Brun, der jüngste Sohn König HEINRICHS I. und der Königin Mathilde, wurde schon mit vier Jahren für den geistlichen Stand bestimmt. Nach Beendigung seiner Studien übernahm er wichtige politische Aufgaben als Leiter der Königskanzlei und als Erzbischof von Köln. In seiner Person ist die Union von geistlicher Würde und weltlichem Amt als Idealtyp eines Klerikers im ottonisch-salischen Reichskirchensystem ausgebildet; dies allerdings - was man sich immer vor Augen halten muß - unter der besonderen Bedingung der Zugehörigkeit zur königlichen Familie.
1. Brun als Kanzler
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Brun wurde als dritter
Sohn König HEINRICHS I. aus dessen
zweiter Ehe mit der Königin Mathilde
im Mai 925 geboren und bereits im Alter von vier Jahren für
den geistlichen Stand bestimmt. Es sei hier an die bekannte Tatsache erinnert,
daß die deutsche Reichskirche eine Adelskirche gewesen ist, und dass
alle Adelsfamilien einige ihrer Nachkommen dem geistlichen Stand überantworteten.
Auch König HEINRICH fügte
sich dieser Konvention, die ihre Erklärung nicht zuletzt in der Sorge
um das Seelenheil findet, das durch das Verrichten guter Taten durch Stellvertreter
gesichert werden sollte.
Brun erhielt seine
Erziehung durch Bischof Balderich von Utrecht, der der REGINAR-Familie
zuzuordnen ist - einer Familie, zu der die LIUDOLFINGER
wenige
Jahre zuvor mit der Heirat der Königs-Tochter
Gerberga und des Herzogs Giselbert von Lothringen in verwandtschaftliche
Beziehungen getreten waren. Die umfassende Ausbildung schloß auch
den Unterricht in der lateinischen Grammatik (die neben der eigentlichen
Sprachlehre auch Literatur, Logik und Philosophie umfaßte), in Rhetorik,
Geschichte und Sprachen (darunter Griechisch, in der damaligen Zeit ein
Seltenheit) ein. Im Alter von 14 Jahren mußte Brun
seine Studien abbrechen, da ihn OTTO
I. im Jahre 939 an den königlichen Hof berief, wo er, Brun,
nunmehr Tätigkeiten in der königlichen Kanzlei übernehmen
sollte.
Über das anfängliche Wirken Brunos
in der Kanzlei sind wir durch keinerlei Quellen unterrichtet, und so können
wir nur vermuten, dass Brun seinen
Bruder, den König, auf dessen Feldzügen gegen
Heinrich,
Eberhard und Giselbert begleitete: die Königskanzlei reiste üblicherweise
mit dem Hof mit. Auffällig ist die politische Großwetterlage,
während der Brun in die Kanzlei
berufen wurde. In einer Zeit, in der König
OTTO I. seine Herrschaft zu stabilisieren suchte, wählte
er
Brun, wohl in der Hoffnung, dieser
könne ihm in Zukunft als zuverlässiger Berater zur Seite stehen.
Ob Brun allerdings
in den ersten Jahren am Hof einen maßgeblichen Einfluß auf
die königliche Regierung ausübte, wie dies die jüngste Darstellung
des späteren Kölner Erzbischofs annimmt, scheint doch sehr fraglich,
wenn man das jugendliche und damit unerfahrene Alter Brunos
bedenkt: er war damals 14-15 Jahre alt. Eher wäre an einen Wechsel
auf die Zukunft zu denken.
Im September 940 erscheint Brun
erstmals in der Rekognitionszeile einer Königsurkunde als Kanzler.
Hiermit war die Stellung Bruns am königlichen
Hof sozusagen institutionalisiert; OTTO
setzte nun für die kommenden Jahre auf seinen Bruder, der auch jetzt
noch jede freie Minute für seine Studien nutzte. Wenn man die Königsurkunden
der nächsten Jahre untersucht, kann man eine spürbare Unsicherheit
in der Beurkundungstätigkeit feststellen, die erst allmählich,
mit zunehmender Erfahrung und Reife Bruns, einer besseren Ordnung Platz
macht. Parallel zu dieser Einarbeitung in die Aufgaben des Kanzlers wird
Brun
auch entsprechend mehr und mehr Einfluß auf die Regierungstätigkeit
ausgeübt haben. Der Kanzler war privater Sekretär und engster
Berater des Königs. In seinen Händen lag die Überwachung
der täglichen Geschäfte der Reichskanzlei, und durch seine Hand
gingen alle Dokumente. Diese waren zumeist in lateinischer Sprache verfaßt,
deren König OTTO nicht mächtig
war, und so war es Bruns Aufgabe, diese
Texte für seinen Bruder, den König, zu übersetzen. Durch
diese Tätigkeit hatte er selbstverständlich einen hohen Einfluß
auf die politischen Entscheidungen.
