Hlawitschka, Eduard: Seite 221-244
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"Königin Richeza von Polen - Enkelin Herzog Konrads von Schwaben, nicht Kaiser Ottos II.?"

H. C. Faußner hat die These vorgetragen und zu begründen versucht, daß Königin Richeza von Polen keinesfalls eine Kaiserenkelin OTTOS II. war, sondern einer ersten Ehe des Pfalzgrafen Erenfried/Ezzo entstammte, die vor dessen Verbindung mit der Kaiser-Tochter Mathilde bestanden hätte. Er meint nämlich, daß Richezas Mutter eine Tochter des Grafen "Kuno von Öhningen" und seiner Frau Ita, die ihrerseits bis 957 mit OTTOS I. Sohn Liudolf vermählt war, gewesen sei und sich anschließend mit dem Grafen Kuno verheiratet habe.
Für Faußner ist dies selbstverständlich: Dadurch, daß Ita, die eigentliche Erbin des KONRADINER-Besitzes in und um Aschaffenburg, sich nach dem Tode ihres Gemahls Herzog Liudolf (6. September 957) etwa "Ende 958" mit dem Grafen Kuno (von Öhningen) wiederverheiratet habe, habe Kuno auch - wie ehedem schon ihr erster Gemahl Liudolf - an ihrem Besitz in Aschaffenburg "die übliche Mitgewere des Ehemanns" erlangt [Für die von Faußner behauptete Besitzung Itas in Aschaffenburg gibt es nicht den geringsten zeitgenössischen oder aus dem Mittelalter stammenden Hinweis.], während den beiden Kindern Liudolfs und Itas, Mathilde und Otto, "nur das väterliche Erbe" zugestanden habe.
Aber hat sich - und das ist wohl der wichtigste Punkt - Ita, Herzog Liudolfs Witwe, nach dem Tode ihres Gemahls überhaupt noch ein zweites Mal verheiratet: - und zwar mit Graf Kuno/Konrad? Daß dies geschehen sei, sucht Faußner zu beweisen über die Kombination eines Diploms OTTOS DES GROSSEN, in dem seine Schwiegertochter Ita 948 in besonders auszeichnender Weise als dilecta filia nostra Ita bezeichnet wird, mit der folgenden Grundaussage der Genealogia Welforum: Der WELFE Ruodolfus - so heißt es in jener - uxorem accepit de Oningen Itam nomine, cuius pater fuit Chuono nobilissimus comes, mater vero filia OTTONIS MAGNI imperatoris fuit... Kuno von Öhningen, später (ab 982) Herzog Konrad von Schwaben, sei damit als Gemahl einer Person, die als filia OTTOS DES GROSSEN bezeichnet werden konnte - was auf Ita gemäß dem zitierten Diplom zutrifft -, erwiesen. Wenn später die Historia Welforum diese filia OTTOS I., die die Genealogia Welforum nicht mit Namen nannte, mit Richlint (statt mit Ita) wiedergebe, so sei das ein leicht erklärliches Versehen. Der WELFEN-Historiograph habe lediglich "Ita mit ihrer Mutter Reginlind (= Richlint), der alten Schwaben-Herzogin und Gemahlin Burchards I. und Hermanns I. verwechselt. Aus verschiedenen Unterlagen, (eventuell aus solchen, aus denen wir ja auch noch heute das Faktum der Abstammung Itas von Reginlind zu kontrollieren vermögen), habe er entnehmen können, daß der Herzogin Itas Mutter Reginlind hieß. Da er nun "in der Genealogia die mit dem WELFEN-Ahnherrn vermählte Ita und ihre dort genannte Mutter" gefunden habe, sei es ein verzeihlicher Irrtum gewesen, die WELFEN-Ahnfrau Ita mit der Herzogin Ita zu identifizieren und folglich den Namen von deren Mutter Reginlind in der Historia in der ihm geläufigen Form als Richlinteinzusetzen.
