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"Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter."

Daß Lotharingien ein unsicherer und potentiell gefährdeter Besitz des ostfränkischen Reiches war, ist nun in der Tat kaum zu bezweifeln; Hlawitschka hat in diesem Zusammenhang noch einmal auf die Bedrohung hingewiesen, die von ARNOLFS hartnäckigem Widersacher Rudolf von Hoch-Burgund ausging, der ebenfalls Ansprüche auf das gesamte regnum Lotharii erhob [438 Die Königserhebung Zwentibolds, die 895 ja dann realisiert wurde, diente nach Hlawitschka vor allem der Abwehr Rudolfs, es handelte sich demnach geradezu um "eine Art Gegenkönigtum" (Seite 126) gegen den WELFEN; vgl. auch zum folgenden, Hlawitschka, Lotharingien Seite 125-128.].
Denn auf dem Wormser Hoftag gelang ARNOLF in Gegenwart König Odos, was ein Jahr zuvor noch fehlgeschlagen war, die Erhebung Zwentibolds zum lotharingischen König. Weiteren Übergriffen Karls auf lotharingisches Gebiet, die angesichts der Übermacht Odos im westfränkischen Reich durchaus befürchtet werden konnten, schien der ostfränkische Herrscher auf diese Weise endgültig einen Riegel vorgeschoben zu haben.
Schließlich waren es Karls Parteigänger, nicht etwa er selbst, die ARNOLFS ehrgeizigen und mit der ihm zugedachten Rolle offenkundig unzufriedenen Sohn Zwentibold als neuen Verbündeten gegen Odo gewannen, sie versprachen ihm einen Teil des westfränkischen Reiches als Entlohnung für seine Unterstützung. Zwentibold belagert daraufhin zusammen mit Karl das befestigte Laon, doch als der erhoffte schnelle Erfolg ausblieb, sahen führende Große aus Karls Partei ihre Interessen schon wieder gefährdet: Balduin von Flandern ging zusammen mit seinem Bruder Rudolf und dem Grafen Reginar zu Zwentibold über; es kursierten sogar Gerüchte, Karl solle er mordet werden.
Karls Zuwendung zu den Normannen dürfte ihren Grund nicht zuletzt darin gehabt haben, daß er seit dem Sommer 896 die Unterstützung Zwentibolds verloren hatte [471 Zwentibolds Feindseligkeiten gegen Fulko von Reims im Herbst 896 sind wohl kaum noch als Unterstützungsaktionen für Karl aufzufassen, sondern waren zur eigenen und seiner Anhänger Bereicherung gedacht; vgl. Flodoard, Historia Remensis ecclesiae IV. 4, Seite 379 und Hlawitschka, Lotharingien Seite 162.].
Auf dem wenig später einberufenen Wormser Hoftag dann versuchte ARNOLF, seinen Sohn Zwentibold zum König des regnum Lotharii erheben zu lassen - Zwentibold sollte offensichtlich die Aufgabe der Niederringung Rudolfs von eigener Machtbasis aus selbständig in Angriff nehmen. Wenn auch die Königserhebung zunächst noch nicht gelang, so hielt ARNOLF doch an seiner Strategie fest: Noch von Worms aus schickte er Zwentibold mit einem Heer erneut gegen Rudolf.
ARNOLF selbst setzte bei der Bekämpfung Rudolfs fraglos in erster Linie auf seinen Sohn Zwentibold, dem 894 anscheinend wenigstens Gebietsgewinne bei Besancon gelangen und der im folgenden Jahr in Worms zum König in Burgundia [!] et omni Hlotharico regno erhoben wurde [688 Annales Fuldenses Seite 126 zu 895; zu Zwentibolds Erfolgen gegen Rudolf vgl. Hlawitschka, Lotharingien.]. Dauernder Erfolg war ARNOLFS Strategie bekanntlich jedoch nicht beschieden.
