Stälin Paul Friedrich: Seite 180-185
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"Geschichte Württembergs"

Im Februar 950 verlieh König OTTO zu Worms Schwaben mit Churrätien seinem schon genannten Sohne Liudolf (950-953). Im Jahr 930 geboren, hatte dieser seit 946 durch einen feierlichen Eid der Großen des Reiches die Nachfolge in letzterem zugesichert erhalten. Seine Vermählung mit der schönen und vielgepriesenen Ida, für ihn zugleich die Anbahnung des Erwerbs ausgedehnter Güter und des Vermögens überhaupt, das sein Schwiegervater besaß, hatte wahrscheinlich im Jahr 947 stattgefunden. OTTO hatte den Sohn und die Schwiegertochter fortan stets um sich zu haben gewünscht, doch hatte Liudolf Schwaben, insbesondere St. Gallen, noch bei Lebzeiten seines Schwiegervaters besucht und aus diesem Anlaß sich allda allgemeine Liebe erworben.
Da nunmehr sämtliche Herzoge aus des Königs Familie stammten oder durch Heirat mit ihm verbunden waren und die herzogliche Würde in Franken wie in Sachsen mit dem Königtum vereinigt worden, so schien OTTOS Herrschaft fest gesichert. Allein schon wieder erhoben sich neue Stürme. Ihr Hauptanstifter war des Königs jüngerer Bruder, Herzog Heinrich I. von Bayern, welcher mißgünstige Fürst dem königlichen Sohne den Untergang bereiten wollte. Nach dem Tode König Lothars von Italien im Jahr 950 setzte es Markgraf Berengar von Ivrea, der früher in Schwaben eine Zufluchtsstätte gefunden und von dort ausgezogen in Italien wieder Fuß gefaßt hatte, durch, daß er und sein Sohn Adalbert von den italienischen Großen zu Königen gewählt wurden, und legte die Witwe Lothars, die Tochter König Rudolfs II. von Burgund, die schöne Adelheid, ins Gefängnis. Da ersah König OTTO die Gelegenheit, die Dinge in Italien nach seinem Sinne und zu seinen Gunsten zu ordnen, und traf Vorbereitungen zu einem Zuge dahin. Liudolf eilte ihm ohne Ermächtigung und vorschnell mit einem kleinen schwäbischen Heere etwa im August des Jahres 951 voraus, um die italienischen Städte zur Unterwerfung zu bewegen, nebenbei wohl auch um für sich selbst an Land und Macht zu gewinnen; er hatte jedoch wenig Erfolg, da Heinrichdurch vorausgesandte Boten vor seiner Aufnahme gewarnt und ihm so überall Widerwärtigkeiten bereitet hatte, so daß er umkehren und dem nachkommenden Vater wieder entgegengehen mußte. Noch vor Ablauf des Jahres verließ er, mißvergnügt über OTTOS Vermählung mit Adelheid und den bedeutenden Einfluß derselben sowohl als Herzog Heinrichs, ohne Wissen seines Vaters Italien und verständigte sich an Weihnachten im thüringischen Saalfeld insgeheim mit dem Erzbischof Friedrich von Mainz und anderen unzufriedenen Fürsten des Reiches. Nachdem OTTO, mit der italienischen Königskrone geschmückt, im Frühjahr 952 wieder nach Deutschland zurückgekehrt, war Heinrich unablässig bemüht, Liudolf aus der Gunst seines Vaters zu verdrängen, seine Stiefmutter gegen ihn anzustiften und ihn auf jede Weise zu kränken. Nachbarschaftliche Streitigkeiten mit dem Oheim, verschiedene Bevorzugungen, welche dieser sich von OTTO herausschlug, reizten Liudolf immer mehr gegen ihn, und das verbreitete Gerücht, daß die Thronfolge, für die bisher Liudolf bestimmt gewesen war, einem jüngeren Sohne OTTOS zugedacht sei, brachte ihn auch gegen den Vater auf, bei welchem er sich zurückgesetzt fand.