Brun war in der königlichen
Kanzlei aber nicht nur einfach verwaltend tätig, sondern nahm auch
bald Veränderungen und Verbesserungen vor. Die Urkundentexte wurden
neu formuliert und in Mustern festgeschrieben, um künftig Zweideutigkeiten
noch mehr zu vermeiden. In ihrer Bedeutung höher einzuschätzen
als die Verbesserung am Urkundenformular ist jedoch die Gründung einer
Klosterschule, die junge Kleriker im Rahmen der Kanzlei zu Notaren ausbildete,
die später auch Aufgaben in der Kirche übernehmen konnten.
Neben dem Amt des Kanzlers in der Reichskanzlei hatte
Brun
bis zu seiner Ernennung zum Erzbischof die Stellung eines Diakons inne
und danach auch die des Abtes in mehreren Klöstern, darunter in der
Reichsabtei Lorsch und vermutlich auch in der Abtei Corvey an der Weser.
Durch diese Tätigkeit Bruns wurden
diese Klöster zu führenden Zentren der Reformbewegung.
Bruns
Förderung innerkirchlicher Reformen war aber durch ein
politisches Motiv zumindest mitbedingt: eine bessere Verwaltung durch gut
ausgebildte und fromme Mönche ermöglichte es den Klöstern,
sich aus der Abhängigkeit vom ortsansässigen Adel zu befreien;
ein neuer Rückhalt für die Herrschaft des Königs wurde hier
aufgebaut, aber auch eine Pflanzstätte für königstreues
Personal.
Während der Jahre seiner Kanzlerschaft hielt sich
Brun
praktisch ständig am Hofe seines Bruders, des Königs, auf. Er
begleitete
OTTO I. auch auf dessen
ersten Italienzug, auf dem er, Bruno,
in seinem Rang in der königlichen Kanzlei noch erhöht wurde:
Bruno
wurde
Erzkanzler
des Reiches. Mit diesem hohen Amt erkannte der König die Verdienste
seines Bruders an und zeichnete ihn für seine Leistungen aus - freilich
war das Amt des Erzkanzlers zu einem bloßen Ehrenamt herabgesunken.
Zugleich könnte König OTTO I.
mit der Auszeichnung Bruns beabsichtigt
haben, dem bisherigen Erzkanzler, Erzbischof Friedrich von Mainz, einen
kleinen Dämpfer zu versetzen, da sich Friedrich schon einmal der Herrschaft
König
OTTOS gegenüber reserviert gezeigt hatte und nun den Erzkanzlerrang
mit einem Mann teilen mußte, der nicht einmal die Würde eines
Bischofs, geschweige die des Erzbischofs, aufweisen konnte. Brun
hat freilich mit der Übernahme des Erzkanzleramtes die
Leitung der Kanzleigeschäfte nicht aus der Hand gegeben.
In den Konflikt des Königs-Sohnes
Liudolf mit König OTTO I.,
ein Konflikt zwischen Neffe und Bruder, dürfte Brun
vermittelnd eingegriffen haben. Routger berichtet, Brun
habe Liudolf, als dieser bei der Belagerung
von Mainz zu Unterhandlungen in das Lager des Königs gekommen war,
zur Seite genommen und unter vier Augen ein eindringliches Gespräch
mit ihm geführt. Die Rede Brunos,
die Routger sicher im Hinblick auf den dramatischen Effekt hin verfaßt
hat, hat zwar sicher keinen authentischen Charakter; dennoch können
wir zwei wichtige Informationen entnehmen. Zum einen zeigt die Tatsache,
daß Routger mit einer solchen fingierten Rede auf Glaubwürdigkeit
bei den Zeitgenossen rechnen konnte, wie wichtig die Vermittlertätigkeit
Brunos
für die Politik dieser Jahre gewesen sein muß, und wie zentral
seine Position in der königlichen Familie war. Zum anderen können
wir aber auch erkennen, welche Schlüsselrolle im politischen Denken
der OTTONEN-Zeit die Familie an sich
und im besonderen die königliche Familie gespielt hat. "Wir hören
eine Menge über Liudolfs
Sohnespflichten
und wenig über das Reich". Liudolf wird
ermahnt, Rücksicht auf das ehrwürdige Alter seines Vaters, auf
die väterliche Liebe, die er von Kindesbeinen an empfangen habe, zu
nehmen; er verachte Gott, wenn er seinen Vater verachte, und er möge
bedenken, wer es war, der alle Fürsten des Reiches ihm durch
den Treueid verpflichtet habe. Der Konflikt des Königs mit
Liudolfwird
somit auf einen Konflikt in der Familie der LIUDOLFINGER
reduziert,
der schließlich durch die Vermittlertätigkeit
Bruns
ausgeglichen werden kann.
