Thietmar von Merseburg: Seite 382-386
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"Chronik."

Buch VII

Kapitel 20

 
Das nächste Palmenfest beging der Kaiser bei dem ehrwürdigen Bischofe Heinrich zu Würzburg, und kam am Mittwoch nach Bavanberg, wo er den Gründonnerstag, den Charfreitag und das dreitägige Osterfest nebst dem österlichen Jubel des Herrn in Ehren feierte. Und weil der König Rothulf von Burgund, sein Oheim, dorthin nicht, wie er eingeladen war, gehen konnte, so bat er, daß sein geliebter Neffe ihm entgegen kommen möchte. So fand in der Stadt Straßburg ihr Zusammentreffen statt, und ihre beiderseitigen Begleiter erfreuten sich reicher Liebesbeweise von Seiten beider Herrscher. Dort war auch die erlauchte Gemahlin König Rothulfs, die eine Beförderin dieses Freundschaftsbundes, ihre beiden Söhne, ihres gegenwärtigen Eheherrn Stiefsöhne, dem Kaiser anempfahl. Der Kaiser gab nun diese seinen geliebten Vasallen alles das zu Lehen, was ihm damals von seinem Oheim bewilligt war, und was bis dahin Graf Willehelm von Poitiers durch die königliche Gnade besessen hatte. Der Kaiser wollte nämlich in weiser Absicht vermittelst derselben sich dasjenige fester unterordnen, was ihm bereits früher der König eidlich im Falle seines Absterbens versprochen hatte. Denn er hatte von seinem Oheim die ganze Mannschaft des burgundischen Landes zur Huldigung überwiesen erhalten, und die feste Zusicherung, daß wichtige Maßregeln ohne seinen Rath nicht genommen werden sollten. Das Bisthum in diesem Lande gab er einem Manne von Adel, der jedoch nachher kaum mit heiler Haut davon kam. Graf Willehelm [von Poitiers] nämlich, ein gar mächtiger Mann in dieser Gegend, ließ, als er das alles erfuhr, den Bischof verfolgen und den zuletzt ganz allein fliehenden mit Hunden aufspüren. Als der schon ganz ermattete Bischof diese bellen hörte, bezeichnete er - das war das
einzige Schutzmittel, das er noch hatte - seine Fußtapfen hinter sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und lag dann wie todt da und war eine preisgegebene Beute; aber siehe da! die reißenden Hunde kehrten, so bald sie von fern die bekreuzigten Stellen rochen, wie von einem gewaltigen Wirbelwinde zurückgetrieben um, und so kam jener wahre Diener Gottes auf verborgenen Waldpfaden auf befreundetes Gebiet. Der Kaiser aber spendete dem Könige und seiner Gemahlin und allen ihren Großen eine unermeßliche Menge Geldes und entließ sie in ihre Heimat, nachdem die alte  Uebertragung wieder bestätigt war, worauf er selbst mit dem versammelten Heere nach Basula [Basel] hin aufbrach. Als er aber hörte, daß dort Graf Willehelm ihm in befestigten Städten widerstand und ihn am Einzuge verhindern wollte, so zog er, der geringen Anzahl seiner Truppen mißtrauend, von allen Seiten befreundete Schaaren an sich, und verheerte die sich des Aufstandes erfrechenden Landschaften, indem er weithin alles in Flammen aufgehen ließ, ohne jedoch selbst in Gefahr zu kommen. Da er aber für gewiß wußte, daß er von jenen festen Städten keine werde erobern können, so kehrte er voll Unmutes heim; denn er hatte weder hier, noch in den Ostlanden seinen Feinden einen nachhaltig wirkenden Schaden zugefügt.
 

Kapitel 21

Währenddeß sorgte die Kaiserin, in unseren Landschaften weilend, mit unseren Fürsten für die Vertheidigung des Vaterlandes. Unser Feind Bolizlav aber that derweilen unserem Reiche keinen Schaden, sondern er befestigte nur das seine, und ward, als er den Ausgang der kaiserlichen Unternehmung erfuhr, gar fröhlich und sehr übermüthig. Und manche, denen die Verhältnisse bekannt waren, behaupteten zuversichtlich, daß der Kaiser damals, wenn er mit ganzer Heeresmacht vor ihm erschienen wäre, vermittelst der Furcht alles, was von unseren Landen unter der Herrschaft des Bolizlav stand, hätte wieder gewinnen und ihn ohne weitere Einräumung, als nur des Friedens, zur
Unterthänigkeit bereit und willig finden können. Allein der König von Burgund, ein unzuverlässiger weibischer Mann, wollte die Verleihung der Güter, die er seinem Neffen versprochen hatte, wieder
hintertreiben, und zwar auf den Antrieb derer, welche wie jenes unglückliche Kalb, wenn der Zügel der Gerechtigkeit nachgelassen ist, Lust hatten, frei in die Weite zu laufen. Als aber der König dann wieder bei seinem Vorhaben bleiben wollte, vermochte er es doch nicht auf die Dauer ihrem boshaften Drängen gegenüber. Denn es giebt, wie ich höre, keinen König, der so regierte, wie dieser; er hat nichts, als den Titel und die Krone; die Bisthümer giebt er denen, welche seine Großen erwählen; zu seinem eigenen Bedarf hat er nur so geringe Einkünfte, daß er auf Kosten der Bischöfe lebt, denen er jedoch, so wenig wie andern, wenn sie irgendwie von außen bedrängt werden, beistehen kann. Daher  gehorchen diese mit gebundenen Händen jeglichem Großen ebenso wie dem Könige, und leben nur so in Frieden. Darum nur regiert sie ein solcher Herrscher, daß die Wuth der Bösewichter desto freier ihr vernichtendes Spiel treibe, und daß nicht eine neue Verfassung von einem anderen Könige ausgehe, welche die eingewurzelte  Gewohnheit gewaltsam aushebe. Graf Willehelm, der ebenerwähnte, ist dem Namen nach des Königs Vasall, der That nach aber Herr im Lande. Auch heißt dort niemand Graf, als wer den Rang eines Herzogs hat, und damit seine Macht in diesem Reiche nicht  irgendwie vermindert werde, so kämpft man, wie gesagt, gegen die kaiserliche Oberheit mit Worten und Werken an.