Durch Ludwigs Geburt traten Zwentibold und Ratold ins zweite Glied zurück, was jedoch nicht heißt, daß sie jeglicher Herrschaftsansprüche beraubt gewesen wären. Ganz im Sinne des überkommenen Prinzips von der Nachfolgeberechtigung aller Königssöhne verfolgte ARNOLF offenbar den Plan, auch seine illegitimen Söhne mit Königsherrschaften auszustatten. Für Zwentibold setzte er 895 die Erhebung zum König von Lotharingien durch, nachdem die lothringischen Großen dieses Ansinnen im Jahr zuvor noch abgelehnt hatten [701 Vielleicht gestand ARNOLF jetzt den Lotharingiern größere Unabhängigkeit zu; vgl. Krah, Absetzungsverfahren Seite 224f.; zur strittigen Bewertung von Zwentibolds (Unter-?)Königtum unten Anm. 1101.].
Wenngleich von einem Widerstand gegen diese Maßnahme ARNOLFS nichts zu erkennen ist, liegt es dennoch nahe, daß zumindest Ludwigs Halbbruder Zwentibold, als einziger handlungsfähiger Nachkomme ARNOLFS, an das fortschreitende Siechtum und den zu erwartenden Tod seiens Vaters gewisse eigene Hoffnungen knüpfte. ARNOLF hatte ihm in seiner lotharingischen Herrschaft weitestgehend freie Hand gelassen, aber Zwentibold hatte es dennoch nicht vermocht, sich unter den lotharingischen Großen dauerhaft Anhänger und damit eine gesicherte Machtbasis zu schaffen. Durch seine wechselhafte und vor allem dem Westreich gegenüber offensive Politik hatte er sich zudem in eklatanten Widerspruch zu den außenpolitischen Zielen seines Vaters gesetzt, der sich von der lotharingischen Sonderherrschaft in erster Linie eine aktive Rolle gegenüber dem hochburgundischen Königtum des WELFEN Rudolf erhofft hatte.
Im Frühjahr 897 bemühte sich daher der schwerkranke ARNOLF eigens nach Worms und berief dort einen Hoftag zur Klärung der lotharingischen Verhältnisse ein. Es gelang ihm, zwischen Zwentibold und dessen Gegnern aus dem einheimischen Adel, den MATFRIDINGERN und ihren Verbündeten aus dem Mittelmoselgebiet, eine zeitweilige Versöhnung zu vermitteln und zudem seinen Sohn durch die Verheiratung mit der LIUDOLFINGERIN Oda, der Tochter des sächsischen Magnaten Ottos des Erlauchten, wieder stärker an das Ostreich und dessen politische Generallinie zu binden [708 Annales Fuldenses Seite 130f.; Regino, Chronicon Seite 145, beide zu 897. Vgl. Schieffer, Karolinger Seite 193. Die MATFRIDINGER und WALAHONEN hatten während ARNOLFS Herrschaft durchaus zu den Stützen des Königtums in Lotharingien gezählt; vgl. Ewig, Mittelalter Seite 188f.]. Die Zusammenkunft dürfte Zwentibold und anderen allerdings auch den schlechten Gesundheitszustand des Kaisers vor Augen geführt und dadurch Anlaß zu Erwägungen und Spekulationen über die Nachfolgefrage gegeben haben. Jedenfalls ist es wohl nicht von ungefähr, wenn in zwei kurz nach dem Wormser Treffen ausgestellten Urkunden Zwentibolds in ganz auffälliger Weise von der Hoffnung auf eine Vergrößerung des Reiches die Rede ist: regnum nobis caelitus commissum latius diffundere ... confidimus heißt es in D Zwb 14 vom 13. Juni und nostrumque in hoc labenti seculo regnum dilatari ... certissime scimus in D Zwb 16 vom 26. Juli 897.
