Werner Matthias: Band I Seite 383,400,405,421-423,458,472
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"Der Herzog von Lothringen in salischer Zeit" in: Die Salier und das Reich

Ist es nicht bemerkenswert, daß in den heftigen Auseinandersetzungen nach dem Bruch HEINRICHS III. mit Gottfried dem Bärtigen 1044/47 der niederlothringische Herzog so gut wie überhaupt nicht in Erscheinung tritt [103 Einzige Ausnahme in der Regierungszeit Herzog Friedrichs (1046-1065) ist seine Verteidigung der Burg Antwerpen 1055, deren Belagerung Balduin V. von Flandern und Gottfried der Bärtige concurrentibus Lotharingis abbrechen mußten, Sigiberti Gembl. Chron. ad a. 1055, MGH SS 6, Seite 360; vgl. dazu auch unten Seite 423. Boshof sieht in der mangelnden Beteiligung Friedrichs und Gerhards von Ober-Lothringen an diesen Auseinandersetzungen einen weiteren Hinweis auf den Verlust an "Ansehen und Führungsfunktionen" der lothringischen Herzogsgewalt. Dieses Urteil wird zusätzlich bestätigt, bedenkt man, daß 1049 die Bischöfe gegen den Grafen von Holland zogen und 1051 Gottfried der Bärtige einen kaiserlichen Verteidigungsauftrag für den Hennegau erhielt, vgl. Anmerkung 101 und 104; jeweils ist von Herzog Friedrich - dessen Aufgabe beide Aktionen gewesen wären - nicht die Rede.] und daß HEINRICH III. nach seinem Ausgleich mit Gottfried diesen statt Herzog Friedrich gegen den flandrischen Ausgriff auf Hennegau zum provinciae ... defensorem bestellte.
Diese Gefahr abzuwehren und die Zugeständnisse von 1039 rückgängig zu machen, vermochte HEINRICH III. erst, als es ihm gelang, 1046 Gozelo II. in Lothringen durch den LUXEMBURGER Friedrich zu ersetzen [193 Vgl. Annales Altahenses ad a. 1046 (wie Anmerkung 104), Seite 41: Gottefrido duci gratiam suae reconciliationis dedit ac ducatum unum, cuui patre vivente dominabatur. Alter vero nec illi nec fratri habendus permittebatur, sed Gozziloni sublatus Friderico, Baioarie ducis fratri, est datus. Zu den Vorgängen vgl. Boshof, Lothringen (wie Anmerkung 13), Seite 85ff., der diese Regelung als einen "Kompromiß zwischen dem Erbanspruch des Hauses VERDUN und dem vom Königtum vertretenenen Amtsgedanken" (Seite 87) bezeichnet.].
Wie zurückhaltend die Könige bei der Vergabe von Reichsgut dem Herzog gegenüber verfuhren, zeigt die einzige direkt bezeugte Besitzübertragung, die Überlassung königlicher Güter in Amberloup und Laroche in den Ardennen an Herzog Friedrich durch HEINRICH III. 1046/56 - sie erfolgt im Tausch gegen Güter des Herzogs in Sachsen.
Der 1046 eingesetzte niederlothringische Herzog Friedrich aus dem Hause LUXEMBURG verfügte über wesentlich schwächere Ausgangspositionenn als seiner Vorgänger, da ihm weder die nördlichen Grafschaften noch eigene, der Grafschaft Verdun und dem Machtzentrum um Bouillon vergleichbare Machtgrundlagen zur Verfügung standen: Sein wichtigster Rückhalt dürfte zweifellos seine im Mosel-Eifel-Raum begüterte Familie gewesen sein, die in eben diesen Jahren unter nachhaltiger Förderung HEINRICHS III. eine führende Rolle in der Reichspolitik spielte. Welche Grafschaft Friedrich, der bereits 1033 als comes bezeugt ist, vor seiner Herzogserhebung innehatte und ob er seine Grafschaftsrechte nach 1046 beibehielt, ist unbekannt [303 Die Ardennergrafschaft als "Stammgrafschaft" der LUXEMBURGER zwischen Saar, Mosel, Alzette und Sauer hatte Friedrichs Bruder Heinrich (1026-1047) auch noch nach seiner Erhebung zum Herzog von Bayern 1042 inne; nach Heinrichs Tod ging sie an seinen Bruder, Graf Giselbert von Salm (1047-1059), über; vgl. Renn, Luxemburger Grafenhaus (wie Anmerkung 129); Seite 116ff. und 128. Möglicherweise war Friedrich Inhaber einer der kleineren Grafschaften des Hauses im Mittelmosel-Eifel- Raum, vgl. dazu J. Schoos, Die Familie der Luxemburger, Geschichte einer Dynastie, in: F.-J. Heyen (Hg.), Balduin von Luxemburg. Erzbischof von Trier - Kurfürst des Reiches 1285-1354, Mainz 1985, Seite 120ff.]