Hartmann Wilfried: Seite 76-80
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„Kaiser Karl III.“,
in Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern, Hg. Karl Rudolf Schnith

Als schwächste Figur unter den karolingischen Herrschern des 9. Jahrhunderts gilt seit langem KARL, der seit dem 12. Jahrhundert "DER DICKE" genannt wird. Als jüngster Sohn Ludwigs des Deutschen hatte er das kleinste Teilreich, nämlich Alemannien und Churrätien, geerbt. Durch den biologischen Zufall, dass innerhalb weniger Jahre nicht nur seine beiden Brüder Karlmann und Ludwig, sondern auch sein westfränkischer Vetter Ludwig der Stammler und dessen tüchtiger Sohn Ludwig III. starben, wurde KARL bis zum Jahr 882 nacheinander König von Italien (879), Kaiser (881), König von O-Franken (mit Sachsen, Thüringen und Lotharingien) und endlich 885 König von W-Franken.
Bei einem Herrscher, der meist wegen seiner Untätigkeit geschmäht wird, ist es verwunderlich, dass ein Itinerar, soweit es aus historiographischen Nachrichten und aus Ausstellungsorten seiner Urkunden erschlossen werden kann, recht bewegt ist: Nachdem er die ersten Jahre nach dem Tode seines Vaters in seinem kleinen Alemannien verbracht hatte, finden wir ihn 879 wiederholt auf Reisen. Mehrfach zog er nach Italien, dort wurde er Anfang 880 in Ravenna von Papst Johannes VIII. zum König von Italien und am 12.2.881 in Rom zum Kaiser gekrönt. Nach der Kaiserkrönung blieb KARL über ein Jahr in Italien und war damit seit dem Tode Kaiser LUDWIGS II. der erste karolingische Kaiser, der in diesem Land eine wirkliche Herrschaft ausübte. Erst nachdem sein Bruder Ludwig im Januar 882 gestorben war, reiste KARL wieder ins Gebiet nördlich der Alpen, wo er in Bayern und in Worms (Mai 882) als ostfränkischer König anerkannt wurde. Auch die folgenden Jahre waren noch ausgefüllt mit anstrengender Reisetätigkeit, vor allem nachdem KARL nach 885 auch noch sein westfränkisches Königtum durch persönliche Anwesenheit zur Geltung bringen mußte.
Die alemannischen Ursprüche seines Königtums hat KARL III. jedoch auch später nicht verleugnet; das geht aus der Wahl seiner Berater und Kapellane hervor. Nachdem anfangs Bischof Witgar von Augsburg als sein Erzkapellan amtiert hatte, ging dieses Amt 878 auf Liutward über, der zweifellos die wichtigste Persönlichkeit in der Umgebung KARLS gewesen ist. Liutward war Mönch auf der Reichenau gewesen und soll nach Aussage ihm feindlich gesinnter Quellen von sehr einfacher Herkunft gewesen sein. Kaum ganz ohne Berechtigung wurden ihm Nepotismus und andere Machenschaften vorgeworfen, mit denen er versucht habe, seine Verwandten in bessere Positionen zu bringen. Als Beleg für den Erfolg von Liutwards Wirken zugunsten seiner Verwandten kann die Karriere seines Bruders Chadolt, der vom Mönch zum Bischof von Novara (882) aufstieg, und seines Neffen Liutward, der vor 883 Bischof von Como wurde, angeführt werden. Liutward selbst hatte bereits 880 ebenfalls ein oberitalienisches Bistum, nämlich Vercelli, erhalten. Die Annalen von Fulfa sagen über Liutward, er sei "mehr als der Kaiser von allen geehrt und gefürchtet worden". Besonders bei den Verhandlungen mit dem Papst hatte Liutward von Anfang an die Fäden in der Hand, und seine zahlreichen Interventionen vor allem für italienische Empfänger von Urkunden KARLS III. zeigen, dass er es war, der die Gunst des Herrschers verteilte.