Im Frühjahr 898 nämlich, kaum ein Jahr nach der durch ARNOLF vermittelten Verständigung mit den Grafen des Mittelmoselgebietes, kam es zu einem neuerlichen schweren Zerwürfnis zwischen König Zwentibold und einer lothringischen Adelsgruppe. Diesmal war Graf Reginar betroffen, seit 895 Parteigänger Zwentibolds. Die veränderte politische Konstellation hatte die Bündnisse neu gruppiert, Zwentibold hatte sich nun auf die Gegnerschaft Karls und Reginars einzustellen. So verwundert es nicht, daß Karl bereits im Februar mit einer Urkunde für ein lotharingisches Kloster einen Eingriff in Zwentibolds Herrschaftsrechte unternahm, und erst recht nicht, daß Reginar und der ebenfalls zwentiboldfeindliche Graf Odacar im Frühsommer Karl den Einfältigen nach Lotharingien einluden. Dieser marschierte sofort mit einem Heer in Richtung Aachen, doch da auch Zwentibold durch Unterstützung der Reginar-Gegner aus dem Mittelmoselgebiet, der geistlichen Großen und nicht zuletzt seines Schwiegervaters, Otto des Erlauchten [719 Vgl. Hlawitschka, Ottonen Seite 47f.], noch einmal ein Heer aufbieten konnte, wagte keiner von beiden die Entscheidungsschlacht. Man einigte sich schließlich auf den Abzug Karls und die Eröffnung von Friedensverhandlungen, welche im Frühjahr 899 in St. Goar stattfanden.
An diesen Verhandlungen nun nahmen Reginos Bericht zufolge nicht nur die beiden eigentlich betroffenen Parteien teil - in Person Zwentibolds und seiner Gefolgsleute sowie Bischof Askerich von Paris und Graf Odacar als Vertreter Karls des Einfältigen -, sondern auch eine Delegation aus dem Ostreich, angeführt von Erzbischof Hatto von Mainz und - hier schließt sich der Kreis - den konradinischen Grafen Gebhard und Konrad. Man wird nicht fehlgehen, in Hatto, der schon seit Jahren zu ARNOLFS wichtigste Beratern gehörte, und den ihm eng verbundenen KONRADINERN "die eigentliche Regierungsmannschaft" ARNOLFS zu sehen; ihre Position war jedenfalls stark genug für eine recht eigenmächtige Gestaltung der Lotharingien-Politik. Das wichtigste Ergebnis der Verhandlungen, neben dem offiziellen Friedensschluß zwischen Zwentibold und Karl, wurde nämlich in geheimen Unterredungen ohne Beteiligung Zwentibolds ausgemacht und findet sich in dem vielsagenden Schlußsatz Reginos angedeutet: Quid vero in eodem conventu seorsum sine presentia regis pertractatum sit, postea eventus rei luce clarius manifestavit [721 Regino Chronikon Seite 147 zu 899. Vgl. auch Bund, Thronsturz Seite 496, der eine "regelrechte Verschwörung" sieht.]. Gemeint ist damit ganz offensichtlich der Sturz Zwentibolds, auf den sich eine ostfränkisch-lotharingische-westfränkische Adelskoalition hier bereits verständigte.
Die Auswirkungen dieses Geheimbündnisses bekam Zwentibold schon bald zu spüren. Als er im Verlauf des Jahres 899 einen weiteren Versuch machte, Reginar in dessen Feste Durfos militärisch zu bezwingen, und dabei die Bischöfe in seiner Begleitung aufforderte, über Reginar und Odacar den Kirchenbann zu verhängen, lehnte diese das Ansinnen des Königs schlichtweg ab. Zwentibold antwortete mit wütenden Schmähungen und tätlichen Angriffen; die Belagerung wurde aufgehoben und die Großen verließen den König [723 Regino, Chronicon Seite 147 zu 899; Annales Fuldenses Seite 134 zu 900.]. Zwentibolds Herrschaft verfiel nun, da er auch die letzten Gefolgsleute verloren hatte, zusehends. Der Plan der konradinischen Strategen ging auf: Im Dezember 889 starb Kaiser ARNOLF, zwei Monate später wurde Ludwig zum König gekrönt und sogleich nach Lotharingien eingeladen. Bereits Mitte März huldigten die lotharingischen Großen dem königlichen Kind in Diedenhofen; Erzbischof Ratbod stand dabei in vorderster Reihe und erhielt sogleich eine Besitzbestätigung für die Trierer Kirche. Der Übergang der Lotharingier zu Ludwig erfolgt also in rascher und eindeutiger Form, daß die Annahme, er sei bereits in St. Goar verabredet worden, alle Wahrscheinlichkeit für sich hat. Damit muß gleichzeitig als gesichert gelten, daß die ostfränkischen Großen unter Führung Hattos und der KONRADINER hinter dem Rücken des todkranken Kaisers gehandelt und primär ihre eigenen Interessen verfolgt hatten; schließlich hatte ARNOLF das Königtum seines Fridelsohnes immer gestützt und wäre mit Plänen zu dessen Absetzung wohl kaum einverstanden gewesen [725 Vgl. schon Stein, Konrad Seite 125f.; Tellenbach, Grundlagen Seite 289f.; Hauck, Ottonen Seite 49.]. Die konradinische Adelsgruppe jedoch hatte ihre in ARNOLFS letzten Jahren errungene Machtstellung ausgenutzt, um die Weichen in Richtung einer alleinigen, nicht durch die Konkurrenz des handlungsfähigen Halbbruders gefährdeten Königsherrschaft des minderjährigen Ludwig zu stellen.

