Mohr Walter: Band II Seite 98-112
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"Geschichte des Herzogtums Lothringen"

Als das große politische Problem stellte sich jedoch für den Herzog von Nieder-Lothringen sein Verhältnis zum Grafen vom Hennegau, dessen Graf Balduin V. besaß die Aussicht, durch die Beerbung seines Oheims, des Grafen Heinrich von Namur, seine Herrschaft nach Osten hin bedeutend zu erweitern. Der Graf von Namur war in erster und in zweiter Ehe ohne Nachkommenschaft geblieben. Seine zweite Gemahlin, Laurette, Tochter des Grafen Dietrich von Flandern, verließ ihn im März 1163, ohne dass wir die Gründe hierfür ersehen können. In dem von Papst Alexander III. eröffneten Verfahren darüber, das dem Erzbischof von Köln übertragen wurde, scheint Laurette bezüglich einer Scheidung Recht erhalten zu haben, denn sie trat dann in das Kloster Forest ein. Graf Heinrich hat das Haus HENNEGAU als seinen Erben eingesetzt. Im Jahre 1168 ging er indes eine neue Ehe ein mit Agnes, der Tochter des Grafen von Geldern, der seinerseits die Pfandsumme zahlen sollte, für die die dem Grafen von Namur gehörende Stadt Maastricht dem Kaiser verpfändet war. Da man in Geldern sich jedoch nicht an die eingegangenen Verpflichtungen hielt, sandte Graf Heinrich nach vier Jahren seine Gemahlin zurück. Inzwischen hatte aber die Einsetzung des Hauses HENNEGAU als Erben Ansprüche von anderer Seite bewirkt. Das geschah in erster Linie durch Herzog Berthold von Zähringen, der bereits im Jahre 1171 mit dem Trierer Erzbischof Absprachen über einige von diesem abhängige Namursche Lehen traf. An sich stand das allerdings den Abmachungen mit dem Hennegau nicht entgegen, denn diese betrafen nur die Allodien, während es hier um Lehen ging, und so wurden diese Abmachungen auch vom Grafen von Namur bestätigt. Im übrigen blieb zwischen Namur und Hennegau ein gutes Einverständnis bestehen.
Im Jahre 1182 erkrankte Graf Heinrich und erblindete auch auf seinem zweiten Auge, nachdem er bereits seit längerer Zeit das eine verloren hatte. Darauf kam sein Neffe vom Hennegau an seinen Hof, um die alten Abmachungen zu erneuern, und jetzt scheint Heinrich daran gedacht zu haben, auch seine Lehen dem Hause HENNEGAU zukommen zu lassen, denn zu dieser Zeit nahm Balduin Bemühungen auf, um ein solches Erbe vom Kaiser als Lehensherrn anerkannt zu erhalten. Und ebenso versuchte er sich mit dem Hause ZÄHRINGEN zu verständigen, indem er mit dem Lütticher Bischof Rudolf von Zähringen ein Abkommen schloss, das ihm das Namursche Erbe sichern sollte. Im März 1184 begab sich Balduin dann an den Hof König HEINRICHS in Hagenau und erhielt dessen Zusage für die Erbschaft in Namur. Jetzt erklärte Graf Heinrich ihn öffentlich zum Erben auch seiner Lehen, und ein großer Teil der Vasallen leistete ihm bereits als künftigen Erben die Huldigung. Diese Aussicht war für den Herzog von Nieder-Lothringen umso bedrohlicher, als dazu noch der Sohn Balduins die Anwartschaft auf das Erbe in Flandern besaß. Für Gottfried drohte hier also eine Umklammerung seines eigenen Gebietes im Süden und im Westen durch einen Machtkomplex, gegenüber dem er sich nicht mehr werde durchsetzen können.
