Glocker Winfrid: Seite 46-53
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"Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik"

HEINRICH, der spätere König war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe mit Hatheburg, der Tochter des "senior" Erwin, entstammte ein Sohn Thankmar. Als die Ehe HEINRICHS mit Hatheburg aufgelöst wurde, geriet auch Thankmar in den Ruch der Illegitimität, obwohl er - im Gegensatz zu dem unehelichen Sohn OTTOS DES GROSSEN Wilhelm, dem späteren Erzbischof von Mainz - nicht mit der Namensgebung aus der LIUDOLFINGER-Familie ausgeschlossen worden war: sein Name gehörte zum Namensgut dieser Sippe.

1. Heinrichs Ehe mit Hatheburg
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HEINRICH, der Sohn des Sachsen-Herzogs Otto der Erlauchte, heiratete in erster Ehe Hatheburg, die Tochter des "senior" Erwin. Für unser Wissen über diese erste Ehe des späteren Königs sind wir ganz auf die Nachrichten in der Chronik Thietmars von Merseburg angewiesen, der - offenbar aus lokaler Tradition - noch genauere Kenntnisse über die Vorgänge hatte, die sich etwa 100 Jahre vor seiner Zeit abgespielt hatten.
Der Vater Hatheburgs scheint nicht Graf gewesen zu sein, da Thietmar die Bezeichnung "senior" für ihn verwendet; er besaß den größten Teil der Altenburg zu Merseburg und hinterließ diesen Besitz seinen beiden Töchtern, da er söhnelos war. Hatheburg war vor ihrer Vermählung mit dem Sohn des Sachsen-Herzogs schon einmal vermählt gewesen, und sie hatte als Witwe, wie dies zu dieser Zeit üblich war, als "sanctimonalis" den Schleier genommen. Doch HEINRICH entbrannte in jugendlicher Liebe zu ihr und versprach ihr die Ehe "ob huius pulchritudinem et hereditatis divitiarumque utilitatem". Wie Thietmar bezeugt, spielte also der Besitz der Braut, die ihr Erbe allerdings mit einer namentlich nicht bekannten Schwester teilen mußte, eine wesentliche Rolle bei der Brautwahl des künftigen Sachsen-Herzogs. So weit wir wissen, war die Besitzbasis der LIUDOLFINGER zu den Zeiten Herzog Ottos des Erlauchten noch recht schmal. Das Zentrum ihrer Herrschaft lag anscheinend sogar in Thüringen, zu dem Merseburg gehörte; und der junge HEINRICH war, wie wir sehen, bestrebt, diese Basis auszubauen.
Die Vermählung HEINRICHS mit Hatheburg fand in den allerersten Jahren des 10. Jahrhunderts statt. Wie wir durch Widukind von Corvey wissen, hatte HEINRICH noch zwei ältere Brüder, Thankmar und Liudolf, die jedoch beide noch vor dem Tod ihres Vaters, Herzog Ottos des Erlauchten (+ 912), verstarben. Es ist gut möglich, daß diese beiden Brüder zur Zeit der ersten Eheschließung HEINRICHS noch am Leben waren, so dass Heinrich damit rechnen mußte, das Erbe des Vaters mit Thankmar und Liudolf teilen zu müssen, und aus diesem Grund hochgradig daran interessiert war, seinen Besitz durch Heirat zu erweitern.
HEINRICH und Hatheburg hatten einen Sohn, der den Namen Thankmar erhielt. Trotz dieses Namens, der seine Zugehörigkeit zur LIUDOLFINGER-Familie zeigte, sollte Thankmar im Laufe der weiteren Entwicklung, die zur Trennung seiner Eltern und zur Neuvermählung seines Vaters führte, in eine Außenseiterrolle abgedrängt werden: Thankmar rutschte in die Position eines quasi illegitimen Sohnes ab. Dies fand seinen Niederschlag darin, daß schon Widukind von Corvey nichts mehr von der ehelichen Geburt Thankmars wußte.