Daß der minderjährige König Ludwig seine Erhebung den Vorteilserwägungen der einflußreichen Adelsgruppen verdankte, ist gerade am Beispiel seiner Anerkennung in Lotharingien schon früh bemerkt worden [749 Dümmler, Geschichte 3, Seite 502: "[Die Gegner Zwentibolds hatten] .... aus den eigennützigsten Beweggründen sich die Herrschaft eines Kindes gewählt, die ihrer Gewinnsucht und Unbotmäßigkeit den freiesten Spielraum zu gewähren verhieß."]. Immerhin stand der Kindkönig hier einem erwachsenen, vollständig handlungsfähigen und entschlossenen Konkurrenten gegenüber, der von Ludwigs eigenem Vater gekrönt worden war und dem deshalb die Herrschaftslegitimation nicht ohne weiteres abgesprochen werden konnte. Jedoch war es Zwentibold nicht gelungen, unter den lothringischen Großen dauerhaften Konsens für seine Herrschaft zu finden. Schon bei den Geheimverhandlungen in St. Goar waren die Weichen von den Lotharingiern ebenso wie von den ostfränkischen Machthabern gegen Zwentibold gestellt worden, so daß sich die Frage nach dem Fortbestand von Zwentibolds Königtum und dem Verhältnis zu seinem minderjährigen Halbbruder nach Ludwigs Königswahl gar nicht erst gestellt haben dürfte. Unmittelbar nach seiner Forchheimer Königserhebung wurde der sechsjährige Ludwig nach Lotharingien eingeladen und nahm in Diedenhofen die Huldigung der dort versammelten Großen entgegen.
Ludwigs Regenten fühlten sich ihrer lotharingischen Machtposition sogar offenbar so sicher, daß der Hof schon im April Lotharingien wieder verließ und nach Frankfurt weiterzog. Zwentibold aber hatte Hoffnung und Ehrgeiz noch nicht aufgegeben; da ihm keine echten politischen Möglichkeiten mehr verblieben waren, versuchte er durch Gewalttaten und Plünderungen seiner Herrschaft wieder Anerkennung zu verschaffen. Prompt wurde Ludwig wieder nach Lotharingien gerufen - die Gegner Zwentibolds erwarteten sich augenscheinlich von der bloßen Anwesenheit des kindlichen Königs eine Stärkung ihrer Position. Zu einem militärischen Eingreifen von ostfränkischer Seite kam es jedenfalls nicht mehr. Bei einem Gefecht mit den Führern der matfridingischen Adelsgruppe wurde Zwentibold, der nur noch eine kleine Schar Bewaffneter um sich hatte, am 13. August 900 erschlagen [751 Regino, Chronicon Seite 148 zu 900, nennt die MATFRIDINGER Gerhard und Matfrid sowie den WALAHONEN Stephan als Beteiligte; vgl. auch Annales Fuldenses Seite 134 zu 900. Eine kritische Wertung des Vorgehens der Zwentibold-Gegner bieten die Annales Lobienses Seite 233 zu 901: Eodem anno propter insolentiam morum interfectus est Zuendibolch rex a Lothariensibus. Quicumque tamen in ea conspiratione et bello hostium eius vulneratusest, aut mortem in praesenti non evasit, aut numquam sanari meruit. Mit diesem Bemerkungen dürfte auf die seit 899 eingefädelte Verschwörung gegen Zwentibold und auf die gegen Ende 901 erfolgte Ermordung Graf Stephans angespielt sein.].