von Armin Wolf
in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte
Band 69 1997 Seite 427-440
Die Grafen von Northeim [1 Die wichtigste Literatur
zu den NORTHEIMERN: Karl-Heinz Lange, Die Grafen von Northeim (950-1144).
Politische Stellung, Genealogie und Herrschaftsbereich. Diss. phil. Ms.
Kiel 1958. Ders., Die Stellung der Grafen von Northeim in der Reichsgeschichte
des 11. und früphen 12. jahrhunderts, in: Niedersächsisches Jahrbuch
33, 1961, Seite 1-107. Ders., Der Herrschaftsbereich der Grafen von Northeim
950-1144 (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens
24), Göttingen 1969.] sind seit 982 [2 MGH DD O II Nr. 274:
villa
Medenheim dicta in pago Rietdega vocato et in comitatu Sigefridi comitis
sita. Regesta Imperii II 2, Nr. 873. Lange 1961 (Anmerkung 1) Seite
3. Das heute wüste Medemheim liegt westlich von Northeim.] über
fünf Generationen in Sachsen nachweisbar. Zwanzig Mitglieder des Hauses
- neun Söhne und elf Töchter - sind bekannt. Der Mannesstamm
der NORTHEIMER starb in der Hauptlinie 1117, in der Boyneburger Nebenlinie
1144 aus. Die Erbtochter der Hauptlinie, Richenza
(+ 1141), war als Gemahlin LOTAHRS
VON SACHSEN-SÜPPLINGENBURG Kaiserin. Sie wurde zu einer
Stammutter der WELFEN.
Otto von Northeim (25) [3 Die arabischen Zahlen
in den Klammern beziehen sich auf die beigefügte Stammtafel. Über
Otto siehe Hermann Mehmel, Otto von Northeim, Herzog von Bayern (1061-1070),
Diss. phil. Göttingen, Mühlhausen 1870.], der führende Kopf
der Gegner König HEINRICHS IV.
und zeitweise bedeutendste Fürst des Reiches, wurde als vir amplissime
nobilitatis bezeichnet [4
Annalista Saxo ad a. 1057 (MGH SS
6, 692), vgl. ad a. 1083 und 1126 (Seite 721, 764), ebenso Ekkehard ad
a. 1071 (MGH SS 6, 200).]. Von diesem "Mann umfangreichsten Adels" ist
noch sein Vater Benno (14) und sein Großvater Siegfried (3
unterer Teil) bekannt. Dieser Siegfried zog 990 in einem königlichen
Aufgebot gegen die Böhmen [5 Thietmar IV 11 (MGH SS rer. Germ.
N.S. 9, Seite 144f): cum patre meo et eius equivoco. Lange 1961
(Anmerkung 1) Seite 3.]. Im Jahre 1002 besaß er eine curtis
in Northeim [6 Thietmar V 5 (Seite 224 ff.). Lange 1961, Seite 3.].
Er starb wahrscheinlich zwischen März und November 1004 [7 Annales
necrologici Fuldeneses (MGH SS 13, 209): Obiit Sigifridus comes.
Lange 1961; Seite 3.] und "ist der erste mit Sicherheit nachweisbare Angehörige
des northeimischen Geschlechts" [8 Lange 1961, Seite 3.]. Seine
Vorfahren und der Ursprung des Northeimer Grafenhauses waren bisher unbekannt
[9 Lange 1958, Seite 9 ff. erwog die Abstammung von einem um 950
genannten Otto (mit Fragezeichen). Karl August Eckhardt, Eschwege als Brennpunkt
thüringisch-hessischer Geschichte (Beiträge zur hessischen Geschichte
1), Witzenhausen 1964, Seite 42-246 dachte an den 963 gestorbenen Wilhelm
von Weimar als möglichen Vater Siegfrieds von Northeim. Dagegen
spricht jedoch, daß die bei den angeblichen Vorfahren und Brüdern
Siegfrieds vorkommenden Namen Wilhelm, Erpo und Wigger bei den NORTHEIMERN
niemals vorkommen. In keiner der beiden Arbeiten wurde eine Herkunft der
NORTHEIMER aus dem Hause LUXEMBURG
geprüft. Bei Detlev Schwennicke, Europäische Stammtafeln, N.F.
Band VIII, Marburg 1980, Tafel 132 beginnen die Grafen von Northeim mit
dem Großvater Ottos von Northeim, dem 1004 gestorbenen Siegfried.].
Dieser erste Siegfried von Northeim scheint aus
dem Nichts zu kommen. Andererseits gab es gleichzeitig einen Siegfried,
Sproß einer hochadeligen Familie, der im Nichts verschwindet. Es
ist der 983 und 985 auftretenden jüngere Siegfried von Luxemburg,
ein Bruder der späteren Kaiserin Kunigunde
[10 Die wichtigste Literatur zu den LUXEMBURGERN:
Cam. Wampach, Urkunden- und Quellenbuch zur Geschichte der altluxemburgischen
Territorien, Band I, Luxemburg 1935. - Heinz Renn, Das erste Luxemburger
Grafenhaus 963-1136 (Rheinisches Archiv 39), Bonn 1941. - Jules Vannerus,
La premiere dynastie luxembourgoise. A propos de l'etude de Heinz Renn,
Das erste Luxemburger Grafenhaus (963-1136), in: Revue Belge 25, 1946-1947,
Seite 801-858. - Jean Schoos, Le developement politique et territoriale
du pays de Luxembourg dans la premiere moitie du 13e siecle (Publications
de la section histor. de l'Institut de Luxembourg 71); Luxembourg 1950.
- Mathilde Uhlirz, Die ersten Grafen von Luxemburg, in: Deutsches Archiv
12, 1956, Seite 36-51. - Michel Parisse, Genealogie de la Maison d'Ardenne,
in: La maison d'Ardenne, X-XI siecles. (Publications de la section histor.
de l'Institut de Luxembourg 95), Luxemburg 1981, Seite 9-43. - Jean Schoos,
Die Familie der Luxemburger. Geschichte einer Dynastie, in: Balduin von
Luxemburg, Erzbischof von Trier - Kurfürst des Reiches (Quellen und
Abhandlungen zur mittelalterlichen Kirchengeschichte, Band 53), Mainz 1985
Seite 119-149. - Markus Twellenkamp, Das Haus der Luxemburger, in: Die
Salier und das Reich, Band I., hg. von Stefan Weinfurter, Sigmaringen 1991,
Seite 475-502. - Zur Genealogie der beiden Siegfriede von Luxemburg
Karl Ferdinand Werner, Die Nachkommen Karls des Großen bis um das
jahr 1000, in: Karl der Große, Band IV: Das Nachleben, hg. von Wolfgang
Braunfels und Percy Ernst Schramm, Düsseldorf, Nr. VII 68 und VIII
69. Parisse 1981, Nr. 10 und 21.]. Angeblich sei er noch vor seinem gleichnamigen
Vater gestorben; denn "wir hören seitdem jedenfalls nichts mehr von
ihm" [11Renn 1941 (Anmerkung 10) Seite 78. Vgl. Anmerkung 16.].