Indes blieb die Koalition zwischen Herzog Gottfried, dem Grafen von Flandern und dem Erzbischof von Köln bestehen, sie besaß ja den eigentlichen Zweck, die Nachfolge des Grafen vom Hennegau in Namur zu verhindern. Vielleicht ist der von Gottfried weiter geführte Titel Herzog und Markgraf von Lothringen auch ein Ausdruck des Widerstandes gegen das Streben des Grafen vom Hennegau nach der Markgrafschaft gewesen. Die verbündeten Fürsten brachten dann den Grafen von Namur dazu, sich mit seiner verstoßenen Gemahlin Agnes von Geldern auszusöhnen. Die letzten Spekulationen gingen dabei auch in Erfüllung: im Juli 1186 wurde dem Grafen Heinrich eine Tochter, Ermesinde, geboren. Damit trat die Frage in ein neues Stadium, denn das ganze Trachten des Grafen ging jetzt darauf hinaus, sein Erbe seiner Tochter zu übermachen und ihr einen Gemahl zu finden, der ihr diese Erbfolge sichern konnte. Diese Persönlichkeit glaubte er im Grafen Heinrich von der Champagne zu finden, dem er im März 1187 seine Tochter verlobte. Der Entschluss war allerdings sehr problematisch, es stand zu erwarten, dass der Kaiser eine Nachfolge des Grafen von der Champagne in den Reichslehen nicht zulassen werde, und außerdem hatte dieser bereits der Tochter des Grafen vom Hennegau, Yolande, die Ehe versprochen. Dieser wandte sich denn auch sofort an Kaiser FRIEDRICH, der seinerseits feierlich versicherte, nach dem Tode des Grafen von Namur werde er die Reichslehen nur an Balduin übertragen und auch nicht dulden, dass im Allodialbesitz jemand aus Frankreich nachfolge. Inzwischen kam der Graf von der Champagne nach Namur und erhielt dort bereits die Huldigung der Vasallen. Auch Balduin war in Namur erschienen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Er wandte sich nochmals mit einer Gesandtschaft an den Kaiser, der auf dem Reichstage zu Worms im August 1187 seine Zusagen von zuvor erneuerte.
In Mouzon hat denn auch der Graf von der Champagne durch seine Verwandten, den Erzbischof von Reims, den Grafen von Blois und den Herzog von Burgund, den Kaiser in der Frage von Namur bearbeiten lassen. Auf welche Weise auch der französische König in die Gespräche einbezogen wurde, lässt sich aus dem Bericht Gisleberts nicht ersehen, doch scheint das durch den Grafen von der Champagne geschehen zu sein. Jedenfalls dürfte er ausweichend geantwortet haben, denn diese Haltung war womöglich für den Kaiser ausschlaggebend bei einer auf der Rückreise in Virton erfolgenden Vorsprache des Grafen Balduin, um eine Erneuerung der Abmachungen über Namur zu erhalten, ihm zu erklären, er werde ohne vorherige Rücksprache mit seinem Sohne, König HEINRICH, keine neuen Beschlüsse in dieser Sache fassen.
Balduin behielt eifrig das Ziel einer Erwerbung der Grafschaft Namur im Auge. Auf Seiten der Reichsgewalt war die Lage dabei für ihn günstig. Die Feindschaft der niederrheinischen Fürsten, vor allem des Erzbischofs von Köln, war für den Kaiser Anlass, gerade in diesem Raum eine Stütze für seine Politik zu suchen. Diese Lage zeigte sich besonders deutlich, als König HEINRICH die Nieder-Lothringer zu sich nach Koblenz beschied, um festzustellen, wer ihm gegen den Erzbischof helfen wolle. Er fand dazu keinen bereit. Graf Balduin konnte also bei dieser Stimmung Geneigtheit für seine eigenen Wünsche finden und begab sich im April 1188 an den Hof des Königs. Dieser stellte nach Rücksprache mit seinem Vater am 16. Mai in Seligenstadt ein Diplom aus, in dem er versprach, nach dem Tode des Grafen von Namur dessen Reichslehen an Balduin zu übertragen. Von der Errichtung einer Markgrafschaft ist allerdings in diesem Schriftstück nicht die Rede. Es ist indes nicht zu ersehen, ob dieses Diplom vom Kaiser bestätigt wurde, obwohl uns Gislebert dessen Zustimmung eigens versichert.
Mit diesem Erfolg begab sich Balduin nach Namur, wo sein Oheim ihn jetzt in Gegenwart einer Anzahl Vasallen als seinen einzigen Erben anerkannte. Er übertrug ihm sogar die Verwaltung seiner Lande und versprach, die Verbindung zur Champagne abzubrechen und seine Tochter Ermesinde zurückzuverlangen, die bereits an den dortigen Hof gebracht worden war. Einige seiner Vasallen leisteten Balduin die Huldigung. Allerdings ist es problematisch, inwieweit Graf Heinrich diese Abmachungen ehrlich gemeint hat, auch dürfte der Bericht Gisleberts, den wir allein über diese Angelegenheit besitzen, nicht in allen Punkten stimmen. Balduin hat in der Folge bei seiner Verwaltung der Grafschaft Namur Widerstände im Lande gefunden, worauf sein Oheim wieder mit dem Grafen von der Champagne anknüpfte. Die Stimmung verschlechterte sich immer mehr, es kam schließlich zum Bruch. Balduin eroberte die Stadt Namur, daran anschließende neue Vereinbarungen wurden nicht eingehalten. Er befand sich jetzt in einer reichlich isolierten Stellung. Es gelang ihm zwar eine Annäherung an Herzog Gottfried von Nieder-Lothringen, doch blieb das von zweifelhaftem Wert. In seiner Not wandte er sich wieder an den Grafen von Flandern, musste aber hier erneut die alte Forderung auf Verzicht des Bündnisses mit Frankreich hören, wozu er sich nicht entschließen konnte. Aber auch die Unterstützung des französischen Königs fehlte ihm, der jetzt auf der Seite des Grafen von der Champagne stand.
