Zur Zeit seiner Thronesteigung hatte ARNOLF
nur zwei außereheliche Söhne, Zwentibold,
so genannt nachs einem Taufpaten, dem Mährer-Herzog
Zwentibald, und Ratold.
Auf eine Reichsversammlung zu Forchheim 889 stellte er die Forderung, daß
auch die Franken, wie schon die ihm nächststeheneden Bayern es getan
hatten, sich eidlich verpflichten sollten, seinen beiden außerehelichen
Söhnen das Recht der Nachfolge im Reich einzuräumen. Eine
ungewöhnliche und staatsrechtlich bedenkliche Forderung, die, das
Erbrecht durchbrechend, Bastarden das gleiche Thronrecht wie ehelichen
Söhnen zu sichern strebte. ARNOLFS Forderung
stieß bei den Franken zuerst auf Widerstand; endlich gaben auch die
Widerstrebenden dem Verlangen des Königs nach und verpflichteten sich
dazu durch Handschlag, doch unter dem Vorbehalt, daß sie seine außerehelichen
Söhne als Nachfolger anerkennen würden, wenn er von seiner rechtmäßigen
Gemahlin keinen Sohn mehr gewinnen würde. Als vier Jahre später
(893) dem König ein ehelicher Sohn geboren wurde, war diese Verpflichtung
hinfällig. ARNOLFS Vaterliebe
trachtete nun zunächst den einen seiner außerehelichen Söhne
wie einen Königssohn auszustatten.
Einen Teil der Lehen Alberichs verlieh ARNOLF
seinem Sohn Zwentibold, ein erster
Schritt, um diesen in Lothringen heimisch zu machen. Ein Versuch auf dem
Reichstag zu Worms (894), Zwentibold
zum König von Lothringen zu bestellen, scheiterte am Widerstand
der lothringischen Großen. Er glückte erst im nächsten
Jahre. Auf demselben Wormser Reichstag, auf dem auch das Königtum
Odos wieder anerkannt wurde, ward
Zwentibold "unter Zustimmung aller Großen" im Beisein
König
Odos zum König von Lothringen erhoben und gesalbt.
Es war ein verhängnisvoller Schritt, nur geeignet, das Interesse des
deutschen Reichs zu schädigen, dessen Einheit zu zerreißen.
Zwentibolds Königtum war ein völlig
selbständiges.
Die größten Sorgen bereitete dem siechen Kaiser
sein Sohn Zwentibold, der König
von Lothringen. Zwentibold, ein
wüster, roher Geselle, heftig und zügellos,
als Prinz wohl ein verzogenes Muttersöhnchen, hatte in kurzer
Frist alles getan, das ohnehin unbotmäßige Land vollständig
zu zerrütten. Kaum zum König bestellt, griff er auch schon eigenmächtig
in die westfränkischen Händel ein. Obwohl sein Vater eben erst
wieder
Odo
anerkannt hatte, schloß
er mit Karl ein Bündnis und zog
ihm zu Hilfe. "Begierig, die Grenzen seines Reichs zu erweitern", rückte
er in Westfrancien ein und belagerte Laon (895). Karls
Partei suchte eine Verständigung mit Odo,
und Zwentibold mußte trachten,
wieder aus dem Lande zu kommen. Im nächsten Jahr nahm er
Karl
als Flüchtling bei sich auf, fiel, weil Fulco sich Odo
unterworfen hatte, über die in Lothringen gelegenen Güter der
Kirche von Reims her und verteilte sie unter seinen Mannen. Bald überwarf
er sich mit den mächtigsten seiner Großen, unter diesen auch
mit Graf Odakar, der ihm bisher nahe gestanden war, und seinen Erzkanzler,
dem Erzbischof Ratbod von Trier. Er nahm ihnen ihre Lehen und gab sie an
andere, für sich selbst behielt er zwei Klöster, den Erzkanzler
entsetzte er seines Amtes. Der Hader war bereits so bedenklich, daß
ARNOLF selbst vermitteln mußte;
auf einem Reichstag zu Worms (897) brachte er eine Aussöhnung zu stande.
Noch war kein Jahr verstrichen, so geriet Zwentibold
wieder mit dem Grafen Reginar, seinem vertrautesten Ratgeber
und dem mächtigsten Großen seines Reiches - "man weiß
nicht, aus welchem Anlaß", bemerkt Regino - in Streit. Er zog dessen
Lehen und Erbgüter ein und befahl ihm, innerhalb 14 Tagen sein Reich
zu verlassen. Reginar, ein ebenso tapferer als verschlagener Mann, nahm
den Kampf auf. Mit Odakar und anderen, die sich ihm anschlossen, warf er
sich in die starke Feste Doveren (nordwestlich Herzogenbusch).