Könnte nun der "verlorene Sohn" von Luxemburg und der aus dem Nichts
aufgestiegene Siegfried von Northeim in Wirklichkeit ein und dieselbe
Person gewesen sein? In diesem Falle würden die NORTHEIMER ein Zweig
der LUXEMBURGER sein.
Das erste Haus LUXEMBURG
regierte sechs Generationen lang, von der Zeit Kaiser
OTTOS DES GROSSEN bis in die Kaiser
LOTHARS VON SACHSEN-SÜPPLINGENBURG. Die Geschichte der
Grafen von Northeim und auch Teile der Reichsgeschichte erschienen in einem
neuen Licht, wenn die NORTHEIMER und die LUXEMBURGER
ein gemeinsames Geschlecht bildeten. Es gibt zwölf Indizien, die dafür
sprechen:
1. Es überrascht und wurde bisher nicht erklärt,
warum im Luxemburger Haus ausgerechnet
der Name des Stammvaters Siegfried verschwindet, während im
übrigen Leitnamen der Familie wie zum Beispiel Heinrich, Friedrich,
Giselbert, Adalbero von Generation zu Generatiom weitergegeben
wurden. Bei den NORTHEIMERN gibt es dagegen in jeder Generation einen Siegfried
(3,13,34,49) - außer in der Ottos von Northeim (25), der aber wohl
ein Einzelkind war. Wenn die NORTHEIMER ein Zweig der LUXEMBURGER
waren, so hätte das Grafenhaus auch den Namen seines Stammvaters weitergegeben.
2. Graf Siegfried I. (von Luxemburg) [12
Verbindungen des Grafentitels mit einer Ortsbezeichnung waren damals
noch nicht üblich. Der erste Graf, der sich urkundlich nach Luxemburg
benannte, war Konrad (27), dessen Siegel im Jahre 1083 die Legende
aufweist: CONRADVS COMES DE LVCCELEMBURC. Wampach (Anmerkung 10) Nr. 301.
Vgl. Twellenkampf 1991 (Anmerkung 10) Seite 477.], der Vater der Kaiserin
Kunigunde, erscheint letztmals in einer Urkunde
Kaiser
OTTOS III. vom 26. Oktober 997 [13 Wampach (Anmerkung
10) Nr. 210, Seite 296.] und starb an einem 28. Oktober, wohl 998
[14 Notae Necrologicae Coufungenses, in: Fontes rerum Germanicarum,
hg. von Joh. Friedrich Boehmer, Band IV, Stuttgart 1868: Sigefridus
Kunuz comes pater Chunigundis imperatricis
obiit c. 998. Den gleichen Text (ohne die Jahreszahl) finden wir auch
im Nekrolog von Ranshofen am Inn, einem Kloster in Oberöstererich.
MGH Necr. 4, 425. Wampach Nr. 211, Seite 297. Renn 1941, Seite 65, Werner
1967, Nr. VII 68 und Seite 472, Parisse 1981 (alle wie Anmerkung 10) Seite
23. Den Beinamen Kunuz führte Siegfried vermutlich zu
Ehren seiner Mutter Kunigunde, deren Namen auch seine Tochter, die spätere
Kaiserin, erhielt.]. Obwohl "wir das Todesjahr des jüngeren Siegfried
nicht zu nennen vermögen" [15 Renn 1941 (Anmerkung 10) Seite
79.], hat man bisher angenommen, daß Siegfried II. von Luxemburg
schon bald nach 985 "noch vor seinem Vater kinderlos starb, das heißt
weder politisch noch dynastisch von Bedeutung war" [16 Schoos 1985,
Seite 121. So schon Renn 1941 (beide wie Anmerkung 10) Seite 78 und zuletzt
Michel Margue, Sigefroid, in: Nozuvelle Biographie Nationale III, Bruxelles
1994, Seite 294-300, hier 99: "Sigefroid, decede avant son pere".]
Dann wäre er aber noch ohne Grafentitel gestorben. Der unter dem 15.
August im Nekrolog des Luxemburger Hausklosters St. Maximin eingetragene
zweite Sigifridus comes trug aber den Grafentitel [17
Wampach Nr. 202; Seite 284. Wamapch bezog 1935 diesen Todestag auf
einen hypothetischen Vater Siegfrieds I. statt auf dessen gleichnamigen
Sohn. Vgl. dagegen Renn 1941, Seite 56 und 59, der den 28. Oktober
als Todestag Siegfrieds I. und den 15. August als Todestag
Siegfrieds II. von Luxemburg annimmt. So auch Uhlirz 1956 Seite
49-50, Werner 1967, Seite 172 VII 68 und VIII 69, sowie Parisse 1981 (alle
Anmerkung 10), Seite 23 und 26. Einen guten Überblick über die
Forschungsgeschichte zur Luxemburger Siegfried-Problematik bietet Joseph
Maertz, Vor tausend Jahren: Graf Siegfried 963, in T Hemecht 15, 1963,
Seite 34-42.]. Dies spricht dafür, daß er seinen Vater doch
überlebte. Dann könnte Siegfried II. von Luxemburg mit
dem Grafen Siegfried I. von Northeim identisch gewesen sein.
3. Es gab ein gleichnamiges Vater-Sohn-Paar Siegfried
zur gleichen Zeit in Luxemburg und in Niedersachsen [18 Bereits
Joseph Depoin, Sifroi Kunuz, comte de Mosellane, tige de la maison de Luxembourg,
Son nom . Ses charges - Son marriage - Ses enfants, in: Ons Hemecht 7,
1904, Seite 307-314, 349-358, 422-431, 507-516, hier 430 hatte bemerkt,
daß es Ende des 10. Jahrhunderts außer den LUXEMBURGERN"deux
autres comtes Sifroi pere et fils, ceux de Northeim" gab. Er prüfte
jedoch nicht die Frage, ob die LUXEMBURGER
und NORTHEIMER Siegfriede identisch gewesen sein könnten. Dupoin
stellt lediglich fest, daß es schwierig zu entscheiden sei, ob ein
am 5. Februar 1018 bei der Stiftung zugunsten der Abtei Herzfeld (an der
oberen lippe) genannter Siefriedus filius Siefridi (Monumenta
Boica XXVIII 567) ein LUXEMBURGER oder
NORTHEIMER gewesen sei.]. In beiden Fällen trug der Vater den Grafentitel,
der Sohn noch nicht. Das Luxemburger Vater-Sohn-Paar
erscheint 983 und 985. So führt eine Liste des Heeresaufgebotes im
Jahre 983 außer dem Domnus Sicco, imperatoris frater
auch einen filius Sicconis comitis auf [19 MGH Const.
