Renn, Heinz: Seite 140-146
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"Das erste Luxemburger Grafenhaus"

Die Gesta Treverorum bezeichnen Konrad als Sohn Giselberts von Luchenburg: "Giselbertus quidam, comes de castello Lucenburc nominato cum filio suo Cuonrado". Die Bestätigung dieser Nachricht gibt der Genealoge von Trois-Fontaines: "Gislebertus comes de Lucelenburch, pater comitis Conradi". Im Triumophus sancti Remacli wird Konrad Neffe Herzog Friedrichs von Nieder-Lothringen genannt.
Konrad ist zweimal verheiratet gewesen. Von seiner ersten Gemahlin namens Ermesinde macht uns Alberich Mitteilung: "Quedam autem nobilis comitissa de Longui et de Castris, Ermensindis nomine, Conrado comiti de Luscelenburch peperit comitem Guilelmum de Lusculenburg ... et Ermensendem comitissam Namurcensem uxorem comitis Godefridi et Mathildem comitissam de Longui et de Hombiore et de Castris." Die Gemahlin Konrads wird also Gräfin von Longich und Blieskastel genannt. Schon Vanderkindere weist nach, daß Blieskastel zu jener Zeit in anderen Händen war und daß ein Versehen des Schreibers vorliegen müsse. Der Mönch von Trois-Fontaines hat hier falsche Schlüsse gezogen. Mathilde, die Tochter der Ermesinde, die er als Gräfin von Longich, Homburg und Blieskastel bezeichnet, bringt letzeres nämlich nicht mit in die Ehe, sondern sie heiratet Godfrid von Blieskastel. Folglich kann ihre Mutter Ermesinde diese Grafschaft nicht besessen haben. Während der Brüsseler Historiker diesen Fehler Alberichs erkennt, hält er andererseits an ihrer Herkunft aus Longich fest. Um diese Abstammung zu beweisen, ergeht er sich in nicht haltbaren Schlüssen, die vor ihm schon Witte ausgesprochen hat. Der Tatbestand ist kurz folgender: Von 973 bis 1026 ist ein Graf Liuthard in der Gegend von Longich festzustellen. Wahrscheinlich handelt es sich um Vater und Sohn. Von Alberich erhält Liuthard den Beinamen "de Longui". Er hinterläßt einen Sohn Manegaud, der bis 1040 lebt und mit dem das Geschlecht ausstirbt. Hier setzt Vanderkindere ein. Nach ihm geht die Grafschaft jetzt an eine Seitenlinie über, an den oberlothringischen Herzog Adalbert, den Sohn Adalberts und Judith. Als Beweis kann er nur anführen, daß Adalbert einmal von Laurentius von Lüttich, der um 1144 schreibt "de Longui castro" genannt wird. Seine Schlußfolgerung lautet jetzt: "Il est permis de croire, qu'Ermesinde, femme de Conrad de Luxembourgm etait la fille du duc Adalert". Diese Ansicht hat sich seitdem durchgesetzt. Ad. Fabri macht nur insofern eine Einschränkung, als er Ermesinde für eine Enkelin des Herzogs hält.
Ich kann mich dieser Auffassung aus folgenden Gründen nicht anschließen:
a) Die einmalige Erwähnung des Herzogs Adalbert als "comes de Longui castro" kann nicht genügen, ihn als Vater oder Großvater unserer Ermesinde hinzustellen.
b) Longui castrum bedeutet gar nicht Longich, sondern Longcastre = Longchatel = Longchateau, wie schon Louis Schaudel nachgewiesen hat. Dagegen steht die Etymologie für Longich als Longus vicus fest.
c) Nahe verwandtschaftliche Zusammenhänge des Hauses OBER-LOTHRINGEN mit den LUXEMBURGERN sprechen gegen die Verbindung Konrads mit Ermesinde, der Tochter des Herzogs.
d) Wir haben einen urkundlichen Beleg, in dem eindeutig bereits Giselbert als Graf von Longich bezeichnet wird. Demnach hat Konrad diese Grafschaft durch väterliches Erbe erhalten und nicht durch die Heirat mit der Ermesinde.