In der Fastenzeit des Jahres 953 erhob er sich plötzlich mit dem lothringischen Herzog Konrad, OTTOS Schwiegersohn, der dem König wegen der Behandlung Berengars von Italien grollte und mit Heinrich bitter verfeindet war; sie riefen ihre Genossen in Franken, Sachsen, Bayern unter die Fahnen und setzten überall Burgen und Schlösser in den Kriegsstand. In Mainz erschienen sie selbst bei OTTO, der sich völlig in ihrer Gewalt befand, mit der Versicherung, daß sie nicht gegen ihn die Waffen ergriffen hätten, sondern nur gegen Heinrich, welchen sie gerne festgenommen haben würden, und erreichten von dem bedrängten König die Gewährung ihrer Wünsche zugesagt. Allein sobald OTTO sich wieder frei sah, nahm er diese Zusage als erzwungen zurück und berief einen allgemeinen Reichstag zum Gericht über die Aufrührer nach Fritzlar, auf welchem (vielleicht im Mai) Konrad und Liudolf, wie es scheint, geächtet und ihrer Herzogtümer entsetzt wurden. Um so lebhafter entbrannte nunmehr der Kampf, hatte OTTO zunächst in Lothringen gegenüber von Konrad einigen Erfolg, so belagerte er doch vergeblich längere Zeit den Sitz des die Aufrührer stets begünstigenden Erzbischofs Friedrich, Mainz, welches Liudolf und Konrad zu ihrem Hauptwaffenplatz gemacht hatten. Letztere erschienen übrigens selbst im königlichen Lager und erklärten sich bereit, sich zu unterwerfen, für ihr Vergehen alles zu erdulden, wenn nur ihre Freunde und Genossen frei ausgingen, allein ohne Erfolg, da OTTO auf deren Auslieferung bestand und Heinrich von neuem hetzte. Inzwischen hatten die Empörer nicht nur in Sachsen ihre Partei verstärkt, sondern auch den Pfalzgrafen Arnulf aus der früheren Herzogsfamilie Bayerns, welchem Heinrich die Obhut seines Landes anvertraut hatte, gewonnen. In der Nacht nach der vergeblichen Unterhandlung zwischen Vater und Sohn gingen die OTTOS Heer befindlichen Bayern zu Liudolf über, worauf er mit ihnen nach Bayern aufbrach und im Bunde mit Arnulf sich Regensburgs und der übrigen festen Plätze des Landes bemächtigte, OTTO aber die Belagerung von Mainz aufhob und ihm nachzog. Der König sah sich freilich fast in allen Provinzen des Reichs sich die Treue aufgekündigt, denn auch die Schwaben hingen meist ihrem früheren Herzoge an und zu OTTO hielten hier fast nur Bischof Ulrich von Augsburg, sein Bruder Dietbald und Graf Adalbert, der später nach seiner Burg Marchtal genannt worden ist. Ulrich selbst stieg zu Roß und verstärkte mit einem Teil seiner Dienstleute das Heer des Königs, als dieser gerade fruchtlos mit der Belagerung Regensburgs beschäftigt war, wogegen Arnulf Augsburg ausplünderte und Liudolf die bischöflichen Güter großenteils unter seine Freunde als Lehen austeilte. Während der König für den Winter sich nach Sachsen zurückgezogen, belagerte der Pfalzgraf im folgenden Jahr den in der Feste Mantahinga verschanzten Bischof Ulrich. Allein am 6. Februar überfielen Dietbald und Adalbert plötzlich sein Lager; sie nahmen seinen Bruder Hermann gefangen und entsetzten die Festung, worauf Ulrich mit Heeresmacht in Augsburg einzog und die entrissenen Kirchengüter wieder an sich brachte. Inzwischen machten sich die Ungarn die damalige Not des Reiches zunutze und fielen in Bayern ein - gegenseitig warf man sich die Herbeilockung dieser auch jetzt schrecklich hausenden Unholde vor -, sie wurden jedoch durch Geldzahlungen Liudolfs westwärts geleitet und wandten sich bald über den Rhein. Endlich waren die streitenden Parteien selbst teilweise des Kampfes müde und suchten Frieden. In Langenzell (westlich von Nürnberg) unterwarfen sich Erzbischof Friedrich von Mainz und ebenso Konrad; nur Liudolf, welcher gleichfalls erschienen, von Heinrich jedoch aufs neue gereizt worden war, und Arnulf mit seinem Bayern verharrten im Widerstande. Liudolf zog sofort nach Regensburg, der Vater folgte ihm und griff unterwegs die Feste Horsedal an. Überaus heftig tobte der Kampf um die Mauern, und erst die Nacht trennte die Streitenden. Es kam nunmehr, gegen Ende Junis, zur Belagerung Regensburgs, welche viel Blut und bei Gelegenheit eines Ausfalls das Laben des Pfalzgrafen Arnulf kostete. Nach Verfluß von sechs Wochen fanden zum zweitenmale Unterhandlungen statt, allein sie zerschlugen sich wie die früheren. Während Regensburg zu trotzen fortfuhr, zog Liudolf, sein Geschick von dem der Stadt trennend, nach Schwaben. Der König folgte ihm wieder. Bei Illertissen traten sich die Heere gegenüber und waren fast schon im Begriffe, handgemein zu werden, als die Bischöfe Ulrich von Augsburg und Hartbert von Chur den Vater und den Sohn milder stimmten und einen Vergleich zustande brachten . Ehe die zu vollständiger Erledigung der Sache nach Fritzlar berufene Versammlung stattfand, erschien Liudolf bei seinem Vater, der zu Saufeld (dem heutigen Thangelstedt, südlich von Weimar) jagte, warf sich mit entblößten Füßen vor ihm nieder und erhielt unter allgemeiner Rührung Verzeihung. Auf dem Reichstage zu Arnstadt wurde er, gleichwie Konrad, den 17. Dezember 954 noch öffentlich und feierlich begnadigt und im Besitze seiner Eigengüter gelassen, wogegen er seinem Herzogtum und seinen lehnsherrlichen Rechten förmlich entsagen mußte.
Sein Vater wies ihm im folgenden Jahr an seiner Seite einen Wirkungskreis im Slawenkriege an, im Jahr 956 jedoch einen solchen in Oberitalien, woselbst er gegenüber den Königen Berengar und Adalbert glänzende Erfolge erzielte. Allein schon am 6. September 957 raffte ihn zu Pombia im Gebiet von Novara ein Fieber weg. Seine Leiche fand ihre Ruhestätte in der St. Albanskirche zu Mainz. Alle Zeitgenossen, Schwaben wie Sachsen und Italiener, priesen den Dahingeschiedenen und bejammerten sein frühes Ende. Allem Volke teuer, Gott und allen Heiligen lieb, mit allen Vorzügen des Geistes und Körpers wie kein anderer Sterblicher geschmückt erscheint er ihnen. Liudolf überlebten seine Witwe Ida, welche erst den 17. Mai 986 starb, und zwei Kinder, Mathilde, in der Folge Äbtissin von Essen, und Otto, der spätere Herzog von Schwaben.