1, Nr. 436 Seite 633. Daß es sich bei dem filius um Siegfried
den Jüngeren von Luxemburg handelt, zeigt Mathilde Uhlirz, "Domnus
Sicco, imperatorius f(rater) d(ucat) XX", in Deutsches Archiv 10, 1953/54
Seite 166-169.]. Daß auch der Sohn den Namen Siegfried trug,
ergibt sich aus einem Schreiben Gerberts (des späteren Papstes Silvester
II.) vom Jahre 985 an Sigifrido comitis filio [20 Wampach
Nr. 197, Seite 275-277.]. Der Vater war damals in französischer Gefangenschaft,
der Sohn war daher der Ansprechpartner an des Vaters Stelle. Siegfried
II. von Luxemburg trug hier noch keinen Grafentitel.
In Sachsen begegnet zur gleichen Zeit - 984 - ebenfalls
ein Sifrith mit seinem Sohn. Bisher wurde in diesem Paar
Graf Siegfried von Northeim und sein gleichnamiger Sohn gesehen
[21 Thietmar IV 2 (Seite 132-134 mit Anmerkung 1). Regesta Imperii
II 3, Nr. 956u/1.]. Chronologisch können das Luxemburger
und das Northeimer Vater-Sohn-Paar Siegfried identisch sein.
4. Auch politisch standen das
Luxemburger und Northeimer Vater-Sohn-Paar Siegfried
im Jahre 984 auf der gleichen Seite. Beide unterstützten König
OTTO III. gegen Heinrich von Baiern
und den westfränkischen König
Lothar [22Regesta Imperii II 3, Nr. 956b/1 und y/2, 968b,
969b (Luxemburg) und 956u/1 (Northeim).]. OTTO
III. war damals nur ein vierjähriges Kind. Gegen dessen
Thronfolge erhob sich Herzog Heinrich der Zänker
von Baiern. Als Heinrich der Zänker
sich Ostern 984 in Quedlinburg als König ehren ließ, verließen
diejenigen, die ihren Eid gegenüber OTTO
III. nicht brechen wollten, den Ort und versammelten sich auf
der Asselburg bei Hildesheim. Dazu gehörte auch Graf Siegfried
und sein Sohn (Sifrith/Siegfridus eiusque filius), die bisher
als Grafen von Northeim angesehen wurden [23 Wie Anmerkung 21.].
Aber auch der luxemburgische Graf Siegfried
und sein Sohn standen auf der Seite König
OTTOS III. und der Kaiserin Theophanu
[24 Renn 1941 (Anmerkung 10) Seite 77-79.]. Der jüngere
Siegfried von Luxemburg weilte am Sterbebett
Kaiser
OTTOS II. in Rom und erhielt den wichtigen Auftrag, das Bündnis
mit Hugo Capet zu erneuern [25 Uhlirz
1953/54 (Anmerkung 19) Seite 167.]. Da auf den Versammlungen in Quedlinburg
und Asselburg keine zwei Vater-Sohn-Paare Siegfried auftraten, sondern
nur eines, werden die Luxemburger und
Northeimer Siegfriede identisch gewesen sein.
5. Nach dem Tode des Grafen Siegfried I.
um 998 erscheint in Luxemburg kein Siegfried mehr, wohl aber im
Jahre 1002 in Northeim ein Graf Siegfried. Der Zeitgenosse Thietmar von
Merseburg nannte Northeim einen Hof des Grafen Siegfried (ad
Northeim, Sigifridi comitis curtem) [26 Thietmar V 5
(Seite 224).]. Altersmäßig paßt er zu dem verschwundenen
Luxemburger Sohn Siegfried,
der nun, nach dem Tode des Vaters um 998, selbst den Grafentitel führen
konnte.
6. Von dem jüngeren
Luxemburger Siegfried ist kein Todesjahr überliefert [27
Renn 1941 (Anmerkung 10) Seite 75.]. Auf ihn paßt aber das Sterbejahr
1004, das bisher allein auf den Northeimer Grafen Siegfried bezogen
wurde [28 Lange 1961, Seite 3, Lange 1969 (Anmerkung 1) Stammtafel.
Bisher hat, soweit ich sehe, lediglich Victor Haag, Les originesde la premiere
maison comtale luxembourgoise, in: T Hemecht 4, 1951, Seite 23-24 kurz
erwogen, Ob Siegfried, der Sohn des Luxemburger Grafen Siegfried,
das Moselland verlassen, im Rheinland oder Westergau geheiratet, eine neue
Linie gegründet haben und 1004 gestorben sein könnte. Angesichts
des Fehlens weiterer Dokumente entschied Haag sich dann aber doch für
die traditionelle Deutung, daß der jüngere Siegfried
"est mort jeune, plusieurs annees avant son pere."]. Die Fulaer
Annales necrologici schreiben zu diesem Jahr (zwischen März und November):
ob(iit) Sigifridus com(es) [29 MGH SS 13, 209.
Siegfried Hirsch, Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich
II., Band I 1862; Seite 326 Anmerkung 2. Lange (1961) Seite 3.]. Das Nekrolog
des luxemburgischen Hausklosters St. Maximin in Trier nennt für Sigifridus
comes als Todestag den 15. August, aber kein Jahr [30 Wampach
(Anmerkungn 10) Nr. 202.]. Beide Daten ergänzen einander und können
eine Person bezeichnen.
7. Kaufungen, wo die Kaiserin
Kunigunde aus dem Hause LUXEMBURG
ihr Kloster 1017 gründete [31Regesta Imperii II 4, Nr. 1914,
1947. MGH D H II Nr. 375, 406a.] und wo sie 1033 starb [32 Alfred
Wendehorst, Kunigunde, in: Lexikon des Mittelalters Band V, München
1991; Spalte 1570-1571.], ist nicht weit von Northeim, der curtis des
im Jahre 1002 dort bezeugten Grafen Siegfried (3) [33 Wie
Anmerkung 6 und 51.]. Die Entfernung zwischen Northeim und Kaufungen beträgt
nur etwa 60 km. Itter, ein
castrum Bennos von Northeim (14) liegt
55 km westlich von Kaufungen. Der Hanstein und der Desenberg, zwei Burgen
Ottos von Northeim (25), liegen sogar nur 25 km und 30 km nordwestlich
und östlich zu beiden Seiten von Kaufungen. Auch die von Heinrich
dem Feisten von Northeim (33) an der oberen Weser gestifteten Klöster
Bursfelde (30 km) und Lippoldsberg (45 km) sind nicht fern von Kaufungen.