Nachdem sich Liudolf seinem
Vater in Saufeld unterworfen hatte, läßt Routger seinen Protagonisten,
den Erzbischof Brun, eingreifen, um
den Königssohn, der auch weiterhin eine latente Gefahr für die
Herrschaft des Königs darstellte, zu beruhigen und ihn wieder mit
einer Aufgabe auszustatten, die seiner Stellung entsprach. Nachdem OTTO
DER GROSSE in der Lechfeldschlacht gesiegt hatte, riet - so
Routger - Brun seinem Neffen, die Gunst
der Stunde zu nutzen und den Vater um Verzeihung zu bitten. Routger schreibt
es also dem Einfluß Bruns auf
den König zu, für Liudolf die
Verzeihung und die neue Aufgabe, Italien zu sichern, durch seine Fürsprache
bewirkt zu haben. Brun hätte somit
einen gewichtigen Beitrag zur weiteren Absicherung der Herrschaft OTTOS
DES GROSSEN geleistet, da mit der Entfernung Liudolfs
nach Italien der noch schwelende Konfliktherd bis auf weiteres gelöscht
war, der durch die Amtsenthebung des Schwabenherzogs entstanden war. Zugleich
könnte man auch auf Brunos Konto
gutschreiben, dass Liudolf durch die
Zuteilung Italiens von seinen Anhängern räumlich weit genug getrennt
war, um damit Sachsen für den König zu sichern: war doch die
Kernlandschaft der ottonischen Herrschaft
immer das oder zumindest ein Zentrum einer neu entstehenden Rebellion gewesen.
Und mit dem Weggang Liudolfs in das
langobardische Königreich stand in Sachsen auch kein potentieller
Anführer für einen eventuellen Aufstand mehr zur Verfügung.
Seit Brun zum Erzbischof
von Köln und zum Herzog von Lothringen erhoben worden
war, konnte er sich nicht mehr wie zu Zeiten seiner Kanzleitätigkeit
ständig in der Umgebung seines Bruders, des Königs, aufhalten,
da ihn die neuen Amtspflichten zeitlich stark in Anspruch nahmen. Dennoch
sahen sich
Brun und König
OTTO regelmäßig, fast jedes Jahr. Während des
zweiten Italienzuges OTTOS DES GROSSEN
wurde Erzbischof Bruno mit der Stellvertretung
in der Reichsregierung beauftragt, und zwar in Gemeinschaft mit seinem
Neffen, Erzbischof Wilhelm von Mainz,
dem unehelichen Sohn OTTOS DES GROSSEN.
Während dieser Zeit der Regentschaft der beiden Kirchenfürsten
berichten die Quellen nichts über Aufstände oder Verschwörungen.
Anscheinend wurde die Regentschaft Brunos
und Wilhelms von den Großen des
Reiches anerkannt, wenn wir auch kaum näheres darüber wissen.
Nicht vergessen dürfen wir allerdings, daß zu dieser Zeit kein
Angehöriger der OTTONEN-Familie
mehr zur Verfügung stand, der in einem neuerlichen Aufstand die Führung
hätte übernehmen können: OTTO DER
GROSSE hatte alle seine tatsächlichen und potentiellen
Gegner überlebt.
Als OTTO DER GROSSE,
nunmehr Kaiser, in das Reich zurückgekehrt war, eilte ihm sein Bruder,
der Erzbischof von Köln, nach Worms entgegen und feierte dort mit
dem Kaiser das Fest Maria Lichtmeß. Zum letzten Mal sahen sich die
beiden Brüder bei dem großem Treffen aller Angehörigen
der ottonischen Familie, bei dem sich
der Kaiser in seiner neu gewonnenen Würde den Angehörigen präsentierte.
Über solche Treffen hinaus wurde der Kontakt zwischen
König
OTTO I. und Brun auch in
der Zwischenzeit aufrechterhalten. Zu alledem wirkte der Einfluß
Brunos
am königlichen Hof auch nach seinem Ausscheiden aus der Kanzlei weiter,
weil es seine Schüler waren, die nun die Kanzlei betreuten.
