Kärnten
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Seite 1003
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Kärnten, Herzogtum
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DAS HERZOGTUM 976-1335

Kaiser OTTO II. nahm einen Aufstand seines Vetters, des Bayern-Herzogs Heinrich II. der Zänker, zum Anlass, um 976 Kärnten von Bayern zu trennen und in ein Herzogtum umzuwandeln. Dazu gehörten die Markgrafschaften Krain, hinter dem Drauwald (mit Pettau und Marburg) und an der Mur (später Steiermark), die Grafschaft (seit 1025 Mark) im Sanntal (Cilli) und die vier oberen Grafschaften (Ennstal, Judenberg, Leoben, Mürztal). Um die strategisch wichtige Verbindung nach Reichs-Italien zu sichern, war der Herzog von Kärnten bis 1151 in Personalunion auch Markgraf von Verona - wohin er das politische Schwergewicht seines Wirkens verlegte - und verwaltete die Marken Verona, Friaul und Istrien. Mit der Einsetzung von landesfremden 'Amts-Herzögen', die in Kärnten kaum über Besitz verfügten, suchten sich OTTO II. und seine Nachfolger die unmittelbare Kontrolle über dieses 6. Herzogtum des Reiches zu sichern. Das umfangreiche Reichsgut in Kärnten wurde vor allem an die Kirche vergeben: Das Erzbistum Salzburg verfügte teilweise schon seit 860 über große Güter um Friesach, das später das Vizedomamt Verwaltungsmittelpunkt wurde, um Gmünd und im unteren Lavanttal (St. Andrä). Die Zentren des Bamberger Besitzes bildeten Villach (ab ca. 1300 in der Nachfolge Friesachs die größte Stadt Kärntens) mit dem Kanaltal, Griffen und das obere Lavanttal mit Wolfsberg, dem Sitz des Vizedoms, und der Montanstadt St. Leonhard. Als Vögte des Bistums Freising kamen die Grafen von Lurn und als ihre Nachfolger die Grafen von Ortenburg, Gründer des Marktes Spittal an der Drau, in Ober-Kärnten zu Macht und Ansehen. Außerdem verfügten die mit den ARIBONEN verwandtem Grafen von Görz als Vögte des Patriarchen von Aquileia und Pfalzgrafen von Kärnten über ausgedehnten Besitz und Hoheitsrechte in Ober-Kärnten mit dem Zentrum Lienz (heute Ober-Tirol). In Unter-Kärnten nahmen die Grafen von Heunburg (bei Völkermarkt) eine dominierende Position ein. Zur Sicherung ihrer Diözesanrechte gründeten die Salzburger Erzbischöfe in Anknüpfung an die frühmittelalterlichen Chorbischöfe 'Eigenbistümer' in Gurk (1072) und Lavant (St. Andrä, 1225), wo sie selbst kraft kaiserlicher und päpstlicher Privilegien die Bischöfe bestimmen, einsetzen, weihen und ausstatten konnten. War damit die Gründung eines herzoglichen Landesbistums vereitelt, so scheiterten auch frühe Klosterstiftungen (Lieding, Pörtschach unterm Ulrichsberg) am Widerstand Salzburgs. Erst im 11. Jh. konnten mit den Salzburger Erzbischöfen versippte Adelsgeschlechter Benediktiner-Abteien errichten (1002/23 St. Georgen am Längsee, 1024 Ossiach, 1043 Gurk, 1070/77 Millstatt, 1091 St. Paul, 1096 St. Lambrecht in der Steiermark). Neben die alten Klöster als Träger von Kunst und Kultur (Millstätter Genesis) traten frühzeitig die Augustiner-Chorherren (Gurk, Maria Saal, Eberndorf), die geistlichen Ritterorden (Johanniter, Deutscher Orden) und die Bettelorden (ältestes deutsches Dominikarkloster in Friesach 1217, Franziskaner in Wolfsberg und Villach). Damit blieb dem Herzogtum kaum eine Möglichkeit zum Aufbau einer starken Stellung im Land. Nach 976 wechselten in rascher Folge Herzöge aus luitpoldingischem und salischem Stamm. 