Die Boyenburg, der namengebende Herrschaftsmuittelpunkt der Grafen Siegfried
von Northeim-Boyneburg (34, 49) lag sogar nur etwa 30 km östlich von
Kaufungen. Um die Boyneburg herum konzentrierte sich ein Herrschaftskomplex
der NORTHEIMER von nicht weniger als 20 Besitzungen [34 Die Besitzungen
der NORTHEIMER sind nachgewiesen und kartiert von Lange 1969 sowie von
Gudrun Pischke, Herrschaftsbereiche der Billunger, der Grafen von Stade,
der Grafen von Northeim und Lothars von Süpplingenburg (Studien und
Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen 29), Göttingen 1984;
Seite 43-60.]. Das von der Kaiserin Kunigunde
gestiftete und als ihr Alterssitz gewählte Kloster Kaufungen war also
von drei Seiten - im Norden, Westen und Osten - von Northeimer Burgen,
Klöstern und anderen Besitzungen umgeben. Die spricht dafür,
daß Luxemburger und Northeimer
Besitz aus dem gleichen Erbgut stammte.
8. Das Kloster Kaufungen erhielt (um 1019) aus
dem eigenen Erbgut der Kaiserin Kunigunde
den Hof Herleshausen im Rainggau in der Grafschaft des Grafen Siegfried
(quandum hereditariae proprietatis suae cortem Herleicheshuson dictam
in pago Reinicgowe in comitatu Sigifridi comitis). Die luxemburgische
Kaiserin hatte also ein Erbgut in der Grafschaft Siegfrieds von Northeim
(13) [35 Regesta Imperii II 4, Nr. 1952. MGH D H II Nr. 411.].
Der Ort Herleshausen - zu unseren Lebzeiten als Zonenübergang bekannt
geworden - liegt etwa 20 km östlich von der northeimischen Boyneburg.
Dieses Zeugnis belegt, daß die Kaiserin
Kunigunde aus dem Hause LUXEMBURG
selbst (und nicht etwa nur ihr Gemahl, Kaiser
HEINRICH II. aus dem bairischen Zweig der LIUDOLFINGER)
Erbgüter in Sachsen besaß.
9. Die Kirche zu Wolfsanger bei Kassel sowie der
Ort Kaufungen selbst, die 1019 von Kaiser HEINRICH
II. bzw. der Kaiserin Kunigunde
dem Kloster Kaufungen gestiftet wurdem, lagen im Hessengau in der Grafschaft
des Grafen Friedrich [36 Regesta Imperii II 4, Nr. 1953,
1947. MGH D H II. Nr. 412, 406b.]. Dieser könnte gut mit dem Grafen
Friedrich von Luxemburg (5) identisch sein. Der Graf Friedrich
im Hessegau ist nämlich von 1008 bis genau 1019 bezeugt [37 Regesta
Imperii II 4, Nr. 1690, 1856, 1947, 1953. MGH D H II. Nr. 182, 329, 406b,
412. Daß es sich bei ihm um den LUXEMBURGER
Friedrich, "die führende politische Person unseres Landes zu Anfang
des 11. Jahrhunderts", handelt, nahm schon Karl E. Demandt, Geschichte
des Landes Hessen, Kassel 1972; Seite 161 an.]. Seine Erwähnungen
brechen also in dem gleichen Jahre 1019 ab, in dem Friedrich von Luxemburg
starb. Diese Identität würde bedeuten, daß nicht nur
die Kaiserin Kunigunde und der "verlorene"
Luxemburger Sohn Siegfried von Northeim
(3), sondern auch noch ein weiterer Bruder der Kaiserin aus dem Hause
LUXEMBURG in der Nachbarschaft der Northeimer Herrschaftsrechte
ausübte. Gleichfalls lag der vom Kaiser seiner Gemahlin Kunigunde
1008 zu Eigen geschenkte Hof Kassel im Hessengau in der Grafschaft des
Grafen Friedrich [38 Regesta Imperii II 4, Nr. 1690. MGH
D H II Nr. 182.].
10. Zwei Mitglieder des
Hauses LUXEMBURG waren bekanntlich Herzöge von Baiern:
Heinrich I. (2) seit 1004 mit Unterbrechung während der Moselfehde
bis zu seinem kinderlosen Tode 1026 und Heinrich II. (17) von 1042
ebenfalls bis zu seinem kinderlsoen Tode. Im Jahre 1061 wurde Graf Otto
von Northeim (25) Herzog von Baiern. Er war bisher der einzige Herzog von
Baiern, der nicht in die Verwandtschaft der übrigen Herzöge einzuordnen
war [39 Bisherige Vorschläge waren wenig überzeugend.
So meinte Emil Kimpen, Zur Genealogie der bayerischen Herzöge 908-1070,
in: Jahrbuch für Fränkische Landesforschung 13, 1953, Seite 55-83,
hier 80-82; Otto von Northeim über seine Mutter, die comitissa
Eilica (MGH SS 6, 721) unbekannter Herkunft, die er für eine Tochter
des SALIERS Herzog Konrad I. hielt,
dessen Mutter Judith unbekannter Herkunft und deren angeblicher Mutter
Kunigunde - insgesamt also in fünf Generationen - von dem Baiern-Herzog
Arnulf (+ 937) ableiten zu können. - Auch Hans Constantin Faußner,
Königliches Designationsrecht und herzogliches Geblütsrecht,
Zum Königtum und Herzogtum in Baiern im Hochmittelalter (Österreichische
Akademie der Wissenschaften; Sitzungsberichte 429), Wien 1984; Seite 40
und 69 hat das von ihm behauptetet "geblütsrechtliche Anwartschaftsrecht"
Ottos von Northeim auf Baiern keineswegs nachgewiesen. Unter anderem beruht
sie auf der älteren Annahme, in Otto von Northeims Mutter Eilica eine
Tochter Bruns von Braunschweig und Gerburgs von Stade zu sehen, was schon
Fritz Curschmann, Zwei Ahnentafeln; Ahnentafeln Kaiser Friedrichs I. und
Heinrichs des Löwen, Leipzig 1921, Seite 75 widerlegt hat. - Plausibel
erscheint dagegen die Identität Eilicas mit der gleichnamigen Frau
des BILLUNGER Sachsen-Herzogs Bernhard II. und ihrer Herkunft aus dem Hause
SCHWEINFURT, vgl. Eckhardt 1964 (Anmerkung 9) Seite 104-106. Hierfür
spricht unter anderem die - sonst schwer zu erklärende - Angabe Lamperts
zunm Jahre 1073, daß Otto von Northeim den gefangenen Herzog Magnus
von Sachsen proponquuum suum nannte (MGH SS rer. Germ. [38], Seite
149):
Eilica von Schweinfurt
+ nach 1055
1. oo Benno von Northeim
2. oo Bernhard II. von Sachsen
-- 1. ---------------------------------------
2. ---
Otto von Northeim
Ordulf von Sachsen
+ 1083
---
Magnus von Sachsen
+ 1106
propinqui 1073
Außerdem würde Otto von Northeims Name dann
eine Erklärung in dem seines Mutterbruders Otto von Schweinfurt finden.].