Die Stellung Liutwards war jedoch nie unangefochten und erlebte ihre erste Krise im Jahr 882, als er versuchte, eine neue Politik gegenüber den Normannen einzuleiten, indem er bei Asselt verhinderte, dass das fränkische Heer zur Schlacht antrat. Statt dessen wurde ein Abkommen geschlossen, das sofort umstritten war, weil es als unwürdiges Nachgeben gegenüber den Pressionen des Feindes galt. Dabei hatte Liutward aus den bisher vergeblichen militärischen Unternehmungen den richtigen Schluß gezogen, dass man die Normannen in das System des Frankenreichs eingliedern müsse, wenn man sie beherrschen wollte. Der Normannen-Häuptling Gottfried wurde daher als Herr von Friesland eingesetzt und auf mehrere Arten dem Kaiser verpflichtet: Er sollte sich taufen lassen, wurde durch die Ehe mit einer illegitimen Tochter des karolingischen Königs Lothar II. in die große karolingische Familie eingefügt und außerdem durch einen Lehnseid mit dem Herrscher verbunden. Dieser Versuch, den Normannen einen Teil des fränkischen Reiches zu übertragen und sie dadurch zu loyalen Gliedern dieses Reiches zu machen, ist gescheitert: Gottfried verband sich nämlich mit seinem Schwager Hugo und versuchte zusammen mit diesem, das Reich Lothars II. wieder zu errichten. KARL III. vermochte jedoch diesen Plan zu durchkreuzen, indem er Gottfried bei einer Unterredung beseitigen ließ, und auch Hugo wurde durch List gefangengenommen und geblendet (Mai 885).
Möglicherweise hat dieses Vorgehen gegen Gottfried einen neuen schweren Einfall der Normannen ausgelöst, die im Herbst 885 mit ihren Schiffen die Seine aufwärts zogen und mit der Belagerung von Paris begannen. Die Verteidiger hielten sich unter dem Grafen Odo bis zum Herbst des folgenden Jahres, als der Kaiser endlich mit einem Entsatzheer vor der Stadt erschien, wo er aber keine Schlacht wagte, sondern ein Abkommen schloß. Der Abzug der Normannen wurde durch Zahlungen erkauft; sie kehrten darauf aber nicht an die Nordsee zurück, sondern suchten vorher noch Burgund heim.
KARL III. war schon seit 862 verheiratet, aber er hatte mit seiner Gattin Richardis oder Richgard, der Tochter eines elsässischen Grafen namens Erchanger, keine Kinder. Daher nahm zuerst im Jahre 879 das Projekt Gestalt an, den Sohn eines Verwandten zu adoptieren. Anscheinend dachte man anfänglich an Karlmann, dem älteren Sohn Ludwigs des Stammlers; dieser starb aber bereits am 12.12.884. Nachdem KARL III. im Herbst 885 den Höhepunkt seiner Macht erreicht hatte und zum westfränkischen König aufgestiegen war, machte er den Versuch, seinen natürlichen Sohn Bernhard mit Hilfe des Papstes (damals Hadrian III.) legitimieren zu lassen. Bernhardwar damals anscheinend noch recht jung; der Plan scheiterte daran, dass Papst Hadrian III. im September 885 noch auf der Reise ins Frankenreich starb.