Jetzt erhebt sich für uns die Frage, wie Giselbert zu dem Besitz von Longich kommt. Nach Vanderkinderes Ansicht soll die Grafschaft auf eine Seitenlinie der Familie Liuthards übergegangen sein, nämlich auf das Oberlothringische Herzogshaus. Diesen Grafen greifen wir auf, wenden ihn aber auf Luxemburg an; denn für die Verwandtschaft Liuthards mit Giselbert haben wir tatsächlich sicheres Zeugnis. Beide werden "nepotes" Kaiser KONRADS II. genannt: "Eiusdem Conradi fuerunt nepotes comes Letardus de Longui, pater Manegaudi et Giselertus, comes de Luscelenburch, pater comitis Conradi".
Die nahe Verbindung zwischen beiden Häusern zeigt auch die Tatsache, daß Graf Giselbert dem Leichenbegräbnis Liuthards beiwohnt. Somit haben wir den Schlüssel für die Übernahme Longichs durch Luxemburg gefunden.
Wir wollen uns noch fragen, worauf die Verwandtschaft zwischen beiden Häusern beruht. Die Richtung zeigt uns jener Hinweis, nach dem Giselbert und Liuthard "nepotes" Kaiser KONRADS genannt werden. Den LUXEMBURGER Giselbert knüpfen durch seine Mutter aus Gleiberger Lande Bande des Blutes an das Herrscherhaus und zwar durch die Mutter des Kaisers, Adelheid. Die Verwandtschaft mit Liuthard, der auch sonst "imperatoris Conradi nepos et consanguineus" genannt wird, ist also auch über Adelheid zu suchen. Eine Urkunde HEINRICHS III. aus dem Jahre 1046 bestätigt diese Ansicht. Der Kaiser schenkt hier dem Domstift zu Speyer Besitz in Lockweiler bei Merzig, das er "ex avia nostra domina Adelheit iure hereditario" erhalten habe. Aus dem Tauschakt von 973 geht nun hervor, daß Dorf und Kirche Lockweiler im Besitze Liuthards von Longich gewesen sind.
Nachdem wir den Zusammenhang der Ermesinde mit dem oberlothringischen Hause verneint haben, ergibt sich für uns die Aufgabe, ihre Herkunft anderwärtig abzuleiten.
Eine Urkunde aus dem Jahre 1088 bezeichnet Konrad als Schwiegersohn (gener) des Grafen von Poitou. Folglich muß er eine Tochter aus diesem Hause geheiratet haben. Die Familienverhältnisse liegen ziemlich klar vor, da die Grafen als Herzöge von Aquitanien und Poitou eine wichtige Rolle spielen. Wilhelm von Aquitanien und Poitou ist zeitweise die Seele der Opposition gegen den aufkommenden König KONRAD II., zumal er durch seine 3. Gemahlin Agnes, der Tochter des Grafen Otto Wilhelm von Burgund, ein Vetter Odos von Champagne ist. Dieser Verbindung entstammen zwei Söhne, Wilhelm Peter und Guido Godfrid, dann eine Tochter Agnes, die spätere Gemahlin Kaiser HEINRICHS III. Wilhelm Peter, der von 1039-1058 das Herzogtum und die Grafschaft Poitou innehatte, ist mit einer Frau verheiratet, die in den Urkunden unter dem Namen Hermensendis, Herminsindis und Ermensindis vorkommt. Der Übergang des Herzogsamtes nach dem Tode Wilhelm Peters an seinen Bruder Guido Godfrid (1058-1086) ließ allgemein die Annahme entstehen, Wilhelm Peter und Ermesinde seien kinderlos gestorben. Unsere Urkundenstelle verleitet uns dazu, eine Tochter Ermesinde, benannt nach der Mutter, als Gemahlin Konrads von Luxemburg anzunehmen. Da Wilhelm von Aquitanien seine dritte Gemahlin Agnes um 1018 heimgeführt hat, paßt die Chronologie ausgezeichnet. Deren Enkelin Ermesinde kann also um 1065 im heiratsfähigen Alter gewesen sein. Um diese Zeit dürfen wir wohl Konrads Eheschließung annehmen. Da er unter Erzbischof Eberhard (+ 1066), wahrscheinlich 1059, auf  Trier einen Überfall gemacht hat, wird er kaum nach 1040 geboren sein.