Wenn die NORTHEIMER nun in Wirklichkeit LUXEMBURGER
waren, so wäre mit Otto von Northeim ein weiterer Angehöriger
des luxemburgischen Mannesstammes Herzog
von Baiern geworden, ein Großneffe Herzog Heinrichs des Älteren
(2) und Neffe Herzog Heinrichs des Jüngeren (17).
Otto von Northeim (25) überwarf sich jedoch mit
dem salischen König HEINRICH IV.
und wurde 1070 als Herzog von Baiern abgesetzt. Nun wurde Welf IV., ein
Enkel Imizas von Luxemburg (16), Herzog von Baiern. Das Herzogtum
blieb demnach in einer weiblichen linie der Nachkommenschaft des Hauses
LUXEMBURG. Die WELFEN behielten
das Herzogtum bekanntlich bis zum Sturze Heinrichs des Löwen im Jahre
1180. Vor und nach Otto von Northeim waren also Luxemburger
Agnaten oder deren cognatischen Nachkommen Herzöge von
Baiern. Auch dies ist ein Argument dafür, daß Otto von Northeim
aus dem Hause LUXEMBURG stammte.
11. Otto von Northeim kämpfte nach dem Verlust
des bairischen Herzogtums als Haupt der sächsischen Opposition gegen
König HEINRICH IV. Sein Ziel war
es, das bairische Herzogtum zurückzugewinnen. Im Jahre 1074 wurde
Otto von den Sachsen sogar heftig bedrängt, das königtum anzunehmen
[40 Duci quoque Ottoni vehementer insistebant, ut accepto super
se regno ducatum sibi preberet ... Lampert von Hersfeld ad a. 1074
(MGH SS rer. Germ. [38] Seite 179). Dazu Stefan Weinfurter; Die Salier
und das Reich, Band I; Sigmaringen; Seite 13. Vgl. auch die Genealogie
der WELFEN im Anhang der Sächsischen
Weltchronik (MGH Dt. Chr. 2, 275): He was edele und vollen weldich [gewaltig],
also dat he sic wolde setten weder keiser Heinrike
den verden des namen.]. Nach dem Sieg HEINRICHS
IV. 1075 versöhnte er sich mit diesem, der ihm eine Art
vizekönigliche Stellung in Sachsen (procuratio publicarum rerum)
gab [41 Lampert ad a. 1076 (Seite 261).]. Dann stand Otto aber wieder
an der Spitze eines Aufstandes der Sachsen. Otto von Northeim unterstützte
Rudolf von Rheinfelden bei dessen Wahl
zum römisch-deutschen König und den Feldzügen gegen HEINRICH
IV. in Sachsen. Hermann von Luxemburg-Salm
(28), der nach RUDOLFS Tod
zum Gegen-König gewählt wurde, machte Otto von Northeim 1082
zu seinem Statthalter in Sachsen, wo seine Herrschaft auch die stärkste
Stütze fand [42 Bernold ad a. 1083, MGH SS 5, 437: Otto
dux ... quem in Saxonia pro capite omnium suorum reliquit. Vgl. Lange
1961 (Anmerkung 1) Seite 76.]. Es ist denkbar, daß das Bündnis
der beiden auch auf gemeinsamen Interessen des Northeimer und des Salmer
Zweiges ihres gemeinsamen Hauses ruhte, während Konrad I. von
Luxemburg zu König HEINRICH IV.
hielt.
12. Das kanonische Recht verbot Ehen bis zum vierten
kanonischen (siebenten römischen) Grad. Bei vergleichenden genealogischen
Studien der dynastischen Familien läßt sich wiederholt feststellen,
daß Deszendenten eines gemeinsamen Vorfahren miteinander heirateten,
sobald die vierte Generation erreicht war, das Eheverbot also nicht mehr
zu beachten war.
Während sich in den ersten drei Generationen nach
Siegfried I. keine einzige Ehe zwischen den NORTHEIMERN und den LUXEMBURGERN
feststellen läßt, gibt es in der vierten und fünften Generation
gleich drei: Um 1061 wurde Ethelinde (36), eine junge Tochter Ottos von
Northeim, Welf IV. zur Ehe gegeben (Enkel von 16). Als Otto von Northeim
im Jahre 1070 das Herzogtum Baiern verlor und Welf alles daran setzte,
seinen beim König in Ungnade gefallenen Schwiegervater im Herzogtum
zu folgen, wurde die kinderlose Ehe jedoch wieder aufgelöst [43
Lampert
ad a. 1070 (Seite 118). Lange 1958 (Anmerkung 1) Seite 143.]. Um 1100 heirate
Graf Wilhelm von Luxemburg (42) Liudgard von Northeim-Beichlingen (52).
Und um 1115 heiratete Otto von Rheineck (46), ein Sohn des luxemburgischen
Königs HERMANN, Gertrud von Northeim (48). Diese
Heiratsallianzen sprechen dafür, daß die NORTHEIMER und die
LUXEMBURGER vier oder mehr Generationen
zuvor gemeinsame Vorfahren hatten.
Solche Ehen konnten dazu dienen, beim Aussterben eines
Zweiges, Erbgüter an den längerlebenden Zweig der Familie zurückfallen
zu lassen. Dies gelang hier jedoch nicht. Die Linie Luxemburg starb
nämlich schon 1136 mit Konrad II. (56) aus, das heißt
acht Jahre bevor die Linie Northeim 1144 mit Siegfried von Boyneburg
(49) im Mannesstamm erlosch: Auch Gertrud von Northeim (48) überlebte
ihren Mann Otto von Rheineck (46) und ihren Sohn (57), mit dem dieser
Zweig des Hauses LUXEMBURG ausstarb.
So wurden die NORTHEIMER von dem welfischen
Herzog Heinrich dem Löwen, dem einzigen Enkel Richenzas
von Northeim (47), beerbt [44 Heinrich der Löwe
erhielt 1152 auch das Erbe des 1144 verstorbenen Siegfried IV. von Northeim-Boyneburg,
das zunächst an die Grafen von Winzenburg gegangen war. Lange Diss.
1958; Seite 160 und 294-299.], die LUXEMBURGER
vom Haus LIMBURG-ARLON, dem zweiten Luxemburger Grafenhaus, das
von Ermesinde von Luxemburg (43) abstammte. Die friesischen Güter
der NORTHEIMER werden an den Grafen von Holland gegangen sein, die Nachkommen
der Gertrud von Northeim (48) im Frauenstamm. Damit waren die beiden
Linien Northeim und Luxemburg auseinandergegangen, ihre Güter
nicht wieder vereint. Dies mag der Grund sein, warum die Erinnerung an
eine gemeinsame Abstammung aus einem Hause verloren ging.
13. Außer den zwölf Punkten, die für
die Identität des LUXEMBURGERS Siegfried
mit dem NORTHEIMER Siegfried (3) sprechen, gibt es scheinbar auch
ein Gegenargument. Warum fehlt dieser Siegfried, wenn er denn ein
Bruder der Kaiserin Kunigunde gewesen
wäre, im Kaufunger Nekrolog?