HEINRICH mußte, um sich von Hatheburg trennen zu können, als Vorwand das Argument benutzen, sie habe bereits als Witwe den Schleier genommen, und die Ehe mit ihr sei somit nicht rechtmäßig zustande gekommen. Es scheint, als ob Hatheburg nach der Lösung der Ehe wieder in eine geistliche Frauengemeinschaft zurückgekehrt sei. Den Besitz seiner ersten Frau behielt HEINRICH auch nach der Trennung. Anscheinend regte sich hiergegen kein Widerspruch, auch nicht, als HEINRICH frei über diesen Besitz verfügte. Die Annahme liegt daher sehr nahe, der Sohn des Sachsen-Herzogs habe bei der Eheschließung mit Hatheburg mehr Widerspruch gefunden als dann bei der Auflösung. Hatheburg hatte zwar keine Brüder, die sich für sie hätten einsetzen können, aber mächtige Verwandte, darunter den als Legaten und "a rege secundus" bekannten Siegfried, der der Bruder des späteren Markgrafen Gero war und in der Forschung der ASIC-Sippe zugeordnet wird, die im 10. Jahrhundert die Grafenrechte in der Gegend von Merseburg ausübte. Die außerordentliche Stellung Siegfrieds, wie wir sie aus der Zeit der Königskrönung OTTOS I. kennen, ist möglicherweise das Ergebnis eines Arrangements mit den Verwandten der Hatheburg.
Merseburg, den Besitz der Hatheburg, gab König HEINRICH an seinen gleichnamigen Sohn. Der Konflikt des jungen Heinrich mit seinem älteren Bruder Thankmar war damit vorprogrammiert.

2. Thankmar im Konflikt mit seinen Brüdern
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Mit der Empörung Thankmars kommen wir mitten hinein in die Auseinandersetzungen der ersten Regierungsjahre König OTTOS I., bei denen Thankmar nur kurze Zeit eine Hauptrolle spielen sollte. Ausführlicher wird dieser geschichtliche Komplex daher bei der Darstellung der Figur Heinrichs, des jüngeren Bruders OTTOS DES GROSSEN, behandelt werden. Hier soll nur speziell die Person Thankmars beleuchtet werden.
Thankmar scheint als Folge des Verstoßens seiner Mutter in die Illegitimität abgerutscht zu sein. Wir konnten bereits auf die Nachrichten Widukinds von Corvey verweisen, der zwar Thankmars Mutter als Adlige kennt und Thankmardurchaus adlige Eigenschaften zuschreibt, aber nicht mehr die genauen Verwandtschaftsverhältnisse weiß; insbesondere erwähnt Widukind nicht, daß König HEINRICH mit der Mutter Thankmars in erster Ehe verheiratet gewesen war und sich wegen Mathilde von ihr getrennt hat. Es ist daher gut möglich, daß wir beim Continuator Reginonis ein bereits weit verbreitetes Wissen fassen können, wenn wir lesen, Thankmar sei "frater regis ex concubina". Thankmar war darüber hinaus noch sein Muttergut entzogen worden, und so mußte er sich doppelt ungerecht behandelt fühlen.
Im Jahr 937 starb Graf Siegfried, den wir bei Widukind von Corvey als Legaten und "Hüter" des jungen Heinrich zu der Zeit der Krönungsfeierlichkeiten für OTTO I. kennenlernen. Die Mutter Siegfrieds war eine Schwester Hatheburgs: Thankmar war somit Siegfrieds Neffe 2. Grades. Dies zu wissen, ist für die weitere Entwicklung der Dinge wichtig.