So blieb ihm schließlich nur der Gedanke an eine Unterstützung durch den Kaiser übrig. Er fertigte im September 1188 eine Gesandtschaft an König HEINRICH ab, der als Antwort ihn aufforderte, persönlich nach Altenburg zum Kaiser zu kommen, um dort die ganze Angelegenheit zu regeln. Balduin fühlte sich indes sehr unsicher, noch vor der Rückkehr seiner Gesandtschaft hat er sich auch noch an den französischen König gewandt, doch blieb dieser fest auf Seiten des Grafen von der Champagne stehen. Allerdings kam es noch nicht zu militärischen Aktionen, vielmehr versuchte der Graf von der Champagne zunächst auf diplomatischem Wege noch mehr Boden zu gewinnen. Er begab sich zum Grafen von Namur, den er dazu bestimmen konnte, durch einen besonderen Vorschlag Herzog Gottfried von Nieder-Lothringen auf seine Seite zu ziehen. Des Herzogs Sohn Heinrich wurde angeboten, das links von Sambre und Maas gelegene Gebiet der Grafschaft Namur als Pfand für eine Geldanleihe zu übernehmen. Der Handel wurde abgeschlossen, der junge Heinrich besetzte sofort das Gebiet und richtete es zur Verteidigung gegen den Grafen vom Hennegau ein, wodurch die Verbindung zwischen dem Hennegau und der in Balduins Besitz befindlichen Stadt Namur gefährdet wurde.
Die Lage war damit für diesen so bedrohlich geworden, dass er es nicht für geraten hielt, sich persönlich zu dem in Altenburg vereinbarten Treffen zu begeben, er fertigte vielmehr eine Gesandtschaft ab. Inzwischen hatte der Graf von der Champagne den Bischof von Toul an den kaiserlichen Hof geschickt, um dort durch finanzielle Versprechungen wenigstens eine neutrale Haltung zu bewirken. Indessen konnten auch Balduins Gesandte solche Angebote machen, aber mehr noch als das wird wohl am kaiserlichen Hofe die Erkenntnis gewirkt haben, dass es völlig unerwünscht war, wenn die Grafschaft Namur in die Hände eines Vasallen des französischen Königs geriete. Die Hennegauische Gesandtschaft erreichte demgemäss sehr konkrete Zusagen: Balduin solle persönlich an den Hof König HEINRICHS kommen, wo ihm alle Namurschen Lehen unter dem Titel eines Markgrafen von Namur und damit eines Reichsfürsten übertragen würden. Dem Grafen gelang es dann, mit dem Herzog von Nieder-Lothringen und dem Grafen von Namur einen Waffenstillstand zu erreichen, so dass er sich im Dezember 1188 nach Worms an den Hof König HEINRICHS begeben konnte, wobei er bis Vise an der Maas durch Herzog Gottfried geleitet wurde. Bei den Wormser Verhandlungen bildete der König aus allen, vom Reich abhängigen Gebieten der Grafschaft Namur ein Fürstentum, das die Benennung Markgrafschaft erhielt, und sie wurde als Lehen dem Grafen Balduin übertragen. Die Anordnungen sollten allerdings noch geheimgehalten werden bis zum Tode des Grafen von Namur, oder bis zu einer eventuellen Ubereinkunft zwischen ihm und Balduin.