989-995 wurde Kärnten unter Heinrich 'dem Zänker' nochmals mit Bayern vereint. Herzog Adalbero von Eppenstein (1012-1035) gelang es, durch Königsschenkungen reichen Besitz in den 'obersteierischen Grafschaften', besonders im Admonttal und um Judenburg, sowie in der Mark an der Mur zu erwerben und damit seine Position zu stärken. Kaiser KONRAD II. ließ ihn trotz des Widerstandes seines Sohnes HEINRICH III. durch ein Fürstengericht absetzen. Es folgten in raschem Wechsel Herzöge, die Kärnten zum Teil gar nicht betraten. 1039-1047 stand Kärnten direkt unter der Herrschaft HEINRICHS III. Die zahlreichen Markgrafschaften wurden bald von Kärnten getrennt: bereits Anfang 11. Jh. Krain, mit dem später ein Teil der um 1025 gebildeten Mark im Sanntal (Saunien) als 'Windische Mark' vereinigt wurde. Die Mark an der Mur kam 1035 an die Grafen von Wels-Lambach und um 1055 an die OTAKARE VON STEYR, die daraus die Steiermark formten. Krain und Istrien, die schon von den Weimer-Orlamünde gemeinsam verwaltet worden waren, übertrug HEINRICH IV. mit Friaul im Investiturstreit 1077 an das Patriarchat Aquileia. 1147 fiel die Mark hinter dem Drauwald mit Marburg (Maribor) an die steirischen OTAKARE, und 1151 wurde auch die Mark Verona dem Herzog von Kärnten entzogen. HEINRICH IV., der nach seinem Gang nach Canossa wegen der Sperre der Salzburger Straße über "die steilen Engpässe Kärntens" ins Reich zurückkehren musste, verlieh Kärnten nochmals an die ihm treuen EPPENSTEINER. Nach deren Ende 1122 fiel ihr reicher Eigenbesitz an die steierischen OTAKARE und trug wesentlich zur Landwerdung der Steiermark bei. Als Nachfolger in Kärnten verfügten 1122-1279 die aus Rheinfranken stammenden SPANHEIMER, die mit Hilfe der SALIER hier Fuß gefasst hatten, nur über eine schwache Stellung. Herzog Bernhard II. 1202-1256) vermochte zwar das herzogliche 'Städtedreieck' St. Veit (Residenz), Klagenfurt, Völkermarkt größtenteils auf altem Kirchenbesitz aufzubauen und nannte sich auch Landesfürst (princeps terrae), konnte aber das bambergische Villach nicht ausschalten. Insgesamt blieb die Macht der Herzöge, die in Ober-Kärnten nur die Herrschaft Greifenburg besaßen, gering. Ein Versuch der Grafen Meinhard III. von Görz und Albert III. von Tirol, ganz Ober-Kärnten ihrer Herrschaft einzugleidern, wurde in der Schlacht bei Greifenburg 1252 abgewiesen, wo Bernhards Sohn, der erwählte Salzburger Erzbischof Philipp, ihnen eine schwere Niederlage zufügte. Im Frieden von Lieserhofen mussten die GÖRZ-TIROLER auf wichtige Besitzungen und Rechte verzichten. Herzog Ulrich III. (1256-1269), der sich als Gatte der Agnes von Andechs-Meranien auch Herr von Krain nannte, vermachte seinem Vetter, König Ottokar II. Premysl von Böhmen, 1268 die Länder Kärnten und Krain. Erst nach dem Tode Ottokars, der 1269-1275 in Kärnten geherrscht hatte, wurde Ulrichs Bruder Philipp, der Salzburg wegen der fehlenden Weihen aufgeben musste und sich als 'erwählter' Patriarch in Aquileia nicht durchsetzen konnte, von König RUDOLF I. mit Kärnten, Krain und der Windischen Mark belehnt. Er lebte aber als 'Pensionär' der HABSBURGER bis zu seinem Tod 1279 in Krems. König RUDOLF verlieh Kärnten 1286 an seinen engsten Parteigänger, Meinhard II. (IV.) von Görz-Tirol, dem er auch Krain verpfändet hatte. Ein gegen Meinhard und ALBRECHT I. VON HABSBURG gerichteter Aufstand, in dem sich Graf Ulrich von Heunburg hervortat, wurde 1293 niedergeschlagen. Die folgenden Herzöge aus dem Geschlecht der GÖRZ-TIROLER betrachteten Kärnten neben der reicheren, weiter entwickelten Grafschaft Tirol nur als Nebenland. Zuletzt hat Herzog Heinrich VI. (1295-1335) durch seine Politik als König von Böhmen und Polen (1306-1310) das Land finanziell schwer belastet. Während Tirol seiner Tochter Margarete Maultasch als Erbe verblieb, fielen Kärnten und das an die Görz-Tiroler verpfändete Krain an die HABSBURGER.



