Lexikon des Mittelalters:
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Wartburg,
hoch über dem Hörseltal bei Eisenach gelegen,
erstmals 1080 bezeugt, sehr wahrscheinl. in den 70er Jahren des 11. Jh.
von dem thüringischen Grafen Ludwig dem Springer wohl auf usurpiertem
fuldisch-hersfeldischen Klostergut erbaut. Den Zugriff auf diesen strategisch
wichtigen Platz ermöglichten Graf Ludwig die Wirren des thüringischen
Zehntstreits und die 1073 ausgebrochene sächsisch-thüringische
Empörung gegen König Heinrich IV.
Mit dem Erwerb der Wartburg und des Gebiets um Eisenach gelang den Ludowingern
der wohl entscheidende Schritt zu ihrer, das Thüringer Becken von
W nach NO (Sangerhausen) und O (Neuenburg bei Freyburg/Unstrut) übergreifenden
territorialen Vorherrschaft in Thüringen, die ihrerseits die Grundlage
für die königliche Übertragung der thüringischen Landgrafenwürde
1131 an die Ludowinger bildete. Angesichts der herausragenden strategisch
und politischen Bedeutung der Wartburg erzwang Kaiser
Heinrich V. nach seiner anfänglichen Niederwerfung der
thüringisch-sächsischen Adelsopposition 1113 die Auslieferung
der Wartburg und gab sie erst über ein Jahr nach seiner Niederlage
am Welfesholz 1116 an Ludwig den Springer zurück. Weiteres
Gewicht gewann die Wartburg, als die Ludowinger 1122/37 umfangreiche
Herrschaftsrechte in Mittel- und Nordhessen erwarben und die Wartburg damit
vom äußersten W des ludowing. Herrschaftsgebiets in dessen Mitte
rückte. In enger Bezugnahme auf die Wartburg begannen die ludowingischen
Landgrafen
wohl seit den 30er Jahren des 12. Jh. mit der Anlage der bereits um 1150
als Münzstätte bezeugten Marktsiedlung Eisenach. Gleichzeitig
mit den städtischen Anfängen Eisenachs erfolgte unter dem mit
Kaiser Friedrich I. verschwägerten
Landgrafen Ludwig II. (1140-72) die Ausgestaltung der Wartburg
zu einem der repräsentativsten fürstlichen Bauwerke der Zeit.
Mit dem Bau des reich mit rheinischen beeinflußter Kapitellornamentik
und Kalksinter-Säulen ausgeschmückten dreigeschossigen Palas
wurde 1157/58 begonnen. Sein drittes Geschoß mit dem Festsaal wurde
möglicherweise unter Ludwig II., sicher aber noch vor 1200
vollendet. Neben militärischen Aufgaben (1184 Festsetzung Markgraf
Ottos von Brandenburg; 1212 Flucht Landgraf Hermanns I. vor Kaiser
Otto IV.) dürfte die Wartburg damals vor allem repräsentative
Funktionen wahrgenommen haben, während sie in dem - allerdings nur
lückenhaft bekannten - landgräflichem Itinerar zunächst
auffällig hinter anderen Burgen und dem zunehmend häufiger aufgesuchten
Eisenach zurückstand. Ca. 1137/38-1227 unterstand sie der Aufsicht
der Grafen von Wartburg, die hier burggräfliche Aufgaben wahrnahmen.
1224/27 scheint sich erstmals unter Landgraf Ludwig IV. und seiner
Gemahlin Elisabeth der landgräfliche
Hof dauerhafter auf der Wartburg aufgehalten zu haben. Endgültig unter
Ludwigs
Bruder, dem letzten ludowingischen Landgrafen Heinrich
Raspe (1227-47), der sich
vor allem nach seiner Königswahl 1246 häufiger auf der Wartburg
aufhielt und hier am 16. Februuar 1247 starb, setzte der Aufstieg
der Wartburg zur bevorzugten landgräflichen Residenz ein. Nach dem
Übergang der Landgrafschaft an die Wettiner 1247 kam der Wartburg
in den Auseinandersetzungen zwischen Heinrich dem Erlauchten, Markgraf
von Meißen, und Herzogin Sophie von Brabant um das
ludowingische Erbe in Thüringen 1250/60 eine zentrale Rolle als
Vorort und Symbol der Herrschaft über Thüringen zu. Unter Heinrichs
Sohn und Nachfolger Albrecht der Entarteten (1254-1307/15)
wurde die Wartburg der mit Abstand wichtigste landgräfliche Aufenthaltsort.
