Fried, Johannes: Seite 109
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"Prolepsis oder Tod? Methodische und andere Bemerkungen zur Konradiner-Genealogie im 10. und frühen 11. Jahrhundert"

Auch jenes eben erwähnte Duell verdient an dieser Stelle noch ein wenig Aufmerksamkeit. Es fand im Jahr 950 während eines Hoftages in Worms statt, auf dem die Nachfolge des im Vorjahr verstorbenen Herzogs Hermann von Schwaben geregelt wurde. Die näheren Umstände sind dunkel. Der Fortsetzer Reginos bemerkt, nachdem er der Erhebung des Königs-Sohnes Liudolf zum Herzog der Alemannen gedacht hatte, lapidar: Ibi (das heißt in Worms) Cuonradus filius Gebehardi comitis, quoniam cum quadam nepte regis se concubuisse sibi imposcit, a quodam Burchardo Saxone monomachia victus fefellisse patuit [Cont. Regin. zu 950 Seite 164]. OTTOS DES GROSSEN leibliche Nichte könnte allenfalls die älteste, damals etwa 12-jährige Tochter seines Bruders Heinrich gewesen sein, was anzunehmen zwar einige Perspektiven eröffnet, aber als ganz unwahrscheinlich zu verwerfen ist. Also meint neptis irgendeine Verwandte des Königs. Thietmar machte daraus OTTOS Tochter Liudgard, die lothringische Herzogin, ließ weiter Konrad im Duell die Schwurhand verlieren und schmückte die Erzählung überhaupt breit aus; sie betraf immerhin seinen eigenen Urgroßvater. Spiegelte sich die Aktualisierungskunst der weitgehend oralen Gesellschaft? Oder präzisierte der sächsische Chronist den bewußt verschleiernden Bericht des fränkischen Vorgängers, den er kannte? Immerhin war Thietmar ja Zögling derselben Magdeburger Domschule, die der erste Magdeburger Erzbischof Adalbert eingerichtet hatte, also jener Mann, der heute gewöhnlich für den Fortsetzer Reginos gilt; und Thietmar erzählte die Geschichte als Bischof einer Stadt, deren Graf eben der Sohn des königlichen Kombattanten von 950 war. Seine Darstellung könnte also Zutreffendes überliefern; auch daß ein Sachse als Konrads Gegner auftrat, läßt an OTTOS sächsische, nicht etwa an seine lothringischen Verwandten als Betroffene denken. Brüstete sich Konrad dann aber, wie man bisher durchweg vermutet, mit einer Liebesaffäre, die ein abruptes und unrühmliches Ende fand? Konrad I. muß im Jahre 950, so ergeben Überlegungen zum Alter seiner Kinder und Enkel, ein verheirateter Mann von etwa 30/35 Jahren gewesen sein. Die Annahe, er sei gerade - wie der König selbst - Witwer gewesen und habe sich mit einer Königsnichte zu vermählen gedacht, besitzt wenig Wahrscheinlichkeit. Also hieß nicht Ehe das Ziel seiner Wünsche, sondern Korrumpierung der Königs"nichte", hinter der Thietmar die sächsische Königs-Tochter und lothringische Herzogin selbst erkannte. Doch ging es um Lothringen? Den Weg zu einer anderen Erklärung hat bereits Hermann Jakobs gewiesen, da er an den Zusammenhang erinnerte, in den der Continuator die Affäre rückte: die Nachfolge nämlich im alemannischen Herzogtum. Sollte sie durch Konrads Behauptung in eine andere Richtung gelenkt oder sollte der König zu umfangreicheren Kompensationen genötigt werden, als er tatsächlich zu leisten bereit war? Keine Romanze, wie bisher angenommen, vielmehr List und Täuschung, nicht Liebe, sondern Politik bestimmten Konrads Handeln. Wenn sich indessen hinter des Königs neptis OTTOS damals bereits verheiratete Tochter verbergen konnte, dann zweifellos auch seine Schwiegertochter Ida von Schwaben, die Gemahlin des sächsischen Prinzen Liudolf, die OTTO selbst übrigens dilecta filia nostra heißen konnte. Dann aber wären Schwaben und Idas Ehe das Ziel von Konrads Angriff auf die weibliche Ehre. Wie auch immer, Konrads Behauptung mußte ungeschehen gemacht werden. Dem diente der Zweikampf, den Konrad verlor. Die alte Königsnähe, welche seine Oheime Konrad Kurzbold, Udo von der Wetterau und Hermann von Schwaben ausgezeichnet hatte, war nun fürs erste dahin. Die KONRADINER spielten fürderhin an OTTOS DES GROSSEN Hof eine untergeordnete Rolle.