Thietmar von Merseburg: Seite 56,94,206,228
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Chronik."

Buch II

Kapitel 14
 
Der Kaiser aber, als er die Trauerkunde vom Tode seiner Mutter, seines Sohnes und der übrigen Großen erhielt, beweinte in tiefem Schmerze den unersetzlichen Verlust, den das ganze Reich erlitten hatte. Zudem bedrängte ihn auch die Furcht vor dem nahen Tode, und darum war er bemüht, was er einst Gott in der Noth gelobt hatte, nun zu rechter Zeit zu erfüllen. Er befahl dem Hilliward, der damals noch Propst, von der gesammten Geistlichkeit und Gemeinde von Halberstadt zum Bischof erwählt und als solcher von seinem Vorgesetzten Bernhard vorherbezeichnet war, nach Rom zu reisen. Diesem eröffnete er nun ein vorher lange verborgen gehaltenes Geheimniß seines Herzens, nämlich er habe schon immer in Magdeburg ein Erzbisthum zu stiften gewünscht, in Erwartung ewiger Vergeltung und zum Schutze des gemeinsamen Vaterlandes, und erklärte sich nun gegen Hilliward zur Erfüllung jeglicher Wünsche bereit, wenn er darauf  eingehen würde, ihm dieses Verlangen auszuführen. Dieser nun, weise wie er war, genehmigte die fromme Bitte, und trat Gott, dem heiligen Mauritius und dem Kaiser den Theil seines Pfarrgebiets ab, der zwischen den Flüssen Ara [Ohre], Elbe und Bada [Bode] liegt, und außerdem die sogenannte Friedrichstraße. Dann trat er auch noch auf herzliches Bitten des großen Kaisers Gott und dem heiligen Laurentius den Sprengel ab, welcher zwischen den Flüssen Willerbizi [Wildbach], Salza [Salzsee], Sale, Unstred [Unstrut], Helmana [Helme] und dem Graben bei Valeshusun [Wallhausen] liegt. Hocherfreut über ein solches Geschenk, ergriff ihn der Kaiser bei der Hand, und indem er ihm mit dem Hirtenstab die Bischofswürde übertrug, sagte er: "Empfange hiermit das
Wergeld deines Vaters!" Denn diesen, Namens Erich, hatte Otto nebst dem Bacco, Hermann, Reinward, Wirin, Eserich und den übrigen, die ihn zu Quedlinburg am Osterfeste zu ermorden versucht hatten, enthaupten lassen. Auch meinen Großvater Liuthar, der an demselben Plane Theil genommen hatte, wollte der Kaiser damals hinrichten lassen, allein auf den Rath vertrauter Fürsten schickte er ihn als Gefangenen nach Baiern zum Grafen Bertold [94 Graf im bayerischen Nordgau, Radenzgau und Volkfeld,
15. Januar 980, Stammvater der Grafen von Schweinfurt, Bruder Leopolds I. von Österreich, BABENBERGER.], sein ganzes Vermögen aber ließ er einziehen und weit und breit vertheilen. Erst nach Verlauf eines ganzen Jahres erlangte Liuthar die Gnade des Königs und alles Seinige wieder, und bekam dazu noch eine große Geldsumme und ein Gut zwischen Sonterslevo und Bodenswege [Gutenswegen]. Doch wieder zur Sache.
 