Gegen Ende seines Lebens machte KARL noch einmal einen Versuch, einen Nachfolger durch Adoption zu bestimmen. Er wählte diesmal den Sohn Bosos von der Provence und der Ermengard, die als Tochter Kaiser LUDWIGS II. eine KAROLINGERIN war. Dieser Knabe hatte den Namen LUDWIG erhalten und war damit als KAROLINGER erkennbar; er sollte später noch Kaiser werden (901), wurde aber durch seinen Konkurrenten Hugo von Italien geblendet 905). [Richtig ist, daß LUDWIG III. vom Markgrafen Berengar von Friaul, dem späteren Kaiser, geblendet wurde]. Vielleicht gehört auch Richgards Klostereintritt in den Rahmen dieser Bemühungen um einen legitimen Nachfolger. Sie hatte bereits 878 bis 880 eine Reihe von Frauenklöstern übertragen erhalten; 887 trat sie dann ins Kloster Andlau ein. Da KARL III. öffentlich bekannte, niemals mit ihr geschlechtlich verkehrt zu haben, konnte die Ehe annulliert werden, und KARL stand es frei, sich erneut zu verheiraten. In den Bereich der Hofintrigen gehört es, wenn Richgard beschuldigt wurde, Ehebruch mit dem langjährigen Berater ihres Gemahls, Bischof Liutward von Vercelli, begangen zu haben. Man erinnert sich, dass 830 derartige Vorwürfe gegen die Kaiserin Judith und ihren Günstling Bernhard von Septimanien erhoben worden waren. So wie damals LUDWIG DER FROMME hilflos und passiv geblieben war, so verhielt sich jetzt sein Enkel KARL III. Die Feinde Liutwards aber erreichten ihr Ziel; Liutward wurde verbannt und an seine Stelle trat Erzbischof Liutbert von Mainz als Erzkanzler und engster Berater des Kaisers.
Zu einer neuen Ehe KARLS III. ist es nicht mehr gekommen, denn die Krankheit, unter der der Kaiser wohl schon lange gelitten hatte, kam im Frühjahr 887 verstärkt zum Ausbruch. Wegen starker und anhaltender Kopfschmerzen begab sich KARL III. in die von ihm so bevorzugte Bodenseegegend, wo er in der Pfalz Bodman durch einen Aderlaß an dem von den im Frühmittelalter gelesenen Medizintraktaten empfohlenen Termin, nämlich während der vorösterlichen Fastenzeit, von seinem Kopfschmerz befreit wurde. Früher hat man aufgrund einer falschen Übersetzung der einschlägigen Quellenstelle behauptet, KARL habe sich einer Trepanation, das heißt einer Bohrung in den Schädel, unterzogen, um dadurch Linderung von seinen Schmerzen zu erlangen.
Der wohl schon regierungsunfähige Kaiser wurde Ende 887 durch eine Adelsrevolte aus dem Amt gedrängt. Er hatte eine Reichsversammlung nach Tribur einberufen, zu der ARNULF VON KÄRNTEN mit einer größeren Heeresmacht heranzog. KARL III. wich anscheinend nach Frankfurt aus; dort stellte er (am 17.11.887) seine letzte Urkunde aus. Die übrigen Teilreiche versuchten nicht, zugunsten des abgesetzten Kaisers einzugreifen; er starb Anfang 888.
Der Nachruf Reginos betont vor allem die große Frömmigkeit dieses Herrschers, der den christlichen Satzungen höchst ergeben gewesen sei, reichlich Almosen gespendet und unablässig gebetet habe. Auch seine friedliche Einstellung wird gelobt, die ihm ohne Blutvergießen alle Teile des Frankenreichs eingebracht habe; nachdem er am Ende seines Lebens seine Würden verloren und seine Güter eingebüßt hatte, habe er dieses mit der größten Geduld getragen. Bei aller Topik, die in diesen Sätzen steckt, ist Reginos Charakteristik aber nicht als falsch zu bezeichnen; vielmehr hebt sie jene Züge der Persönlichkeit KARLS III. hervor, die ihn mit seinem Vorfahren Karlmann, der seine Herrschaft niederlegte und ins Kloster ging, und mit seinem Großvater LUDWIG DEM FROMMEN, in eine Reihe stellen. Der Beiname "DER DICKE" (Crassus), mit dem er in der Geschichtsschreibung gelegentlich erscheint, wurde ihm von späteren Historikern beigelegt, die damit wohl seine mangelnde Tatkraft bezeichnen wollten.