Brunwar somit bis
zu seinem Tod intensiv an der königlichen Herrschaft beteiligt. Besonders
eindrucksvoll verdeutlichen ließe sich die Stellung Brunos
an einer Urkunde des Erzbischofs Everacrus von Lüttich, die den Erzbischof
von Köln an erster Stelle unter den Fürsten nach den drei Monarchen
OTTO
DER GROSSE,
OTTO II.
und
König Lothar von Frankreich
nennt: diese Urkunde ist allerdings eine Fälschung. Bevor wir dieses
Zeugnis für unseren Zweck, die Stellung Bruns
einschätzen zu können, verwerten dürften, müßten
wir das Dokument einer eingehenden Urkundenkritik unterwerfen, die hier
jedoch nicht geleistet werden kann.
2. Erzbischof von Köln und "archidux" in Lothringen
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Seit dem Jahr 953 war Brun Herzog
von Lothringen und etwa seit der gleichen Zeit Erzbischof in Köln.
Brun
wurde die Aufgabe übertragen, das Herzogtum zwischen Rhein und Maas
für das Reich zu sichern. Brun löste
diese Aufgabe nicht nur mit Bravour, sondern konnte Lothringen sogar enger
an das Reich binden. Wie war es dazu gekommen?
Spätestens mit dem Anfang des Jahres 953 hatten
sich die beiden Herzöge Konrad von Lothringen und Liudolf
von Schwaben gegen Herzog Heinrich
von Bayern verbündet. Hiermit hatte der Liudolf-Aufstand
begonnen. Da sich König OTTO vor
seinen Bruder Heinrich stellte, war
er nicht nur von dem Aufstand mit betroffen, sondern rückte unter
den Gegnern der Aufständischen in die zentrale Position vor. Und die
Lage König OTTOS gestaltete sich
noch bedrohlicher: nicht nur die beiden Herzogtümer
Liudolfs
und Konrads, Schwaben und Lothringen, schlossen sich dem Aufstand an, sondern
auch die fränkischen Gegenden um Mainz und Worms. Hier hatte die Familie
Konrads des Roten ihr traditionelles Machtzentrum, dort residierte Erzbischof
Friedrich von Mainz, der sich den Empörern anschloß. Franken
hatte bisher neben Sachsen zu den Säulen der königlichen Macht
gehört.
Am 9. Juli 953 starb nun Erzbischof Wigfrid von Köln,
der dem König treu ergeben gewesen war - gehörte doch auch er
der Familie der LIUDOLFINGER an - und
schon längere Zeit gekränkelt hatte. Auf den vakanten Sitz mußte
ein Mann, auf den sich König OTTO unbedingt
verlassen konnte, zumal Köln ja mitten im unsicheren Herzogtum Lothringen
lag. Und wer hatte sich bisher für die Krone zuverlässiger gezeigt
als Brun, der Bruder des Königs?
Die Wahl des neuen Erzbischofs wurde zwar in regulärer kanonischer
Weise vorgenommen, aber sogar Routger deutet die Einflußnahme des
Königs in vorsichtigen Worten an. Der Aufstand
Liudolfs
zog immer weitere Kreise, deretwegen sich König
OTTO I. zu einem neuen, bisher noch nie gewagten Schritt entschloß.
OTTO
DER GROSSE übertrug seinem Bruder, Erzbischof
Bruno von Köln, die herzogliche Gewalt in Lothringen: "fratrem
suum Brunonem occidenti et provisorem,
et, ut ita dicam, archiducem, in tam periculoso tempore misit." Routger
versucht, wie Helmut Neumann bei der Interpretation der zitierten Stelle
aufgezeigt hat, mit "tutor" und "provisor" als gemeinverständlichen
Synonyma das neugeschaffene Amt zu definieren; anschließend ordnet
der Biograph Brunos diese Amt in Analogie zur kirchlichen Hierarchie ein:
archidux : dux
= archiepiscopus : episcopus
Die Amtsgewalt Brunos
im Herzogtum Lothringen scheint nur eine Art "Oberstellung" beinhaltet
zu haben: Konrad der Rote gilt auch weiterhin als Herzog, bis ihm auf dem
Reichstag zu Arnstadt das Herzogsamt aberkannt wurde; doch durfte Konrad
seinen Herzogstitel als Zeichen der Zugehörigkeit zum Reichsfürstenstand
weiterhin behalten.
