufte er die Burg Mirwart, die Albert als Stützpunkt gegen Gottfried benutzen wollte, von ihrem Eigentümer, der Gräfin Richilde von Hennegau, und setzte sie in Verteidigungszustand, was sich zum Schutz Gottfrieds auswirkte. Während die Auseinandersetzungen um Bouillon begannen, bemühten sich Gottfrieds Brüder Eustachius und Balduin um die Organisation militärischer Hilfe. Daraufhin gelang es ihm auch noch Stenay zu besetzen. Er besaß indes noch andere Gegner. So stand auf seiten des Grafen Albert der Graf von Chiny und dessen Verwandter, der Graf Walram I. von Limburg. Auf die Burg Bouillon speziell erhob Ansprüche auch Graf Dietrich von der Veluwe, der damit zum natürlichen Verbündeten des Grafen von Namur wurde. Dietrich hatte allerdings kein Glück, er geriet im Laufe der Kämpfe in die Gefangenschaft Gottfrieds, in der er gestorben ist.
In all diesen Fragen ist nun die Haltung des deutschen Königs nicht eindeutig zu erkennen. Ohne Schwierigkeiten folgte Gottfried in der Markgrafschaft Antwerpen nach, die eine von Nieder-Lothringen unabhängiges Reichslehen darstellte, in das er von HEINRICH IV. eingewiesen wurde. In Nieder-Lothringen selbst aber traf der König eine andere Lösung. Er kam sofort nach Utrecht, um dort die schwebenden Angelegenheiten zu ordnen. Er gab nun das Herzogtum nicht dem Erben des Verstorbenen, sondern seinem eigenen Sohn KONRAD. Da dieser noch ein Kind war, ist die Maßnahme einigermaßen auffallend. Schließlich war Gottfried von Bouillon im Jahre 1076 noch ein junger Mann, von dem es zweifelhaft war, ob er sich gegenüber den Großen Nieder-Lothringens werde durchsetzen können. Allerdings ist es demgegenüber auffallend, dass der König zum Stellvertreter des kleinen KONRAD im Herzogsamt den Grafen Albert von Namur wählte, also den Gegner Gottfrieds. Albert führte den Titel vicedux. Immerhin besteht auch die Möglichkeit, dass der König sich des jungen Gottfried nicht ganz sicher war. Er war ja schließlich der zweite Sohn des Grafen Eustachius von Boulogne, der von Frankreich lehnsabhängig war, der ehedem in der Hauptsache die Verbindung des Grafen Robert von Flandern zum französischen König gefördert hatte, so dass ein flämisch-französischer Einfluß in Nieder-Lothringen über die Vermittlung des Hauses BOULOGNE eintreten konnte, was für einen deutschen König auf jeden Fall unerwünscht war.
Einsichten über die Meinung Gottfrieds lassen sich also auf diesem Wege nicht gewinnen. Seine Familie scheint jedoch mit einem künftigen Erwerb des Herzogtums gerechnet zu haben, wenn wir einer englischen Chronik glauben dürfen, die berichtet, Gottfrieds Mutter Ida hätte ihren Sohn mit einer solchen Hoffnung getröstet. Auf der anderen Seite läßt sich aber auch nicht erweisen, dass Gottfried etwa aktiv auf der Seite des Königs gewirkt hätte. Die in diesem Zusammenhang auftauchenden Nachrichten über ein Beteiligung an den Sachsenkriegen können nicht aufrechterhalten werden. Ebenso steht es mit einer angeblichen Teilnahme am Romzug 1081/82, die uns nur von späteren Quellen berichtet wird, während die zeitgenössische Chronik von St. Hubert zeigt, wie gerade in dieser Zeit Gottfried gegen den Grafen Dietrich von der Veluwe kämpfte, an der Einführung des Gottesfriedens in Lüttich teilnahm und auch in seiner Tätigkeit als Vogt von St. Hubert nachzuweisen ist.
Inzwischen gingen die Kämpfe um Gottfrieds Erbansprüche weiter. Die Auseinandersetzungen hatten sich so entwickelt, dass Gottfried sich in Nieder-Lothringen gegen den Herzogstellvertreter Albert von Namur behaupten konnte. Anfang Juni 1085 kam es dann zu einer Regelung, als der Kaiser in Metz weilte. Gottfried wurde die Grafschaft Verdun zugesprochen, der Bischof von Verdun erhielt Stenay und Mouzay, was einigermaßen merkwürdig ist, denn die beiden letzteren Orte hatten zum Eigenbesitz Gottfrieds des Buckligen gehört, auf sie konnte sein Neffe also mit vollem Recht Anspruch erheben. Gottfried hat sich denn auch nicht zufriedengegeben, und die Kämpfe lebten wieder auf. Eine endgültige Regelung trat erst ein, als Gottfried in Vorbereitung des Kreuzzuges Stenay und Mouzay an den Bischof verkaufte.
Die herzogliche Gewalt in Nieder-Lothringen war in diesen Jahren, da auch der deutsche König durch den Streit mit dem Papst so stark getroffen wurde, fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Um den Zustand des Landes wieder zu heben, kam man auf die Institution des Gottesfriedens zurück. Auch der Herzogstellvertreter hat bei dessen Wiedereinführung mitgewirkt, offensichtlich weil er seine eigene politische Ohnmacht fühlte.
Eine Änderung bei der Herzogswürde in Nieder-Lothringen trat erst ein, als der Königs-Sohn KONRAD Ende Mai 1087 in Aachen zum König gekrönt wurde. Das hat wohl HEINRICH IV. Anlaß gegeben, die Verhältnisse in Nieder-Lothringen in einen definitiven Zustand zu bringen. Wie uns die Annalen von St. Jakob in Lüttich versichern, wurde in diesem Jahr 1087 der Markgraf Gottfried zum Herzog erhoben. Der Chronist Sigebert von Gembloux schreibt allerdings erst zum Jahre 1089, schließlich sei Gottfried das Herzogtum Lothringen gegeben worden. Man könnte vielleicht annehmen, er sei im Jahre 1087 nur allgemein zum Herzog erhoben und erst 1089 mit Nieder-Lothringen betraut worden, doch ist die Chronik Sigeberts nicht immer zuverlässig.
Da Gottfrieds Name in der nachfolgenden Zeit in fast allen Gebieten des Herzogtums Nieder-Lothringen genannt wird, wurde also seiner Stellung wohl allgemein anerkannt. Eine Ausnahme bildete der Norden des Herzogtums, wo sich allmählich die Grafschaft Holland in Eigenständigkeit absonderte. Auch in den südlichen Territorien änderte sich übrigens bald die Situation. Gottfried geriet hier vor allem in die Auseinandersetzungen im Bistum Lüttich, wo Ende des Jahres 1091 Bischof Heinrich starb.
Inzwischen war der Herzog Gottfried aus dem Streit um die Abtei St. Truiden ausgeschieden, er hatte sich für den Kreuzzugsgedanken gewinnen lassen. Er dachte dabei wohl gleich von Anfang an daran, nicht mehr zurückzukehren, denn er begann seine Eigengüter zu veräußern. Stenay und Mouzay gingen an den Bischof von Verdun, die Burg Bouillon erwarb der Bischof von Lüttich, wobei allerdings hier ein Rückkaufsrecht für Gottfried oder seinen Erben bestehen blieb. Im August 1096 hat Gottfried sein Herzogtum verlassen.