Annalen von Hildesheim
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Das Jahr 1105.

 
In  der 12. Indiction, 1105, gleich nach Epiphanien, schickte der Kaiser Boten nach Baiern, nämlich die Erzbischöfe von Köln und Trier, den Herzog Friderich und den Kanzler Erlolf,  um womöglich ihn mit seinem Sohne wieder zu versöhnen. Der Sohn aber bekennt in seiner Antwort, daß er auf keine
Weise mit ihm Gemeinschaft machen könne, bevor er von dem Makel der Excommunication sich gereinigt, in welcher er durch den Spruch des apostolischen Stuhles seit lange befangen sei. Nachdem die Boten aber heimgekehrt, richtete er seinen Marsch unter Begleitung eines starken Haufens nach Thüringen, zu dem Ort der Erphesfurt genannt wird, wo er von Ruthard, dem Erzbischofe des Mainzer Stuhles, in Ehren empfangen wird, und daselbst feierte er den Palmsonntag, das heilige Osterfest aber in Quidelenburg. In derselben Zeit nun kam der Patriarch von Aquileja, um womöglich sie mit einander auszusöhnen, und sprach, daß er nicht mit ihm Gemeinschaft zu haben wage, wenn er sich nicht als einen Schuldigen vor Gott bekennen, vor dem ganzen Reiche demüthigen und dazu dem römischen Stuhle in allem gehorchen wollte. Denn er fürchtete, daß jener ihn selbst mit seinen schlauen Worten  täuschen möchte, wie er die Uebrigen vorher getäuscht hatte. Derselbe Patriarch feierte das heilige Osterfest in Mainz, und nach Ostern, als er Geschenke von ihm empfangen, zog er nach Hause. Der Sohn aber kam nach Goslare und hielt dort eine allgemeine Besprechung mit den sächsischen Fürsten, auf welche Weise er wohl mit Gottes Beistand und ihrer Aller Rath seine Angelegenheiten in Ordnung bringen und die auf alle Weise befleckte Kirche reinigen und vom Zwiespalt zur Einheit zurückführen könnte. Da war auch der oben genannte Bischof von Konstanz zugegen, des Herrn Papstes treuester Gehülfe, der den König und alle Seinigen von den Banden der Excommunication gelöst hatte, und einen Bischof Namens Widelo - er war der verworfene Anstifter aller Verbrechen und Verruchtheiten gewesen, welche der Vater getrieben - kraft der ihm vom Papst gegebenen Vollmacht abgesetzt und einen Andern, den der König und die Geistlichkeit desselben Ortes erwählten, an seiner Stelle eingesetzt hatte. Diesem Gebehard, dem Legaten des apostolischen Stuhles, und dem Mainzer Bischof Ruothard schien es nun gut, in der Woche vor Pfingsten in dem Northusun genannten Orte in Thüringen ein Concil zu halten, die Kirche nach Kräften auf den früheren Zustand zurückzubringen  und die alte Regel der Väter daselbst vorzulesen, das heißt, die Eindringlinge unter den Bischöfen wie auch die, welche durch Simonie in jener Zeit ins Amt gekommen, falls sie lebten, abzusetzen und falls sie begraben auszugraben, und daß die von ihnen Geweihten die Handauflegung von Katholischen empfangen und beweihte Geistliche keinen Gottesdienst feiern sollten. Nachdem dies auf Eingebung der göttlichen Gnade also richtig angeordnet war, kam der König mit Hinzuziehung der Sachsen und des Erzbischofs Ruothard von Mainz, der seit langer Zeit von seinem Vater vertrieben war, nach dem Feste des heiligen Johannes des Täufers bis zu den Ufern des Flusses Rhein. Auf der andern Seite aber verwehrte der Vater, der bis dahin mit den Seinen in Mainz geblieben, den Uebergang und bestach Alle, besonders den Pfalzgrafen, welcher dem Sohne die Zurüstung für den Uebergang versprochen hatte; er brachte die ganze Flotte von Schiffen in den Mainzer Hafen hinüber und hinderte jenen mit einer Schaar Ritter und Bürger am Uebergange. Als nun der Sohn sah, daß der Vater ihm mit seiner Macht zuvorgekommen und daß er nicht übergehen könne,  kehrte der Mainzer Bischof nach Thüringen zurück; er selbst zog nach Werzeburg und setzte den Bischof Erlolf, den sein Vater dort eingesetzt, wieder ab und machte den Probst desselben Klosters, Ruopert, zum Bischof, und nachdem er einige Tage daselbst verweilt hatte, kehrt er wieder nach Regensburg zurück. Um Petri Kettenfeier aber folgt ihm sein Vater mit einem zusammengebrachten Heere; er richtete seinen Marsch durch   Baiern und suchte alle Anhänger seines Sohnes, wie er konnte, mit Verwüstung und Brand heim und beabsichtigte so nach Regensburg zu gehen, wo, wie er erfahren, sein Sohn war. Als aber der Sohn hörte, daß der Vater so unversehens der Stadt sich nähere, ist er kaum entkommen und durchwatete mit den Seinigen den Fluß Regen. Als nun Jeder von ihnen allmählich die Seinen zusammenzog und der Herzog von Böhmen dem Vater zu Hülfe kam, werden zwischen ihnen Boten hin und her gesandt, ob sie etwa zum Frieden bewogen werden könnten. Da aber keine Hoffnung war, Frieden und Eintracht wieder zu gewinnen und ein Theil seiner Menge nicht zu kämpfen wagte, und er auf keine Weise dem Sohn zu widerstehen vermochte, machte er sich in der Nacht mit