OTTO DER GROSSE hatte
mit der Ernennung seines Bruders Brun,
des Erzbischofs von Köln, völliges Neuland beschritten:
noch nie hatte ein Kleriker die Herrschaft über ein ganzes Herzogtum
übertragen bekommen. Auch die Zeitgenossen dürften die Ungewöhnlichkeit
der nunmehrigen Stellung Bruns empfunden haben. Nur so ist es zu verstehen,
dass sich Routger die ganze "Vita Brunonis" hindurch bemüßigt
fühlt, den weltlichen Rang des Klerikers Brun
zu verteidigen. Brun hat diese Stellung
freilich nicht erhalten, weil er Kleriker, sondern weil er der zuverlässige
Bruder OTTOS I. war.
Die Ernennung des Kölner Erzbischofs zum Herzog
war auch für die Zukunft der Königsherrschaft richtungsweisend:
hier entstand zum ersten Mal die Gemeinschaft von geistlicher und weltlicher
Sphäre, die Einheit von Kirche und Staat. Das Zusammenwirken dieser
beiden Bereiche sollte - dies wurde in den folgenden Jahren ganz deutlich
- dem Schutz des Reiches, dem Frieden und der Ordnung dienen, und die Kirche
sollte durch die weltliche Ordnung ergänzt werden. Es entstand daraus
das, was die Forschung gemeinhin als das ottonisch-salische
Reichskirchensystem
bezeichnet. Brun selbst gilt in der
Literatur als der "Prototyp" des ottonisch-salischen
Reichsbischofs, wenngleich die "archidux"-Stellung nur
ihm persönlich galt und nicht beim Kölner Erzbistum verblieb.
Als politische Persönlichkeit bleibt Brun
einzigartig, da sich kein anderer in dem gleichen Maße
wie er in den Dienst des Staates einbrachte. Bei dieser Gelegenheit sei
darauf hingewiesen, daß unser Bild Brunos
immer stark durch die Zeichnung des Routger in der "Vita Brunonis" geprägt
sein wird: Routger hat aus dem Zusammenfließen von kirchlichen und
weltlichen Amtsaufgaben in einer Person, die Mitglied der Herrscherfamilie
und Bruder des Königs war, eine familiäre Struktur der Königsherrschaft
abstrahiert.
Bruno von Köln,
dem neuernannten "Erzherzog", konnte von seinem Bruder OTTO
I. die Aufgabe, Lothringen zu sichern, allein überlasse
werden, als sich der König nach Bayern begab, um dort gegen Liudolf
vorzugehen.
In Aachen fand unter der Leitung Bruns
eine
Versammlung der Fürsten Lothringens statt. Die Wahl dieses Versammlungsortes
zeigte Bruns Legitimitätsdenken:
Aachen war der Ort der Krönung OTTOS I.
gewesen, stand aber auch in der KARLS-Tradition,
die zugleich den Anspruch auf Lothringen implizierte. Doch auch die Schwierigkeiten,
die Brun bei der Anerkennung seiner
Stellung in Zukunft noch haben sollte, wurden schon bei dieser Versammlung
deutlich: wie auch vier Tage später bei der feierlichen Thronbesetzung
Brunos
in Köln, erschienen nur Bischöfe aus Lothringen: andere Herzogtümer
waren nicht vertreten.
Es gelang Brun, mit
einer Politik des "divide et impera" die lothringischen Adligen auf seine
Seite zu ziehen; sie wurden in den Kreis der Berater des Erzbischofs und
"Erzherzogs" aufgenommen. Geschickt nutzte der Königsbruder die Feindschaft
der Großen Lothringens gegen Herzog Konrad. Bereits kurz nach seiner
Weihe zum Erzbischof trat Bruno Konrad
dem Roten bei Rimlingen gegenüber, eine Begegnung die ohne Kampf verlief,
da der Kölner Erzbischof Konrad davon überzeugen konnte, ein
Kampf ginge "contra regem", worauf dieser auf die militärische Auseinandersetzung
verzichtete. Es stellt sich hier die Frage, ob nicht auch Brun
vor
der kriegerischen Auseinandersetzung zurückgeschreckt ist. Wie konnte
er überhaupt einen Waffenkampf mit seiner Stellung als Kleriker und
als Erzbischof vereinbaren? Wir wissen, dass Brun
selbst Heere anführte und vermutlich auch selbst Waffen trug. Dennoch
scheint er ein diplomatisches Vorgehen, wenn möglich, vorgezogen zu
haben, wie uns das der Continuator Reginonis im Falle des Rimlinger Treffens
überliefert hat, und wie wir es auch aus dem weiteren Handeln Brunos
in Lothringen entnehmen können.
Seit Anfang 954 war Konrad der Rote durch Brun
offenbar isoliert worden: wir hören zumindest nichts mehr von Kämpfen
zwischen Herzog Konrad und Erzherzog Bruno.