Aber so sicher ist dieser Beweisgang wiederum nicht, hier werden zunächst zwei eigentlich doch sprachgeschichtlich verschiedene Namen (Regin-lind und Rich-lint) ohne Bedenken gleichgesetzt; und es wird unterstellt, daß die zuvorkommende Haltung OTTOS DES GROSSEN gegenüber seiner Schwiegertochter - sie nämlich als filia zu ehren - eine weite Verbreitung fand. Beides ist indessen höchst fragwürdig und kommt zu der an und für sich schon recht merkwürdigen, aber für Faußner notwendigen These von der "Verwechslung" der WELFEN-Ahnfrau Ita mit der Schwaben-Herzogin Ita durch den WELFEN-Historiographen hinzu, der indessen nicht nur einen einfachen Identifizierungsfehler begangen haben müßte, sondern die in seiner Vorlage - der Genealogia Welforum - eindeutig als Enkelin OTTOS DES GROSSEN vorgefundene Ita mit der ihm sonst als Tochter (filia) OTTOS DES GROSSEN irgendwie bekannt gewordene Ita identifiziert und somit auch noch "Enkelin"  und "Tochter" durcheinandergeworfen haben müßte. Der WELFEN-Historiograph müßte also nicht bloß ein einfacher fehlbarer Mensch gewesen sein, sondern schon ein wahrer Verweschslungsakrobat.
Entscheidend ist freilich, daß die Nachrichten, die wir über Ita von Schwaben nach 957, das heißt nach dem Tode ihres Gemahls Liudolf, besitzen, keine Wiederverheiratung Itas erkenen lassen. So spricht OTTOS DES GROSSEN am 4. April 958 ausgestelltes Diplom davon, daß die Schenkung des predium Oberneisen an St. Albanskloster bei Mainz, wo sein Sohn Liudolf begraben war, erfolge pro remedio anime dilecti filii nostri Liudulffi per peticionem dilecte et venerabilis matrone Ide, vidue filii nostri prenominati. Zu beachten ist dabei Itas Kennzeichnung als venerabilis matrona, was anzuzeigen scheint, daß sie den Schleier genommen hatte und als gottgeweihte Religiose lebte [Daß dies nicht einen Klostereintritt bedeutete, zeigt zum Beispiel die Schilderung der Schleiernahme der Königin Richeza in der Fundatio monasterii Brunwilarensis c. 28.]; venerabilis - ehrwürdig, hochwürdig - ist ja doch damals das allgemein kennzeichnenden Epitheton für den "geistlichen Herrn" bzw. die Klosterfrau oder Religiose gewesen. Nichts anderes als diesen Eindruck geben uns auch die spärlichen weiteren Nachrichten über Itas Lebensgang zu erkennen. Thietmar von Merseburg berichtet, daß der thüringische Ort Rödlitz ab matrona venerabilis Ida, nuruprimi OTTONIS, an die Kirche von Merseburg gegeben worden sei, was die gleiche Kennzeichnung wiederholt und dabei nur Itas Beziehung zur Familie OTTOS DES GROSSEN, nicht auch eine solche zum Grafen Kuno bzw. zu Herzog Konrad von Schwaben, der Thietmar durchaus nicht unbekannt war, zu erkennen gibt. Auch die Einsiedeler Nekrolognotizen zeigen uns Ita nicht als uxor Cunonis bzw. Cuonradi ducis o.ä., sondern als fuit uxor Luitolfi ducis Alamannorum. Die Annales Quedlinburgenses berichten zum Jahre 986 vom Tode Itas in gleicher Weise als vom Ableben der contectalis Liudolfi. Und ebenso deutlich sprechen schließlich noch zwei Urkunden OTTOS III. für das Kloster Hilwartshausen (in der Nähe des Zusammenflusses von Werra und Fulda) vom Jahre 990. Sie bezeugen, daß antea ab Ida matrona bzw. ab domna venerabilis Ita Güter im sächsischen Hessen- und im Leinegau an das Kloster Hilwartshausen geschenkt worden waren, wobei es unzweifelhaft ist, daß diese Ita die ehemalige Schwiegertochter OTTOS DES GROSSEN war. Wenn OTTO III. die einstigen Schenkungen Itas in der auffälligen Form der Neuverleihung bestätigte, war er in die Rechtsnachfolge der Verfügerin eingetreten. Es wird damit nicht nur nochmals deutlich, daß die Schenkerin, die domna venerabilis bzw. matrona Ita, sein Tante, die ehemalige Schwaben-Herzogin, war, sondern mehr noch: wenn Ita zur Zeit ihres Todes (986) - da ihr Sohn Herzog Otto schon 982 gestorben war und ihre Tochter als Äbtissin im Kloster Essen lebte - den jungen OTTO III. als Erben hatte, kann sie nicht einen Ehemann (Kuno/Konrad + 997) hinterlassen haben, der ansonsten alle Unklarheiten in ihren Besitzverfügungen zu klären gehabt hätte [Auch im Falle, daß es sich in beiden Urkunden um ehemaliges Reichsgut handelte, wäre der überlebende Ehemann als Mitinhaber der Gewere heranzuziehen gewesen!]. Ita war also Witwe geblieben, wie es die anderen Nachrichten schon nahelegten.