König OTTO setzte den Bruder des Legaten Siegfried, den Grafen Gero, an dessen Stelle: und "afflictus est Thancmarus tristitia magna". Thankmar hatte offenbar erwartet, als entfernter Verwandter des verstorbenen Amtsträgers und als Königsbruder mit der "legatio" Siegfrieds betraut zu werden, zumal er schon in der Erbfolge übergangen worden war und nun auf eine angemessene Entschädigung wartete. König OTTO I. hatte aber einen Mann mit der "legatio" betraut, der einerseits - wie es sich erweisen sollte - eine hohe Eignung für das Amt besaß und andererseits auf das Erbrecht verweisen konnte: sein Vater und sein Bruder hatten diese Position, die Gero jetzt übertragen wurde, bereits innegehabt. Doch auf jeden Fall muß - das macht die Reaktion Thankmars deutlich - nicht nur ein Anspruch des Erbberechtigten bestanden haben, sondern der Nachfolgeanspruch eines höherrangigen, aber entfernter verwandten Mitglied der Sippe.
Im Jahr 938 eskalierte der Konflikt zwischen König OTTO I. und seinem Halbbruder Thankmar. Alle Aufstände der Regierungszeit OTTOS DES GROSSEN wurden dadurch gefährlich, daß es sich im Grunde nicht um die Auflehnung eines einzelnen handelte, sondern daß alle Zentralfiguren der Aufstandsbewegungen ihre Bundesgenossen fanden: Thankmar fand solche aber nicht nur im sächsischen Adel, sondern auch in der fränkischen Familie der KONRADINER. Eberhard, der Herzog der Franken, war mit seinem sächsischen Lehensmann Bruning in "dissensio" geraten. In dem nun ausbrechenden Konflikt in der Familie des Königs verbündete sich Eberhard mit Thankmar. Weiter stand auch der BILLUNGER Wichmann der Ältere auf der Seite Thankmars: er fühlte sich gegenüber seinem Bruder Hermann Billung bei der Mandatsvergabe benachteiligt, da er, Wichmann, auf größere Königsnähe verweisen konnte als sein Bruder, der jedoch das Mandat erhalten hatte: die Gemahlin Wichmanns war nämlich eine Schwester der Königin Mathilde. Neben diesen beiden namentlich bekannten Bundesgenossen fand Thankmar Unterstützung im sächsischen Adel, der sich gegen die neue Politik OTTOS I. zur Wehr setzte, die durch eine gezielte Vergabe königlicher "Mandate" die adlige Oberschicht zu differenzieren suchte und somit deren erworbene Herrschaftsrechte zu gefährden drohte.
Thankmar, Eberhard und ihre Leute eroberten zunächst die Burg Belecke. Diese Burg wurde den Gefolgsleuten zur Plünderung überlassen; Thankmarfiel hier sein jüngerer Stiefbruder Heinrich in die Hände. Als nächsten Schritt im Kampf wandte sich Thankmargegen die Eresburg und nahm sie ein. Es kam in seinen Reihen zu einem ersten Abbröckeln: Wichmann der Ältere schloß Frieden mit dem König, als er von so großem Frevel der Aufrührer hörte. Thankmar unternahm von der Eresburg aus viele Raubzüge. Widukind, der uns am ausführlichsten über die Vorgänge um den Aufstand Thankmars unterrichtet, sieht in der Rebellion des Königsbruders einen Widerstand gegen die gottgewollte Herrschaft des Königs, und so ist der Kampf zum Scheitern verurteilt; Thankmar beachtet im Krieg weder "honesta" noch "pudicitia"! Daneben scheint aber auch die reale Übermacht König OTTOS, der mit einem mannstarken Heer vor der Eresburg erschien, eine wesentliche Rolle gespielt zu haben: die Besatzung der Burg gab auf und ließ das königliche Heer ein. Thankmarflüchtete in die Burgkirche und legte dort auf dem Altar seine Waffen und seine goldene Halskette ab. Mit dem Ablegen der Waffen zeigte er an, daß er seine Ansprüche aufgab, indem er sich schutzlos machte. Die goldene Halskette steht explizit für die Aufgabe der aus der Verwandtschaft mit dem König resultierenden Forderungen, da es sich bei einer solchen Kette um ein königliches Herrschaftszeichen handelt; zugleich dokumentierte Thankmar auch seine fortdauernde Zugehörigkeit zur königlichen Familie.