Obige Annahme der Herkunft der Ermesinde ist keine völlig gesicherte Tatsache, aber an der Abstammung der Luxemburger Gräfin aus dem Hause POITOU besteht kein Zweifel. Neben dem urkundlichen Beleg weisen auch die Namen Wilhelm und Ermesinde, die jetzt in der luxemburgischen Familie Eingang finden, auf das Fürstengeschlecht in Aquitanien hin. Diese Beziehung erklärt auch die Bezeichnung, die Albertus Aquensis auf Konrads Sohn Adalbero, den Archidiakon von Metz anwendet: "iuvenem nobilissimum de regio sanguine et proximum Henrici tertii Romanorum augusti" (= HEINRICH IV.). Dieser nahe Verwandte Kaiser HEINRICHS IV. kann Adalbero nur durch seine Mutter Ermesinde sein. Diese wäre als Tochter Wilhelm Peters von Aquitanien-Poitou, die Base HEINRICHS IV. Bereits Bertels erkannte den innigen Zusammenhang Konrads mit dem Kaiserhaus und machte die Luxemburger Gräfin zur Tochter HEINRICHS IV. Ihm ist Brower in: Metropolis ecclesia Trevericae gefolgt.
Ermesinde von Luxemburg ist vor 1083 gestorben; denn in der Stiftungsurkunde unserer Lieben Frau in Luxemburg aus diesem Jahre nennt Konrad seine Gemahlin selbst Klementia: "Haec acta sunt annuente uxore mea Clementia cum filiis et filiabus nostris". Die Inschrift auf dem Epitaph Konrads bestätigt diesen Namen: "Comes Cuonradus ... hic fuit repositus praesente coniuge sua Clementia". Sie hat ihren Gemahl also überlebt. Nach dem Tode Ermesindes muß demnach der Graf eine zweite Ehe geschlossen haben. Es ergibt sich die Frage, ob Konrads zweite Gemahlin mit jener "Klementia comitissa de Glizberg" gleichzusetzen ist, die 1129 das Kloster Schiffenberg gründet und es reichlich ausstattet. Die Stiftung geschieht unter Zustimmung ihres Sohnes Wilhelm und ihrer Tochter Ermesinde. Diese Angaben passen vorzüglich für unser Luxemburger Grafenhaus. Klementia bedarf der Einwilligung dieser Kinder, weil das Gelände der Klostergründung von ihrem Gemahl Konrad stammt, dem der Wiesecker Wald nordöstlich von Gießen als Gleiberger Erbteil zugefallen ist. Konrads Bruder Hermann wird nach Gleiberg genannt, somit hat ihr Vater Giselbert nachweislich an dieser Herrschaft Anteil gehabt. Vanderkinderes Ansicht, Klementia stamme aus Gleiberg, ist also von vornherein abzulehnen. Allein schon verwandtschaftliche Zusammenhänge lassen diesen Schluß nicht zu. Die Schenkung der Klementia geschieht: "per manum Gerhardi mariti sui comitis de Gelre." Folglich hat die Luxemburger Gräfin in zweiter Ehe Gerhard von Geldern (1085-1117) geheiratet. Stutzig machen kann uns allerdings die Zeitspanne; die Stiftung auf dem Schiffenberg erfolgt nämlich 43 Jahre nach dem Tode Konrads von Luxemburg. Aber wenn Klementia nicht lange vor 1083, wann sie zuerst als Gemahlin Konrads erwähnt wird, den LUXEMBURGER geheiratet hat, bietet auch dies keine Schwierigkeit. Über die Herkunft Klementias vermag ich nichts Näheres anzugeben. Der Name kommt vor in Ober-Lothringen und Burgund.