Der Kaiser berief zu sich den Richarius, den dritten Abt der Kirche von Magdeburg - Anno und Otwin, damals Bischöfe [von Worms und Hildesheim] waren ihm vorhergegangen - in der Absicht, ihn mit der erzbischöflichen Würde zu bekleiden. Als er aber einen gewissen, ihm heimlich überbrachten Brief gelesen hatte, unterließ er dieses, und beförderte zur Höhe des Erzbisthums nach apostolischem Rechte am 18. October im Jahre 970 der Fleischwerdung Christi Aethelbert von Trier. Dieser, damals seinem Stande nach ein Mönch, war vorher geweihter Bischof von Ruscien [Rußland], wurde von dort aber durch die Heiden vertrieben, ein vielberühmter und durchaus bewährter Geistlicher. Darauf sandte der Kaiser ihn nach seinem Sitze hin mit großer Ehre, indem er allen Großen Sachsens befahl, am nächsten Weihnachtsfest bei ihm zu erscheinen. Der Erzbischof aber, der von der Geistlichkeit und dem ganzen Volke prächtig empfangen wurde, weihte in diesen Festtagen Boso, den ersten Bischof von Merseburg, Burchard, den ersten Bischof von Meißen, Hugo, den ersten Bischof von Zeiz, und diesen fügte er den schon früher geweihten ersten Bischof von Havelberg, Tudo, bei; alle diese gelobten ihm und seinen Nachfolgern Gehorsam, nachdem einem jeden derselben seine besondere Diöcese angewiesen war. Diesen seinen Amtsbrüdern ward noch zugeordnet Thietmar, erster Bischof von
Brandenburg, der schon vorher gesalbt war, und Jordan, erster Bischof von Posen.


Buch III

Kapitel 7
 
Graf Gero, von Waldo beim Kaiser verklagt, ward an einem Orte Namens Sumeringe auf Anhalten des Erzbischofs Aethelbert [von Magadaburg] und des Markgrafen Thiedrich verhaftet und meinem Vater und Oheim zur Bewachung übergeben. Darauf wurden sämmtliche Fürsten des Reichs nach Magadaburg berufen, und jene beiden trafen vor denselben auf einer Insel zum Gottesgerichte im Zweikampfe zusammen. In demselben wurde Waldo zweimal im Nacken verwundet; er drang indeß nur um so heftiger auf seinen Feind ein und streckte ihn,  indem er ihm mit einem gewaltigen Streiche das Haupt traf, zu Boden. Darauf war Gero auf die Frage, die er an ihn richtete, ob er weiter kämpfen könne, genöthigt zu bekennen, daß ihm die Kräfte fehlten. Nun verließ Waldo die Schranken, aber kaum hatte er die Waffen abgelegt und sich mit Wasser erfrischt, so stürzte er rücklings todt nieder. Darauf ward Gero nach dem Spruche der Richter und auf Befehl des Kaisers von Henkershand enthauptet, am 11. August. Dieser Zweikampf gefiel niemandem, als nur dem Erzbischof Aethelbert und dem Markgrafen Thiedrich, und Otto, Herzog von Baiern, Liudulfs Sohn, der an demselben Tage ankam, sowie Graf Bertold [37 von Schweinfurt, BABENBERGER. Vgl. II, 21.] machten dem Kaiser bittre Vorwürfe, daß ein solcher Mann, wie Gero, um eines so unbedeutenden Grundes willen verurtheilt worden sei. Hier darf ich die Verdienste des Abtes Liudulf von Corvei nicht unerwähnt lassen, der ob seiner häufigen Uebung im Wachen und Fasten von Gott mancher Offenbarung gewürdigt wurde. Als dieser am Tage des Kampfes in der Abenddämmerung demüthig und andächtig, wie gewöhnlich, Messe las, sah er über dem Altare das Haupt des Grafen Gero, und sang nach Beendigung dieser Messe sogleich eine zweite, eine Todtenmesse. Darauf legte er sein Priestergewand ab und verließ schweigend die Kirche, versammelte aber dann die Brüder, und zeigte ihnen Gero's Tod an, indem er sie inständig bat, mit ihm zusammen für die Seele des Verstorbenen zu beten. Die Enthauptung Gero's aber fand gerade um Sonnenuntergang statt. Zu seinem Gedächtniß erbauten seine Schwester Tetta und seine Gemahlin Aethela ein Kloster an einem Orte, genannt Elslevo [Alsleben], wo er selbst ruht, und brachten Gott und dem heiligen Vorgänger Christi den zehnten Theil ihres Erbgutes dar, indem sie für dasselbe vom Kaiser die Bestätigung und das Vorrecht in der Weise erwirkten, daß eine daselbst gestiftete reichsfreie Abtei nur unter des Kaisers und seiner Nachfolger Hoheit und Schutz stehen sollte. Uebrigens ward des Grafen Körper noch nach drei Jahren, als der seiner Gemahlin hinzu gelegt ward, sowie die Kleidung vollständig erhalten vorgefunden.
 