Zwentibold rückte mit einem Heerhaufen vor dieselbe, doch
er vermochte die durch Sümpfe und Überschwemmungen der Maas unzugängliche
Burg nicht zu erobern. Nach seinem Abzug eilten Reginar und Odakar ins
Westreich und leisteten Karl die Huldigung;
ländergierig wie sein Großvater, nur beschränkteren Geistes,
war Karl leicht zu bewegen, in Lothringen
einzubrechen. Zwentibold, durch den
ganz unerwarteten Einfall überrascht, flüchtete mit kleinem Gefolge
über die Maas, ungehindert drang Karl
bis Aachen und Nimwegen vor. Bischof Franco von Lüttich führte
seinem König seine Mannschaften zu, der Adel jener Gegenden sammelte
sich um ihn, Zwentibold war aus seiner
verzweifelten Lage gerettet. Mit frischem Mut rückte er
Karl. der in Nimwegen wieder umgekehrt war, entgegen. In der
Gegend von Prüm standen sich im Oktober 898 die beiden Heere gegenüber.
Doch es kam nicht zum Schlagen, Karl
hatte vons einem Großvater auch den Abscheu vor blanken Schwertern
geerbt. Unterhandlungen wurden angeknüpft und ein Präliminarfriede
geschlossen, Karl zog heimwärts.
In St. Goar trafen im nächsten Jahre Bevollmächtige
des deutschen und westfränkischen Königs zusammen, um einen definitiven
Frieden zwischen Karl und Zwentibold
abzuschließen. "Was bei dieser Zusammenkunft geheim in Abwesenheit
des Königs abgemacht wurde, hat später der Verlauf der Dinge
klarst gezeigt", fügt Regino bei; es scheinen schon damals Verabredungen
getroffen worden zu sein, Zwentibold zu
stürzen. Sein gewalttätiges Gebaren drängte zu diesem Plan.
Nochmals rückte er jetzt vor Doveren, trotz aller Anstrengungen gelang
es ihm auch diesmal nicht, die Feste zu nehmen. Nun heischte er von den
Bischöfen, daß sie Reginar und Odakar mit dem Kirchenbann belegten.
Als diese sich weigerten, brach er in Drohungen, Vorwürfe und Schimpfreden
aus, er ließ sich von seinem Jähzorn so weit fortreißen,
daß er dem Erzbischof Ratbod von Trier mit einem Stock einen Hieb
auf das Haupt versetzte. Abermals mußte er mit Schimpf und Schande
abziehen.
Der Zweispalt zwischen König
Zwentibold und seinen Großen war ein unheilbarer geworden
"wegen der fortdauernden Plünderungen und Beraubungen und weil er,
die Reichsgeschäfte mit Weibern und niedrig geborenen Leuten besorgte,
alle besseren und edleren Männer zurückstieß und sie ihrer
Lehen und Würden beraubte, wodurch er allen verhaßt wurde".
Auch mit der Geistlichkeit hatte er sich vollständig überworfen;
diese konnte ihm die rohe Mißhandlung des Trierer Erzbischofs nicht
vergessen, sie beschwerte sich über die Gewalttätigen Angriffe
auf das Kirchengut. Allgemein klagte man über sein "wüstes Treiben".
In seinem Vater hatte er die letzte Stütze verloren. Die Lothringer
schüttelten sein Regiment ab, sie riefen den deutschen König
ins Land. as königliche Kind wurde nach Lothrinmgen gebracht, in Diedenhofen
huldigten ihm die Bischöfe und Großen. Zwentibold
begann nun im ande zu wüten; mit aufgelesenem Gesindel brandschatzte
er die Städte und das offene Land "in dem Wahne, daß er die
Abgefallenen, welche wegen seiner Rohheit und seiner greulichen Schlechtigkeit
ihn verlassen hatten, dadurch, daß er ihnen noch Greulicheres und
Schlechteres zufügte, zu sich zurückgewinnen könne". In
einem Gefecht mit den Aufständischen an der Maas wurde er am 13.
August 900 erschlagen. Seine Leiche wurde im Frauenkloster Süsteren
bestattet. Er hinterließ nur zwei Töchter, die dann nacheinander
Äbtissinnen von Süsteren wurden; seine Witwe Oda
vermählte sich noch im selben Jahr mit Gerard, einem der Grafen, die
ihrem Gemahl im letzten Gefecht gegenübergestanden waren. Zwentibold
aber war es noch beschieden, was er sich nie hätte träumen lassen,
als - Heiliger zu figurieren; in Süsteren zeigte man in späterer
Zeit das Haupt "des heiligen König Zwentibold", seine seidenen, mit
Gold und Edelsteinen geschmückten Gewänder von roter und grüner
Farbe und namentlich einem wundertätigen Zahn, der "unzählige
Menschen in wunderbarer Weise vom Zahnschmerz befreite", als kostbare Reliquien.