. Mit Sicherheit aber handelte es sich dabei nicht um die Grafschaft im Gau Maselant, als deren Inhaber er 1056 erscheint: der hier in comitatu Friderici ducis in pago Maselant genannte Ort Epen westlich Aachen wird 1041 in pago Livgowe et in comitatu Dietbaldi comitis lokalisiert. Wie die Grafschaft Friedrichs in pago Maselant einzuordnen ist, deren Entstehung in die Phase "schwimmender Grenzen der Komitatsbezirke und ihrer allmählichen Auflösung" im Bereich des alten Livgowe fällt, muß vorerst fraglich bleiben. Möglicherweise versuchte der Herzog, gestützt auf eigene Besitzungen [308 Zu den Besitzrechten seines Bruders Heinrich in diesem Raum vgl. MGH D H III. 94. Umfangreiche Güter Friedrichs in diesem Gebiet, die er seiner Gemahlin Gerberga, einer Enkelin Herzog Karls von Nieder-Lothringen und Graf Lamberts von Löwen, verdankt habe, vgl. Renn, Luxemburger Grafenhaus (wie Anmerkung 129), Seite 120f., werden vor allem daraus erschlossen, daß entsprechend der Nachricht bei Alberich von Troisfontaines ad a. 1064, MGH SS 23, Seite 794, das dominium ultra Mosam prope Leodium der Grafen von Limburg auf die Mutter Graf Heinrichs von Limburg, Herzog  Friedrichs einzige Tochter Jutta, zurückgeführt wird, vgl. Schoppmann, Limburg (wie Anmerkung 210), Seite 25ff.; zur Diskussion um die Herkunft und die genealogische Einordnung des Grafen von Limburg vgl. zuletzt U. Bader, Geschichte der Grafen von Are bis zur Hochstadenschen Schenkung (1246) (Rhein. Archiv 107), Bonn 1979; Seite 12ff.], sich in dem wichtigen Raum zwischen Aachen und Maastricht eine Zone eigener verdichteter Herrschaft zu schaffen, um so ein Bindeglied zwischen den Obervogteien von Stablo-Malmedy und St. Truiden zu gewinnen, die er als wichtigste eigene Herrschaftsgrundlagen einbringen konnte. Deutlich ist auf jeden Fall, daß auch Herzog Friedrich Grafschaftsrechte in seinem Herzogssprengel zu erwerben suchte, ohne damit auch sein comitatus um Epen erloschen sein [309 Die nur unter Friedrich bezeugte Grafschaft scheint mit dem Zerfall seines Machtkomplexes nach seinem Tode 1065 wieder aufgelöst und in der Grafschaft Limburg, im Aachengau und in den neu entstandenen kleineren Herrschaften wie Dalhem, Herzogenrath, Valkenburg und Wijlre aufgegangen zu sein.]. Wenn ihm HEINRICH III. 1050/55 nach dem Parteiwechsel Balduins V. zu Gottfried dem Bärtigen die Mark Antwerpen verlieh, dann diente dies in der konkreten politischen Situation dieser Jahre eher der Sicherung der Mark als der Stützung der Herzogsherrschaft, mußte Friedrich die Mark doch 1055 mit seinen Lotharingis gegen Balduin V. von Flandern und Gottfried den Bärtigen verteidigen.
Unverkennbar ist das durchgängige Bestreben der aus der Gegend um Verdun/Bouillon beziehungsweise dem Mosel-Eifelraum in Nider-Lothringen eingesetuten "landfremden" Herzöge des 11. Jahrhunderts, innerhalb des Dukats möglichst viele vom Herzogsamt unabhängige Rechts- und Besitztitel zu erwerben, in die großen einheimischen Familien einzuheiraten und eine breitere Grundlage der Herzogsherrschaft zu gewinnen. Erstmals in aller Deutlichkeit tritt dieses Bestreben entgegen bei dem Versuch Friedrichs von Luxemburg (1046-1065), mit Hilfe der Obervogteien von Stablo-Malmedy und St. Truiden, der Grafschaft Maselant und der eigenen Hausgüter eine Zone verdichteter Herrschaft in den nördlichen Ardennen und an der mittleren Maas zu schaffen und damit einer Verbindung zu den Machtzentren seiner von HEINRICH III. reich geförderten Familie im Mosel-Eifel-Raum und in den südlichen Ardennen herzustellen.
Die Konsequenzen waren weitreichend: nahezu zwei Jahrzehnte hindurch, Jahrzehnte extremer politischer Instabilität zunächst infolge der lothringischenWirren, dann infolge der Unmündigkeit HEINRICHS IV., stand mit Friedrich von Luxemburg (1046-1065) ein Herzog ohne ausreichende Machtgrundlagen überlegenen Herrschaftsträgern wie Gottfried dem Bärtigen, Anno II. von Köln und den Bischöfen von Lüttich und Utrecht gegenüber, die an seiner Stelle, mit oder ohne königlichen Auftrag, herzogliche Funktionen wahrnehmend, sich zum Teil gegen ihn stellten und nicht mehr in eine übergreifende Herzogsherrschaft zu integrieren waren.