Alleiniger Herzog in Lothringen war Brunallerdings
erst seit dem Reichstag von Arnstadt, auf dem Konrad seinen Verzicht auf
das Herzogtum leistete.
Doch auch jetzt konnte die Lage in Lothringen noch nicht
als beruhigt angesehen werden. Es gab weitere potentielle Gegner, die sich
bald zu Wort meldeten. Am mächtigsten war nach dem Herzog die
Familie der REGINARE, deren Haupt zu den Zeiten Brunos
Graf Reginar III. vom Hennegau war. Dieser nahm im Jahr 955 Lüttich
ein und setzte dort Bischof Rather, einst Lehrer Brunos
und somit Günstling des "Erzherzogs", ab: er war - aus seinem Veroneser
Bischofssitz vertrieben - von Brun noch
an seinem Kölner Weihetag zum Bischof von Lüttich umordiniert
worden; Rather hatte aber als Landfremder in lothringischen Lüttich
seine Stellung nie festigen können. Als Nachfolger bestieg der Neffe
Reginars, Balderich, den Lütticher Bischofsstuhl. Bruno
konnte zunächst nichts gegen die gefährliche "familiäre
Identität von regionaler Adels- und Bischofsherrschaft" unternehmen,
da die REGINAR-Familie ihre Loyalität gegenüber Kirche und Reich
versicherte. Doch bald bot sich eine Gelegenheit, gegen Reginar und seine
Familie vorzugehen.
Um seine Machtstellung abzusichern, hatte Reginar das
Witwengut der
Gerberga, der Schwester
OTTOS
DES GROSSEN und nunmehrigen Witwe
König
Ludwigs IV. Transmarinus, okkupiert. Dieses Witwengut war Gerberga
von
ihrem ersten Gemahl, Herzog Giselbert übertragen worden, der seinerseits
der REGINAR-Familie angehörte. Eine gewisse Berechtigung wird man
daher dem Vorgehen Reginars III. nicht absprechen können, da die fraglichen
Güter dem Besitz der Familie entstammten.
König Lothar,
der Sohn Gerbergas, griff in diese
im Grunde innerlothringische Angelegenheit ein, die allerdings wegen des
zu erwartenden Erbfalles beim Tode seiner Mutter auch seine eigene sein
mußte, und eroberte in einem Handstreich die Festung Reginars am
Chiers, die auf Reichsgebiet lag; dabei gelang es ihm, die Gemahlin und
Kinder Reginars gefangenzunehmen. Auf Bitten seiner Schwester Gerberga
vermittelte
Brun
zwischen seinem Neffen Lothar
und Reginar, der das Witwengut der Gerberga
im Tausch gegen seine Angehörigen herausgeben mußte.
Brun erscheint hier auf den ersten
Blick als neutraler Schiedsrichter, der zwischen den Parteien, nur um die
Gerechtigkeit besorgt, waltete. Doch wie groß war seine Beteiligung
wirklich? Wir sind bei der Antwort auf Vermutungen angewiesen, können
aber aus der Kenntnis der Gesamtergebnisse mit gutem Grund folgern, dass
Brunvon dem Eingreifen Lothars
im voraus informiert gewesen sein muß. Der französische
König mußte keinen Augenblick lang zögern, einen ottonischen
Vasallen in Lothringen anzugreifen. Dieses Vorgehen Lothars
scheint ohne ein stillschweigendes Einverständnis des lothringischen
"Erzherzogs" nur schwer vorstellbar. Zudem hatte ja auch Brun
von
Lothars
Aktion profitiert: die Macht Reginars wurde geschmälert, ohne dass
Brun
gegen
seinen Vasallen auftreten mußte und auf diese Weise etwa andere lothringische
Große verstimmt hätte. Brun
nutzte somit geschickt die Gegnerschaft Lothars
gegen Graf Reginar III. aus, um sein eigenes Ziel, die Festigung der OTTONEN
in Lothringen, weiter zu betreiben.
Als sich Graf Reginar im Jahr 957 zu einem neuen Aufstand
erhob, griff
Brun mit seiner ganzen
militärischen Macht durch. Er sammelte seine eigenen Gefolgsleute
und beorderte auch
König Lothar
gegen Graf Reginar, obwohl der westfränkische König dafür
einen eigenen Feldzug abbrechen mußte. Gegen diese Übermacht
rechnete sich Reginar keine Chance mehr aus und gab auf. Nun statuierte
Brun
gegen den aufrührerischen Grafen ein Exempel: Reginar
wurde abgesetzt und in die Verbannung geschickt; seinen konfiszierten Besitz
erhielten treue Adlige, während die REGINAR-Söhne von der Nachfolge
ihres Vaters ausgeschlossen wurden. Auch gegen die Stadt Cambrai, die Bischof
Berengar - er war als Verwandter des sächsischen Königshauses
von Brun eingesetzt
worden - vertrieben hatte, ging der Kölner Erzbischof mit geradezu
unchristlicher Härte vor und unterdrückte den Aufstand blutig.