Die Heiligkeit der Kirche gewährte Thankmar aber keinen sicheren Schutz: einer seiner Ritter, namens Maincia, tötete ihn mit einer Lanze, die er durch ein Fenster in der Nähe des Altars warf. Damit war Thankmar als Gegner des Königs ausgeschaltet. In der neueren Forschung wurde allerdings darauf aufmerksam gemacht, es erscheine nur einem oberflächlichen Betrachter als ein Erfolg OTTOS, Thankmar durch einen Mord ausgeschaltet zu sehen. So bemühte sich Widukind, König OTTO damit zu entlasten, er sei während der Vorgänge in der Kirche der Eresburg nicht anwesend gewesen, er habe das Vorgehen seiner Vasallen mißbilligt und seinen Bruder betrauert. Widukind schreibt König OTTO sogar die Absicht zur Rache für seinen Bruder zu, während Thietmar hier noch einen Schritt weitergeht und den König den Racheakt für Thankmar direkt vollziehen läßt. Aus dieser Beobachtung folgert Karl Leyser, die Ermordung des Halbbruders sei für OTTO I. eine schwere Belastung gewesen, da Thankmar möglicherweise Verwandte, mit Sicherheit aber Gefolgsleute hatte, die zur Rache eine Verpflichtung hätten spüren können. Wir hören zwar nach dem Tode Thankmars nichts von Racheakten, doch ist es gut vorstellbar, daß in den folgenden Aufständen sich ein Teil der Gegner des Königs aus den Kreisen rekrutierte, in denen noch Resentiments wegen der Ermordung Thankmars wach waren. Eine solche Vermutung ließe sich zudem durch zwei Hinweise in der Chronik Thietmars von Merseburg stützen, der die Vorgänge um den Aufstand Thankmars unter dem überschriftartigen Kapitelanfang "huius prospera multa turbabant adversa" bringt und im Laufe des Berichts Thankmar zum Sohn OTTOS I. macht: damit beschreibt Thietmar - sofern es sich nicht um ein reines Versehen der Bezeichnung "filius" anstatt "frater" handelt - das Verhalten, wie man es von einem König gegenüber seinem Verwandten erwartet hätte: Fürsorglichkeit wie gegenüber einem Sohn. Den Zeitgenossen wird es zweifelhaft erschienen sein, ob OTTO seinen Pflichten genügt hat.

3. Zusammenfassende Würdigung Thankmars
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Bei Thankmar konnten wir zum ersten Mal in unserer Revue durch die Verwandten der OTTONEN Ansprüche fassen, die aus der verwandtschaftlichen Bindung resultierten, Thankmar war sein Erbe entfremdet worden, und er war deswegen seinen Brüdern nicht gerade freundlich gesinnt. Zum Ausbruch des Konfliktes kam es erst, als der Bruder Thankmars, König OTTO, gegen die Verpflichtung verstieß, die offenbar im Rechtsdenken des 10. Jahrhunderts gut begründet war, königsnahe Verwandte bei der Vergabe von Ämtern, die ja zugleich Ehrenstellungen bedeuteten, zu bevorzugen. Bei Thankmar finden wir ein Grundschema, das sich immer wieder bei den Aufstandsbewegungen der OTTONEN-Zeit zeigt: eine Aufstandsbewegung gruppiert sich um ein Mitglied der Königsfamilie, das in einer besonders engen verwandtschaftlichen Beziehung zum jeweils regierenden Mitglied der OTTONEN-Dynastie steht. Wir konnten weiterhin sehen, daß die plötzliche Ermordung Thankmars nicht unbedingt einen Erfolg der Regierung OTTOS I. bedeutet haben muß, sondern durchaus die Quelle zu einem Weiterschwelen des Konfliktes zwischen König und Adel gewesen sein kann.