Bewußtes Anknüpfen an die ludowingische Traditionen und
an die 1306 in der Auseinandersetzung mit der Stadt Eisenach erneut bewiesene
militär. Bedeutung der Burg ließen unter den nachfolgenden Landgrafen
Friedrich den Freidigen (1307-23) und Friedrich den Ernsthaften
(1323-49) die Vorrangstellung des Zentrums Wartburg-Eisenach
trotz der langsamen Gewichtsverlagerung nach Gotha als neuer Hauptresidenz
weiter bewahren. Umfangreiche Baumaßnahmen unter Friedrich dem
Freidigen nach einem Brand von 1317/18 unterstrichen die Rolle der
Wartburg als wichtigster wettinischer Residenzburg ebenso wie 1331
die Gründung eines Franziskanerkl. unterhalb der Wartburg durch Friedrich
d. Ernsthaften. Mit der nächstfolgenden Generation allerdings,
als unter Landgraf Friedrich dem Strengen (1349-79) das Zentrum
Wartburg-Eisenach zunehmend gegenüber Gotha zurücktrat, setzte
ein rascher Bedeutungsverlust der Wartburg ein, der auch trotz vorübergehender
Restitutionsversuche des 1406 auf der Wartburg gestorbenen Landgrafen
Balthasar nicht aufzuhalten war. Der Aufstieg Weimars zur neuen landgräflichen
Residenz im 15. Jh. brachte den endgültigen Niedergang der Wartburg.
Ihre Funktion beschränkte sich neben vereinzelten landgräflichen
Aufenthalten vor allem auf den Sitz der Vögte bzw. seit 1356 vorwiegend
Amtmänner der Wartburg, deren Verwaltung die Wartburg um 1335 unterstellt
wurde. Offenbar nach Mitte des 14. Jh. wurde ein eigenes Amt Wartburg eingerichtet.
Bekannteste Amtmänner der Wartburg waren Bruno von Teutleben, dem
Johannes Rothe 1418 seine »Thüringische Landeschronik«
widmete, und Hans von Berlepsch (1517-25), unter dem Martin Luther sich
1521/22 auf der Wartburg aufhielt. 1475/80 erfolgte der Ausbau umfangreicher
Fachwerkwehrgänge.
Seit dem späten 13. Jh. galt die Wartburg als Schauplatz
des fiktiven, zunehmend als historisch angesehenen Dichterwettstreits (Wartburgkrieg),
den nach ersten Spruchdichtungen im sogenannten »Rätselspiel«
(um 1239) das um 1260 in Thüringen verfaßte sogenannte »Fürstenlob«
an den Hof Landgraf Hermanns I. (1190-1217) verlegte. Weitere
Traditionen waren die in der »Cronica Reinhardsbrunnensis«
(1340/ 49) überlieferten Berichte über die ausschlaggebende Rolle
der Wartburg im sogenannten thüringisch-hessischen Erbfolgekrieg (1247/63),
die erstmals in der Eisenacher Chronistik um 1414 fixierte Sage von der
Entdeckung des Wartberges und der Erbauung der Wartburg durch Ludwig
der Springer sowie die zahlreichen von Johannes Rothe auf die Wartburg
verlegten Episoden aus dem Leben der heiligen
Elisabeth. Diese vielfältige Traditionsbildung, die sich
um die Wartburg wie um keine andere Burg des Landes rankte, trug entscheidend
dazu bei, daß die Wartburg im 15./16. Jh., als sie ihre politische
Bedeutung schon längst verloren hatte, noch immer als »houbit
des landes zu doringen« galt.
M. Werner