Darin stehen zwar tatsächlich eine ganze Reihe von
Geschwistern der Kaiserin: Herzog Heinrich (2), Liutgard (4),
Giselbert (6), Theoderich (7) und Ermindrut (10).
Es fehlen aber auch Graf Friedrich (5), der Trierer Erzbischofelect
Adalbero (8), Eva (11) und die Mutter der Kaufunger Äbtissin
Uota (12) [45 Wie Anmerkung 14.]. Das Kaufunger Nekrolog enthält
also nur etwa die Hälfte der Geschwister der Kaiserin. Trotz seines
Fehlens dort kann Siegfried (3) also ohne weiteres ein Bruder der
Kaiserin gewesen sein.
So sprechen alle diese Indizien dafür, in den Grafen
von Northeim einen älteren Zweig der Grafen von Luxemburg zu sehen.
************
Wenn die NORTHEIMER aber ursprünglich LUXEMBURGER
waren, so würfe dies neues Licht auf die Königserhebung HEINRICHS
II. Im Jahre 1002 war Kaiser OTTO III.
kinderlos in Italien verstorben. Die Nachfolge war außerordentlich
umstritten. Es gab nicht nur den in den Wahlkämpfen siegreichen Gemahl
der Kunigunde von Luxemburg, den späteren
Kaiser und damaligen Herzog Heinrich von Baiern,
sondern auch noch andere Königskandidaten [46 Vgl. hierzu Armin
Wolf,
Quasi hereditatem inter filios, Zur Kontroverse über
das Königswahlrecht im Jahre 1002 und die Genealogie der Konradiner,
in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte; Germ. Abt. 112, 1995, Seite
64-157.].
Vor allem Markgraf Ekkehard von Meißen beanspruchte
die Sukzession im Königtum. Er stammte nämlich wahrscheinlich
aus einem älteren Mannesstamm des liudolfingisch-ottonischen
Königshauses [47 Eduard Hlawitscha, Nochmals zu den Thronbewerbern
des Jahres 1002, ZGORh 137, 1989. Wolf 1995 (Anmerkung 46) Seite 102-108.].
Heinrich von Baiern, der spätere
König, repräsentierte dagegen nur die jüngste Linie der
OTTONEN.
Der Zeitgenosse Thietmar von Merseburg berichtet: Als
Ekkehard auf einer Versammlung der sächsischen Füasrsten in Frohse
bei Magdeburg seinen Anspruch auf das Königtum geltend machte, scheiterte
er an dem Vorwurf des Markgrafen Liuthar: "Merkst du denn nicht, daß
dir das vierte Rad am Wagen fehlt?" Darauf wurde die Wahl sofort abgebrochen
und vertagt [48 Thietmar IV 52 (Seite 190f.).]. Das Bild vom fehlenden
vierten Rad bedeutet offenbar, daß Ekkehard nicht wenigstens ein
königliches "Quartier" besaß (das heißt keiner seiner
vier Großeltern war von königlicher Geburt), wie es dagegen
bei fast allen anderen Kandidaten der Fall war [49 Dazu Armin Wolf,
Königskandidatur und Königsverwandtschaft, Hermann von Schwaben
als Prüfstein für das "Prinzip der freien Wahl", in: Deutsches
Archiv 47, 1991, Seite 47-117, hier 95-96 und Wolf 1995 (Anmerkung 46)
Seite 103-106.]. Er stammte eben nicht von König
HEINRICH I. ab, sondern nur aus einer vorköniglichen Linie
der LIUDOLFINGER.
Trotz seines Scheitern in Frohse gab Ekkehard von Meißen
seinen Anspruch nicht auf. Er ließ sich von seinen Freunden in Hildesheim
wie ein König (ut rex) ehren [50 Thietmar V 4 (Seite
224f.)]. Dann zog er "nach Northeim, dem Hof des Grafen Siegfried" (3).
Dort verriet ihm dessen zweite Frau Ethelinde heimlich, daß ihre
(Stief)söhne Siegfried (13) und Benno (14) einem Mordanschlag auf
ihn planten [51Et propter hoc abiens, cum ad Northeim, Sigifridfi
comitis curtem, veniret, diligenter susceptus est atque, ut ibi percoctare
vellet, rogatur. Intimaverat huic occulte domna Ethelind cometissa, quod
Sigifrith et Benno, senioris suimet filli, cum confratribus Heinrico etr
done aliisque conspiratoribus suis de nece sua positis tractarent insidiis,
suppliciter efflagitans, ut aut ibi usque in crastinum maneret seu alio
diverteret. Thietmar V 5 (Seite 224 ff.)].
Trotz dieser Warnung konnte Ekkehard nicht verhindern,
daß er in der kommenden Nacht in der Pfalz Pöhlde (bei Göttingen)
von den jungen NORTHEIMERN überfallen wurde. Nachdem Ekkehards Begleiter
erschlagen waren, leistete der Markgraf allein noch Widerstand. Bei Thietmar
heißt es: "Ihm (das heißt Ekkehard) durchstieß Siegfried
(von Northeim) mit einem heftigen Lanzenstoß den Nackenwirbel und
brachte ihn zum Sinken. Als die Übrigen ihn fallen sahen, stürzten
sie eilends hinzu, schnitten ihm den Kopf ab und plünderten erbärmlicherweise
den Leichnam." [52 Thietmar V 6 (Seite 226f.) in der Übersetzung
von Eckhardt 1964 (Anmerkung 9) Seite 100.]
Bisher hat man nicht gewußt, warum es gerade die
Northeimer jungen Burschen waren, die den Königskandidaten Ekekhard
aus dem Wege räumten. In seiner Arbeit über die Grafen von Northeim
meint Karl-Heinz Lange: "Ein unmittelbares Interesse haben die Northeimer
Brüder mit der Ermordung des thüringischen Markgrafen nicht verfolgt"
[53 Lange 1961 (Anmerkung 1) Seite 3. Eduard Hawitschka, Kaiser
Heinrich II., in: Die Kaiser, hrsg von Gerhard Hartmann und Karl Rudolf
Schnith, Graz 1996, behauptet Seite 156, Ekkehard habe "in einer Privatfehde,
die mit der Thronfolge nichts zu tun hatte, den Tod" gefunden, gibt aber
weder einen Quellenbeleg für die "Privatfehde" an. noch sagt er, welchen
Grund sie gehabt haben soll.]. Gleichwohl kann auch Lange nicht ganz ausschließen,
"daß die Verschwörer ihm [Heinrich
von Baiern] mit der Beseitigung seines schärfsten Rivalen
einen Dienst erweisen wollten" [54 Lange 1991, Seite 4. Hartmur
Hoffman, Mönchskönig und res idiota, Studien zur Kirchenpolitik
Heinrichs II. und Konrads II., Hannover 1993, äußert sich zu
der Frage, die auch nicht zu seinem Thema gehört, nicht.]. Lange führt
aus: "Wahrscheinlich hat Thietmar die wirklichen Hintergründe der
Bluttat verschwiegen" [55 Lange 1991, Seite 4.].