Die letzten Erhebungen in Lothringen gingen von dem Grafen
Immo aus, der in den Jahren 959 und 960 Aufstände anzettelte, aber
für Brun keine allzu große Gefahr mehr darstellte. Graf Immo
von Chevremont und Graf Robert von Namur hatten auf Befehl Bruns
Teile ihres Besitzes an andere Adlige übertragen müssen, um so
ihre eigene Macht zu verringern. Zudem mußten sie angeblich Burgen,
die ohne Wissen Bruns errichtet worden
waren, abtragen. Hierzu kamen auch noch militärische und finanzielle
Belastungen. Die genauen Forderungen sind aus den Quellen nicht eruierbar,
ja Flodoard bringt den Hauptpunkt der Forderungen Brunos,
die "schwarz" errichteten Festungen zu schleifen, in die Nähe eines
Gerüchts. Wir können eigentlich den Quellen mit Sicherheit nur
entnehmen, daß sich Immo und andere Adlige gegen den lothringischen
"Erzherzog" wegen bestimmter Forderungen Brunos
erhoben. Die Rädelsführer dürften auch keine große
Zahl von Anhängern um sich geschart haben; für diese Annahme
spricht, dass es Brun
rasch
gelang, den Aufstand niederzuwerfen. Einen Feldzug Brunos
nach dem Westfrankenreich nützten Immo und Robert zu einem neuen Versuch,
Bruns Macht zu stürzen. Obwohl Bruno die
Burgen der Aufständischen nicht erobern konnte, waren diese zur Unterwerfung
gezwungen, da es ihnen an jeglicher Unterstützung mangelte.
Wie Brun in den Jahren
seines Archidukates in Lothringen gezeigt hat, griff er mit harter Gewalt
durch, wenn er es für notwendig erachtete. Man dürfte nicht zu
weit gehen, Brun als konsequenten Machtpolitiker
machiavellischer Prägung zu bezeichnen, der auch nicht davor zurückschreckte,
seine Ziele - wenn er es für notwendig und unumgänglich erachtete
- mit militärischer Gewalt durchzusetzen. Für König
OTTO I. war die Zeit des Erzherzogsamtes seines Bruders Bruno
wichtig und von Vorteil, da Lothringen und damit auch die Kernlandschaften
der ottonischen Herrschaft am Rhein
für die königliche Macht gesichert wurden.
Militärischer Druck allein schien Brun
allerdings nicht ausreichend, um Lothringen dauerhaft für das Reich
sichern zu können. Die neue Stütze für die Herrschaft des
ostfränkischen Königs sollte der Episkopat werden. Nur die Bischöfe,
deren Einsetzung einer gewissen Einflußnahme des Königs unterstand,
konnte ein zweiter Tragpfeiler des Staates neben und auch gegen die unsicheren
weltlichen Adligen werden. Brun setzte
zielstrebig Schüler seiner Bischofsschule in Köln auf die freiwerdenden
Bischofssitze in Lothringen. Auf diese Weise kamen die meisten Bistümer
in die Hände von Vertrauten Bruns,
die zudem zum Teil noch mit den
OTTONEN
verwandt waren. Alle diese Bischöfe waren in der Bischofsschule Bruns
oder in der Hofkapelle zur Loyalität erzogen worden. Nach Eignung
und Pflichtbewußtsein wurden sie von Brun für den Dienst in
Kirche und Reich ausgewählt. Dennoch blieben auch Brun
Fehlgriffe
und Rückschläge nicht erspart. Sein engster Vertrauter, Bischof
Rather, konnte sich in Lüttich nicht durchsetzen. Auch die Position
Bischof Berengars von Cambrai war trotz des Eingreifens
Bruns
und der fortgesetzten Schreckensherrschaft des Bischofs Berengar nicht
zu
halten.
Brun beugte auch eventuellen Ansprüchen des westfränkischen
Reiches auf Lothringen vor: In einer Situation, in der - Bruns
eigene
Macht nicht ungefährdet war, ließ sich der "archidux" von König
Lothar den Verzicht auf Lothringen bestätigen.