einer kleinen Anzahl der Getreusten davon und kehrte unter großen Schwierigkeiten bei dem Ueberschreiten der Gebirge und Flüsse durch Böhmen und Sachsen nach Mainz zurück, um vielleicht wie früher den Flußübergang schützen zu können. Sogleich verfolgt der Sohn mit den Seinigen den Vater, kommt zu Speier an den Rhein, bestach den Speierischen Vogt und verschaffte sich am Abende aller Heiligen einen Vorath von Schiffen, und verhinderte durch eine Abtheilung Ritter, daß nicht jemand ihn angreifen könnte, während er den Fluß überschritt. Am Allerheiligentage aber erhob er den Abt von Hirschau zum Bischof von Speier. Wie nun dem Vater die Nachricht zukam, daß der Sohn zu Speier an den Rhein gekommen, brach er sogleich dorthin auf, noch in der Hoffnung ihm den Uebergang wehren zu können. Da hörte er zu seinem großen Schrecken, jener sei mit den Seinigen schon übergegangen, und indem er von  übergroßer Furcht ergriffen noch an demselben Tage umkehrte, kam er hungrig und gar ermüdet in Mainz an. Am andern Tage aber schickte er den Abt von Sanct Alban, Namens  Theoderich, nach Speier zu jenem und beschwor ihn bei Gott, daß er daran denken möchte, wie er sein Vater sei, und daß  er ihn doch nicht so hartnäckig vom Throne zu stoßen sich bemühen sollte. Jener weigerte sich darauf zu hören, aber das ließ er ihm zurücksagen, er möge schnell aus der Stadt sich  entfernen, um nicht von den Feinden überfallen zu werden. Darauf verließ der Kaiser schleunigst die Stadt und kam auf die Burg Hammerstein und verweilte daselbst einige Zeit. Der Sohn aber kam nach Mainz und schickte Boten nach Thüringen zum Bischofe und gab ihn mit Ruhm der heiligen Kirche wieder, von der er durch den Vater vertrieben worden war. Als nun der Vater sah, daß nach diesen Vorgängen eine Menge Fürsten aus dem ganzen Reiche nach Mainz zusammenströmte und daß auch die Boten des Papstes dabei sein sollten, und als er für gewiß erfuhr, daß der Sohn daselbst eine  allgemeine Besprechung abhalten wollte, dachte er auf irgend eine Weise ihren Willen vielleicht durchkreuzen zu können und schickte den Pfalzgrafen Sigefrid und den Grafen Willehelm, die durch  Geld gewonnen noch bei ihm aushielten, voraus, um wenn irgend möglich den angesetzten Reichstag des Sohnes zu hindern, und versprach ihnen, heimlich ihnen nachzukommen. Und als sie zum Walde, welcher San heißt, gelangt, den Sohn mit starkem Heere auf der andern Seite gefunden und ihm gar  nicht zu widerstehen vermocht hatten, machten sie sich mitten in der Nacht auf die Flucht. Er selbst aber kam, indem er sie verfolgte, nach Koblenz; daselbst fand er den Vater auf der andern Seite des Flusses. Und da sie beide dort zusammengetroffen waren, schickte der Vater Boten an den Sohn mit  Friedensanerbietungen. Der Sohn aber kam über den Fluß zum Vater, worauf dieser sich dem Sohne zu Füßen warf und ihn ermahnte, sich doch zu erinnern, daß er sein Sohn und sein Blut sei, wogegen der Sohn, indem er des Vaters Kniee  umfaßte, wieder bat, daß er dem Papste und dem ganzen Reiche  gehorchen möge; wolle er das nicht, so versicherte er, werde er den himmlischen Gott für seinen Vater halten und dem irdischen Vater sogleich auf der Stelle für immer entsagen. Aber es glückte ihm nicht, und als er dies und Aehnliches über den Zustand der Kirche und die Rettung der Seele jenes den  ganzen Tag über gepredigt, kehrten beide zur Abendzeit in ihre Quartiere zurück. Nun versuchte zwar der Vater, nachdem das Dunkel der Nacht eingebrochen, zu entfliehen, aber auf allen Seiten von den Feinden umgeben, vermochte er es nicht. Am Morgen aber nahmen sie den Vater mit sich, kamen zur Burg Bingen und übernächtigten daselbst, und am zweiten Tage führte der Sohn ihn, wie es schien, gegen seinen Willen auf  die Burg Bekelenheim und vertraute ihn am Weihnachtsabende der sorgfältigen Bewachung des Bischofs von Speier an. Ungebadet, ungeschoren und ohne irgend einen Gottesdienst ist er daselbst alle die heiligen Tage über geblieben. Und so kehrte der Sohn zur Weihnachtsfeier nach Mainz zurück.

[Als Kaiser Heinrich zu Lüttich weilte, hatte er einen  Traum, der wohl werth ist erzählt zu werden. Es schien ihm  nämlich, daß er in einem mit hohen Bäumen besetzten Garten  wandelte, und von den Bäumen stürzte einer, welcher der höchste  zu sein schien, zur Erde, fiel auf einen andern und riß ihn  mit sich zu Boden. Darauf fielen auch die andern Bäume  allmählich um. Dies wurde nachher durch den wirklichen  Verlauf der Dinge bestätigt. Denn nicht viel später war der  Kaiser acht Tage lang krank und starb am neunten Tage und  wurde in der Kirche des heiligen Lambert vor dem Altare  der heiligen Maria begraben. Am fünften Tage darnach starb  der Graf Theoderich von Embike in Aachen. Es starb der  Sachsenherzog Magnus und das Herzogthum wurde an Liutger  von Supelingeburg übergeben.]