Einen Sohn Wilhelm und zwei Töchter namens Ermesinde und Mathilde hat uns Alberich bereits genannt. Vier weitere Söhne erwähnt die Grabinschrift Konrads in der Münsterabtei zu Luxemburg: "Comes Conradus ... fuit repositus praesente coniuge sua Clementia, per manum filiorum suorum Adelberonis primicerii Metensis, Henrico comitis, Conradique comitis; praesente Rodolpho abbate filio comitis, quem ipse provisorem et ordinatorem huius loci statuerat". Bei der Beisetzung des Vaters ist Graf Wilhelm aus irgendeinem Grund nicht zugegen; vielleicht haben ihn kriegerische Ereignisse abberufen. Entgegen dem Zeugnis von Alberich halten Vanderkindere und mit ihm die einschlägige Literatur Wilhelm und dann auch die übrigen Söhne Konrads für Kinder aus der zweiten Ehe mit der Klementia. Man läßt neben Mathilde nur Ermesinde als leibliche Tochter der gleichnamigen Mutter gelten, weil sie Longich, also die angebliche Mitgift der Mutter, erhält. Dieser Schluß ist nicht zwingend, da doch alle Kinder irgendein Erbteil erhalten. In diesem Falle ist aber auch die Voraussetzung falsch, weil Ermesinde gar nicht aus Longich stammt. Dazu wird Wilhelm ausdrücklich Sohn der Ermesinde genannt. Wilhelm nennt Klementia zwar "mater mea", doch diese Bezeichnung kann genau so gut auf die Stiefmutter angewandt werden. Zu beachten ist, daß Alberich die Klementia gar nicht erwähnt, obschon von ihr mehr Nachrichten vorhanden sind als von Ermesinde. Vielleicht hat er sie in seinen genealogischen Unersuchungen nicht aufgenommen, weil sie Konrad keine Nachkommen hinterlassen hat [33 Schötter (Seite 50f.) hält Ermesinde und Klementia für ein und dieselbe Person. Er meint: "Konrads Gemahlin habe nach damaliger Sitte zwei Namen geführt." E. Brandenburg (Seite 97, nr. 37) nimmt auch nur eine Gemahlin an. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen.].
Wenn wir Wilhelm als Sohn der Ermesinde ansprechen, müssen wir für seine Brüder dasselbe annehmen; denn sie sind offenbar älter als jener. Da Wilhelm seinem Bruder Heinrich in der Grafschaft folgt, muß er der Jüngere sein. Ferner wird Adalbero auf der Grabschrift des Vaters vor Heinrich aufgezählt und in einer Urkunde aus dem Jahre 1080 [34 "Ego Conradus cum uxore mea Clementia, annuentibus filius meis Henrico Conrado et Wilhelmo." Bertholet, III, pr. 35.] Konrad vor Wilhelm, folglich sind wohl Adalbero und Konrad älter als Wilhelm. Die Grabaufschrift, die 1080 beigelegt wurde, erwähnt Konrads Sohn Rudolf als Abt. Als solcher zählt er damals immerhin 20 Jahre und ist demnach mindestens 1068 geboren, also zu einer Zeit, in der Konrad sicher noch mit Ermesinde verheiratet ist [36 Aus diesem Grunde irrt wohl auch Brandenburg (Seite 97, nr. 37), wenn er die Ehe zwischen Konrad und seiner Gemahlin um 1075 ansetzt. Da er nur eine Heirat annimmt und die 1129 gestorbene Klementia von Gleiberg für die Mutter der Luxemburger Kinder hält, erschließt er ihr Geburtsdatum um 1055/60 und bestimmt demnach das Heiratsdatum.]. Die nachweisbaren Töchter Konrads, Ermesinde und Mathilde, werden von keinem Forscher der Klementia zugesprochen. Damit ist Ermesinde als Mutter aller sieben nachweisbaren Kinder anzusehen.
Von Konrad wissen wir nichts Näheres; wahrscheinlich ist er früh gestorben. Rudolf wird von allen mit dem gleichnamigen Abt von St. Vanne identifiziert. Obschon zwischen Luxemburg und diesem Kloster enge Beziehungen bestanden, kann ich mich zu dieser Gleichsetzung nicht bekennen. Der Abt von St.Vanne wird nämlich nirgendwo als LUXEMBURGER bezeichnet. Ferner sprechen wichtige zeitliche Bedenken dagegen. Bereits 1075 wird Rudolf, der vorher die Priorwürde in St. Agericus, jetzt Saint Airy, in der Diözese Verdun bekleidet hat, in St. Vanne eingesetzt. Schätzen wir sein Alter auf 25-30 Jahre, so errechnet sich seine Geburt auf die Jahre 1045-1050. Die Heirat zwischen Konrad und Ermesinde können wir jedoch für diese Zeit noch nicht ansetzen. Einige Tatsachen aus dem Leben ihrer Kinder führen zu demselben Schluß. Mathilde heiratet um 1087, Ermesinde schenkt ihrem 2. Gemahl noch nach 1111 fünf Kinder und stirbt 1141. Adalbero, der älter ist als seine Brüder Heinrich, Konrad und Wilhelm, wird im Jahre 1097 "iuvenis" genannt. Der Abt von St. Vanne kann kein Sohn Konrads und der Ermesinde gewesen sein.