Wenn nun die jungen Northeimer aus dem Hause
LUXEMBURG stammten, so wird sofort deren Interesse deutlich.
Der Hauptkonkurrent von Ekkehard war der Herzog
Heinrich von Baiern, der seit dem Jahre 1000 mit Kunigunde
von Luxemburg verheiratet war. Wenn die Vatersschwester der
Northeimer Brüder Königin würde, wären sie gewiß
näher am Thron als unter Ekkehard von Meißen. Sie mögen
also ein Motiv gehabt haben, Heinrich von Baiern
und Kunigunde von Luxemburg den Weg
zum Thron zu ebnen, indem sie den mächtigen Konkurrenten Ekkehard
von Meißen beseitigten.
Jedenfalls gehörten die LUXEMBURGER
zu den ganz wenigen weltlichen Herren, die an Heinrichs
Wahl am 7. Juni 1002 in Mainz teilnahmen. Neben zahlreichen
Bischöfen waren es damals zunächst nur die Fürsten der Franken
und der Moselländer (Francorum et Muselenensium primatus),
die HEINRICH II. als König anerkannten
[56 Thietmar V 11 (Seite 234).].
Lange schreibt zwar, der Mord an Ekkehard ließe
"sich nicht auf verwandtschaftliche Weise erklären" [57 Lange
1961, Seite 4.]. Dieses Urteil ist jedoch vorschnell; denn Lange kannte
ja die Verwandtschaft der älteren NORTHEIMER gar nicht, ihre Herkunft
war ihm dunkel. So schreibt Lange von dem Mörder Siegfried von Northeim
noch: "Über seine Familienverhältnisse ist nicht das geringste
bekannt." [58 Lange 1961, Seite 7.]
Wenn die Verschwörer übrigens gehofft hatten,
daß Heinrich von Baiern, nachdem
er dann König geworden war, sich ihnen dankbar erweisen würde,
so wurden sie enttäuscht [59
Eckhardt 1964 (Anmerkung 9) Seite
100.]. Wir finden nämlich Siegfried (13), den jungen Sohn des Grafen
Siegfried (3) schon 1003 auf der Seite des Aufrührers Markgraf
Heinrich von Schweinfurt gegen König HEINRICH
II. Weil dieser den Kampf jedoch nicht fortsetzen konnte,
kehrte Siegfried nach Hause zurück und wollte die Gnade des Königs
anrufen [60 Thietmar V 38 (Seite 262 f.).].
Tatsächlich scheint ihm weder wegen seiner Mordtat
noch wegen Hochverrats der Prozeß gemacht worden sein. Immerhin dauerte
es noch viele Jahre, bis er ein Grafenamt erhielt. Erst 1019 war er rehabilitiert
und trug den Grafentitel [61 MGH D H II Nr. 411.]. Im Jahre 1015
hatte er ihn noch nicht [62 MGH D H II Nr. 332: Sigefridus
Sigefridi filius.], sein jüngerer Bruder Benno besaß
jedoch schon 1013, 1015 und 1016 den Grafentitel [63 MGH D H II
Nr. 264, 328 und 342.]. Benno wurde also früher rehabilitiert als
Siegfried, der ja selbst die Todeswunde geschlagen hatte und daher am meisten
gestraft werden mußte [64 Eckhardt (Anmerkung 9) Seite 102.].
Das gemeinsame Haus LUXEMBURG-NORTHEIM
umfaßte insgesamt 59 Mitglieder, darunter nicht nur eine Kaiserin
Richenza (47), sondern auch die Kaiserin
Kunigunde (9), nicht nur einen Herzog von Baiern (25), sondern
drei (2 und 17), nicht nur einen Königskandidaten (25), sondern auch
einen Gegen-König (28).
Das gemeinsame Stammelternpaar waren Siegfried (1)
und Hedwig, die beide als Vater und Mutter der Kaiserin
Kunigunde bezeugt sind [65 Zu Siegfried siehe
oben Anmerkung 14. In den gleichen zwei Nekrolgien von Kaufungen und Ranshofen
steht, daß die Mutter der Kaiserin Hedwig hieß und an
einem 13. Dezember starb:
Domina Hedewich comitissa, mater Chunigundis
imperatricis, obiit. Wanmpach (Anmerkung 10) Nr. 211, Seite
298.]. Im Jahre 963 erwarb der Graf Siegfried, geboren aus edlem
Geschlecht (Sigefridus comes de nobili genere natus), die
Burg
Luciliburhuc [66 Wampach Nr. 173, Seite 234.]
(Lützelburg = Luxemburg).
Wir dürfen hinzufügen, daß Siegfried
im Jahre 982 auch eine Grafschaft im Gebiet von Northeim besaß [67
Oben
Anmerkung 2.]. Als Domnus Sicco, imperatorius frater, befand
er sich mit den Söhnen Heinrich (Hezil) und Siegfried
983 im kaiserlichen Heeresaufgebot [68 Oben Anmerkung 19.]. Vater
und Sohn Siegfried nahmen beide am Osterfest 984 in Quedlinburg
teil, wo Heinrich der Zänker sich
als König ehren ließ. Die LUXEMBURGER
bzw. NORTHEIMER blieben aber dem kleinen OTTO
III. treu, zogen ab und versammelten sich mit Gleichgesinnten
auf der Asselburg bei Wolfenbüttel [69 Thietmar IV 2 (Seite
132). Regesta Imperi II, 3, Nr. t/1, u/1.]. In der Auseinandersetzung zwischen
OTTO III., seiner Mutter
Theophanu und Hugo Capet einerseits
und Heinrich von Baiern und dem westfränkischen
König Lothar andererseits geriet Siegfried der Vater
984/85 in Verdun in Gefangenschaft, wurde aber Mitte 985 wieder entlassen.
Er wird der comes Sicco sein, den die Kaiserin
Theophanu 988 bei der Neuordnung der Finanzverwaltung in Oberitalien
mit wichtigen Aufgaben betraute [70 MGH SS 30, 1458. Dazu Uhlirz
1956 (Anmerkung 10) Seite 42.].