König HEINRICH fasste außerdem den Entschluss, selbst eine Regelung der Angelegenheiten in den Niederlanden durchzuführen, und sagte deshalb für den 13. Januar 1189 in Lüttich einen Hoftag an, zu dem der Graf von Namur geladen wurde. Zusammen mit dem Grafen Balduin begab sich der König dorthin. Neben dem Grafen von Namur erschien auch der junge Herzog Heinrich von Nieder-Lothringen. Des Königs Bemühungen um einen Ausgleich zwischen den Grafen von Hennegau und Namur blieben indes erfolglos. Von vorneherein besser scheinen dagegen die Aussichten für eine Einigung mit dem jungen Heinrich gestanden zu haben. Während der König dem Grafen von Namur die Abreise gestattete, nahm er Heinrich und Balduin mit sich nach Maastricht und anschließend nach Kaiserwerth. Hier kam es schließlich zu einem Abkommen, Heinrich gab die Gebiete, die er als Pfand vom Grafen von Namur erhalten hatte, gegen eine geringere Summe an Balduin, der ihm dafür noch zwei Ortschaften abtrat. Balduin versprach ihm außerdem Unterstützung gegen alle, außer gegen den Kaiser, den Bischof von Lüttich und den Grafen von Flandern. Das Ganze wurde durch König HEINRICH bekräftigt. Da die Abmachungen durchaus günstig für den Grafen vom Hennegau ausgefallen waren, war wohl der junge Heinrich nur einem Druck des Königs gewichen. Er beriet sich in der Folge darüber mit dem Grafen von Flandern und weigerte sich, die getroffenen Abmachungen durchzuführen und zu einem mit Balduin vorgesehenen Treffen zu deren Bekräftigung zu erscheinen. Allerdings musste dieser das hinnehmen, denn er stand unter der fortwährenden Drohung einer neuen Aktion des Grafen von der Champagne. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als mit Nieder-Lothringen und Namur Waffenstillstand zu schließen, obwohl sich daraus für ihn keine zufriedenstellenden Verhältnisse ergaben.
Für den Grafen Balduin war die Situation indes nicht einfach, denn jetzt begann eine Aktion des Grafen von der Champagne gegen ihn. Ob hierzu Absprachen zwischen diesem und Herzog Heinrich getroffen worden waren, lässt sich nicht ersehen, eine Andeutung Gisleberts von Mons könnte es als möglich erscheinen lassen. Der Graf vom Hennegau wurde nur dadurch gerettet, dass der Graf von der Champagne seine begonnene Aktion nicht durchführte. Herzog Heinrich allein scheint nicht stark genug gewesen zu sein, um etwas gegen die HENNEGAUER ausrichten zu können. Es setzte jetzt eine Vermittlungsaktion des Grafen Philipp von Flandern ein, der Balduin und Heinrich im Juli 1189 nach Ypern berief und sie dort zum Abschluss eines Waffenstillstandes bis zum 8. September bewog. Auch der französische König bemühte sich um eine Friedensvermittlung. Zu einer Besprechung in Pontoise, zu der der Graf vom Hennegau persönlich erschien, kamen von Seiten des Grafen von der Champagne indes nur Bevollmächtigte. Der König schlug eine für Balduin sehr ungünstige Teilung des Namurschen Erbes vor, die dieser annahm in der Hoffnung allerdings, sie werde durch König HEINRICH VI. abgelehnt werden, an dessen Zustimmung er seine Annahme knüpfte. Das ist denn auch eingetreten, der deutsche König wies die Übertragung auch nur irgendeines Teiles der Grafschaft Namur an den Grafen von der Champagne zurück. Balduin wollte darauf seine Sache einer Vereinbarung des deutschen und des französischen Königs anheim stellen. Indessen hatte auf der andern Seite der Graf von der Champagne den französischen Vorschlag bereits rundweg abgelehnt.
Nach dem Ablauf des Waffenstillstandsabkommens zwischen dem Grafen Balduin und Herzog Heinrich im September 1189 stand demnach eine größere militärische Aktion zu erwarten, denn der Herzog sprach sich mit dem Grafen von der Champagne zu einem gemeinsamen Handeln ab, aber wiederum gab dieser seine Aktion auf. Inzwischen hatte Philipp von Flandern wieder eine Vermittlungsaktion aufgenommen und brachte im Oktober eine Besprechung zwischen Balduin und Herzog Heinrich zustande, an der auch der Erzbischof von Köln teilnahm. Man kam dabei zu einer Erneuerung der Abmachungen, die ehedem zu Kaiserswerth unter Vermittlung des deutschen Königs zustande gekommen waren, so dass Heinrich die in Namur erworbenen Gebiete an Balduin abtrat. Indes gingen die Kämpfe zwischen Balduin und dem Grafen von Namur weiter. Schließlich brachte im Juli 1190 Erzbischof Philipp von Köln auch hier eine Übereinkunft zustande. Balduin wurden Namur und die befestigten Plätze des Landes zugesprochen, während der Graf Heinrich von Namur nur noch die Grafschaften Laroche und Durbuy und die unbefestigten Orte behielt, doch wurde Balduin bereits die Lehenshuldigung im ganze Lande zugestanden. Auch zwischen Herzog Heinrich und dem Grafen von Loon wurde unter Kölner Vermittlung eine Vereinbarung getroffen, wonach der Graf die Vogtei von St. Truiden gegen Zahlung einer Pfandsumme an Heinrich behielt.