Im  6ten Regierungsjahre Otto's II. kam König Luthar nebst seinem Sohne mit prächtigen Geschenken zu ihm, leistete Abbitte und erwarb nun des Kaisers dauernde Freundschaft.
 
In diesem Jahre ging der Kaiser nach Italien und sah leider unsere Gegenden niemals wieder.


Buch V

Kapitel 10
 
Alle, die dem vorigen Kaiser gehorcht hatten, huldigten auch dem neuen Könige und versprachen ihm eidlich ihre Hülfe, nur Liudger hielt sich zurück.
 
Herzog Bolizlav von Polen aber bemühte sich sehr, die Stadt Meißen, wenn auch um eine außerordentliche Summe Geldes, zu erwerben; weil dies jedoch dem Reiche nicht frommte, so konnte er es beim Könige nicht durchsetzen, sondern er erlangte es nur mit Mühe, daß die Stadt seinem Stiefbruder Guncelin verliehen wurde, während er die Landschaften Liudizi [Lausitz] und Miltizieni [Milzen] dem Könige zurückgab. Diesen Herzog Bolizlav hielt mein Neffe, Graf Heinrich, der Sohn Bertholds und meiner Tante, sehr hoch, und diente ihm als Freund bereitwilligst auf mannigfache Weise. Als Heinrich nun dem Herzoge Bolizlav, welcher, vom Könige vielfach beschenkt, entlassen worden war, das Geleite geben wollte, sah er, ich rufe Gott zum Zeugen, daß der König es nicht angeordnet hatte, vielmehr gar nicht darum wußte, eine Schaar Bewaffneter  zusammeneilen und sich ihnen in den Weg werfen. Sofort suchte er die Ursache des großen Auflaufs zu erforschen und denselben, damit nicht weiteres Unheil geschähe, zu dämpfen; allein nur mit Gefahr seines eigenen Lebens gelang es ihm, seinen Gefährten aus dem erbrochenen äußeren Thore hinauszuführen. Von den ihnen nachfolgenden Kriegern wurden manche von der zusammendrängenden feindlichen Schaar beraubt, andere aber entrannen schwer verwundet nur durch Herzog Bernhards Hülfe dem Tode. Diese waren nämlich bewaffnet in die königliche Hofburg eingedrungen und hatten sich geweigert, dieselbe zu verlassen, wie man sie aufgefordert hatte; folglich liefen sie eine solche Gefahr durch ihre
eigene Schuld mit Recht. Bolizlav aber ward von bitterem Kummer ergriffen, denn er argwöhnte in diesem allen einen böswilligen vorsätzlichen Plan und gab dem Könige unverdienter Weise die Schuld. Nachdem er deshalb Heinrich begrüßt und ihm, wenn er je seiner bedürfen sollte, seine Hülfe fest zugesagt hatte, eilte er schnell in die Heimat zurück. Als er aber nach der Burg Strela kam, zündete er dieselbe sofort an, und führte eine große Menge der Landesbewohner mit sich hinweg. Auch sandte er Beauftragte zurück und bemühte sich, so viele als er konnte dem Könige abwendig zu machen. Dieser aber bat, als er dies bald nachher erfuhr, seine Vertrauten herzlich, sie möchten doch den geheimen Umtrieben des Slaven nachspüren und wo möglich seine Späher festzunehmen trachten.