Kärnten war ein Teil der römischen Provinz Noricum; im 6. Jahrhundert Besiedlung durch Slowenen. Das Herzogtum Kärnten wurde 743 den Bayern, 788 den Franken tributpflichtig und erlosch um 800. Seit dem 8. Jahrhundert vom Norden her bayrische Einwanderung, 976 von Bayern abhängiges Herzogtum Kärnten. Die 970 erwähnte Karantanische Mark (nach Osten) wurde 1000 vom Herzogtum Kärnten getrennt. 1276-1286 kam Kärnten als erledigtes Lehen an das Reich zurück. 1286 kam Kärnten an Meinhard II. von Tirol, 1335 an HABSBURG. Nach dem 1920 durchgeführten Plebiszit blieb Süd-Kärnten bis auf zwei kleine Streifen bei Österreich.

Trillmich Werner: Seite 94
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"Kaiser Konrad II. und seine Zeit"

Kärnten umfasste die vielfach hintereinander gestaffelten, unwegsamen Bergketten und Talsysteme der O-Alpen, die der Durchgangsverkehr in den Süden umgehen musste. Gegen Tirol und den Traungau bildeten Hohe Tauern, Dachstein und Tores Gebirge eine unüberwindliche Schranke, gegen das Donautal von der Enns bis an den Wienerwald die Kette der nördlichen Kalkalpen. Die in nordsüdlicher Richtung verlaufenden Bergzüge am Abfall gegen das ungarische Hügelland sind ebenfalls eine natürliche Grenzwehr. Nach Süden hin gewähren die Karawanken und weiter bis an die Dolomiten die Karntischen Alpen Deckung. Mit Ausnahme der Enns münden alle Gewässer Kärntens in den von Westen nach Osten strömende Drau, aber nur die Mur bot - eine Sackgasse! - von Ungarn her leichten Zugang. Die Engen am Austritt der Drau ins Marbacher Vorland lassen sich leicht sperren. Nach Süden führte von Villach aus eine einzige bequeme Straße über Travis nach Friaul. Kärntens Bevölkerungszahl war gering, obwohl günstiges Klima in Talauen und an besonnten Hängen sogar lohnenden Ackerbau zulässt. Der Erzgewinnung kam im frühen Mittelalter nur örtliche Bedeutung zu. Größere Siedlungen gab es allein in der Furche des Drautals: unterhalb der Linzer Klausen, um Spittal, Villach und im fruchtbaren Klagenfurter Becken.
Als 828 das slawische Herzogtum aufgehoben wurde, übernahmen die KAROLINGER das fürstliche Gut und übertrugen die Verwaltung ihrer Grundherrschaften bayerischen Grafen. Vergabung von Rodungsland förderte den kolonisatorischen Ausbau. Zwischen Slawen und Einwanderern herrschte gutes Einvernehmen. Der heimische Adel behielt volle Gleichberechtigung und ging allmählich im Deutschtum auf. Für die Ostpolitik des Reiches blieb Kärnten jedoch bedeutungslos.
Die bayerischen Herzöge beriefen sich im Alpenraum auf ihre markgräfliche Verfügungsgewalt über Königsgut, zu dem seit 952 auch die italienischen Marken Verona, Istrien gehörten. Als OTTO II. 976 ein selbständiges Herzogtum Kärnten aussonderte, traf er in Sorge um tiefgreifende Zerwürfnisse mit den im Alpenraume begüterten bayerischen Geschlechtern nur widerrufbare, vorläufige Maßnahmen. Die endgültige Loslösung bewirkte erst die Belehnung der landfremden SALIER, wenn sich auch Otto (978-985, 995-1004) und nach ihm sein Sohn Konrad (1004-1011) aus Mangel an Amtsgut, Allodien und eigenen Vasallen nur unvollkommen durchsetzen konnten. Sie dürften sich vornehmlich auf die einträgliche Mark Verona gestützt haben, denn die Ansiedlung rheinfränkischer Gefolgsleute hatte zunächst keinen befriedigenden Erfolg. Der restlich Kronbesitz unterstand einem "Gewaltboten" auf der Karnburg. Schenkungen von Forsten und Ödmarken an die Reichskirche dienten der Förderung des Landesausbaus.