Möglicherweise - die Frage ist in der Forschung
stark umstritten - versuchte Brun auch
eine Verwaltungsreform, indem er das Herzogtum Lothringen in zwei Unterherzogtümer
aufteilte. Durch ein Quellenzeugnis belegt ist freilich nur die Einsetzung
Friedrichs, des Sohnes des Wigerich und der Kunigunde, der Graf von Bar
und zudem noch mit einer Nichte Brunos,
Beatrix,
der Tochter Hugos des Großen
und der Hadwig, vermählt war.
Dieser Graf Friedrich wurde nach Flodoard zum Stellvertreter eingesetzt
und ist in zwei Urkunden zudem als "dux" bezeichnet. Eine solche Maßnahme
Brunos, Lothringen in zwei Unterherzogtümer
aufzuteilen - sollte dies historisch sein, was beim momentanen Forschungsstand
als noch nicht endgültig geklärt angesehen werden muß -,
könnte zum Ziel gehabt haben, durch eine Intensivierung der Herrschaft,
wie sich dies durch einen kleineren Amtsbereich für die Unterherzöge
erreichen ließ, die lokalen Adelsgewalten besser in den Griff zu
bekommen und sie somit zur Anerkennung der Herzogsherrschaft zu zwingen.
3. Die Einflußnahme Bruns im Westreich
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In den Jahren seines Archidukates in Lothringen griff
Bruno
immer
stärker in die Belange des westfränkischen Reiches ein. Um das
Reich OTTOS DES GROSSEN vor der Gefahr
eines einigen und damit starken Westreiches zu schützen, nützte
Bruno
- wie schon zuvor
OTTO DER GROSSE selbst
- die inneren Gegensätze zwischen KAROLINGERN
und ROBERTINERN. Die Verwandtschaft
des "Erzherzogs" mit den beiden Häusern, die sich oft als Gegner gegenüberstanden,
ermöglichte es Brun, als Schwager
und Onkel zum Vermittler und somit zum heimlichen Regenten des westfränkischen
Reiches zu werden. Brunsuchte den innerfranzösischen
Gegensatz zu erhalten, um beide Parteien auf diese Weise zu zwingen, sich
auf sich selbst zu konzentrieren. So war Lothringen, das Ursprungsland
der KAROLINGER, vor eventuellen Ansprüchen
des westfränkischen KAROLINGER-Königs
gesichert. Brun nahm an den westfränkischen Angelegenheiten einen
weit stärkeren Anteil als dies sein Bruder, König
OTTO I., je getan hatte. Die Regierung des Westreiches lag praktisch
in den Händen eines ottonischen Familienrates, in dem Brun
dominierte,
und OTTO DER GROSSE die graue Eminenz
im Hintergrund war.
4. Zusammenfassende Würdigung Bruns
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Unter den Geschwistern OTTO
DES GROSSEN, war Brun derjenige,
der sich am zielgerichtesten nach den Intentionen des Vaters und des Bruders
entwickelt haben dürfte. Brun
ließ sich dort einsetzen, wo Gefahr für die königliche
Herrschaft drohte, der König selbst aber nicht eingreifen konnte.
So wies OTTO I. seinem Bruder zwei
verschiedene Ämter zu, die Brun
gut zu kombinieren verstand: das weltliche und das geistliche Fürstentum.
Aus dieser Doppelaufgabe heraus entwickelte sich das Bemühen Bruns,
den Frieden im Reich um jeden Preis zu sichern, notfalls auch mit militärischen
Mitteln. So griff "Erzherzog" Brun
in Lothringen mit harter Gewalt durch, um die Herrschaft seines Bruders,
des Königs, zu festigen. Gegner wurden sowohl durch die erzbischöflichen
wie auch durch herzoglichen Machtmittel zur Raison gebracht.
Neben diesen Fähigkeiten als Politiker und Feldherr
setzte Brun auch seine geistigen Qualitäten ein, um den Aufbau einer
neuen Machtstruktur mit der Ausbildung von Bischöfen in der Kölner
Bischofsschule zu beginnen. Das Verhältnis Bruns
zu seinem Bruder OTTO DEM GROSSEN kann
nicht allein durch die verwandtschaftlichen Beziehungen erklärt werden,
die sich im Rahmen der ottonischen
Familienpolitik
so oft als Flop erwiesen hatten. Brun
handelte immer im Sinne seines Bruders, des Königs: er stellte sich
nie gegen dessen Herrschaft und war somit als ein Angehöriger der
LIUDOLFINGER-Familie
eher eine Ausnahmeerscheinung.