Kapitel 20
 
Als der König dann die Betwoche, welche ja jeder Christ getreulich beobachten soll, zu Merseburg feierte, ward ihm die offene Empörung Herzog Bolizlav's und Markgraf Heinrichs gemeldet. Das nächste Pfingstfest [16. Mai] verlebte er darauf noch zu Halverstidi [Halberstadt], und dann brach er nach Baiern auf, in der Absicht, zuerst den mit Bolizlav's Hülfe Widerstand leistenden Heinrich zu überwinden, und darnach die weitverzweigten, hinterlistigen Pläne der beiden zu zerstören. Dazu erfuhr er noch, daß der von ihm noch kurz vorher geehrte Ernast und Herr Bruno, sein Bruder, mit dem Markgrafen Heinrich sich treuloser Weise verschworen hätten, indem sie nicht wußten, daß es heißt:
Muth sonder Klugheit stürzet durch eigene Last.
 
Der König aber zog, die Anmaßung jener zu dämpfen, von allen Seiten seine Verbündeten zusammen, fiel zu Anfang des August in Heinrichs Gebiet ein, verheerte es und zwang ihn, daß er, er mochte wollen oder nicht, außerhalb der Burg sich, wo er konnte, verborgen halten mußte. Da möchte nun einer, der den Beweggrund zu solchem Uebermuthe kennt, sagen, Heinrich habe so handeln müssen; es stehe der Gewalt des Herrn nicht zu, einem treuen Diener ein so fest gegebenes Wort wieder zu entziehen und dadurch auch die Herzen der übrigen Unterthanen sich zu entfremden. Dem entgegne ich: Es ist hienieden keine Obrigkeit als nur von Gott, und wer sich gegen sie erhebt, läuft Gefahr, Gottes Zorn auf sich zu laden. Das plötzliche Auffahren eines leidenschaftlichen Sinnes muß durch das Steuerruder der Geduld abgewandt werden und man muß in demüthigem Gebete auf wahrhaft heilbringenden Trost harren. Und ich halte es für besser, nun Tag für Tag höher zu steigen, als plötzlich einem unabwendbaren Sturze zuzueilen. Gern möchte ich meinen Vetter [125 Heinrich von Schweinfurt, siehe Stammtafel.] irgendwie vertheidigen, aber ich wage nicht, die Wahrheit, die von allen Christen hochgeachtet werden muß, zu beflecken.
Gar oft bewähren sich die Sprichwörter unserer Altvordern: alte Missethat gebäre neue Schande. Denn dieses Markgrafen Vater stand dem Vater des Königs oftmals nicht wie dessen Vasall, sondern wie dessen offener Feind [126 Herzog Heinrich der Zänker hatte 974/76 vergeblich versucht, Markgraf Berthold vom Nordgau enger an Baiern zu binden.] gegenüber, und hielt zum Kaiser (wie er selbst bezeugte) nur wegen der durch besondere Eidschwüre bekräftigten, vom Kaiser ihm zugesagten Gunst. Ebenso war auch dieser, der jüngere Markgraf, bis zu Ende der Regierung des letzten Otto demselben getreu, und diente seinem Herrn und Kaiser bis in diese unglücklichen Zeiten rüstig. Dem Könige aber lag tief im Sinne Heinrichs und seines Vaters unbegrenzter Haß gegen ihn und sein Haus. Indeß hoffe ich, daß er dies alles um Christi Liebe willen stets ungestraft  gelassen hätte, hätte er jenen nicht so voll Grimmes und verbunden mit anderen seiner Widersacher zu so offenem Widerstande gegen sich aufstehen sehen. Obwohl nun übrigens Markgraf Heinrich damals an diesem Verbrechen allein Schuld zu sein schien, so ist er doch von Anfang an nicht ohne fremden Rath an's Werk gegangen. Und weil nach den Grundsätzen dieser Welt ein Verräther zu heißen großen Schimpf bringt, so wollte er lieber alles seufzend in seinem Bewußtsein bewahren, als seine eigene Strafbarkeit durch Beeinträchtigung Anderer vergrößern. So eröffnete denn jener Mann, der vorher so mannhaft das Vaterland vor dem Feinde zu schützen bemüht war, es nunmehr demselben zur Verheerung, und bekam heimlich von Bolizlav eine ihm freilich durchaus kein Heil bringende Hülfe.