Zusammen mit seiner Gemahlin Hedwig ist Siegfried
viermal urkundlich belegt: am 17. September 964 mit einem Sohn Heinrich
(2) [71
Wampach (Anmerkung 10) Nr. 174, Seite 238-239.], im
folgenden Jahr bei einer Stiftung für das Kloster Echternach [72
Wampach Nr. 176, Seite 240.], im Jahr 987 bei der Konsekrierung einer
Kirche in Luxemburg [73 Jean-Claude Muller, Zur textlichen Grundlage
des Milleniums der Michaels-Kirche, in: Hemecht 87, 1989, Seite 461-479,
hier 463.] und im Jahre 993 bei einer Stiftung für die Abtei St. Maximin
in Trier [74 Wamapch Nr. 296, Seite 286-289.]. Diese Stiftung sollte
dem Seelenheil des Grafen Siegfried, seiner Gemahlin Hedwig
und ihrer Kinder, der lebenden wie der bereits gestorbenen, dienen. Hedwig
wird seit dem nicht mehr erwähnt, wird also bald nach 993 gestorben
sein.
Siegfried überlebte sie und starb erst 998.
Nach seiner Grabinschrift war er wegen des hohen Adels seines Geschlechts
nicht der Geringste des Erdkreise (ob culmen generis quondam non infimus
orbis) [75 MGH Poetae latini 5, 316.]. Von seinem Bruder Adalbero
ist überliefert, daß er sowohl von väterlicher als auch
von mütterlicher Seite königlichen Geblüts war [76 MGH
SS 4, 438: Adalbero ... cum esset regii quidem paterna simula ac materna
stirpe longe retro usque ab hominum memoria sanguinis. Uhlirz 1953/54
(Anmerkung 19) Seite 168 mit Anmerkung 16.]. Von Siegfrieds Vorfahren
ist eine Abstammungslinie seiner Mutter bezeugt, die direkt zu den KAROLINGERN
zurückgeht [77 Eine aus dem 11. Jahrhundert stammende Tabula
Genealogica der KAROLINGER enthält
unter anderem die Filiationskette (MGHSS 3, 314):
Karolus rex Franchorum
et patricius Romanorum. Primus imperator in Francia.
Hludowicus rex
cognomento pius, imperator.
Karolus rex Franciae
et Hispaniae.
Hludowicus rex
Franciae.
Irmintrud.
Cynigund.
Sigidridus comes.
Cynigund imperatrix.
Vgl. dazu Werner 1967 (Anmerkung 10) Nr. VI 36 mit Anmerkung
Seite 460.]. Ein Anteil an deren Erbe machte die LUXEMBURGER
zu einem der führenden Geschlechter Lotharingiens.
Siegfrieds Vater ist jedoch ebenso umstritten
wie die Eltern seiner Gemahlin Hedwig. Da unter ihren Nachkommen
zwischen 1002 und dem Sturze Heinrichs des Löwen 1180 nicht weniger
als sechs - mit Otto von Northeim sogar sieben - Herzöge von Baiern
waren, wird eine der unbekannten Vorfahrenlinien Siegfrieds oder
Hedwigs nach Bayern führen. Eine weitere Vorfahrenlinie wird
aus Sachsen stammen. Dies ist auch früher schon vermutet worden, wenngleich
die Einzelheiten noch unklar sind [78 Uhlirz 1953/54 (Anmerkung
19) Seite 169 nahm "eine nahe Verwandtschaft zwischen ihm [Siegfried
dem Älteren von Luxemburg] und den OTTONEN"
an. - Pierre Briere, Les origines de la premiere Maison de Luxembourg (Publications
de la section histor. de l'Institut de Luxembourg 79), Luxemburg 1962,
Seite 7-22, hier 22 vermutete, daß Siegfrieds Vater Eberhard
von Hamaland und dessen Mutter Oda eine Tochter Liudolfs von Sachsen, des
Stammvaters der OTTONEN, gewesen seien.
Üblicherweise gilt jedoch der lothringische Pfalzgraf Wigerich
als Vater Siegfrieds von Luxemburg (Werner 1967, bei Nr. VI 36).
Eine sichere Aussage ist über den Vater jedoch noch nicht möglich
(Parisse 1981; Seite 19-20). - Über die Eltern Hedwigs stellte
Depoin 1904 (Anmerkung 18) die These auf, daß sie eine Tochter Giselberts
von Lothringen und Gerbergas von Sachsen,
der Tochter König HEINRICHS I. gewesen
sei. Er verwies dabei auf einen Memorialeintrag in Remiremont: Dumnus
Gislibertus dux, qui pro remedium anime sue et seniori sui dumni Henrici
et uxori sue et infantibus suis omnes heclesias sancti Petri nobis restituit.
Dumnus Gislibertus dux cum omnibus fidelibus suit. Dumna
Girberga. Ainricus. Haduidis ...(fol 6r, jetzt ediert in:
MGH Libri Mem. I, 9). Dies fand zunächst allgemein Anklang, bis Renn
1941 Seite 62-64 mit dem Argument widersprach, daß dann die Ehe Kunigundes
mit Kaiser HEINRICH II. im verbotenen
dritten kanonischen Grade gestanden hätte:
König HEINRICH I.
Gerberga oo Giselbert
Heinrich I. von Baiern
Hedwig oo Siegfried
Heinrich II. von Bauiern
Kaiserin Kunigunde
oo Kaiser HEINRICH
II.
- Ferdinand Geldner; Vorfahren und Verwandte der Kaiserin
Kunigunde, in: Ders. Tatsachen und Probleme der Vor- und Frühgeschichte
des Hochstifts Bamberg (Bamberger Studien zur fränkischen und deutschen
Geschichte 2) Bamberg 1973, Seite 29-52, kehrte Seite 40-45 zu dem Vorschlag
von Depoin zurück und wies Seite 43 auf ein Zeugnis Rodulf Glabers
um 1045 hin: "Da er [Kaiser HEINRICH II.]
sah, daß er von ihr [Kunigunde]
keine Kinder erhalten könne, entließ er sie nicht deshalb, sondern
übertrug das ganze Erbgut, das den Kindern zustand, Christus (Ex
qua etiam cernens non posse suscipere liberos, non eam propter hoc dimisit,
sed omne patrimonium, quod liberis debebatus, Christi ecclesiae contulit)":
HEINRICH II. und Kunigunde
hätten "das Problem der Verwandtenehe auf ihre Weise" gelöst
"ohne öffentlichen Prozeß, ohne Kirchenbann und ohne Verstoßung
der Gattin" durch eine Lebensgemeinschaft "wie Bruder und Schwester" als
eine "Tat tiefer Gläubigkeit und hohen Menschentums". - Nach einer
noch unpublizierten Vermutung von Christian Settipani (Brief vom 7. November
1994) war Hedwig die Tochter einer weiteren Hedwig und diese die
Tochter Odas, einer Schwester König HEINRICHS
I.]. Wenn nun die NORTHEIMER zu den Nachkommen Siegfrieds
von Luxemburg und Hedwigs gehörten, so spricht auch dies
für eine solche sächsische Abkunft, sei es Siegfrieds,
den Rodulf Glaber einen dux Saxonum nannte [79 MGH SS 7,62],
sei es Hedwigs, deren Namen auf die Mutter König
HEINRICHS I. verweist, - oder gar beider.